
| ISBN | 3930752239 | |
| Autor | Wolfgang Immenhausen | |
| Verlag | Vacat | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 244 | |
| Erscheinungsjahr | 2002 | |
| Extras | broschierte Ausgabe |

1908 gründete Fritz Heyder (1882-1941) gemeinsam mit dem Schweizer Gerhard Merian in Berlin-Zehlendorf, in der Hallestraße 5, den Fritz-Heyder-Verlag. Ihr Anliegen war, aktuelle Kunst, hauptsächlich Zeichnungen, Holzschnitte und Lithographien, preiswert zu reproduzieren und damit breiten Schichten zugänglich zu machen. Schwerpunkt ihrer verlegerischen Tätigkeit war der Kalender »Kunst und Leben«. Getragen von der Idee, Kunstwerke aus den Ausstellungen in den Alltag der Bevölkerung zu bringen, schuf Heyder einen Wochenkalender, der an jedem Sonntag einen Originalholzschnitt zeigte. Auf dem Wochenblatt waren dazu ein Gedicht und ein Kalenderspruch abgedruckt. In den Jahren seines Erscheinens bis 1943 waren viele der zeitgenössischen Maler und Grafiker, arrivierte wie noch nicht allgemein bekannte, junge Künstler mit ihren Blättern vertreten, unter ihnen so renommierte Namen wie Max Brückner, Hans Thoma, Käthe Kollwitz, Max Liebermann, Alfred Kubin, Hans Baluschek, Alois Kolb, Oskar Graf, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Robert Sterl und Heinrich Zille. Sie sind auch heute noch längst nicht vergessen – erfreuen sich vielmehr großer Anziehung. Die Kosten für den Kalender wurden auch dadurch niedrig gehalten, dass der Verlag von den Künstlern nur das einmalige Veröffentlichungsrecht erwarb. Die Originale der Druckvorlagen wurden den Schöpfern zurückgegeben.

Die Tochter des Verlegers, Johanna Heyder, hütete das umfangreiche und wohl geordnete Verlagsarchiv über sechzig Jahre. Dieses hatte seit 1924 im Hause des Verlegers in der Bussealle in Berlin-Zehlendorf gelagert. Trotz der Kriegswirren – das Haus wurde zuerst 1945 von der sowjetischen, anschließend von der amerikanischen Militärverwaltung besetzt - blieb das liebevoll aufgebaute Archiv, dessen wesentlicher Bestandteil auch die geachtete Korrespondenz ist, weitgehend vor Unbill bewahrt.
1997 schenkte Johanna Heyder das Verlagsarchiv in einem Akt der Großzügigkeit der Berliner Akademie der Künste. Einige Jahre später präsentierte die Galerie Mutter Fourage in Berlin-Wannsee eine Ausstellung, die den Lebensweg des Fritz Heyder-Verlags umfangreich nachbildete. Der dazugehörige Ausstellungskatalog ist wesentlich mehr als das. Es ist das erste Werkverzeichnis des Verlages in dieser Ausführlichkeit. In auffällig schöner Gestaltung reicht der Potsdamer Vacat Verlag seinem indirekten Vorgänger das Wasser. Der Katalog enthält neben einer tabellarischen Geschichte von Verlag und Verleger eine ausführliche Würdigung des Lebenswerkes Fritz Heyders von Regine Reinhardt. Sie ist äußerst lesenswert, veranschaulicht sie doch, welche kulturelle Prägung und welch künstlerisches Potenzial Berlin zu der damaligen Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg besessen hat. Hieran ließe sich anknüpfen.
In einem eigenen Katalog beschreibt das Buch die Künstler, die ihre Werke dem Kalender »Kunst und Leben« beisteuerten.
Intellektuell abgerundet wird das Buch durch Carsten Wurms Schilderung der geistigen Ausrichtung Heyders. Hier wird das Motiv Heyders sehr anschaulich geschildert, warum er die Form des Kalenders allen anderen vorzog. Auch bekommt der Leser ein Gefühl für die Zeitumstände und –wirren einschließlich des Nationalsozialismus, der die Ästhetik letztlich erstickte.
Auch wenn die Ausstellung, die der Katalog begleitete, nun schon wieder einige Jahre zurückliegt: Das Buch ist von dauerhaftem Wert und auf keinen Anlass angewiesen. Allein seine aufwendige Gestaltung, mit schwerer Papierqualität, gutem Buchdruck und graphisch sehr ansprechender Präsentation machen es zu einem wunderschönen und niveauvollen Geheimtipp unter Buchkunst-Liebhabern.
geschrieben am 19.09.2007 | 485 Wörter | 3204 Zeichen
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