
| ISBN | 3476022595 | |
| Autoren | Christian Gudehus , Ariane Eichenberg , Harald Welzer | |
| Verlag | Metzler | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 400 | |
| Erscheinungsjahr | 2010 | |
| Extras | - |

In den letzten Jahren erfreuen sich Erinnerung und GedĂ€chtnis einer erstaunlichen Konjunktur nicht nur in den Neuronal- und Bio-, sondern auch in den Kulturwissenschaften. Dass nun ein Handbuch versucht, ein erstes ResĂŒmee ĂŒber diese Entwicklungen zu ziehen, ist eigentlich nahe liegend, wenn nicht geradezu an der Zeit. Das am Essener Kulturwissenschaftlichen Institut beheimatete Center for Interdisciplinary Memory Research, das maĂgeblich an der Anlage und Koordination des Bandes beteiligt war, scheint fĂŒr die Entstehung eines solchen Handbuches eine angemessene, wenn nicht ideale Umgebung. In die Arbeit wurden dabei neben etablierten FachgröĂen und groĂen Namen auch Nachwuchswissenschaftler eingebunden.

Auf eine knappe Einleitung des Mitherausgebers Harald Welzer folgen Ăberblicksartikel zu einzelnen AnsĂ€tzen, Problemen und Perspektiven der GedĂ€chtnis- bzw. Erinnerungsforschung, die in vier groĂen Sektionen zusammengefasst sind, sowie ein Serviceteil mit Auswahlbibliographie, Hinweisen auf Institutionen, Projekte, Zeitschriften und einschlĂ€gigen Registern. Unter den âGrundlagen des Erinnernsâ subsumieren sich in der Hauptsache BeitrĂ€ge der Neuronal-, Kognitions- und psychologischen Wissenschaften, wohingegen die ĂberblicksaufsĂ€tze der zweiten und dritten Sektion (âWas ist GedĂ€chtnis/Erinnerung?â und âMedien der Erinnerungâ) deutlich geprĂ€gter von kulturwissenschaftlichen Fragestellungen und AnsĂ€tzen sind. WĂ€hrend die erstgenannte Sektion sich vor allem um die Typologie der GedĂ€chtnisformen (autographisch, kollektiv, kulturell, kommunikativ, sozial) bemĂŒht, werden als âMedien der Erinnerungâ nicht nur Schrift, Architektur oder Fotografie, sondern auch Rituale, Produkte oder Körper besprochen. Die vierte Sektion schlieĂlich bietet einfĂŒhrende Ăberblicke ĂŒber den Ort der GedĂ€chtnis- respektive Erinnerungsforschung in einzelnen mehr oder minder etablierten Forschungsgebieten, wie den Geschichts- oder Literaturwissenschaften, der Philosophie oder der Gender Studies.
Trotz durchgĂ€ngig hohem Standard sind die einzelnen BeitrĂ€ge in Anspruch und QualitĂ€t schwankend. Das gilt â der Sache nach im Grunde: natĂŒrlich â in besonderem MaĂe fĂŒr die Ăberblicksartikel des vierten Kapitels, in denen die Bedeutung der Konzepte GedĂ€chtnis und Erinnerung fĂŒr die Breite einzelner Disziplinen von jeweils einzelnen Fachvertretern zusammengefasst werden. Es liegt auf der Hand, dass solche Zusammenfassung ganzer Forschungstraditionen hĂ€ufig stark komprimieren mĂŒssen; niemand kann Experte auf allen Feldern auch nur einer einzigen Forschungsdisziplin sein. An einigen Stellen aber schleichen sich dabei vermeidbare Ungleichgewichte oder zu pointierte Feststellungen ein, die das Bild verzerren. Wenn beispielsweise Erinnerungs- und Geschichtskultur tatsĂ€chlich austauschbare Begriffspaare sein sollten (S. 255), wĂ€re eine ganze Debatte zwischen Vertretern beider Konzepte, wie sie unter anderen von Christoph CorneliĂen und Marko Demantowsky ausgetragen wurde, im besten Falle ĂŒberflĂŒssig gewesen. Gleiches mĂŒsste dann auch fĂŒr eine Reihe neuerer BeitrĂ€ge der an gleicher Stelle nur knapp angerissenen und zur âNichtrezeptionâ in der weiteren Geschichtswissenschaft (zu der auch dieser Ăberblick leider im Grunde weiter beitrĂ€gt) verurteilten Geschichtsdidaktik, etwa von Bernd Schönemann oder Wolfgang Hasberg, gelten.
Das Ă€ndert nichts daran, dass mit diesem Handbuch ein erster, umfassender Aufriss eines neuen und spannenden Arbeitsfeldes der interdisziplinĂ€ren Zusammenarbeit von Natur- und Kulturwissenschaften vorliegt. Das musste erst einmal geleistet werden und es ist gut, dass es nun geleistet worden ist. Einzelne Reaktionen und daran anschlieĂende Diskussionen sind jetzt dem wissenschaftlichen Diskurs anheim gestellt, der â auch das zeigt uns dieses Handbuch â ja im Grunde noch am Anfang steht. Auf die ĂŒberarbeitete Neuauflage, die sicherlich in den nĂ€chsten Jahren anstehen wird, darf man jetzt schon gespannt sein.
geschrieben am 13.08.2010 | 508 Wörter | 3526 Zeichen
Kommentare zur Rezension (0)
Platz für Anregungen und Ergänzungen