Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Die Aufgabe der Literatur


Statistiken
  • 3819 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Daniel Bigalke

Die Aufgabe der Literatur Fromme und schöngeistige Appelle finden sich heute nahezu überall im medialen Zirkus. Anstelle von problemlösendem oder systematischem Denken sind sie deutliche Zeichen von Rechtfertigungs- und Ablenkungsideologien, die so manchen Literaten oder Philosophen zur Weißglut treiben, weil dieser – so meint er zumindest über sich – die Welt tiefgründiger betrachtet, sie durchschaut. Nur sehr schöpferische Menschen haben folglich die Fähigkeit, die elementaren Fragen unter allem ideologischen Wissensschutt nicht zu vergessen und darüber hinaus für sich eigene Antworten mitsamt allen – auch negativen - Konsequenzen zu finden. So sind nur von diffusen Schuldgefühlen freie Menschen nicht manipulierbar und können ihrem eigenen künstlerischen Gewissen folgen. Dies ist zugleich eine eindeutige Abkehr vom Opportunismus in der Kunst, der billigen Käuflichkeit von Überzeugungen. Nur so lässt sich auch die innere „Zerrissenheit“ verstehen, von der der Dichter Friedrich Hölderlin in seinem Hyperion schreibt. Sie beruht auf einem nicht, noch nicht, gelungenen Verhältnis von Reflexion und Leben und erhebt diese tragische Situation der Diskrepanz von Innen- und Außenwelt zur eigenen Kunst des Seins. Hölderlin leistet in seinen letzten Jahren seiner sogenannten „Verwirrung“ mehr, als nur ein Demonstrationsobjekt für den geistigen Verfall zu sein. Und er ist in der Literatur nicht das einzige Beispiel dafür, wie die Problemlösungsstrategien der verfetteten Normalität keine Wirkung mehr für das Denken von Künstlern, Literaten, Dichtern oder Philosophen hat, die angesichts der eigenen Ausweglosigkeit ihr geliebtes Metier aufgeben. Ulrich Horstmann liefert mit dem vorliegenden Band ein großartiges und originelles Kapitel vergleichender Literaturgeschichte und befasst sich mit solchen Fragen des „Am-Schreiben-gehindert-Werdens“ und des „Sich-das-Schreiben-Verbietens“. Horstmanns Komparatistik des Scheiterns würdigt vor allem die Bedeutung einer „Entpathetisierung“ des künstlerischen Abdankens, die „Selbstdämpfung der tragischen Potentiale“ und überdenkt zudem, ob es nicht auch im Scheitern Elemente des Sieges gebe. Gleich zu Beginn enthält das Buch einen fabelhaften Text über Hölderlin, den englischen „Bauerndichter“ John Clare und Robert Walser. Von der empirischen Welt angewidert machen diese Menschen ihren eigenen Rückzug zum Asyl. Ihre Entmündigung macht sie aber nicht mundtot; gegen die Ansprüche des Marktes an den Autor erfinden sie Strategien der Selbstverkleinerung. Hölderlin beispielsweise sprach in seinem Refugium, dem Turm in Tübingen, nur noch selten. Er erlitt Schiffbruch, geht aber nicht unter. Seine Rettung war diese Abkapselung. Als lebende geistige Residuen muss man ihm und den anderen Autoren nachträglich eine kultivierte schöpferische Höhe zugestehen. Schnell kommt der Leser im Angesicht der geschilderten historischen Fälle das Angewidertseins gegenüber den Totalitarismen des marktreif Gekonnten und des eitlen Ausgereiften zu der Erkenntnis, dass es unter anderem keine andere Lebenserfahrung für Künstler geben kann, als Überforderung und Inkompetenz gegenüber einer Welt der minder Verständigen hinsichtlich der vielen Spielarten von Kunst. Das Scheitern als defizienter Modus der Literatur erlangt den Hauch einer eigenen Schönheit, sich widerspiegelnd in den Gescheiterten selbst. Die hochwertigen Spielformen der Verweigerung sind unterschiedlich radikal. Von Rimbauds „Merde pour la poésie“ über Swinburnes Huldigung des Alkohols – die autonome Abgebrühtheit des Neinsagens verdient eine eigene Bewunderung, vor der die erfolgsträgen und naiven Gutmenschen wie Habermas oder Grass mitsamt ihrer Schriftenflut zu verstummen haben. Und am Ende wird tatsächlich von Hölderlin mehr bleiben, als von Grass. Das vorliegende Buch zeichnet sich nicht nur durch seine Wertschätzung der alten deutschen Rechtschreibung sondern auch durch seinen Charakter einer besonderen Form der Fortschreibung von Horstmanns „Philosophie der Menschenflucht" (2005) aus. Und nicht zuletzt strahlt es die Redlichkeit des Autors Horstmann selbst aus. Sie begründet sich darin, selbst und rechtzeitig als Folge einer reflektierten Selbsttherapie zu wissen, wann es Zeit dafür ist, die Klappe zu halten und sich literarisch zu entwaffnen. Horstmann schreibt über sich: „An diesem Buch ist so ein Stück postkapitulatorischer Selbstmedikation. Es hat seinen Zweck erfüllt. Humpelnd trete ich zurück, trete ich weg in die lückenhafte (…) Reihe derer, die gelernt haben, sich abzuschreiben.“ Eines der wenigen Bücher von aufrichtigem Gang und einem ebensolchen Abgang!

Fromme und schöngeistige Appelle finden sich heute nahezu überall im medialen Zirkus. Anstelle von problemlösendem oder systematischem Denken sind sie deutliche Zeichen von Rechtfertigungs- und Ablenkungsideologien, die so manchen Literaten oder Philosophen zur Weißglut treiben, weil dieser – so meint er zumindest über sich – die Welt tiefgründiger betrachtet, sie durchschaut. Nur sehr schöpferische Menschen haben folglich die Fähigkeit, die elementaren Fragen unter allem ideologischen Wissensschutt nicht zu vergessen und darüber hinaus für sich eigene Antworten mitsamt allen – auch negativen - Konsequenzen zu finden. So sind nur von diffusen Schuldgefühlen freie Menschen nicht manipulierbar und können ihrem eigenen künstlerischen Gewissen folgen. Dies ist zugleich eine eindeutige Abkehr vom Opportunismus in der Kunst, der billigen Käuflichkeit von Überzeugungen.

weitere Rezensionen von Daniel Bigalke


Nur so lässt sich auch die innere „Zerrissenheit“ verstehen, von der der Dichter Friedrich Hölderlin in seinem Hyperion schreibt. Sie beruht auf einem nicht, noch nicht, gelungenen Verhältnis von Reflexion und Leben und erhebt diese tragische Situation der Diskrepanz von Innen- und Außenwelt zur eigenen Kunst des Seins. Hölderlin leistet in seinen letzten Jahren seiner sogenannten „Verwirrung“ mehr, als nur ein Demonstrationsobjekt für den geistigen Verfall zu sein. Und er ist in der Literatur nicht das einzige Beispiel dafür, wie die Problemlösungsstrategien der verfetteten Normalität keine Wirkung mehr für das Denken von Künstlern, Literaten, Dichtern oder Philosophen hat, die angesichts der eigenen Ausweglosigkeit ihr geliebtes Metier aufgeben.

Ulrich Horstmann liefert mit dem vorliegenden Band ein großartiges und originelles Kapitel vergleichender Literaturgeschichte und befasst sich mit solchen Fragen des „Am-Schreiben-gehindert-Werdens“ und des „Sich-das-Schreiben-Verbietens“. Horstmanns Komparatistik des Scheiterns würdigt vor allem die Bedeutung einer „Entpathetisierung“ des künstlerischen Abdankens, die „Selbstdämpfung der tragischen Potentiale“ und überdenkt zudem, ob es nicht auch im Scheitern Elemente des Sieges gebe. Gleich zu Beginn enthält das Buch einen fabelhaften Text über Hölderlin, den englischen „Bauerndichter“ John Clare und Robert Walser. Von der empirischen Welt angewidert machen diese Menschen ihren eigenen Rückzug zum Asyl. Ihre Entmündigung macht sie aber nicht mundtot; gegen die Ansprüche des Marktes an den Autor erfinden sie Strategien der Selbstverkleinerung. Hölderlin beispielsweise sprach in seinem Refugium, dem Turm in Tübingen, nur noch selten. Er erlitt Schiffbruch, geht aber nicht unter. Seine Rettung war diese Abkapselung. Als lebende geistige Residuen muss man ihm und den anderen Autoren nachträglich eine kultivierte schöpferische Höhe zugestehen.

Schnell kommt der Leser im Angesicht der geschilderten historischen Fälle das Angewidertseins gegenüber den Totalitarismen des marktreif Gekonnten und des eitlen Ausgereiften zu der Erkenntnis, dass es unter anderem keine andere Lebenserfahrung für Künstler geben kann, als Überforderung und Inkompetenz gegenüber einer Welt der minder Verständigen hinsichtlich der vielen Spielarten von Kunst. Das Scheitern als defizienter Modus der Literatur erlangt den Hauch einer eigenen Schönheit, sich widerspiegelnd in den Gescheiterten selbst. Die hochwertigen Spielformen der Verweigerung sind unterschiedlich radikal. Von Rimbauds „Merde pour la poésie“ über Swinburnes Huldigung des Alkohols – die autonome Abgebrühtheit des Neinsagens verdient eine eigene Bewunderung, vor der die erfolgsträgen und naiven Gutmenschen wie Habermas oder Grass mitsamt ihrer Schriftenflut zu verstummen haben. Und am Ende wird tatsächlich von Hölderlin mehr bleiben, als von Grass.

Das vorliegende Buch zeichnet sich nicht nur durch seine Wertschätzung der alten deutschen Rechtschreibung sondern auch durch seinen Charakter einer besonderen Form der Fortschreibung von Horstmanns „Philosophie der Menschenflucht" (2005) aus. Und nicht zuletzt strahlt es die Redlichkeit des Autors Horstmann selbst aus. Sie begründet sich darin, selbst und rechtzeitig als Folge einer reflektierten Selbsttherapie zu wissen, wann es Zeit dafür ist, die Klappe zu halten und sich literarisch zu entwaffnen. Horstmann schreibt über sich: „An diesem Buch ist so ein Stück postkapitulatorischer Selbstmedikation. Es hat seinen Zweck erfüllt. Humpelnd trete ich zurück, trete ich weg in die lückenhafte (…) Reihe derer, die gelernt haben, sich abzuschreiben.“

Eines der wenigen Bücher von aufrichtigem Gang und einem ebensolchen Abgang!

geschrieben am 02.01.2010 | 622 Wörter | 4078 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen