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Herrenhäuser und Landsitze in Brandenburg und Berlin


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Herrenhäuser und Landsitze in Brandenburg und Berlin Vor exakt 120 Jahren, also 1888, leitet Theodor Fontane sein Buch »Fünf Schlösser« mit der Frage ein, wie die brandenburgischen Herrenhäuser und Landsitze eigentlich zu bezeichnen seien: »Fünf Schlösser! Fünf HERRENSITZE wäre vielleicht die richtigere Bezeichnung gewesen, aber unsere Mark, die von jeher wenige wirkliche Schlösser besaß, hat auf diesem wie auf jedem Gebiet immer den Mut der ausgleichenden höheren Titulatur gehabt«. Der Wanderer durch die Mark Brandenburg umreißt hier eine alte Streitfrage nach der sinnvollen Benennung, die im Einzelfall noch heute Kulturbewussten zu schaffen macht. Matthias Barth, Autor des gerade erschienenen Bildbandes »Herrenhäuser und Landsitze in Brandenburg und Berlin« klärt uns auf. Während bei einem Schloss die funktionale Bestimmung ausschließlich Wohn- und Repräsentationszweck gewesen sei, ist das Herren- oder Gutshaus der Wohn- und Verwaltungssitz eines Landadligen und später auch nichtadligen Gutsbesitzers gewesen. Schon diese Definition macht deutlich, dass die Unterscheidung letztlich schwierig ist, - aber eigentlich auch nicht notwendig. Barth definiert das Schloss als »landesherrliche Residenz«. Da das Schloss eher vom vermögenden Adel erbaut worden ist und seine Bestimmung der Repräsentation über allen anderen stand, findet es sich in der Regel in der Hauptstadt. In England und Frankreich würde man sagen, am Hofe, aber den gab es in Deutschland nicht. Das erklärt hierzulande so manchen Mangel an Urbanität. Barth, Autor und Photograph zugleich, schuf liebevoll und aufwendig gestaltet ein Kompendium der Schlösser und Herrenhäuser im preußischen Kernland. Erstaunlich ist der joviale Preis für das Buch, das ausschließlich mut Farbphotographien aufwartet. Gut ist auch, dass er sich traute, die bekannteren Schlösser der Hohenzollern draußen zulassen zugunsten von insgesamt knapp 100 dieser heute unschätzbaren Kulturdenkmale. So hat das quadratische Buch beinahe den Charakter eines Kataloges. Eines Kataloges, der dazu animiert, mit dem Fahrrad oder Cabriolet auch einmal ein weniger bekanntes architektonisches Kleinod aufzusuchen. Jedes dieser Herrenhäuser ist dokumentiert durch mehrere aussagekräftige Außenphotos, - und was bislang eher selten war – zum Teil auch Photos vom Interieur. Die Aufnahmen sind jeweils eingebunden in einen kurzen Text, der wichtige Informationen über das Gebäude und dessen Geschichte hinzustellt. Am 8. September 1945 hatte die Provinzialverwaltung Brandenburg im Auftrag der Sowjetischen Militäradministration die Bodenreform erlassen. Zu dieser gehörte im weiteren auch der »Befehl Nr. 209 des Obersten Chefs der SMAD über die Einrichtung von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden für Neubauern«, der genau 2 Jahre später erlassen wurde: »Als Ergebnis der in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands durchgeführten Bodenreform ist der Großgrundbesitz der Gutsbesitzer und Junker, die von jeher eine Stütze der Reaktion und des Militarismus waren, liquidiert worden. An Stelle des konfiszierten junkerlichen Gutsbesitzerlandes sind ungefähr 500.000 neue Wirtschaften errichtet worden.« . Der Befehl beinhaltete weiter, die abzureißenden Herrenhäuser abzutragen, um deren Materialien für die neu zu errichtenden Wohnhäuser nutzen zu können. Doch die Landbevölkerung weigerte sich. Gott sei Dank. Und nur vier Wochen später musste die Sowjetische Militäradministration zerknirscht konstatieren: »Durch die Überprüfung einer Anzahl Kreise ist festgestellt worden, daß Punkt 6 des Befehls 209 des Obersten Chefs, Marschall Sokolowski [...] über die ungehinderte Ausnutzung von Bauten ehemaliger Güter von Gutsbesitzern für den Bau von Neubauernhöfen durch Umbau oder Abbruch[...] von den Bauern an Ort und Stelle nicht befolgt wird.« Dieser Tatsache und dem Faktum, dass es dem deutschen demokratischen Mangelsystem Zeit Bestehens an nutzbaren Häusern fehlte, verdanken wir, dass heute noch etwa 700 dieser unermesslich wertvollen Herrenhäuser in Brandenburg bestehen. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Vereinen, Stiftungen und anderer Institutionen, die dieses Erbe pflegen und erhalten wollen. In den Tourismus-Konzepten der neuen Bundesländer spielen die geschichtsträchtigen Gebäude eine tragende Rolle. Hierzu liefert das ansprechende Buch des Bergstadtverlages einen bibliophilen Beitrag. Als Wehrmutstropfen sei angemerkt, dass sich leider einige inhaltliche Fehler eingeschlichen haben. So schreibt Barth über das Palais Pannwitz in Berlin-Grunewald, es sei an die Stadt verkauft worden. Richtig ist vielmehr, dass das Haus nach der Wende von mehreren Berliner Familien vom Berliner Senat erworben wurde, der es loswerden wollte. Und weil es sich hierbei um eine in Deutschland so seltene Geschichte von stiller Kultur-Wahrung handelt, hätte man gern mehr darüber gelesen. Die neuen Eigentümer haben den großen Karl Lagerfeld gebeten, die Gesamt-Restaurierung verantwortlich zu leiten. Der pendelte fortan 3 Jahre zwischen europäischen Kulturmetropolen und Berlin, um aus dem Haus einen Hort dandyistischer Kontemplation für Weltstars zu schaffen. So entstand eine stilistische Oase, die nicht nur in Berlin, sondern in Europa ihres Gleichen sucht. Chapeau!

Vor exakt 120 Jahren, also 1888, leitet Theodor Fontane sein Buch »Fünf Schlösser« mit der Frage ein, wie die brandenburgischen Herrenhäuser und Landsitze eigentlich zu bezeichnen seien: »Fünf Schlösser! Fünf HERRENSITZE wäre vielleicht die richtigere Bezeichnung gewesen, aber unsere Mark, die von jeher wenige wirkliche Schlösser besaß, hat auf diesem wie auf jedem Gebiet immer den Mut der ausgleichenden höheren Titulatur gehabt«. Der Wanderer durch die Mark Brandenburg umreißt hier eine alte Streitfrage nach der sinnvollen Benennung, die im Einzelfall noch heute Kulturbewussten zu schaffen macht.

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Matthias Barth, Autor des gerade erschienenen Bildbandes »Herrenhäuser und Landsitze in Brandenburg und Berlin« klärt uns auf. Während bei einem Schloss die funktionale Bestimmung ausschließlich Wohn- und Repräsentationszweck gewesen sei, ist das Herren- oder Gutshaus der Wohn- und Verwaltungssitz eines Landadligen und später auch nichtadligen Gutsbesitzers gewesen. Schon diese Definition macht deutlich, dass die Unterscheidung letztlich schwierig ist, - aber eigentlich auch nicht notwendig. Barth definiert das Schloss als »landesherrliche Residenz«. Da das Schloss eher vom vermögenden Adel erbaut worden ist und seine Bestimmung der Repräsentation über allen anderen stand, findet es sich in der Regel in der Hauptstadt. In England und Frankreich würde man sagen, am Hofe, aber den gab es in Deutschland nicht. Das erklärt hierzulande so manchen Mangel an Urbanität.

Barth, Autor und Photograph zugleich, schuf liebevoll und aufwendig gestaltet ein Kompendium der Schlösser und Herrenhäuser im preußischen Kernland. Erstaunlich ist der joviale Preis für das Buch, das ausschließlich mut Farbphotographien aufwartet. Gut ist auch, dass er sich traute, die bekannteren Schlösser der Hohenzollern draußen zulassen zugunsten von insgesamt knapp 100 dieser heute unschätzbaren Kulturdenkmale. So hat das quadratische Buch beinahe den Charakter eines Kataloges. Eines Kataloges, der dazu animiert, mit dem Fahrrad oder Cabriolet auch einmal ein weniger bekanntes architektonisches Kleinod aufzusuchen.

Jedes dieser Herrenhäuser ist dokumentiert durch mehrere aussagekräftige Außenphotos, - und was bislang eher selten war – zum Teil auch Photos vom Interieur. Die Aufnahmen sind jeweils eingebunden in einen kurzen Text, der wichtige Informationen über das Gebäude und dessen Geschichte hinzustellt.

Am 8. September 1945 hatte die Provinzialverwaltung Brandenburg im Auftrag der Sowjetischen Militäradministration die Bodenreform erlassen. Zu dieser gehörte im weiteren auch der »Befehl Nr. 209 des Obersten Chefs der SMAD über die Einrichtung von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden für Neubauern«, der genau 2 Jahre später erlassen wurde: »Als Ergebnis der in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands durchgeführten Bodenreform ist der Großgrundbesitz der Gutsbesitzer und Junker, die von jeher eine Stütze der Reaktion und des Militarismus waren, liquidiert worden. An Stelle des konfiszierten junkerlichen Gutsbesitzerlandes sind ungefähr 500.000 neue Wirtschaften errichtet worden.« .

Der Befehl beinhaltete weiter, die abzureißenden Herrenhäuser abzutragen, um deren Materialien für die neu zu errichtenden Wohnhäuser nutzen zu können. Doch die Landbevölkerung weigerte sich. Gott sei Dank. Und nur vier Wochen später musste die Sowjetische Militäradministration zerknirscht konstatieren: »Durch die Überprüfung einer Anzahl Kreise ist festgestellt worden, daß Punkt 6 des Befehls 209 des Obersten Chefs, Marschall Sokolowski [...] über die ungehinderte Ausnutzung von Bauten ehemaliger Güter von Gutsbesitzern für den Bau von Neubauernhöfen durch Umbau oder Abbruch[...] von den Bauern an Ort und Stelle nicht befolgt wird.«

Dieser Tatsache und dem Faktum, dass es dem deutschen demokratischen Mangelsystem Zeit Bestehens an nutzbaren Häusern fehlte, verdanken wir, dass heute noch etwa 700 dieser unermesslich wertvollen Herrenhäuser in Brandenburg bestehen. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Vereinen, Stiftungen und anderer Institutionen, die dieses Erbe pflegen und erhalten wollen. In den Tourismus-Konzepten der neuen Bundesländer spielen die geschichtsträchtigen Gebäude eine tragende Rolle.

Hierzu liefert das ansprechende Buch des Bergstadtverlages einen bibliophilen Beitrag. Als Wehrmutstropfen sei angemerkt, dass sich leider einige inhaltliche Fehler eingeschlichen haben. So schreibt Barth über das Palais Pannwitz in Berlin-Grunewald, es sei an die Stadt verkauft worden. Richtig ist vielmehr, dass das Haus nach der Wende von mehreren Berliner Familien vom Berliner Senat erworben wurde, der es loswerden wollte. Und weil es sich hierbei um eine in Deutschland so seltene Geschichte von stiller Kultur-Wahrung handelt, hätte man gern mehr darüber gelesen. Die neuen Eigentümer haben den großen Karl Lagerfeld gebeten, die Gesamt-Restaurierung verantwortlich zu leiten. Der pendelte fortan 3 Jahre zwischen europäischen Kulturmetropolen und Berlin, um aus dem Haus einen Hort dandyistischer Kontemplation für Weltstars zu schaffen. So entstand eine stilistische Oase, die nicht nur in Berlin, sondern in Europa ihres Gleichen sucht. Chapeau!

geschrieben am 16.05.2008 | 708 Wörter | 4554 Zeichen

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