
| ISBN | 3423245573 | |
| Autor | Marina Lewycka | |
| Verlag | dtv | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 360 | |
| Erscheinungsjahr | 2006 | |
| Extras | broschierte Ausgabe |

Die Büchse der Pandora öffnet sich für Nikolai erstaunlicherweise erst in seinen letzten Lebensjahren. Als 87-jähriger Greis, der einst vor Stalins Terror aus der Ukraine floh, nachdem er Hitlers Gräuel entkommen war, lebt der ehemalige Bauer mit seiner Familie – Tochter Vera und Tochter Nadeshda – seit langen Jahren in England. Nikolais Verhängnis ist 36 Jahre alt, verfügt über ein üppiges Dekolleté und eine scheinbar ganz reizende Ausstrahlung.

Nachdem Valentina – so heißt die neuerdings von Nikolai Angebetete – sich ein wenig im Dunstkreis der Familie niedergelassen hat, werden die Töchter des alten Mannes zunehmend misstrauisch. Was will diese Person von ihrem Vater? Ihre selbst gegebene Antwort erscheint Ihnen plausibel und schießt den beiden sofort als Warnung durch den Kopf: Valentina ist auf Ehevertrag, Einbürgerung und eventuelle Erbschaften aus. Ein solcher Betrug wäre für die Familie des alten Nikolai fatal. Und so schließen die lange Zeit verfeindeten Schwestern vorübergehend einen Friedensvertrag, der in einen Pakt zu Bekämpfung des größeren Übels Valentina mündet.
Marina Lewycka hat mit ihrem Roman ein Debüt vorgelegt, das mit vielen Klischees aufräumt und im Laufe der Handlung einiges Porzellan zerbricht. Nicht nur, dass Liebgewonnenes vehement in Frage gestellt wird, nein, es sind auch die Figuren selbst, deren Leidensweg nicht selten bis zum guten oder eben auch schlechten Gewissen des Lesers führt. Wie eindringlich fühlt man bald mit dem alten Nikolai, der sein letztes großes Werk – eine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch – noch vor dem Abklingen seines zu Ende gehenden Lebens abschließen will. Natürlich lässt er sich auch hin und wieder nur zu gern von seiner neuen großen „Liebe“ in den Bann ziehen, und als Valentina schwanger wird, traut sich Nikolai zu Anfang auch diese Vaterschaft zu. Doch natürlich geht alles in Scherben und dadurch dem Leser letzten Endes unter die Haut.
Wer sich also eigentlich gar nicht so sehr für Traktoren interessiert, sondern mehr für Romane und witzige bis verzweifelnde Geschichten, für den ist Marina Lewyckas Buch eine gute Wahl. Er findet bei diesem Titel zum einen solide Unterhaltung und Erbauung, zum anderen geben die häufig sehr originellen Einfälle der Erzählerin immer einen Vorwand, um sich manches Mal vor Lachen zu kugeln. Wer sich fragt, wie man einen steinalten Mann zu der Überzeugung bringt, er könne die Ehe mit einer Noch-Dreißigerin allzu lange und unbeschadet überstehen, sollte unbedingt einmal Valentina mit ihrem teils naiven, teils ironisch auffälligen Charme begegnen. Und da es bei diesem Titel auch noch ein wenig um Geschichte geht, gibt es für den Leser tatsächlich das eine oder andere Historische zu lernen.
geschrieben am 20.12.2007 | 421 Wörter | 2368 Zeichen
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