Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Die Stellung des Menschen im Kosmos


Statistiken
  • 2732 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Daniel Bigalke

Die Stellung des Menschen im Kosmos Im Jahre 1957 erschien ein unscheinbares Büchlein mit dem Titel „Denker unserer Zeit“ bei Pieper, in dem die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Entwürfe der geistigen Elite jener Zeit versammelt waren, darunter Oswald Spengler, Arnold Toynbee, Alfred Weber, José Ortega y Gasset, Karl Jaspers, Eduard Spranger, Henri Bergson und auch Max Scheler. Scheler war vertreten mit einem Ausschnitt namens “Mensch- und Gottwerdung“. (123-130) Es ist dies ein Ausschnitt aus seinem zentralen Werk „Die Stellung des Menschen im Kosmos“, welches jetzt bei Bouvier in neuer Auflage wieder neu erschien. Es liegt damit eine Schrift vor, die wie kaum eine andere für die leidenschaftliche Gedankenführung Schelers steht und ihm vielleicht wieder den Titel „Denker unserer Zeit“ zufallen lassen möge. In seiner Beobachtung des gelebten Lebens war Scheler ein vitaler Mensch. Er schaute dem „Volk" aufs Maul. Der Mensch aller Klassen und Rassen war ihm Maßstab aller Dinge, nicht aber als Zufallsprodukt der bloßen Natur, sondern als Mensch aus kosmischer Perspektive. So wird Scheler im vorliegenden Buch nicht müde zu betonen, daß der Mensch den Zufall, die Kontingenz der Tatsache, daß überhaupt Welt ist und nicht vielmehr nicht ist, mit anschaulicher Notwendigkeit in demselben Augenblicke entdecken müsse, wo er sich überhaupt sich selbst und seiner Welt bewußt geworden ist. Er spricht von einer „einheitlichen Idee vom Menschen“ (10) und dem „psychischen Urphänomen des Lebens.“ (12) Diese berühmteste Schrift Schelers stellt also dar, daß Gott sich aus seinem Seins-Urgrund zu seiner eigenen Vollendung zu seiner endlichen Herrschaft durch Liebe im Menschen selbst entwickelt. Es ging Scheler um das dezidiert philosophische Dasein, das jeder führe, wenn er sich nur des Wunders seiner Existenz bewußt werde. Scheler tritt uns in diesem Buch entgegen als Vertreter der modernen philosophischen Anthropologie, noch vor Arnold Gehlen. Seine Lehre von der speziellen, geistigen und bewegenden Energie im Menschen verleugnet auch nicht, daß der Schlaf als pflanzlicher, statischer Zustand des Menschen zu gelten habe. Freilich sind hier gewisse Anlehnungen an Spenglers Theorie des pflanzlichen Daseins gegenüber dem Tiere zu erkennen, weil Spengler schon im „Untergang des Abendlandes“ die „Gebundenheit und Beweglichkeit“ als Prinzipien beider Lebensformen entgegenstellte. Diesem recht unscheinbaren Büchlein Schelers jedoch kommt der Verdienst zu, eine philosophisch-anthropologische Neubestimmung des Wesens des Menschen abzugeben, welche insbesondere auch die wissenschaftlich-biologischen Erkenntnisse seiner Zeit (20er-Jahre) berücksichtigt. Es entwirft insbesondere eine „Metaphysik des Menschen“ (40), die den „Akt der Ideierung“ (55) als zentrales Prinzip des Menschseins ausmacht. Es besagt: „Das ursprüngliche Wirklichkeitserlebnis als Erlebnis des Widerstandes der Welt geht also allem Bewußtsein, geht aller Vorstellung, aller Wahrnehmung vorher.“ (60) Aber: Der Mensch ist der Einzige, der gegen die Wirklichkeit aus eigenem Willen „Nein“ sagen kann, sie transzendieren kann, ihr einen metaphysischen Sinn geben kann. Diese Vergeistigung der Drangsale des Lebens sei das Ziel und Ende endlichen Daseins. Zugleich spricht Scheler sich gegen Ludwig Klages Gegensatz von Geist und Leben aus. Diesen Gegensatz zwischen Leib und Seele (Physis und Psyche) überwindet Scheler durch Vereinigung: Physis und Psyche sind nur zwei verschiedene Aspekte des gleichen Lebens. Geist und Leben gehören zusammen und der Geist ideiert, transzendiert das Leben je nach eigenem Willen. Das kleine Werk wird damit zu einer kampfeslustig auftretenden und gesunden Dekonstruktion aller naturalistischen Auffassungen, die die Ursprünglichkeit des Geistes verneinen, so etwa Epikur oder der Engländer David Hume, die das formal-mechanische Prinzip auf die Spitze treiben und dem Geiste selbst die lebensschöpferische Kraft abzuerkennen trachten. Scheler steht damit schon in der Tradition der klassischen deutschen Idealisten, deren Geisteszentrismus auf der Insel schon immer recht rar gesät war. Zugleich erklimmt Scheler seine eigene Spitze, der wir wohl eher etwas abgewinnen können: Welt-, Selbst- und Gottesbewusstsein seien als tendenziell eines zu denken. Sie sind der Nexus des Menschen zum Weltgrund. Die Erfassung des Überirdischen ist damit zutiefst menschlich und beginnt schon bei der Frage, die nur der Mensch sich stellt: Warum ist überhaupt etwas. Und genau hier muß der Naturalismus passen, den die mechanistisch erklärte Entstehung aller Dinge muß an einem Punkte enden, an dem auch sie nicht mehr sinnvoll Antwort zu geben befähigt ist und an der Gott ins Spiel kommt. Für Philosophen ist Schelers Werk eine Komplementär-Lektüre zu Gehlen, Husserl oder Heidegger. Für Neueinsteiger ist es aber auch leicht zu lesen. Es schließt trotz seiner beschriebenen Tiefe auch nicht aus, daß Elementarphilosophen die am meisten im Leben stehenden Menschen sind: „Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“ (97)

Im Jahre 1957 erschien ein unscheinbares Büchlein mit dem Titel „Denker unserer Zeit“ bei Pieper, in dem die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Entwürfe der geistigen Elite jener Zeit versammelt waren, darunter Oswald Spengler, Arnold Toynbee, Alfred Weber, José Ortega y Gasset, Karl Jaspers, Eduard Spranger, Henri Bergson und auch Max Scheler. Scheler war vertreten mit einem Ausschnitt namens “Mensch- und Gottwerdung“. (123-130) Es ist dies ein Ausschnitt aus seinem zentralen Werk „Die Stellung des Menschen im Kosmos“, welches jetzt bei Bouvier in neuer Auflage wieder neu erschien. Es liegt damit eine Schrift vor, die wie kaum eine andere für die leidenschaftliche Gedankenführung Schelers steht und ihm vielleicht wieder den Titel „Denker unserer Zeit“ zufallen lassen möge.

weitere Rezensionen von Daniel Bigalke


In seiner Beobachtung des gelebten Lebens war Scheler ein vitaler Mensch. Er schaute dem „Volk" aufs Maul. Der Mensch aller Klassen und Rassen war ihm Maßstab aller Dinge, nicht aber als Zufallsprodukt der bloßen Natur, sondern als Mensch aus kosmischer Perspektive. So wird Scheler im vorliegenden Buch nicht müde zu betonen, daß der Mensch den Zufall, die Kontingenz der Tatsache, daß überhaupt Welt ist und nicht vielmehr nicht ist, mit anschaulicher Notwendigkeit in demselben Augenblicke entdecken müsse, wo er sich überhaupt sich selbst und seiner Welt bewußt geworden ist. Er spricht von einer „einheitlichen Idee vom Menschen“ (10) und dem „psychischen Urphänomen des Lebens.“ (12) Diese berühmteste Schrift Schelers stellt also dar, daß Gott sich aus seinem Seins-Urgrund zu seiner eigenen Vollendung zu seiner endlichen Herrschaft durch Liebe im Menschen selbst entwickelt. Es ging Scheler um das dezidiert philosophische Dasein, das jeder führe, wenn er sich nur des Wunders seiner Existenz bewußt werde.

Scheler tritt uns in diesem Buch entgegen als Vertreter der modernen philosophischen Anthropologie, noch vor Arnold Gehlen. Seine Lehre von der speziellen, geistigen und bewegenden Energie im Menschen verleugnet auch nicht, daß der Schlaf als pflanzlicher, statischer Zustand des Menschen zu gelten habe. Freilich sind hier gewisse Anlehnungen an Spenglers Theorie des pflanzlichen Daseins gegenüber dem Tiere zu erkennen, weil Spengler schon im „Untergang des Abendlandes“ die „Gebundenheit und Beweglichkeit“ als Prinzipien beider Lebensformen entgegenstellte.

Diesem recht unscheinbaren Büchlein Schelers jedoch kommt der Verdienst zu, eine philosophisch-anthropologische Neubestimmung des Wesens des Menschen abzugeben, welche insbesondere auch die wissenschaftlich-biologischen Erkenntnisse seiner Zeit (20er-Jahre) berücksichtigt. Es entwirft insbesondere eine „Metaphysik des Menschen“ (40), die den „Akt der Ideierung“ (55) als zentrales Prinzip des Menschseins ausmacht. Es besagt: „Das ursprüngliche Wirklichkeitserlebnis als Erlebnis des Widerstandes der Welt geht also allem Bewußtsein, geht aller Vorstellung, aller Wahrnehmung vorher.“ (60) Aber: Der Mensch ist der Einzige, der gegen die Wirklichkeit aus eigenem Willen „Nein“ sagen kann, sie transzendieren kann, ihr einen metaphysischen Sinn geben kann.

Diese Vergeistigung der Drangsale des Lebens sei das Ziel und Ende endlichen Daseins. Zugleich spricht Scheler sich gegen Ludwig Klages Gegensatz von Geist und Leben aus. Diesen Gegensatz zwischen Leib und Seele (Physis und Psyche) überwindet Scheler durch Vereinigung: Physis und Psyche sind nur zwei verschiedene Aspekte des gleichen Lebens. Geist und Leben gehören zusammen und der Geist ideiert, transzendiert das Leben je nach eigenem Willen. Das kleine Werk wird damit zu einer kampfeslustig auftretenden und gesunden Dekonstruktion aller naturalistischen Auffassungen, die die Ursprünglichkeit des Geistes verneinen, so etwa Epikur oder der Engländer David Hume, die das formal-mechanische Prinzip auf die Spitze treiben und dem Geiste selbst die lebensschöpferische Kraft abzuerkennen trachten. Scheler steht damit schon in der Tradition der klassischen deutschen Idealisten, deren Geisteszentrismus auf der Insel schon immer recht rar gesät war.

Zugleich erklimmt Scheler seine eigene Spitze, der wir wohl eher etwas abgewinnen können: Welt-, Selbst- und Gottesbewusstsein seien als tendenziell eines zu denken. Sie sind der Nexus des Menschen zum Weltgrund. Die Erfassung des Überirdischen ist damit zutiefst menschlich und beginnt schon bei der Frage, die nur der Mensch sich stellt: Warum ist überhaupt etwas. Und genau hier muß der Naturalismus passen, den die mechanistisch erklärte Entstehung aller Dinge muß an einem Punkte enden, an dem auch sie nicht mehr sinnvoll Antwort zu geben befähigt ist und an der Gott ins Spiel kommt. Für Philosophen ist Schelers Werk eine Komplementär-Lektüre zu Gehlen, Husserl oder Heidegger. Für Neueinsteiger ist es aber auch leicht zu lesen. Es schließt trotz seiner beschriebenen Tiefe auch nicht aus, daß Elementarphilosophen die am meisten im Leben stehenden Menschen sind: „Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste“ (97)

geschrieben am 10.02.2008 | 714 Wörter | 4399 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen