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Du sollst begehren: Auf den Spuren der sexuellen Revolution


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Rezension von

Hiram Kümper

Du sollst begehren: Auf den Spuren der sexuellen Revolution Guy Talese gehört in den Vereinigten Staaten zur Speerspitze des so genannten „New Journalism“, jener betont subjektiven, betont literarischen, aber eben nicht fiktive, sondern zugleich auf aufwendig recherchiertes Material aufbauenden Schreibart, die sich seit den 1960er einen festen Platz in der Medienwelt erstritten hat. Seit langem auch, seit 1981 nämlich, liegt Taleses wohl berühmtestes Buch, das sich als Dokumentarstudie über die sexuelle Revolution in den USA versteht, in amerikanischer Sprache vor. Aber jetzt erst ist es – nach einer Teilübersetzung, die noch im selben Jahr unter dem suggestiven und im Grunde auch ziemlich unpassenden Titel „Der Talese-Report“ (Originaltitel: „Thy Neighbors Wife“) erschien – endlich vollständig ins Deutsche übersetzt worden. Fraglich bleibt in diesem Zusammenhang allerdings, warum dieser Vorläufer in der Neuausgabe an keiner Stelle erwähnt wird. Taleses Bestseller setzt auf Dokumentation, nicht auf Analyse. Dazu hat Talese jahrelang „Feldforschung“ betrieben, wurde Stammkunde in Massagesalons, hat in Kommunen gelebt, Interviews mit Pornoproduzenten, selbsternannten Sex-Gurus und Swinger-Ehepaaren geführt. Aber nicht bloß das. Auch die mediale ebenso wie die institutionelle Dimension lässt Talese nicht aus den Augen, verfolgt, wenn auch nicht systematisch, so doch immer wieder schlaglichtartig auch Obszönitätsdebatte und Gesetzgebung, und schafft es dennoch, solch vergleichsweise trockene Materien in eine fesselnde Erzählung mit vielen großen und kleinen Akteuren einzubetten. Und so nimmt er den Leser mit auf eine Reise in die sexuelle Kultur Amerikas während bzw. nach jener diffusen Zeit, die als „sexuelle Revolution“ durch das kollektive Gedächtnis geistert: von den letztlich dann manchmal gar nicht mehr so wilden 1960er bis in die späten 1970er Jahre – die Ära vor AIDS also. Erzählt werden Geschichten, keine Geschichte. Das muss stets bewusst bleiben, obwohl doch die akribisch recherchierten Dokumentationen oft das Gefühl evozieren mögen, hier wären wir doch unmittelbar am Herzschlag historischer Realität. Es sind aber – im Grunde: natürlich – bestenfalls Realitäten. Und auch die stets mediatisiert durch die Brille ihrer Erzähler, denen Taleses Buch so viel verdankt – nicht nur an informativem Gehalt, sondern vor allem an Spannung. Viele andere Dimensionen bleiben notwendig ausgeblendet. Wer also der Versuchung erliegt, „Du sollst begehren“ als eine besonders eloquent verfasste Geschichte der amerikanischen Sexualkultur zu lesen, wird nicht nur von seinen eigenen Erwartungen enttäuscht werden, sondern vermutlich auch bald beginnen, kritische Fragen zu stellen. Nicht nur mit Blick auf das, was Talese außen vor lässt, sondern vor allem ganz grundsätzliche, methodische Fragen. Auf den Punkt: Birgt nicht die exemplarische Reduktion mithilfe von Personalisierung die Gefahr, wieder in eine „Geschichte der großen Männer“ (und vielleicht: Frauen) zu verfallen, die akademische ebenso wie die populäre Historiographie des 20. Jahrhundert erst so mühsam hinter sich gelassen hat? Anders gefragt: Ist Hugh Hefner, dem wir über weite Strecken des Buches folgen, für Talese was für Droysen Alexander der Große war? Solche und andere Fragen sind berechtigt, wenn sie an historiographische Arbeiten (ganz gleich, ob akademisch oder populär) herangetragen werden, gehen aber am Projekt „New Journalism“ vorbei, der zunächst und vor allem einmal eben Journalismus ist. Und den finden wir hier in beinahe klassisch geronnener Form. Und: formvollendet. Dem interessierten Leser sei übrigens nicht nur diese nicht bloß informative, sondern schlicht auch in einem ganz direkt literarischen Sinne fesselnde Lektüre, sondern – diesmal weniger fesselnd, dafür aber umso informativer – sei auch der Beitrag des Journalisten Thomas Schuler „Voyeur des Alltags“ (Message 04/2006, S. 42-47; online unter http://www.reporter-forum.de), gleichsam ein „Making of …“ von „Thy Neighbors Wife“, wärmstens ans Herz gelegt.

Guy Talese gehört in den Vereinigten Staaten zur Speerspitze des so genannten „New Journalism“, jener betont subjektiven, betont literarischen, aber eben nicht fiktive, sondern zugleich auf aufwendig recherchiertes Material aufbauenden Schreibart, die sich seit den 1960er einen festen Platz in der Medienwelt erstritten hat. Seit langem auch, seit 1981 nämlich, liegt Taleses wohl berühmtestes Buch, das sich als Dokumentarstudie über die sexuelle Revolution in den USA versteht, in amerikanischer Sprache vor. Aber jetzt erst ist es – nach einer Teilübersetzung, die noch im selben Jahr unter dem suggestiven und im Grunde auch ziemlich unpassenden Titel „Der Talese-Report“ (Originaltitel: „Thy Neighbors Wife“) erschien – endlich vollständig ins Deutsche übersetzt worden. Fraglich bleibt in diesem Zusammenhang allerdings, warum dieser Vorläufer in der Neuausgabe an keiner Stelle erwähnt wird.

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Taleses Bestseller setzt auf Dokumentation, nicht auf Analyse. Dazu hat Talese jahrelang „Feldforschung“ betrieben, wurde Stammkunde in Massagesalons, hat in Kommunen gelebt, Interviews mit Pornoproduzenten, selbsternannten Sex-Gurus und Swinger-Ehepaaren geführt. Aber nicht bloß das. Auch die mediale ebenso wie die institutionelle Dimension lässt Talese nicht aus den Augen, verfolgt, wenn auch nicht systematisch, so doch immer wieder schlaglichtartig auch Obszönitätsdebatte und Gesetzgebung, und schafft es dennoch, solch vergleichsweise trockene Materien in eine fesselnde Erzählung mit vielen großen und kleinen Akteuren einzubetten. Und so nimmt er den Leser mit auf eine Reise in die sexuelle Kultur Amerikas während bzw. nach jener diffusen Zeit, die als „sexuelle Revolution“ durch das kollektive Gedächtnis geistert: von den letztlich dann manchmal gar nicht mehr so wilden 1960er bis in die späten 1970er Jahre – die Ära vor AIDS also.

Erzählt werden Geschichten, keine Geschichte. Das muss stets bewusst bleiben, obwohl doch die akribisch recherchierten Dokumentationen oft das Gefühl evozieren mögen, hier wären wir doch unmittelbar am Herzschlag historischer Realität. Es sind aber – im Grunde: natürlich – bestenfalls Realitäten. Und auch die stets mediatisiert durch die Brille ihrer Erzähler, denen Taleses Buch so viel verdankt – nicht nur an informativem Gehalt, sondern vor allem an Spannung. Viele andere Dimensionen bleiben notwendig ausgeblendet. Wer also der Versuchung erliegt, „Du sollst begehren“ als eine besonders eloquent verfasste Geschichte der amerikanischen Sexualkultur zu lesen, wird nicht nur von seinen eigenen Erwartungen enttäuscht werden, sondern vermutlich auch bald beginnen, kritische Fragen zu stellen. Nicht nur mit Blick auf das, was Talese außen vor lässt, sondern vor allem ganz grundsätzliche, methodische Fragen. Auf den Punkt: Birgt nicht die exemplarische Reduktion mithilfe von Personalisierung die Gefahr, wieder in eine „Geschichte der großen Männer“ (und vielleicht: Frauen) zu verfallen, die akademische ebenso wie die populäre Historiographie des 20. Jahrhundert erst so mühsam hinter sich gelassen hat? Anders gefragt: Ist Hugh Hefner, dem wir über weite Strecken des Buches folgen, für Talese was für Droysen Alexander der Große war? Solche und andere Fragen sind berechtigt, wenn sie an historiographische Arbeiten (ganz gleich, ob akademisch oder populär) herangetragen werden, gehen aber am Projekt „New Journalism“ vorbei, der zunächst und vor allem einmal eben Journalismus ist. Und den finden wir hier in beinahe klassisch geronnener Form. Und: formvollendet.

Dem interessierten Leser sei übrigens nicht nur diese nicht bloß informative, sondern schlicht auch in einem ganz direkt literarischen Sinne fesselnde Lektüre, sondern – diesmal weniger fesselnd, dafür aber umso informativer – sei auch der Beitrag des Journalisten Thomas Schuler „Voyeur des Alltags“ (Message 04/2006, S. 42-47; online unter http://www.reporter-forum.de), gleichsam ein „Making of …“ von „Thy Neighbors Wife“, wärmstens ans Herz gelegt.

geschrieben am 22.11.2008 | 562 Wörter | 3531 Zeichen

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