
| ISBN | 3803125499 | |
| Autor | Alain Montandon | |
| Verlag | Wagenbach | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 140 | |
| Erscheinungsjahr | 2006 | |
| Extras | broschierte Ausgabe |

Eine kleine Kulturgeschichte einer der wohl ältesten, grundlegendsten und am weitesten verständlichen Kommunikationsformen des Menschen, des Kusses nämlich, verspricht dieses jüngst in deutscher Übersetzung erschienene Bändchen des französischen Literaturwissenschaftlers Alain Montandon.

Literatur ist dann auch die absolute Hauptquelle seiner Darstellung, vor allem die französische. Aber beileibe nicht nur. Montandon hat viel gelesen und viel verarbeitet – und das aus aller Welt: von Moskauer Trinksprüchen über römisch-antike Satiriker und transsilvanische Vampirmärchen hin zu amerikanischen Anthropologen kommen unterschiedlichste Zeugen zu Wort. Auch die viel zitierte Beobachtung des Kolonialethnologen Malinowski darf da natürlich nicht fehlen, der sich über das im wahrsten Wortsinne „bissige“ Kussverhalten der Melanesier verwunderte.
Montandon erzählt uns vor allem viele lose drapierte Geschichten und Geschichtchen, beispielsweise zum Verhältnis von Kuss und Öffentlichkeit, Küssen in Liebesbriefen oder Küssen, die nur einem Zweck dienen: das Gegenüber zum Schweigen zu bringen. Eine „Kulturgeschichte“ strictu sensu wird aus solch bunter Materialfülle, die sich weder um systematische Durchdringung noch um tiefer gehende Analyse bemüht, natürlich noch lange nicht; auch keine „kleine“ – aber ein leichtes und lehrreiches Lesestückchen, das zum Staunen, Schmunzeln, Genießen und bei passender Gelegenheit vielleicht: zum Küssen einlädt.
Gekonnt und flüssig ist auch die Übersetzung des Werkes aus dem Französischen durch Sonja Finck gelungen – wenn auch der Leser gleich auf der ersten Seite, mitten im schönsten WortÂspiel, über die dafür notwendige, nur leider so ungebräuchliche Wendung vom „zärtlichen Anhieb“ stolpert. Positiv ist in dieser Hinsicht auch herauszuheben, dass Finck sich die Mühe gemacht hat, auch den schlanken Anmerkungsapparat in ihre Bearbeitung mit einzubeziehen und, wo möglich, deutsche Übersetzungen der zitierten Werke heranzuziehen. So sind sämtliche Literaturzitate zweisprachig, im Original und in deutscher Übersetzung wiedergegeben – eine schöne Sache.
Ein Kuss sagt mehr als tausend Worte. Wie wahr. Und dennoch kann man viele Worte darüber verlieren. Gut, dass Montandon sie verloren hat. Sonst wäre uns etwas entgangen.
geschrieben am 08.05.2008 | 305 Wörter | 2038 Zeichen
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