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Der Orientalist


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Rezension von

Philipp Küsgens

Der Orientalist „Wer ist dieser Essad Bey?“ fragte Leo Trotzkij 1931. Die literarische und politische Welt in Europa debattierte damals über die Bücher dieses jungen, gerade 26 Jahre alten Bestsellerautors, der mit Sachkenntnis über den Kaukasus und die Geheimpolizei in der Sowjetunion schrieb. Bis zuletzt umwehte ein Rest von Geheimnis Essad Bey, der in keine der zeitgenössischen Schubladen zu passen schien, was in einer Periode wie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon einiges heißen will. Der amerikanische Journalist Tom Reiss stellt die Frage nach seiner Identität heute aufs Neue und geht ihr mit detektivischem Spürsinn und Detailkenntnis nach. Entstanden ist ein flott geschriebenes und fesselndes Buch, in dem die Zahnräder von Lebensgeschichte, Zeitgeschichte und Geistesgeschichte reibungslos ineinander greifen. Im Mittelpunkt steht die abenteuerliche Lebensgeschichte von Lev Nussimbaum, geboren 1905 in Baku. „Abenteuerlich“ ist hier noch milde gesprochen. Reiss folgt dem in 1905 in Baku geborenen Juden auf seinem Lebensweg, der als überbehüteter Sohn eines Ölmillionärs begann bis zu seinem frühen Tod in Armut im mondänen italienischen Positano 1942. Dazwischen liegen eine Flucht quer durch den Kaukasus, der Aufstieg zum berühmten Schriftsteller mit Stationen in Paris, Berlin, Wien und New York, die Hochzeit mit der Tochter eines steinreichen Schuhfabrikanten und die Konvertierung zum Islam. Lev Nussimbaum wurde zu Essad Bey. Reiss kommt seinem Helden dabei so nahe wie nur möglich, verliert dabei aber nie aus den Augen, dass der Vielschreiber Essad Bey es in seinen Memoiren mit den Tatsachen nicht immer ganz genau nahm. Ein weniger einfühlsamer Autor hätte hier die (Enthüllungs-)geschichte eines Hochstaplers verfasst, der seine Lebensgeschichte für den Buchmarkt allzu frei erzählte. Reiss widersteht dieser Versuchung und fördert das Leben eines Menschen zutage, der in den turbulenten ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts seine Identität zwischen den Welten von Judentum und Islam und Orient und Okzident fand. Seinen wahren Wert erhält das Buch durch die Einbettung in die Zeitgeschichte. Mit den Stationen im Leben des Essad Bey als Grundgerüst erklärt Reiss fast en passant die Verwicklungen der kaukasischen Geschichte, den Zerfall des osmanischen Reiches und den Aufstieg Kemal Atatürks, das kulturelle Klima in der Ölstadt Baku vor der Oktoberrevolution 1917 und den Bürgerkrieg am Ende der Weimarer Republik. Das alles erfährt der Leser zum besseren Verständnis der Biographie – überblicksartig und stark zusammengefasst, dafür aber prägnanter und einprägsamer als aus manchem dickleibigem Geschichtsbuch. Die Anziehungskraft von Reiss' Stil liegt weniger in der Detaillfülle und erschöpfenden Analyse, als in der Darstellung von Zusammenhängen. Allein das knappe Kapitel über „Jüdischen Orientalismus“, eine exzentrische Variante völkischer Deutungsmuster jüdischer Kultur und ihr Verhältnis zu Kulturpessimisten wie Oswald Spengler, lohnt die Lektüre. Immer wieder tauchen am Rande bekanntere Figuren der Geschichte auf (Wladimir Nabokov) und solche, die ihre Zeit bewegten aber heute weitgehend vergessen sind (wie der deutsch-amerikanische Dichter, Journalist und Nationalsozialist George Sylvester Viereck). Gerade diese Exkurse sind es, die dem Leser die Langatmigkeit mancher Biographien erspart, die ausschließlich mit ihrer Hauptperson befasst sind. Schließlich beherrscht Reiss die Kunst, die verschlungenen (und sehr amüsanten) Wege seiner Recherche als Teil der Geschichte zu präsentieren. Fast scheint es, dass die Wirrungen und Kapriolen im Leben Essad Beys ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen. Am Ende hat sich für den Leser der Schleier, der über dem für Europa so fernen Kaukasus liegt, etwas gehoben. Wer der faszinierende Essad Bey letztlich war, hat er selbst beantwortet: Orientale und Monarchist. Sein Biograph erzählt uns, wie seine Zeit gewesen ist.

„Wer ist dieser Essad Bey?“ fragte Leo Trotzkij 1931. Die literarische und politische Welt in Europa debattierte damals über die Bücher dieses jungen, gerade 26 Jahre alten Bestsellerautors, der mit Sachkenntnis über den Kaukasus und die Geheimpolizei in der Sowjetunion schrieb. Bis zuletzt umwehte ein Rest von Geheimnis Essad Bey, der in keine der zeitgenössischen Schubladen zu passen schien, was in einer Periode wie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon einiges heißen will. Der amerikanische Journalist Tom Reiss stellt die Frage nach seiner Identität heute aufs Neue und geht ihr mit detektivischem Spürsinn und Detailkenntnis nach. Entstanden ist ein flott geschriebenes und fesselndes Buch, in dem die Zahnräder von Lebensgeschichte, Zeitgeschichte und Geistesgeschichte reibungslos ineinander greifen.

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rezensiert seit
Buchtitel
1
13.09.2009

Im Mittelpunkt steht die abenteuerliche Lebensgeschichte von Lev Nussimbaum, geboren 1905 in Baku. „Abenteuerlich“ ist hier noch milde gesprochen. Reiss folgt dem in 1905 in Baku geborenen Juden auf seinem Lebensweg, der als überbehüteter Sohn eines Ölmillionärs begann bis zu seinem frühen Tod in Armut im mondänen italienischen Positano 1942. Dazwischen liegen eine Flucht quer durch den Kaukasus, der Aufstieg zum berühmten Schriftsteller mit Stationen in Paris, Berlin, Wien und New York, die Hochzeit mit der Tochter eines steinreichen Schuhfabrikanten und die Konvertierung zum Islam. Lev Nussimbaum wurde zu Essad Bey. Reiss kommt seinem Helden dabei so nahe wie nur möglich, verliert dabei aber nie aus den Augen, dass der Vielschreiber Essad Bey es in seinen Memoiren mit den Tatsachen nicht immer ganz genau nahm. Ein weniger einfühlsamer Autor hätte hier die (Enthüllungs-)geschichte eines Hochstaplers verfasst, der seine Lebensgeschichte für den Buchmarkt allzu frei erzählte. Reiss widersteht dieser Versuchung und fördert das Leben eines Menschen zutage, der in den turbulenten ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts seine Identität zwischen den Welten von Judentum und Islam und Orient und Okzident fand. Seinen wahren Wert erhält das Buch durch die Einbettung in die Zeitgeschichte. Mit den Stationen im Leben des Essad Bey als Grundgerüst erklärt Reiss fast en passant die Verwicklungen der kaukasischen Geschichte, den Zerfall des osmanischen Reiches und den Aufstieg Kemal Atatürks, das kulturelle Klima in der Ölstadt Baku vor der Oktoberrevolution 1917 und den Bürgerkrieg am Ende der Weimarer Republik. Das alles erfährt der Leser zum besseren Verständnis der Biographie – überblicksartig und stark zusammengefasst, dafür aber prägnanter und einprägsamer als aus manchem dickleibigem Geschichtsbuch. Die Anziehungskraft von Reiss' Stil liegt weniger in der Detaillfülle und erschöpfenden Analyse, als in der Darstellung von Zusammenhängen. Allein das knappe Kapitel über „Jüdischen Orientalismus“, eine exzentrische Variante völkischer Deutungsmuster jüdischer Kultur und ihr Verhältnis zu Kulturpessimisten wie Oswald Spengler, lohnt die Lektüre. Immer wieder tauchen am Rande bekanntere Figuren der Geschichte auf (Wladimir Nabokov) und solche, die ihre Zeit bewegten aber heute weitgehend vergessen sind (wie der deutsch-amerikanische Dichter, Journalist und Nationalsozialist George Sylvester Viereck). Gerade diese Exkurse sind es, die dem Leser die Langatmigkeit mancher Biographien erspart, die ausschließlich mit ihrer Hauptperson befasst sind. Schließlich beherrscht Reiss die Kunst, die verschlungenen (und sehr amüsanten) Wege seiner Recherche als Teil der Geschichte zu präsentieren. Fast scheint es, dass die Wirrungen und Kapriolen im Leben Essad Beys ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen.

Am Ende hat sich für den Leser der Schleier, der über dem für Europa so fernen Kaukasus liegt, etwas gehoben. Wer der faszinierende Essad Bey letztlich war, hat er selbst beantwortet: Orientale und Monarchist. Sein Biograph erzählt uns, wie seine Zeit gewesen ist.

geschrieben am 13.09.2009 | 560 Wörter | 3425 Zeichen

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