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Die einsame Lust


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Rezension von

Hiram Kümper

Die einsame Lust Kulturhistoriker haben sehr selten das Glück, den einen Schlüsselmoment auszumachen, der alles ins Rollen bringt. Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Laqueur, dessen 2003 erstmals erschienene und schon damals viel Aufsehen erregende Geschichte der Onanie nun in deutscher Übersetzung vorliegt, kann das. Ziemlich genau um 1712, so lernen wir, mit dem Erscheinen der „Onania“ John Martens, rückt die „privateste Sache der Welt“ (so Stephen Greenblatt 2004 in einer Besprechung der Originalausgabe) mehr oder minder schlagartig ins öffentliche Interesse. Und dieser nun beginnenden Problematisierung der Masturbation durch Theologen, Ärzte, Erzieher und andere, die sich bis in das 20. Jahrhundert durchzieht, widmet der Verfasser seine besondere Aufmerksamkeit. Auch die Zeit davor vergisst Laqueur nicht, sie hat für ihn vielmehr einen ganz besonderen Stellenwert, insofern als er das gesamte dritte Kapitel (S. 91-149) darauf verwendet, herauszuarbeiten, dass tatsächlich die „einsame Lust“ um 1700 eine neue, problematische Qualität im gelehrten Diskurs einnehme. Während die Antike, so lesen wir da, der Masturbation alles in allem reichlich gleichgültig gegenüber stand, habe das Mittelalter sie zwar als schwere Sünde gegen die Natur empfunden, trotzdem aber ihr regulatives Augenmaß, wie es Laqueur hauptsächlich aus Bußbüchern und theologischen Traktaten zu rekonstruieren versucht, kaum der Selbstbefriedigung, sondern vornehmlich dem gleichgeschlechtlichen Verkehr, dem „peccatum sodomiae“, zugewandt. Das vierte und fünfte Kapitel sind dann einer sehr eingehenden Analyse jener gut zwei Jahrhunderte gewidmet, in denen die Onanie als gesellschaftliches, vor allem als medizinisches Problem thematisiert wurden. Denn nicht mehr ganz so genau, aber doch irgendwann um 1920 herum, verblasst das Problem Onanie dann wieder im öffentlichen Empfinden, was Laqueur im sechsten Kapitel leider nur noch sehr schemenhaft ausführt. Ohne den Einfluss der Medizin zu leugnen, seien es demzufolge nicht in erste Linie Ängste um Impotenz und andere körperliche Degenerationen, die den Zeitgenossen die Feder führten. Vielmehr läge die Regulation des Privaten, jener neuen Sphäre bürgerlicher Freiheit, die die Aufklärung in die Welt setzte, im Kern der Sache. Der Verfasser entwickelt zwei zentrale Thesen, warum kurz nach 1700 die Onanie zum Problem wird (S. 254ff.). Die eine mag auf den ersten Blick überraschen: Die Entstehung des Marktes, der erblühende Kapitalismus also, habe einen neuen Bezug zum Selbst und zu seinen Wünschen geschaffen, den die Theoretiker der neuen Wirtschaftsordnung als solchen begrüßt, die Masturbation aber als seine Schattenseite durchaus auch erkannt hätten. Die zweite Erklärung, die Laqueur anbietet, ist weniger spektakulär und betrifft die veränderte Lesekultur der Zeit. Die Grundidee vom neuen, autonomen, ja auch privaten Selbst ist dieselbe. Diesmal aber trifft sie ins Mark der neuen Bürgerlichkeit: der Bildung. Die einsame Lektüre wird gleichsam zum Einfallstor für die Bedrohungen der Gesellschaft, die sie selbst verkörpert. Das sechste und letzte Kapitel ist sicherlich das schwächste des Buches, galoppiert der Verfasser doch in einem Parforceritt über Freud, die Blumenkinder und den Cybersex hinweg, ohne dass eine Argumentations- oder Erkenntnislinie sichtbar würde. Insgesamt ist „Die einsame Lust“ aber ganz ohne Frage eine sehr anregende Lektüre von hohem intellektuellen Niveau. Das Buch hat – man ist versucht, zu sagen: trotz des Themas – nichts von der anekdotenhaften Beliebigkeit anderer Werke, die sich „Kulturgeschichte“ nennen, sondern entwickelt eigene, wenn auch durchaus kontroverse Thesen und eine stringente Darstellungsweise. Und es lädt zur Diskussion ein. So bliebe die Lektüre, was sie so oder so ist: eine Lust – aber nicht notwendig eine einsame.

Kulturhistoriker haben sehr selten das Glück, den einen Schlüsselmoment auszumachen, der alles ins Rollen bringt. Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Laqueur, dessen 2003 erstmals erschienene und schon damals viel Aufsehen erregende Geschichte der Onanie nun in deutscher Übersetzung vorliegt, kann das.

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Ziemlich genau um 1712, so lernen wir, mit dem Erscheinen der „Onania“ John Martens, rückt die „privateste Sache der Welt“ (so Stephen Greenblatt 2004 in einer Besprechung der Originalausgabe) mehr oder minder schlagartig ins öffentliche Interesse. Und dieser nun beginnenden Problematisierung der Masturbation durch Theologen, Ärzte, Erzieher und andere, die sich bis in das 20. Jahrhundert durchzieht, widmet der Verfasser seine besondere Aufmerksamkeit. Auch die Zeit davor vergisst Laqueur nicht, sie hat für ihn vielmehr einen ganz besonderen Stellenwert, insofern als er das gesamte dritte Kapitel (S. 91-149) darauf verwendet, herauszuarbeiten, dass tatsächlich die „einsame Lust“ um 1700 eine neue, problematische Qualität im gelehrten Diskurs einnehme. Während die Antike, so lesen wir da, der Masturbation alles in allem reichlich gleichgültig gegenüber stand, habe das Mittelalter sie zwar als schwere Sünde gegen die Natur empfunden, trotzdem aber ihr regulatives Augenmaß, wie es Laqueur hauptsächlich aus Bußbüchern und theologischen Traktaten zu rekonstruieren versucht, kaum der Selbstbefriedigung, sondern vornehmlich dem gleichgeschlechtlichen Verkehr, dem „peccatum sodomiae“, zugewandt. Das vierte und fünfte Kapitel sind dann einer sehr eingehenden Analyse jener gut zwei Jahrhunderte gewidmet, in denen die Onanie als gesellschaftliches, vor allem als medizinisches Problem thematisiert wurden. Denn nicht mehr ganz so genau, aber doch irgendwann um 1920 herum, verblasst das Problem Onanie dann wieder im öffentlichen Empfinden, was Laqueur im sechsten Kapitel leider nur noch sehr schemenhaft ausführt. Ohne den Einfluss der Medizin zu leugnen, seien es demzufolge nicht in erste Linie Ängste um Impotenz und andere körperliche Degenerationen, die den Zeitgenossen die Feder führten. Vielmehr läge die Regulation des Privaten, jener neuen Sphäre bürgerlicher Freiheit, die die Aufklärung in die Welt setzte, im Kern der Sache.

Der Verfasser entwickelt zwei zentrale Thesen, warum kurz nach 1700 die Onanie zum Problem wird (S. 254ff.). Die eine mag auf den ersten Blick überraschen: Die Entstehung des Marktes, der erblühende Kapitalismus also, habe einen neuen Bezug zum Selbst und zu seinen Wünschen geschaffen, den die Theoretiker der neuen Wirtschaftsordnung als solchen begrüßt, die Masturbation aber als seine Schattenseite durchaus auch erkannt hätten. Die zweite Erklärung, die Laqueur anbietet, ist weniger spektakulär und betrifft die veränderte Lesekultur der Zeit. Die Grundidee vom neuen, autonomen, ja auch privaten Selbst ist dieselbe. Diesmal aber trifft sie ins Mark der neuen Bürgerlichkeit: der Bildung. Die einsame Lektüre wird gleichsam zum Einfallstor für die Bedrohungen der Gesellschaft, die sie selbst verkörpert.

Das sechste und letzte Kapitel ist sicherlich das schwächste des Buches, galoppiert der Verfasser doch in einem Parforceritt über Freud, die Blumenkinder und den Cybersex hinweg, ohne dass eine Argumentations- oder Erkenntnislinie sichtbar würde.

Insgesamt ist „Die einsame Lust“ aber ganz ohne Frage eine sehr anregende Lektüre von hohem intellektuellen Niveau. Das Buch hat – man ist versucht, zu sagen: trotz des Themas – nichts von der anekdotenhaften Beliebigkeit anderer Werke, die sich „Kulturgeschichte“ nennen, sondern entwickelt eigene, wenn auch durchaus kontroverse Thesen und eine stringente Darstellungsweise. Und es lädt zur Diskussion ein. So bliebe die Lektüre, was sie so oder so ist: eine Lust – aber nicht notwendig eine einsame.

geschrieben am 13.06.2009 | 540 Wörter | 3359 Zeichen

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