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Ludwigshöhe


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Rezension von

Julia Göpfert

Ludwigshöhe Wer wird sich denn gleich umbringen? Hans Pleschinskis neuester Roman „Ludwigshöhe“ handelt von einer Gemeinschaft von Selbstmördern, die keine Lust mehr haben sich umzubringen. Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg ist des öfteren schmal. Kein Wunder, dass man sich manchmal vielleicht danach sehnt alles hinzuschmeißen und endgültig Schluss zu machen, um sich so aller Probleme zu entledigen. Doch was passiert, wenn man mehrere potentielle Selbstmörder zusammen in einer Villa am Starnberger See unterbringt? Die Erbschaft ihres reichen Onkels verspricht den drei Halbgeschwistern Clarissa, Monika und Ulrich Berg ein neues Leben. Zuvor gilt es jedoch noch eine Testamentsklausel zu erfüllen: Sie müssen die geräumige Villa ihres Onkels am Starnberger See, Ludwigshöhe genannt, in einen Zufluchtsort für Selbstmörder verwandeln. Diese sollen dort völlig unbeeinflusst aus dem Leben scheiden können. Geeignete Kandidaten finden sich bald. Sie kommen mit ihrem Leben, den gesellschaftlichen Anforderungen und mit dem allgemeinen Zeitgeist nicht mehr zurecht. Da ist der Radioreporter, der einfach nichts mehr zum Elend der Welt zu sagen hat. Die Realschullehrerin, die Pädagogik aus Leidenschaft studierte, aber seit der Scherenattacke eines Schülers nicht mehr fähig ist zu arbeiten. Eine reiche und berühmte, aber einsame Schauspielerin. Ein unter Phalluskomplex und Lampenfieber leidender Bühnenbildner. Ein bankrotter Verleger. Eine Domina, der das Herz gebrochen wurde und die sich und ihren ehemaligen Geliebten erschießen will. Eine Kioskpächterin, die Lärm einfach nicht mehr ertragen kann. Ein Geologe, der durch Zeitungsartikel den Neid seiner Kollegen erregte und die deshalb seine akademischen Chancen zunichte machten. Ein junger Mann, der vom Leben derart übersättigt und gelangweilt ist, dass es ihm nichts mehr zu bieten hat. Und noch einige andere mehr. Doch geht es den Erben wirklich so viel besser? Der tägliche Existenzkampf der Geschwister Berg scheint kaum erfolgreicher zu sein, als der ihrer Selbstmordkandidaten. Als Ausweg erscheint ihnen nur die Erbschaft ihres Onkels, die sie auf ein sorgenfreies Leben hoffen lässt. Diese ist jedoch in Gefahr als nach den ersten beiden Selbstmorden kein weiterer mehr folgt. Die Bewohner haben es sich in ihrem Schwebezustand zwischen Leben und Tod recht gemütlich gemacht und denken nur noch halbherzig daran sich irgendwann einmal umzubringen. Da hilft auch das immer penetrantere Hinweisen auf die Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit des Lebens nicht mehr, mit dem die Erben anfangs dezent und schließlich immer penetranter versuchen zu Suiziden zu animieren: „Der Zugang in eine bessere Welt steht Ihnen rund um die Uhr offen. Wenn Sie dem grünen Pfeil (Halle) folgen, haben Sie binnen kurzem sämtliche Nöte und Drangsäle hinter sich. Ein bißchen Schwung und sie wandeln sorgenfrei.“ Es ist eine Herausforderung mit so vielen Figuren zu arbeiten, wie dies Hans Pleschinski in Ludwigshöhe macht. Diese präsentieren sich dem Leser ganz unterschiedlich. Einige treten nur als Nebendarsteller auf, andere bekommt man hingegen in Nahaufnahme präsentiert, als ausgearbeitete, teilweise in sich selbst widerspruchsvolle Charaktere. Nicht nur deren Außen- und Innensicht zeigen sich, sondern auch die unterschiedlich tiefen Beziehungen, welche die Villenbewohner untereinander haben. Den Überblick zu behalten, fällt oftmals nicht leicht und anfangs ist es auch schwierig sich zurechtzufinden, v.a. da Schauplätze, Personen und Situationen häufig, rasch und übergangslos wechseln. Denn es wird nicht nur das Geschehen im Hause Ludwigshöhe dargestellt, sondern auch das Leben ringsherum wird immer wieder gezeigt. Und es unterscheidet sich merkwürdiger Weise gar nicht so sehr von demjenigen, das die Selbstmörder zu ihrem Entschluss getrieben hat aus dem Leben zu scheiden. Intelligent kommt dieser Roman daher und hält Deutschland mal offen, mal versteckt den Spiegel vor. Sei es nur bei banalen Dingen, wie das ständige Lamentieren über das Wetter oder in wichtigen politischen wie die ständige Neutralität Deutschlands in allen Dingen: „Was war es doch für ein nettes Land! Unprätentiöser als deutsche Bürger wirkte auf der Welt kaum jemand. [...] Nun schienen sie wieder vorhanden zu sein, die braven deutschen Bürger, die jahrhundertelang Achtung und Witzeleien auf sich gezogen hatten. Fast wunderte sich die umgebende Welt, wie zahnlos das europäische Mittelgebiet in internationalen Belangen manchmal auftrat. German vote hieß in Brüssel die häufige deutsche Stimmenthaltung.“ Der Stil Pleschinskis erinnert durch die detaillierten Beschreibungen, die vielen Adjektive und den langen und komplizierten Satzbau phasenweise an den Thomas Manns. Farbenfroh und kontrastreich gelingt es Pleschinski Eindrücke einzufangen, Bilder und Kulissen aufzubauen und schließlich alle klassischen Problemfelder menschlicher Existenz unter einem Dach zu vereinen: Partnerschaft, Ehe, Familie, Beruf, Geldsorgen, Selbstfindungs- und Orientierungsprobleme; Um dem Roman die ihm gebührende Achtung zukommen zu lassen, sollte man sich für die Lektüre Zeit und Muße nehmen. Nur so kann das Buch auf den Leser seine volle Wirkung entfalten. Zum Schluss und nach einigem Nachdenken erkennt man, dass nicht nur einfach im Leben der Suizidgefährdeten etwas falsch gelaufen ist, vielmehr scheint es so als würde die ganze deutsche Gesellschaft kranken. Ob die neue Gesellschaft in Ludwigshöhe einen Ausweg bietet, ist noch die Frage. Aber an manchen Tagen erscheint sie erstrebenswerter als das eigene gesellschaftliche Leben.

Wer wird sich denn gleich umbringen?

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Hans Pleschinskis neuester Roman „Ludwigshöhe“ handelt von einer Gemeinschaft von Selbstmördern, die keine Lust mehr haben sich umzubringen.

Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg ist des öfteren schmal. Kein Wunder, dass man sich manchmal vielleicht danach sehnt alles hinzuschmeißen und endgültig Schluss zu machen, um sich so aller Probleme zu entledigen. Doch was passiert, wenn man mehrere potentielle Selbstmörder zusammen in einer Villa am Starnberger See unterbringt?

Die Erbschaft ihres reichen Onkels verspricht den drei Halbgeschwistern Clarissa, Monika und Ulrich Berg ein neues Leben. Zuvor gilt es jedoch noch eine Testamentsklausel zu erfüllen: Sie müssen die geräumige Villa ihres Onkels am Starnberger See, Ludwigshöhe genannt, in einen Zufluchtsort für Selbstmörder verwandeln. Diese sollen dort völlig unbeeinflusst aus dem Leben scheiden können.

Geeignete Kandidaten finden sich bald. Sie kommen mit ihrem Leben, den gesellschaftlichen Anforderungen und mit dem allgemeinen Zeitgeist nicht mehr zurecht. Da ist der Radioreporter, der einfach nichts mehr zum Elend der Welt zu sagen hat. Die Realschullehrerin, die Pädagogik aus Leidenschaft studierte, aber seit der Scherenattacke eines Schülers nicht mehr fähig ist zu arbeiten. Eine reiche und berühmte, aber einsame Schauspielerin. Ein unter Phalluskomplex und Lampenfieber leidender Bühnenbildner. Ein bankrotter Verleger. Eine Domina, der das Herz gebrochen wurde und die sich und ihren ehemaligen Geliebten erschießen will. Eine Kioskpächterin, die Lärm einfach nicht mehr ertragen kann. Ein Geologe, der durch Zeitungsartikel den Neid seiner Kollegen erregte und die deshalb seine akademischen Chancen zunichte machten. Ein junger Mann, der vom Leben derart übersättigt und gelangweilt ist, dass es ihm nichts mehr zu bieten hat. Und noch einige andere mehr.

Doch geht es den Erben wirklich so viel besser? Der tägliche Existenzkampf der Geschwister Berg scheint kaum erfolgreicher zu sein, als der ihrer Selbstmordkandidaten. Als Ausweg erscheint ihnen nur die Erbschaft ihres Onkels, die sie auf ein sorgenfreies Leben hoffen lässt. Diese ist jedoch in Gefahr als nach den ersten beiden Selbstmorden kein weiterer mehr folgt. Die Bewohner haben es sich in ihrem Schwebezustand zwischen Leben und Tod recht gemütlich gemacht und denken nur noch halbherzig daran sich irgendwann einmal umzubringen. Da hilft auch das immer penetrantere Hinweisen auf die Sinnlosigkeit und Trostlosigkeit des Lebens nicht mehr, mit dem die Erben anfangs dezent und schließlich immer penetranter versuchen zu Suiziden zu animieren: „Der Zugang in eine bessere Welt steht Ihnen rund um die Uhr offen. Wenn Sie dem grünen Pfeil (Halle) folgen, haben Sie binnen kurzem sämtliche Nöte und Drangsäle hinter sich. Ein bißchen Schwung und sie wandeln sorgenfrei.“

Es ist eine Herausforderung mit so vielen Figuren zu arbeiten, wie dies Hans Pleschinski in Ludwigshöhe macht. Diese präsentieren sich dem Leser ganz unterschiedlich. Einige treten nur als Nebendarsteller auf, andere bekommt man hingegen in Nahaufnahme präsentiert, als ausgearbeitete, teilweise in sich selbst widerspruchsvolle Charaktere. Nicht nur deren Außen- und Innensicht zeigen sich, sondern auch die unterschiedlich tiefen Beziehungen, welche die Villenbewohner untereinander haben. Den Überblick zu behalten, fällt oftmals nicht leicht und anfangs ist es auch schwierig sich zurechtzufinden, v.a. da Schauplätze, Personen und Situationen häufig, rasch und übergangslos wechseln. Denn es wird nicht nur das Geschehen im Hause Ludwigshöhe dargestellt, sondern auch das Leben ringsherum wird immer wieder gezeigt. Und es unterscheidet sich merkwürdiger Weise gar nicht so sehr von demjenigen, das die Selbstmörder zu ihrem Entschluss getrieben hat aus dem Leben zu scheiden.

Intelligent kommt dieser Roman daher und hält Deutschland mal offen, mal versteckt den Spiegel vor. Sei es nur bei banalen Dingen, wie das ständige Lamentieren über das Wetter oder in wichtigen politischen wie die ständige Neutralität Deutschlands in allen Dingen:

„Was war es doch für ein nettes Land! Unprätentiöser als deutsche Bürger wirkte auf der Welt kaum jemand. [...] Nun schienen sie wieder vorhanden zu sein, die braven deutschen Bürger, die jahrhundertelang Achtung und Witzeleien auf sich gezogen hatten. Fast wunderte sich die umgebende Welt, wie zahnlos das europäische Mittelgebiet in internationalen Belangen manchmal auftrat. German vote hieß in Brüssel die häufige deutsche Stimmenthaltung.“

Der Stil Pleschinskis erinnert durch die detaillierten Beschreibungen, die vielen Adjektive und den langen und komplizierten Satzbau phasenweise an den Thomas Manns. Farbenfroh und kontrastreich gelingt es Pleschinski Eindrücke einzufangen, Bilder und Kulissen aufzubauen und schließlich alle klassischen Problemfelder menschlicher Existenz unter einem Dach zu vereinen: Partnerschaft, Ehe, Familie, Beruf, Geldsorgen, Selbstfindungs- und Orientierungsprobleme;

Um dem Roman die ihm gebührende Achtung zukommen zu lassen, sollte man sich für die Lektüre Zeit und Muße nehmen. Nur so kann das Buch auf den Leser seine volle Wirkung entfalten.

Zum Schluss und nach einigem Nachdenken erkennt man, dass nicht nur einfach im Leben der Suizidgefährdeten etwas falsch gelaufen ist, vielmehr scheint es so als würde die ganze deutsche Gesellschaft kranken. Ob die neue Gesellschaft in Ludwigshöhe einen Ausweg bietet, ist noch die Frage. Aber an manchen Tagen erscheint sie erstrebenswerter als das eigene gesellschaftliche Leben.

geschrieben am 22.03.2009 | 796 Wörter | 4853 Zeichen

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