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Irdische Mächte, göttliches Heil


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Rezension von

Nicolai Hannig

Irdische Mächte, göttliches Heil Das Verhältnis von Politik und Religion steht derzeit im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der islamische Fundamentalismus traf in der westlichen Welt auf eine Hilf- und Ratlosigkeit, die in den Medien, der Wissenschaft und Politik breit diskutiert wird. Demzufolge erfuhr auch die Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung dieses spannungsgeladenen Verhältnisses einen Aufschwung, der die Religionsgeschichte nicht nur in Deutschland aus ihrem bisherigen Nischendasein empor hievte. Im Fahrwasser dieser Welle schwimmt auch Michael Burleighs voluminöse Studie über die „Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart“, die nun zwei Jahre nach ihrem Erscheinen in englischer Sprache auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Historiker Burleigh schreibt auf etwa 1200Seiten keine Forschungsarbeit, sondern eine detaillierte Gesamtdarstellung der politischen und religiösen Interaktionen in Europa und Amerika zwischen dem späten 18. und dem frühen 21. Jahrhundert. Neben ihrer Wissenschaftlichkeit und Seriosität weist Burleighs Studie bisweilen auch viele pointierte, feuilletonistische Stellungnahmen über den religiösen Formenwandel auf. Die christlichen Großkirchen werden dabei als einzig glaubwürdige Religionsstifter gewürdigt, neu- und freireligiöse Bewegungen sowie viele Ersatz- und Säkularreligionen stehen in Burleighs Auslegung lediglich in deren Schatten. Die Stärken der breit angelegten Studie finden sich allerdings in den Ausführungen zum 19. und 20. Jahrhundert. Lange hat der deutsche religionshistorisch interessierte Leser nach fundierten Überblicken suchen müssen, die beispielsweise für die Zeit des Kulturkampfes nicht nur die deutsche, sondern die internationale Perspektive bemühen – war doch gerade die Auseinandersetzung des politischen Feldes mit der katholischen Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts keineswegs ein rein deutsches Phänomen. Begrifflich bedient sich Burleigh souverän der gängigen Prozesskategorien, bleibt seinen Lesern jedoch genauere Eingrenzungen von Konzepten wie etwa dem der „Säkularisierung“ schuldig. Freilich gibt es kaum treffendere Begriffe für den religiösen Wandel in der Moderne, andererseits hat aber auch kaum ein anderer Prozessbegriff eine derart kontroverse Diskussion in Fachwissenschaft und Öffentlichkeit nach sich gezogen. Mit dieser fehlenden begriffsgeschichtlichen Auseinandersetzung verspielt Burleigh letztlich auch die Gelegenheit, die international jeweils verschiedenen Konzepte von Säkularisierung zu vergleichen und den religiösen Gestaltenwandel vor allem als semantischen Wandel zu begreifen und damit den hinlänglich bekannten, auf zählbaren Statistiken beruhenden Entkirchlichungsprozess neu zu sekundieren. Marginalien sind diese Kritikpunkte schließlich im Hinblick auf die breite Belesenheit des Autors, der die Nordirland-Krise seit etwa 1968 ebenso erhellend bündeln kann wie die Pariser oder Moskauer religiösen Mentalitäten des 18. und 19. Jahrhunderts. Störend ist allein der nahezu allgegenwärtige Kulturpessimismus Burleighs, der gepaart mit einer ebenso durchgängigen Liberalismuskritik oftmals den Rahmen seiner Analysen absteckt. Ob Religion und Kirche auch die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts werden entscheidend mitgestalten können, bleibt am Ende offen, liegt diese Frage doch nicht im Kompetenzbereich des Historikers.

Das Verhältnis von Politik und Religion steht derzeit im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Der islamische Fundamentalismus traf in der westlichen Welt auf eine Hilf- und Ratlosigkeit, die in den Medien, der Wissenschaft und Politik breit diskutiert wird. Demzufolge erfuhr auch die Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung dieses spannungsgeladenen Verhältnisses einen Aufschwung, der die Religionsgeschichte nicht nur in Deutschland aus ihrem bisherigen Nischendasein empor hievte. Im Fahrwasser dieser Welle schwimmt auch Michael Burleighs voluminöse Studie über die „Geschichte des Kampfes zwischen Politik und Religion von der Französischen Revolution bis in die Gegenwart“, die nun zwei Jahre nach ihrem Erscheinen in englischer Sprache auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Der Historiker Burleigh schreibt auf etwa 1200Seiten keine Forschungsarbeit, sondern eine detaillierte Gesamtdarstellung der politischen und religiösen Interaktionen in Europa und Amerika zwischen dem späten 18. und dem frühen 21. Jahrhundert. Neben ihrer Wissenschaftlichkeit und Seriosität weist Burleighs Studie bisweilen auch viele pointierte, feuilletonistische Stellungnahmen über den religiösen Formenwandel auf. Die christlichen Großkirchen werden dabei als einzig glaubwürdige Religionsstifter gewürdigt, neu- und freireligiöse Bewegungen sowie viele Ersatz- und Säkularreligionen stehen in Burleighs Auslegung lediglich in deren Schatten. Die Stärken der breit angelegten Studie finden sich allerdings in den Ausführungen zum 19. und 20. Jahrhundert. Lange hat der deutsche religionshistorisch interessierte Leser nach fundierten Überblicken suchen müssen, die beispielsweise für die Zeit des Kulturkampfes nicht nur die deutsche, sondern die internationale Perspektive bemühen – war doch gerade die Auseinandersetzung des politischen Feldes mit der katholischen Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts keineswegs ein rein deutsches Phänomen.

Begrifflich bedient sich Burleigh souverän der gängigen Prozesskategorien, bleibt seinen Lesern jedoch genauere Eingrenzungen von Konzepten wie etwa dem der „Säkularisierung“ schuldig. Freilich gibt es kaum treffendere Begriffe für den religiösen Wandel in der Moderne, andererseits hat aber auch kaum ein anderer Prozessbegriff eine derart kontroverse Diskussion in Fachwissenschaft und Öffentlichkeit nach sich gezogen. Mit dieser fehlenden begriffsgeschichtlichen Auseinandersetzung verspielt Burleigh letztlich auch die Gelegenheit, die international jeweils verschiedenen Konzepte von Säkularisierung zu vergleichen und den religiösen Gestaltenwandel vor allem als semantischen Wandel zu begreifen und damit den hinlänglich bekannten, auf zählbaren Statistiken beruhenden Entkirchlichungsprozess neu zu sekundieren.

Marginalien sind diese Kritikpunkte schließlich im Hinblick auf die breite Belesenheit des Autors, der die Nordirland-Krise seit etwa 1968 ebenso erhellend bündeln kann wie die Pariser oder Moskauer religiösen Mentalitäten des 18. und 19. Jahrhunderts. Störend ist allein der nahezu allgegenwärtige Kulturpessimismus Burleighs, der gepaart mit einer ebenso durchgängigen Liberalismuskritik oftmals den Rahmen seiner Analysen absteckt. Ob Religion und Kirche auch die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts werden entscheidend mitgestalten können, bleibt am Ende offen, liegt diese Frage doch nicht im Kompetenzbereich des Historikers.

geschrieben am 01.08.2008 | 434 Wörter | 3036 Zeichen

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