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Prähistorische Anthropologie


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Rezension von

Ragan Tanger

Prähistorische Anthropologie Von Leichen lernen Dass die Anthropologie heutzutage nicht mehr den Stellenwert hat, den sie vielleicht vor 200 Jahren einmal gehabt hat, ist einerseits den rassischen Überhöhungen des 19. Jahrhunderts zuzuschreiben, andererseits aber auch der unüberbrückbaren Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, die in der akademischen Welt immer noch besteht. Die so naheliegende wie wegweisende Möglichkeit der Anthropologie als Brückenfach zwischen eben jenen Strömungen verpufft in den fachblinden Stuben der Gelehrten beider Richtungen. Demzufolge hat sich die Anthropologie - eigentlich die Königin der Wissenschaften - eine Nische geschaffen, aus der heraus sie in spezifischen Arrangements zu überzeugen weiß. Nichtsdestotrotz beklagt die Autorin Gisela Gruppe im Vorwort zum umfangreichen Kompendium Prähistorische Anthropologie den mangeldenen Nachwuchs in jenem Bereich. Wo man auch hinschaut, werden anthropologische Institute aufgegeben und nur wenige schaffen es, sich eine wichtigen Platz in der akademischen Welt zu rechtfertigen. Wie eben jenes Institut, das von Grupe in München angeführt wird und sich als biologische Spezialwissenschaft versteht, die auf die Archäologie angewiesen ist und die zahlreiche Biowissenschaften (Biologie, Medizin) als auch Geisteswissenschaften (Geschichte, Soziologie) bedienen kann. Das knapp 550 Seiten starke Buch ist ähnlich hochwertig wie der vor zehn Jahren erschienene Klassiker im gleichen Verlag, der die biologische Anthropologie als Ganzes repräsentiert. Die Spezialisierung auf diesen Aspekt, der sich mit den Erhaltungsformen menschlicher Überreste, der dazu gehörigen Feldarbeit, Aufbewahrung und Dokumentation beschäftigt, ist eigentlich überfällig und in dieser Fülle wegweisend. Neben einer lesenswerten und schlüssigen Einleitung, die das Fach der Anthropologie als solches vorstellt und einer erst seit wenigen Jahrzehnten notwendigen ethischen Überlegungen, werden alle Möglichkeiten der anatomischen Rekonstruktion aufgezeigt - begonnen bei der Bergung und Freilegung von Skeletten, hin zu dem so schwierigen und vielschichtigen Individualbefund. Das Ganze wird durch zahlreiche Fotografien und Zeichnungen bildlich verständlich aufgearbeitet und auch der Bereich der Populationsgenetik kommt gegen Ende des Buches nicht zu kurz, wenn er auch nur diejenigen wirklich anspricht, die sich mit dem chemischen Bedingungen und Möglichkeiten vertraut gemacht haben. Dass jeder Abschnitt sich mit einer umfangreichen Literaturliste, detailgetreuer Zitierweise und nüchterner, logischer Wissenschaftssprache auszeichnet, versteht sich von selbst, ist aber in Zeiten persönliche Eitelkeiten in Akademikerkreisen hervorzuheben. Das Buch ist ein Lehrbuch im klassischen Sinne und bedient alle Studenten und Interessierten rundum. Die einzige Frage bleibt, wie man denn die zukünftigen Forscher für dieses Gebiet generieren möchte. Dazu bedrüfte es weniger solch herausragender, klar positionierter und interdisziplinär hervorragend eingebetteter Lehrbücher wie diesem, sondern einer generellen Möglichkeiten, die Anthropologie wieder als das zu verstehen, was sie ist. Nämlich die einzige Möglichkeit, den Menschen und seine Welt von einer ganzheitlichen (in einem wissenschaftlichen Sinne) Perspektive aus zu untersuchen. Da ist leider nicht abzusehen. Für diejenigen, die trotzdem in dieser Nische hausen und leben werden, ist dieses Buch ein unbedingtes Muss, quasi eine der ganze wenigen Möglichkeiten der Selbstbestätigung.

Von Leichen lernen

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Dass die Anthropologie heutzutage nicht mehr den Stellenwert hat, den sie vielleicht vor 200 Jahren einmal gehabt hat, ist einerseits den rassischen Überhöhungen des 19. Jahrhunderts zuzuschreiben, andererseits aber auch der unüberbrückbaren Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, die in der akademischen Welt immer noch besteht. Die so naheliegende wie wegweisende Möglichkeit der Anthropologie als Brückenfach zwischen eben jenen Strömungen verpufft in den fachblinden Stuben der Gelehrten beider Richtungen. Demzufolge hat sich die Anthropologie - eigentlich die Königin der Wissenschaften - eine Nische geschaffen, aus der heraus sie in spezifischen Arrangements zu überzeugen weiß. Nichtsdestotrotz beklagt die Autorin Gisela Gruppe im Vorwort zum umfangreichen Kompendium Prähistorische Anthropologie den mangeldenen Nachwuchs in jenem Bereich. Wo man auch hinschaut, werden anthropologische Institute aufgegeben und nur wenige schaffen es, sich eine wichtigen Platz in der akademischen Welt zu rechtfertigen. Wie eben jenes Institut, das von Grupe in München angeführt wird und sich als biologische Spezialwissenschaft versteht, die auf die Archäologie angewiesen ist und die zahlreiche Biowissenschaften (Biologie, Medizin) als auch Geisteswissenschaften (Geschichte, Soziologie) bedienen kann.

Das knapp 550 Seiten starke Buch ist ähnlich hochwertig wie der vor zehn Jahren erschienene Klassiker im gleichen Verlag, der die biologische Anthropologie als Ganzes repräsentiert. Die Spezialisierung auf diesen Aspekt, der sich mit den Erhaltungsformen menschlicher Überreste, der dazu gehörigen Feldarbeit, Aufbewahrung und Dokumentation beschäftigt, ist eigentlich überfällig und in dieser Fülle wegweisend.

Neben einer lesenswerten und schlüssigen Einleitung, die das Fach der Anthropologie als solches vorstellt und einer erst seit wenigen Jahrzehnten notwendigen ethischen Überlegungen, werden alle Möglichkeiten der anatomischen Rekonstruktion aufgezeigt - begonnen bei der Bergung und Freilegung von Skeletten, hin zu dem so schwierigen und vielschichtigen Individualbefund. Das Ganze wird durch zahlreiche Fotografien und Zeichnungen bildlich verständlich aufgearbeitet und auch der Bereich der Populationsgenetik kommt gegen Ende des Buches nicht zu kurz, wenn er auch nur diejenigen wirklich anspricht, die sich mit dem chemischen Bedingungen und Möglichkeiten vertraut gemacht haben.

Dass jeder Abschnitt sich mit einer umfangreichen Literaturliste, detailgetreuer Zitierweise und nüchterner, logischer Wissenschaftssprache auszeichnet, versteht sich von selbst, ist aber in Zeiten persönliche Eitelkeiten in Akademikerkreisen hervorzuheben.

Das Buch ist ein Lehrbuch im klassischen Sinne und bedient alle Studenten und Interessierten rundum. Die einzige Frage bleibt, wie man denn die zukünftigen Forscher für dieses Gebiet generieren möchte. Dazu bedrüfte es weniger solch herausragender, klar positionierter und interdisziplinär hervorragend eingebetteter Lehrbücher wie diesem, sondern einer generellen Möglichkeiten, die Anthropologie wieder als das zu verstehen, was sie ist. Nämlich die einzige Möglichkeit, den Menschen und seine Welt von einer ganzheitlichen (in einem wissenschaftlichen Sinne) Perspektive aus zu untersuchen. Da ist leider nicht abzusehen. Für diejenigen, die trotzdem in dieser Nische hausen und leben werden, ist dieses Buch ein unbedingtes Muss, quasi eine der ganze wenigen Möglichkeiten der Selbstbestätigung.

geschrieben am 08.06.2015 | 452 Wörter | 3073 Zeichen

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