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Florenz und Bagdad


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Rezension von

Hiram Kümper

Florenz und Bagdad Nach einem Jahr bereits in die dritte Auflage – Hans Beltings „westöstliche Geschichte des Blicks“ scheint beim Publikum geradezu einzuschlagen. Die durchweg positiven, teils ja mithin euphorischen Besprechungen in den Feuilletons des Frühjahrs 2008 nach Erscheinen der Erstauflage sprechen dafür und haben sicher auch ihr Übrigens dazu getan. Mit Recht. Dies ist ein spannendes, thesengeladenes, materialgesättigtes und nicht zuletzt ein elegant verfasstes Buch – reichlich illustriert mit Abbildungen von bestechender Qualität. Den Clou gleich vorweg: Belting verschiebt die „Entdeckung“ der Zentralperspektive, jenes traditionelle Signum der italienischen Renaissance, in den Orient – und einige Jahrhunderte nach vorne. So könnte man etwas verplattet zusammenfassen. Aber die Sache gestaltet sich dann doch etwas komplizierter. Und dem spürt Belting mit viel Feingefühl nach. Als frühen großen Theoretiker der Zentralperspektive identifiziert er den arabischen Gelehrten Abu Ali al-Hasan Ibn al-Haitham (965-1040), im Westen unter dem Namen „Alhazen“ bekannt, und dessen optisches Lehrbuch, die „Perspectiva“. Aber: es handelt sich da nicht um eine einfache, direkte Übertragung östlicher Kenntnisse in westliche Kunst. Alhazen war Philosoph, war vor allem Mathematiker. Ihm ging es nicht um Kunst, nicht um den Blick, sondern um das Sehen. Und das erklärt die Brechung in der Rezeption seiner und anderer arabischer Werke in der westlichen Akademe. Solche Erkenntnisse schließen gut an neuere Forschungen an, wie George Salibas unlängst erschienene Studie „Islamic Science and the Making of the European Renaissance“ (2007), auf die auch Belting explizit Bezug nimmt. Sie zeigen uns, wie komplex eigentlich die Wechselwirkungen zwischen islamischer und christlicher Kultur waren. „Die arabische Sehtheorie“, so stellt Belting fest, „war bereits im 13. Jahrhundert an den westlichen Hochschulen bekannt, doch wurde daraus erst im 15. Jahrhundert eine Bildtheorie. Ihr Wandel zur Bildtheorie hatte keine wissenschaftlichen Gründe, sondern war eine kulturelle Entscheidung.“ (S. 104) Mit diesen zwei kurzen Sätzen ist zugleich eines der wesentliche Programme dieses Buches und der spannenden Einblicke benannt, die es eröffnet. Denn dieser Kulturaspekt wird stark gemacht; ist nicht bloße Rhetorik. Es geht um weit mehr als „nur“ um Kunst, es geht um eine Geschichte des Blicks, der sich Bildwelten erschließt, der bewertet, einordnet und in Beziehung setzt. Und die wird entlang von „Blickwechseln“ geschrieben. Belting vermitteln solche changierenden Einblicke nicht nur in die Welt der Kunst, sondern auch in religiöse Bezüge, wissenschaftliche Theoriebildungen und vormoderne Kommunikationswege. Das führt zu einer zweiten, noch viel umfassenderen Pointe als es die neue Brille auf die Zentralperspektive ohnehin schon wäre: Auf die gegenseitigen Bezüge zwischen optischen und künstlerischen Theorien, zwischen Seh- und Blickweisen, mithin zwischen dem, was wir heute nicht mehr ganz so starr, aber doch noch ziemlich deutlich getrennt als Natur- und Geisteswissenschaften bezeichnen. Kreuzungen über Kreuzungen also. Und das ist es, was dieses Buch so intellektuell stimulierend macht.

Nach einem Jahr bereits in die dritte Auflage – Hans Beltings „westöstliche Geschichte des Blicks“ scheint beim Publikum geradezu einzuschlagen. Die durchweg positiven, teils ja mithin euphorischen Besprechungen in den Feuilletons des Frühjahrs 2008 nach Erscheinen der Erstauflage sprechen dafür und haben sicher auch ihr Übrigens dazu getan. Mit Recht. Dies ist ein spannendes, thesengeladenes, materialgesättigtes und nicht zuletzt ein elegant verfasstes Buch – reichlich illustriert mit Abbildungen von bestechender Qualität.

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Den Clou gleich vorweg: Belting verschiebt die „Entdeckung“ der Zentralperspektive, jenes traditionelle Signum der italienischen Renaissance, in den Orient – und einige Jahrhunderte nach vorne. So könnte man etwas verplattet zusammenfassen.

Aber die Sache gestaltet sich dann doch etwas komplizierter. Und dem spürt Belting mit viel Feingefühl nach. Als frühen großen Theoretiker der Zentralperspektive identifiziert er den arabischen Gelehrten Abu Ali al-Hasan Ibn al-Haitham (965-1040), im Westen unter dem Namen „Alhazen“ bekannt, und dessen optisches Lehrbuch, die „Perspectiva“. Aber: es handelt sich da nicht um eine einfache, direkte Übertragung östlicher Kenntnisse in westliche Kunst. Alhazen war Philosoph, war vor allem Mathematiker. Ihm ging es nicht um Kunst, nicht um den Blick, sondern um das Sehen. Und das erklärt die Brechung in der Rezeption seiner und anderer arabischer Werke in der westlichen Akademe.

Solche Erkenntnisse schließen gut an neuere Forschungen an, wie George Salibas unlängst erschienene Studie „Islamic Science and the Making of the European Renaissance“ (2007), auf die auch Belting explizit Bezug nimmt. Sie zeigen uns, wie komplex eigentlich die Wechselwirkungen zwischen islamischer und christlicher Kultur waren. „Die arabische Sehtheorie“, so stellt Belting fest, „war bereits im 13. Jahrhundert an den westlichen Hochschulen bekannt, doch wurde daraus erst im 15. Jahrhundert eine Bildtheorie. Ihr Wandel zur Bildtheorie hatte keine wissenschaftlichen Gründe, sondern war eine kulturelle Entscheidung.“ (S. 104) Mit diesen zwei kurzen Sätzen ist zugleich eines der wesentliche Programme dieses Buches und der spannenden Einblicke benannt, die es eröffnet. Denn dieser Kulturaspekt wird stark gemacht; ist nicht bloße Rhetorik. Es geht um weit mehr als „nur“ um Kunst, es geht um eine Geschichte des Blicks, der sich Bildwelten erschließt, der bewertet, einordnet und in Beziehung setzt. Und die wird entlang von „Blickwechseln“ geschrieben. Belting vermitteln solche changierenden Einblicke nicht nur in die Welt der Kunst, sondern auch in religiöse Bezüge, wissenschaftliche Theoriebildungen und vormoderne Kommunikationswege.

Das führt zu einer zweiten, noch viel umfassenderen Pointe als es die neue Brille auf die Zentralperspektive ohnehin schon wäre: Auf die gegenseitigen Bezüge zwischen optischen und künstlerischen Theorien, zwischen Seh- und Blickweisen, mithin zwischen dem, was wir heute nicht mehr ganz so starr, aber doch noch ziemlich deutlich getrennt als Natur- und Geisteswissenschaften bezeichnen. Kreuzungen über Kreuzungen also. Und das ist es, was dieses Buch so intellektuell stimulierend macht.

geschrieben am 17.12.2009 | 446 Wörter | 2817 Zeichen

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