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Das Alte Europa


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Rezension von

Hiram Kümper

Das Alte Europa Ein großer Wurf in kleinem Format: Nicht weniger als knappe sieben Jahrhunderte und einen damals wie heute nicht sehr klar umrissenen, aber fraglos riesigen geographischen Bereich namens „Europa“ hat der Schweizer Historiker Peter Blickle sich auf guten dreihundert Seiten vorgenommen. Im Mittelpunkt steht eine Einheitsbehauptung: Alteuropa. Diese, wie oben skizziert, räumlich und zeitlich weit ausgreifende, strukturelle Einheit sucht Blickle in vier thematischen Kapiteln, denen vier Dimensionen solcher Einheitlichkeit entsprechen, nachzuweisen. Da ist zunächst das (nicht mehr so „ganze“) „Haus“ als Kern und Strukturprinzip alteuropäischer Vergesellschaftung. Blickle schließt sich damit explizit an eine Forschungstradition an, die in den letzten Jahrzehnten viel Kritik erfahren hat. Und er tut dies mit dem expliziten Anspruch, man möge dieses Modell nicht zu vorschnell gänzlich verwerfen. Neben das Haus treten die ständisch organisierte, an Konsens gebundene Monarchie und die Kommune als wichtige Strukturelemente von „Macht und Gewalt“ in der alteuropäischen Gesellschaft. Im zweiten Kapitel behandelt Blickle „Sakralität und Spiritualität“. Im gedanklichen Mittelpunkt, aber nicht im Anfang, steht dabei das christliche Mitleiden, dessen „Anfang vom Ende“ erst die Aufklärung bewirkt habe (S. 119). Dort, am Anfang nämlich, steht vielmehr wiederum ein räumlich-herrschaftliches Strukturelement: die Pfarrei. Dieser besondere Blick für die Einheit und Kontinuität spendende Funktion von Institutionen mag Blickle von einem seiner großen Vorgänger geerbt haben: Dietrich Gerhard. Der 1985 erschienenen deutschen Übersetzung von dessen „Study in Continuity“ hatte er seinerzeit das Vorwort vorgesetzt. Das dritte Kapitel wendet sich dem „Rechtsrahmen für Wirtschaft und Gesellschaft“ zu. Und das ist – für manchen vielleicht erstaunlich: der Friede. Friede als zentrale Bezugsposition von Recht, Wirtschaft und Standesgesellschaft (Stichwort: Freiheit!) sieht Blickle als zentralen Bezugswert alteuropäischer Gesellschaften. Damit liegt er durchaus auf einer Linie mit den intellektuellen Empörungsschreien nach Donald Rumsfelds unglücklichem „Old Europe“-Interview, wie beispielsweise denen von Jürgen Habermas oder Adolf Muschg. Frieden ist für Blickle in den seltensten Fällen ein hoheitlich gestiftetes, sondern vor allem ein korporatives Phänomen. Damit gedanklich eng verbunden ist Frage nach der „Ordnung“, der sich Blickle im vierten Kapitel zuwendet. Auch hier stehen für ihn die Kommunen im Vordergrund, die mit der Idee von der „guten Policey“ ein weit wirkmächtigeres Ordnungsprinzip schufen als es hoheitlich-adelige Regulationsbestrebungen je getan hatten. Gerade im notorischen Ungehorsam und in der Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen sieht Blickle das Verlangen nach Ordnung und Verrechtlichung, aber auch nach Partizipation und Konsens zwischen Herrschern und Beherrschten. In einer „Koda“ (S. 244) sucht Blickle die Verbindung vom alten zum neuen Europa und schließt damit den Rahmen der eleganten Darstellung, die den Rumsfeld-Eklat und die scharfsinnigen Feststellung, das von beiden Seiten beschworene „Alteuropa“ seit „eigentlich das moderne, das sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit seit der Aufklärung formierende Europa“ (S. 10), als Einstieg wählt. Hier wird deutlich, woraus der Verfasser auch in den darstellenden Kapiteln keinen Hehl macht: seine Faszination, ja seine tiefe Sympathie für den eigenen Gegenstand. Man könnte auch sagen: seine Idealisierung. Denn das wird der zentrale Kritikpunkt sein, den sich dieses Buch gefallen lassen muss. Es ist ein zutiefst standpunkt-gebundenes Buch, das zugunsten des eigenen Gegenstandes, der alteuropäischen Epoche, das Vorher und Nachher zum negativ konnotierten Gegenentwurf macht und damit im Grunde genau das tut, was der Verfasser bisherigen Darstellungen vorwirft – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Das tut dem Umstand keinen Abbruch, dass es sich hier um ein ausgesprochen lesenswertes und gedankenreiches Buch handelt, wenn man es eben nicht als dozierende Darstellung historischer Endweisheiten, sondern als einen Beitrag zu einer Diskussion begreift, die es verdient, noch weiter geführt zu werden.

Ein großer Wurf in kleinem Format: Nicht weniger als knappe sieben Jahrhunderte und einen damals wie heute nicht sehr klar umrissenen, aber fraglos riesigen geographischen Bereich namens „Europa“ hat der Schweizer Historiker Peter Blickle sich auf guten dreihundert Seiten vorgenommen.

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Im Mittelpunkt steht eine Einheitsbehauptung: Alteuropa. Diese, wie oben skizziert, räumlich und zeitlich weit ausgreifende, strukturelle Einheit sucht Blickle in vier thematischen Kapiteln, denen vier Dimensionen solcher Einheitlichkeit entsprechen, nachzuweisen.

Da ist zunächst das (nicht mehr so „ganze“) „Haus“ als Kern und Strukturprinzip alteuropäischer Vergesellschaftung. Blickle schließt sich damit explizit an eine Forschungstradition an, die in den letzten Jahrzehnten viel Kritik erfahren hat. Und er tut dies mit dem expliziten Anspruch, man möge dieses Modell nicht zu vorschnell gänzlich verwerfen. Neben das Haus treten die ständisch organisierte, an Konsens gebundene Monarchie und die Kommune als wichtige Strukturelemente von „Macht und Gewalt“ in der alteuropäischen Gesellschaft.

Im zweiten Kapitel behandelt Blickle „Sakralität und Spiritualität“. Im gedanklichen Mittelpunkt, aber nicht im Anfang, steht dabei das christliche Mitleiden, dessen „Anfang vom Ende“ erst die Aufklärung bewirkt habe (S. 119). Dort, am Anfang nämlich, steht vielmehr wiederum ein räumlich-herrschaftliches Strukturelement: die Pfarrei. Dieser besondere Blick für die Einheit und Kontinuität spendende Funktion von Institutionen mag Blickle von einem seiner großen Vorgänger geerbt haben: Dietrich Gerhard. Der 1985 erschienenen deutschen Übersetzung von dessen „Study in Continuity“ hatte er seinerzeit das Vorwort vorgesetzt.

Das dritte Kapitel wendet sich dem „Rechtsrahmen für Wirtschaft und Gesellschaft“ zu. Und das ist – für manchen vielleicht erstaunlich: der Friede. Friede als zentrale Bezugsposition von Recht, Wirtschaft und Standesgesellschaft (Stichwort: Freiheit!) sieht Blickle als zentralen Bezugswert alteuropäischer Gesellschaften. Damit liegt er durchaus auf einer Linie mit den intellektuellen Empörungsschreien nach Donald Rumsfelds unglücklichem „Old Europe“-Interview, wie beispielsweise denen von Jürgen Habermas oder Adolf Muschg. Frieden ist für Blickle in den seltensten Fällen ein hoheitlich gestiftetes, sondern vor allem ein korporatives Phänomen.

Damit gedanklich eng verbunden ist Frage nach der „Ordnung“, der sich Blickle im vierten Kapitel zuwendet. Auch hier stehen für ihn die Kommunen im Vordergrund, die mit der Idee von der „guten Policey“ ein weit wirkmächtigeres Ordnungsprinzip schufen als es hoheitlich-adelige Regulationsbestrebungen je getan hatten. Gerade im notorischen Ungehorsam und in der Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen sieht Blickle das Verlangen nach Ordnung und Verrechtlichung, aber auch nach Partizipation und Konsens zwischen Herrschern und Beherrschten.

In einer „Koda“ (S. 244) sucht Blickle die Verbindung vom alten zum neuen Europa und schließt damit den Rahmen der eleganten Darstellung, die den Rumsfeld-Eklat und die scharfsinnigen Feststellung, das von beiden Seiten beschworene „Alteuropa“ seit „eigentlich das moderne, das sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit seit der Aufklärung formierende Europa“ (S. 10), als Einstieg wählt. Hier wird deutlich, woraus der Verfasser auch in den darstellenden Kapiteln keinen Hehl macht: seine Faszination, ja seine tiefe Sympathie für den eigenen Gegenstand.

Man könnte auch sagen: seine Idealisierung. Denn das wird der zentrale Kritikpunkt sein, den sich dieses Buch gefallen lassen muss. Es ist ein zutiefst standpunkt-gebundenes Buch, das zugunsten des eigenen Gegenstandes, der alteuropäischen Epoche, das Vorher und Nachher zum negativ konnotierten Gegenentwurf macht und damit im Grunde genau das tut, was der Verfasser bisherigen Darstellungen vorwirft – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Das tut dem Umstand keinen Abbruch, dass es sich hier um ein ausgesprochen lesenswertes und gedankenreiches Buch handelt, wenn man es eben nicht als dozierende Darstellung historischer Endweisheiten, sondern als einen Beitrag zu einer Diskussion begreift, die es verdient, noch weiter geführt zu werden.

geschrieben am 08.06.2009 | 567 Wörter | 3741 Zeichen

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