
| ISBN | 2207259250 | |
| Autor | Cécile Desprairies | |
| Verlag | P. Denoel | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 348 | |
| Erscheinungsjahr | 2008 | |
| Extras | - |

Ernst Jünger bewegte sich als Besatzungsoffizier in Paris wie ein Fisch im Wasser. Aus seinem Tagebuch kann man entnehmen, dass der deutsche Dichter-Dandy alles tat, um in der von ihm so verehrten europäischen Kulturhauptstadt nicht als Repräsentant des deutschen Regimes zu erscheinen. Im Juni 1941 von Hans Speidel, zu dieser Zeit Chef des Pariser Kommandostabes, in den Stab des Militärbefehlshabers in Frankreich geholt, wurde Jünger sogleich Teilnehmer der wichtigsten intellektuellen Gesprächsrunden der Deutschen. Als Symbol steht dafür das Georges V., in dem die gleichnamige Runde tagte. Damals wie heute wieder ist das Luxushotel allererste Adresse in Paris. Hier versammelte Speidel einen Kreis von regimekritischen Offizieren, Künstlern und Wissenschaftlern um sich. Friedrich Sieburg und Dolf Sternberger waren Teilnehmer, die später in der Bundesrepublik bekannt werden sollten. Sieburg hatte schon damals aufgrund seiner Bücher einen Namen, Sternberger war Pariser Korrespondent der Frankfurter Zeitung. Es wurde offen über die moralische Verwerflichkeit der aus Berlin befohlenen Geiselerschießungen gesprochen und debattiert, wie sich die Wehrmacht als deutsche Besatzungsmacht in Frankreich möglichst fair und human verhalten könnte. Am 12. Juni 1941 schrieb Jünger an seinen Bruder Friedrich-Georg: „Der Eindruck, den ich dort erhielt, bestätigte mir meine Theorie von der Bildung sehr kleiner geistiger Eliten in unserer Zeit.“ Am 13. November 1941 notiert Jünger in sein Tagebuch: „Am Abend im George V. Ich brachte Oberst Speidel die Maximen von René Quinton mit. Als er mich um eine Einzeichnung bat, wählte ich das Wort ‚La récompense des hommes, c’est d’estimer leurs chefs’. Unter seiner Ägide bilden wir hier im Innern der Militärmaschine eine Art von Farbzelle, von geistiger Ritterschaft, die im Bauche des Leviathans tagt und noch den Blick, das Herz zu wahren sucht, für die Schwachen und Schutzlosen.“

Haben die Franzosen verständlicherweise ihre Probleme mit der Besatzungszeit, so ist doch auffällig, dass ihr Umgang damit inzwischen wesentlich ressentimentfreier ist als in Deutschland. Dies verdeutlicht jetzt ein in Frankreich erschienenes Buch: Cécile Despraires sammelte in verschiedenen Archiven Photos von Gebäuden aus der deutschen Besatzungszeit vom Juni 1941 bis zum August 1944. In ihrem Buch »Ville lumière – années noires. Les lieux du Paris de la collaboration« finden sich 140 Pariser Häuser, die während der Besatzungszeit von den Deutschen okkupiert waren und genutzt wurden. Insgesamt waren es natürlich wesentlich mehr Gebäude – mehrere Hundert -, die von den Besatzern und ihren französischen Helfern, den Kollaborateuren, besetzt wurden.
Die Schwarz-Weiß-Photos der Zeit geben einen süffisanten Eindruck vom Air, der atmosphärischen Ausnahmesituation, in die die Stadt gestürzt wurde. Dazu trägt bei, dass die Autorin nicht nur Gebäude-Photos in das Buch aufgenommen hat. Auf einem Bild ist beispielsweise der feiste »le Feldmarschall Hermann Göring« (Bildunterschrift) zu sehen, wie er es sich bei seinen Offizieren gut gehen lässt. Die Inbesitznahme von Paris war bereits vor dem Krieg geplant worden. Die deutsche Botschaft in Paris hatte ein sogenanntes Informationsbüro finanziert. Helfer und Helfershelfer, die auf der Grundlage der Pläne des Katasteramtes für die kommenden Invasoren die reizvollsten Gebäude recherchierten. Dabei mussten die Kollaborateure keine geheimdienstlichen Methoden anwenden. Die Pläne gab es in einer Buchhandlung ganz offiziell zu kaufen.
Am liebsten waren den Nazis große Eckhäuser aus dem ausgehenden 19. oder dem 20. Jahrhundert mit mehreren Zugängen. Am stärksten Betroffen von den kriegerischen Beschlagnahmungen waren das Stadtzentrum und im Westen das achte und das sechzehnte Arrondissement. Betrachtet man die Photos, wird deutlich, wie sehr einem Franzosen das Herz geblutet haben muss. Etwa wenn er vorbei ging an dem repräsentativen Eckbau einer staatlichen Bank an der Place de l’Opera. Nun hing über dessen Eingangsportal ein weißes Banner: »Sitz der Kommandantur von Groß-Paris«.
Cécile Despraires hat die eindrucksvollen Photographien jeweils ergänzt mit einer übersichtlichen Nutzungsgeschichte der Zeit von 1940 bis 1944. Ein literarisches Zitat zum jeweiligen Ort - nicht nur einmal von Ernst Jünger - sorgt für eine ästhetisch gelungene Abrundung. Sechzig Jahre nach Beendigung der Besetzung von Paris ein historisch wertvolles wie aufschlussreiches Buch. Es sei dem interessierten Paris-Besucher als ganz anderer Reiseführer ans Herz gelegt.
geschrieben am 18.03.2009 | 647 Wörter | 3993 Zeichen
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