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Rebellisches Barcelona


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Rebellisches Barcelona »Barcelona 19 Euro« prangte es wochenlang auf unzähligen Werbeflächen in sämtlichen deutschen Großstädten. Billigfluglinien schaffen sich ihre Kundschaft selbst. Ähnlich dem akademischen Proletariat gibt es nun ein urban people-Proletariat. Selbst Menschen mit geringem Einkommen können mal eben fürs Wochenende nach London oder Madrid hoppen. Doch was erleben sie in einer europäischen Metropole? Mit dem 100 Seiten-Reiseführer aus dem letzten Jahr, der bei Woolworth herabgesetzt war im Rucksack, rennt man durch die Straßen, denn man hat ja bloß 48 Stunden Zeit. Der einzige Effekt: Man kann sagen, man sei da gewesen. Für Barcelona-Reisende, die ein wenig mehr von der Vergangenheit der Stadt wissen möchten, ist ein – frei nach Camus - Reiseführer in der Revolte erschienen: Rebellisches Barcelona nennt sich der Führer des Hamburger Nautilus Verlags. Er versucht, die Katalonische Metropole aus einem anderen Blickwinkel zu präsentieren: Dem der Revoluzzer, Streikenden, Studenten und der Hausbesetzer und Flüchtlinge. Es ist ein linkes Buch, ein autonomes Buch. Doch Vorsicht vor zu schnellen Schlussfolgerungen. Denn das Engagement gegen Immobilienspekulanten ohne soziales Gewissen und ästhetische Wahrnehmung war vielleicht einmal links. Heute ist es ebenso konservativ, - nämlich im Wortsinn bewahrend. Muss man erst daran erinnern, dass in Berlin ohne das Engagement der Deutschen Bank die alten Häuser und Bäume in der Fasanenstraße einem Zubringer zur Stadtautobahn gewichen wären? Aber Politiker und Stadtplaner hatten die Rechnung ohne die Banker gemacht. Heute ist die Fasanenstraße die nobelste Seitenstraße des Kurfürstendamms. Es war nicht nur der Krieg, der in den deutschen Städten so vieles vernichtet hat. Nach ihm kam die Bauwut der Spekulanten, der Wahn der Stillosen. Deshalb ist dieser etwas andere Barcelona-Führer reizvoll. Neben dem schicken Barcelona, dem der Massentouristen und Architekten, existiert ein anderes, ein Barcelona mit einer Geschichte, mit einem sozialen Gesicht. Das aus dem Spanischen übersetzte »La Barcelona rebelde« hilft dabei, die Stätten zu finden, in denen der widerständige Geist der Stadt noch immer haucht. Es sind Bars, Plätze, Gebäude, die diese Mentalität repräsentieren. So musste in Barcelona nicht nur einmal das Militär zur Niederschlagung eines Aufstandes aus einiger Entfernung geholt werden, weil sich die örtlichen Soldaten weigerten, auf ihre eigenen Mitbürger zu schießen. Manuel Delgado, Professor für Anthropologie an der Universität Barcelona, erläutert in seinem Vorwort das Konzept dieses alternativen Reiseführers, das darauf basiert, dass Barcelona eben »auch aus Ungehorsam und Widerstand gemacht ist«. Der 1956 geborene Hochschullehrer bringt Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit. Diese zu kennen, könnte für die persönliche Zukunft in einer europäischen Metropole nützlich werden. Das Buch präsentiert dann mehrere alternative Stadtrundgänge. Auf ihrem Weg finden sich die verschiedenen »Sehenswürdigkeiten«. Die Personen, Häuser oder Institutionen werden jeweils in kürzeren Texten portraitiert. Wer noch tiefer – sei es vor seinem Aufenthalt oder zur Nachlese – in das geistige Wesen Barcelonas einsteigen möchte, dem seien literarische Schilderungen empfohlen, die hier spielen oder hier entstanden sind. Ein äußerst signifikantes Bild der Zwischenkriegszeit des vorigen Jahrhunderts schafft Georges Batailles »Das Blau des Himmels«, dessen tiefes melancholisches Leid eine verborgene Facette der mediterranen Unbeschwertheit ist. Die Artikel des rebellischen Reiseführers werden abgerundet durch zahlreiche historische Photos und Zeichnungen. Ein Glossar lässt alle genannten Personen und Orte schnell finden. Das Buch ist keineswegs objektiv. Es ist ein herrlich einseitiger Reiseführer, der in einer Zeit, wo sich die politischen Orientierungen von »links« und »rechts« auflösen und ad absurdum führen, andere Informationen zur Hauptstadt Kataloniens liefert.

»Barcelona 19 Euro« prangte es wochenlang auf unzähligen Werbeflächen in sämtlichen deutschen Großstädten. Billigfluglinien schaffen sich ihre Kundschaft selbst. Ähnlich dem akademischen Proletariat gibt es nun ein urban people-Proletariat. Selbst Menschen mit geringem Einkommen können mal eben fürs Wochenende nach London oder Madrid hoppen.

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Doch was erleben sie in einer europäischen Metropole? Mit dem 100 Seiten-Reiseführer aus dem letzten Jahr, der bei Woolworth herabgesetzt war im Rucksack, rennt man durch die Straßen, denn man hat ja bloß 48 Stunden Zeit. Der einzige Effekt: Man kann sagen, man sei da gewesen.

Für Barcelona-Reisende, die ein wenig mehr von der Vergangenheit der Stadt wissen möchten, ist ein – frei nach Camus - Reiseführer in der Revolte erschienen: Rebellisches Barcelona nennt sich der Führer des Hamburger Nautilus Verlags. Er versucht, die Katalonische Metropole aus einem anderen Blickwinkel zu präsentieren: Dem der Revoluzzer, Streikenden, Studenten und der Hausbesetzer und Flüchtlinge.

Es ist ein linkes Buch, ein autonomes Buch. Doch Vorsicht vor zu schnellen Schlussfolgerungen. Denn das Engagement gegen Immobilienspekulanten ohne soziales Gewissen und ästhetische Wahrnehmung war vielleicht einmal links. Heute ist es ebenso konservativ, - nämlich im Wortsinn bewahrend. Muss man erst daran erinnern, dass in Berlin ohne das Engagement der Deutschen Bank die alten Häuser und Bäume in der Fasanenstraße einem Zubringer zur Stadtautobahn gewichen wären? Aber Politiker und Stadtplaner hatten die Rechnung ohne die Banker gemacht. Heute ist die Fasanenstraße die nobelste Seitenstraße des Kurfürstendamms. Es war nicht nur der Krieg, der in den deutschen Städten so vieles vernichtet hat. Nach ihm kam die Bauwut der Spekulanten, der Wahn der Stillosen.

Deshalb ist dieser etwas andere Barcelona-Führer reizvoll. Neben dem schicken Barcelona, dem der Massentouristen und Architekten, existiert ein anderes, ein Barcelona mit einer Geschichte, mit einem sozialen Gesicht. Das aus dem Spanischen übersetzte »La Barcelona rebelde« hilft dabei, die Stätten zu finden, in denen der widerständige Geist der Stadt noch immer haucht. Es sind Bars, Plätze, Gebäude, die diese Mentalität repräsentieren. So musste in Barcelona nicht nur einmal das Militär zur Niederschlagung eines Aufstandes aus einiger Entfernung geholt werden, weil sich die örtlichen Soldaten weigerten, auf ihre eigenen Mitbürger zu schießen.

Manuel Delgado, Professor für Anthropologie an der Universität Barcelona, erläutert in seinem Vorwort das Konzept dieses alternativen Reiseführers, das darauf basiert, dass Barcelona eben »auch aus Ungehorsam und Widerstand gemacht ist«. Der 1956 geborene Hochschullehrer bringt Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit. Diese zu kennen, könnte für die persönliche Zukunft in einer europäischen Metropole nützlich werden.

Das Buch präsentiert dann mehrere alternative Stadtrundgänge. Auf ihrem Weg finden sich die verschiedenen »Sehenswürdigkeiten«. Die Personen, Häuser oder Institutionen werden jeweils in kürzeren Texten portraitiert.

Wer noch tiefer – sei es vor seinem Aufenthalt oder zur Nachlese – in das geistige Wesen Barcelonas einsteigen möchte, dem seien literarische Schilderungen empfohlen, die hier spielen oder hier entstanden sind. Ein äußerst signifikantes Bild der Zwischenkriegszeit des vorigen Jahrhunderts schafft Georges Batailles »Das Blau des Himmels«, dessen tiefes melancholisches Leid eine verborgene Facette der mediterranen Unbeschwertheit ist.

Die Artikel des rebellischen Reiseführers werden abgerundet durch zahlreiche historische Photos und Zeichnungen. Ein Glossar lässt alle genannten Personen und Orte schnell finden.

Das Buch ist keineswegs objektiv. Es ist ein herrlich einseitiger Reiseführer, der in einer Zeit, wo sich die politischen Orientierungen von »links« und »rechts« auflösen und ad absurdum führen, andere Informationen zur Hauptstadt Kataloniens liefert.

geschrieben am 15.06.2008 | 546 Wörter | 3488 Zeichen

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