
| ISBN | 3406590721 | |
| Autor | Norbert Scheuer | |
| Verlag | C.H.Beck | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 167 | |
| Erscheinungsjahr | 2009 | |
| Extras | - |

Vom Rauschen, Angeln und von Fischen

Norberts Scheuers Roman âĂberm Rauschenâ entfĂŒhrt den Leser in die Welt des Angelns und auf die Suche nach einem mysteriösen Urfisch, die fĂŒr den Bruder und den Vater des ErzĂ€hlers zum Lebenssinn wird. Auf so eine eindringliche Art und Weise ist dieser Roman geschrieben, dass er es sogar auf die aktuelle Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat.
Der Ich-ErzĂ€hler Leo Arimond steht im FluĂ, der hinter seinem Elternhaus verlĂ€uft, fischt und erinnert sich. Vieles ist geschehen, seit er hier das letzte Mal angeln war. Er reiste zurĂŒck in sein Heimatdorf in der Eifel, weil ihn Alma, die LebensgefĂ€hrtin seines Bruders, um Hilfe gebeten hat. Sein Bruder Hermann hatte sich tagelang in sein Zimmer eingeschloĂen, ohne herauszukommen oder wenigstens mit jemanden zu reden. Als es Leo und seiner Familie schlieĂlich gelang in Hermanns Zimmer zu kommen, schien dieser verrĂŒckt geworden zu sein, wurde in die Klinik eingeliefert.
Um eine ErklĂ€rung fĂŒr das Geschehene zu finden, lĂ€Ăt Leo nun wĂ€hrend des Angelns seine Erinnerungen an sich vorbeiziehen. Der FluĂ, der nahe der Wehr gelegen ist, welches die Einheimischen âRauschenâ nennen, hilft ihm dabei. Denn er prĂ€gte seine Kindheit und Jugend und die seines Bruders. Nicht nur, dass sein Rauschen sie immer beim Einschlafen begleitete und ihre Fantasie anregte, sie gingen auch oft mit ihrem Stiefvater dort angeln. WĂ€hrend Leo dem Angeln eher distanziert gegenĂŒberstand, liebte Hermann Angeln so innig wie ihr Stiefvater und verbrachte den GroĂteil seiner Zeit damit. Und genau wie bei seinem Vater wurde in ihm das Verlangen den mysteriösen Urfisch Ichthys zu fangen in ihm immer intensiver.
Doch erlebten sie âĂŒberm Rauschenâ auch ihre gemeinsame Liebe zu Alma, die sich schlieĂlich fĂŒr Hermann entschied, und hatten immer wieder Erlebnisse, die sie fĂŒr ihr restliches Leben prĂ€gen sollten, meist hingen sie mit Fischen und angeln zusammen, teilweise verbanden diese die Geschwister nĂ€her miteinander, teilweise entzweiten sie diese aber auch.
Einige Jahren aus dem Leben seines Bruders, kennt Leo aber nur von den Hörkassetten, die sein Bruder ihm schickte: Die Jahre auf dem Meer, der gescheiterte Traum von der Familienwirtschaft wieder leben zu könne, die hollĂ€ndische Wochendendsgeliebte und ihr mysteriöser Tod. Aber Leo erinnert sich auch an diesen Tag, als es schlieĂlich gelang in das Zimmer des Bruders zu kommen und in welchem groteseken Zustand sie ihn dort vorfanden.
Norbert Scheuers wunderbare, ruhige Art zu erzĂ€hlen, fasziniert den Leser und zieht ihn unweigerlich in die Erinnerungen Leos hinein. Ihm gelingt es die Eifel dem Leser nĂ€her zu bringen, viel mehr aber noch die Welt des Flusses und des Angelns. Die Zeichnungen von Fischen und Ködern mit teilweise merkwĂŒrdigen, tiefblickenden Beschreibungen â beides Hermanns Werk â , welche im Buch gelegentlich auftauchen, erlauben es sowohl in die Welt des Angelns, als auch in Hermanns Psyche tiefer einzutauchen.
FĂŒr diese tiefsinnige, anspruchsvolle, einnehmende ErzĂ€hlweise ist Scheuers Roman zu Recht auf der Shortlist des deutschen Buchpreis 2009 gelandet. Mit einem Auszug des Romans, gewann er bereits 2006 den 3sat-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs.
WĂ€hrend die Eifel in der letzten Zeit vor allem als Krimischauplatz Beliebtheit erfuhr, zeigt Scheuer ein andere Seite von ihr, eine desillusionierende: Eine brachliegende Wirtschaft, bei der allein die Arbeit im Zementwerk als einzige, auf Dauer sichere Arbeit erscheint. Der Alkohol als Fluchtmittel. Die Mutter der beiden BrĂŒder, die durch den Tod ihrer einzigen groĂen Liebe unfĂ€hig jemanden wieder zu lieben, selbst wenn es sich nur um die eigenen Kinder handelt. Unverwirklichte TrĂ€ume, die bei Hermann und seinem Vater in der Suche nach dem Urfisch gipfeln. Diese Suche wird schlieĂlich zur Lebensaufgabe, die beide immer mehr einnimmt.
Mag die Suche nach einem Urfisch als Lebenssinn auch manchen grotesk erscheinen, so machen wir in unserem tĂ€glichen Leben doch nichts anderes. Ob wir nun einen Urfisch, dem Ruhm, dem Erfolg oder etwas anderem hinterherjagen, wir richten unser Leben danach aus, leisten dafĂŒr Entbehrungen und trĂ€umen davon, weil wir darin unseren Lebenssinn, unser GlĂŒck, unsere ErfĂŒllung sehen. Von daher ist Hermanns Schicksal nur ein Beispiel fĂŒr den Versuch einen Lebenstraum zu verwirklichen und daran zu scheitern, wenn vielleicht auch ein besonders extremes.
geschrieben am 01.10.2009 | 671 Wörter | 3820 Zeichen
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