Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Der Professor


Statistiken
  • 4312 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Mario Pf.

Der Professor Adrian Thomas wird sterben. Eine Diagnose, die an sich nicht so schlimm für den ehemaligen Psychologieprofessor wäre, würde sein naherückender Tod nicht von einer Krankheit geprägt, die ihn seinen langsamen psychischen wie körperlichen Zerfall schmerzhaft vor Augen führen wird - Demenz. Doch während der Professor mit dem Gedanken spielt, seinem Leben mittels Pistole ein Ende zu setzen, um wenigstens die Kontrolle über die Art und Weise seines Abgangs zu behalten, wird er Zeuge eines Verbrechens, dessen Aufklärung von nun an zu seinem Lebensziel wird. Die jugendliche Ausreißerin Jennifer Riggins wird auf offener Straße entführt. Alles, was von ihr zurückbleibt, ist eine Baseballkappe. Während Professor Thomas von ersten Hallizunationen verstorbener Angehöriger dazu gedrängt wird, seine Kenntnisse in Psychopathologie zu nutzen, um Jennifers Entführern auf die Spur zu kommen, übernimmt Detective Terri Collins die offiziellen Ermittlungen, ist zunächst jedoch davon überzeugt, Jennifer sei es nun nur endlich gelungen von zu Hause auszubüchsen. Unterdessen startet eine neue Nummer des Snuff-Webstream-Dramas WHAT COMES NEXT, mit einer ahnungslosen Jennifer in der Hauptrolle... Mit "Der Professor" ist es John Katzenbach noch mehr als im Vorgängerwerk "Das Opfer" gelungen einen aufgrund der Einbeziehung des Web 2.0 brandaktuellen Psychothriller zu schaffen, der gleich mehrere Themen kombiniert. Im Fall von "Der Professor" hat Katzenbach Kidnapping (à la Kampusch), das Thema Snuff-Filme (wie im Film 8mm mit Nicholas Cage) mit einem demenzkranken und von Hallizunationen geplagten Professor kombiniert (ähnlich den Christopher Nolan-Film "Memento" oder "The Machinist"), der im von ihm beobachteten Verbrechen eine letzte Chance sieht, seinem Leben noch einen Sinn zu geben. Eine Spur findet Thomas aber erst als er sich mit Hilfe des verurteilten Pädophilen Mark Wolfe (thematisch eine Parallele zu Sebastian Fitzeks "Das Kind") durch die dunkelsten Tiefen der pornographischen Angebote im Web 2.0 wühlt. Anzumerken ist noch das DER PROFESSOR eines der neuen Werke John Katzenbachs ist und keine der Wiederveröffentlichungen, die in den letzten Jahren teils auch unter neuen Titeln von Knaur wiederaufgelegt wurden. Ausgehend von DER ANSTALT und DER PATIENT kann man über DAS OPFER nun in DER PROFESSOR sehen wie sich Katzenbachs Stil in den letzten Jahren entwickelt hat. Schade ist nur dass er für die Rolle des männlichen Antagonisten wieder einmal auf einen Alleskönner und Computerexperten namens Michael gesetzt hat, was Erinnerungen an Michael O\'Connell in DAS OPFER wach werden lässt. Wer Katzenbachs Stil schon kennt, darf auch hier wieder vertrautes erwarten, wie einen sehr auf Details und Charakterzeichnung konzentrierten Stil. Doch was Katzenbach diesmal etwas schmerzhaft vermissen lässt, sind die Handlungswendungen, welche seine letzten Werke zu einer Achterbahnfahrt der Erwartungen werden ließen. "Der Professor" ist für mich als Katzenbach-Fan fast schon zu geradlinig und die Entwicklung der Handlung überrascht einen nicht mehr wirklich, da man durch teils sehr ähnliche Filme bereits mit Szenarien vertraut ist, wie das ganze ausgehen wird. In dieser Hinsicht hätte man sich von Katzenbach ein paar innovative Überraschungen erwarten können, auch wenn das Buch nur um etwa 100 Seiten kürzer ist als seine neueren Vorgänger. Doch diese 100 Seiten scheinen es in sich zu haben. Denn spielte Katzenbach in der Vergangenheit seine Nebenhandlungen fast immer voll aus, so bleibt Terri Collins diesmal Rolle etwas blass und auch Adrian Thomas Demenzerkrankung zeigt sich (wohl aufgrund des sehr kurzen Handlungszeitraums) nur in einigen wenigen Andeutungen als fortschreitender Zerfall. Wo Katzenbach etwas Dramatik in seinen Plot hätte bringen können, indem er Thomas Ermittlungen durch dessen eigene Krankheit sabotiert, hat er lieber auf eine Hilfestellung durch dessen "Geister der Vergangenheit" gesetzt. Sprich, dort, wo Thomas scheitern und sich ermittlungstechnisch im Kreis drehen könnte, greifen stets (einer deus ex machina gleich) die Halluzinationen seiner verstorbenen Angehörigen helfend ein, motivieren ihn und weisen ihn manchmal sogar auf Ansätze hin, die er weiterverfolgen sollte. Gerade hier wäre aber der ideale Ansatz für eine Katzenbach auch aufgrund seiner psychologisch-charakterzeichnerischen Fähigkeiten liegende Orientierung an Filmen wie" Memento" oder "The Machinist" gelegen, stattdessen bleibt diese psychologische Komponente ungenutzt und das Buch erinnert trotz Titel und den Leiden des Protagonisten an Filme und Bücher wie "8mm". Schade - denn so wurde viel Potential verschenkt, das man aufgrund der Inhaltsangabe und Professor Thomas Leiden vermutet hätte. Auch die Komponente Thomas defätistischer Einstellung gegenüber seiner Krankheit und die daraus resultierende Bereitschaft jegliches Risiko einzugehen, da er ohnehin schon bald seinen Verstand verlieren würde, bleibt etwas unterbeleuchtet, zumindest für einen John Katzenbach-Roman. Kurzum, da fehlt etwas, das man sonst mit Katzenbach in Verbindung bringen würde, nämlich die Spannung in der Frage wohin denn die Reise geht. Nimmt man die einführenden Kapitel von "Der Professor"und das Ende in die Hand weiß man ungefähr wie die Charaktere dort hin gelangen, im Vergleich dazu konnte man in Katzenbachs "Das Opfer" oder "Der Patient" kaum ein Kapitel überspringen ohne nicht irgendetwas zu verpassen. Handwerklich ist "Der Professor" aber ansonsten durchaus gelungen, auch wenn mich der im Vergleich niedrigere Spannungslevel, die "Kürze" (100 Seiten weniger) und fehlende große Überraschungen stören. Es gelingt Katzenbach wieder einmal meisterhaft seine Charaktere stets glaubwürdig handeln zu lassen und ihre Motivation weitgehend verständlich zu gestalten. Gerade anfangs erlebt man aber auch noch ein anderes "Katzenbach-Phänomen" nämlich den katzenbachschen Realismus bzw. anders ausgedrückt, Katzenbachs Talent die Handlung zunächst so aufzubauen, dass man stets vor Augen hat, dass sie jederzeit vorbei sein könnte, wie in der Realität eben, wenn ein demenzkranker Passant glauben würde, Jennifers Entführung nur herbeihalluziniert zu haben oder wenn der etwas wirre Professor von der Ermittlerin brüsk abgewiesen würde. In dieser Hinsicht ist sich Katzenbach sehr treu geblieben, er schafft nicht nur glaubwürdige Charaktere, sondern auch eine glaubwürdige Handlung. Ein amüsantes Detail am Rande, der Originaltitel des Buchs lautet "What comes next" und ist nicht nur Name des Webstreams, sondern auch die Frage die man sich nach Katzenbachs "Das Opfer" gestellt haben könnte, was kommt als nächstes. Fazit: Für einen Katzenbach-Thriller fast schon zu geradlinig. Handwerklich zwar immer noch top, doch fehlt dem ganzen hie und da die überraschende Handlungswendung. Dafür entschädigt einen die solide und stets glaubwürdige Handlung samt entsprechenden Charakteren.

Adrian Thomas wird sterben. Eine Diagnose, die an sich nicht so schlimm für den ehemaligen Psychologieprofessor wäre, würde sein naherückender Tod nicht von einer Krankheit geprägt, die ihn seinen langsamen psychischen wie körperlichen Zerfall schmerzhaft vor Augen führen wird - Demenz. Doch während der Professor mit dem Gedanken spielt, seinem Leben mittels Pistole ein Ende zu setzen, um wenigstens die Kontrolle über die Art und Weise seines Abgangs zu behalten, wird er Zeuge eines Verbrechens, dessen Aufklärung von nun an zu seinem Lebensziel wird.

weitere Rezensionen von Mario Pf.

#
rezensiert seit
Buchtitel
3
25.11.2010
4
25.11.2010

Die jugendliche Ausreißerin Jennifer Riggins wird auf offener Straße entführt. Alles, was von ihr zurückbleibt, ist eine Baseballkappe. Während Professor Thomas von ersten Hallizunationen verstorbener Angehöriger dazu gedrängt wird, seine Kenntnisse in Psychopathologie zu nutzen, um Jennifers Entführern auf die Spur zu kommen, übernimmt Detective Terri Collins die offiziellen Ermittlungen, ist zunächst jedoch davon überzeugt, Jennifer sei es nun nur endlich gelungen von zu Hause auszubüchsen.

Unterdessen startet eine neue Nummer des Snuff-Webstream-Dramas WHAT COMES NEXT, mit einer ahnungslosen Jennifer in der Hauptrolle...

Mit "Der Professor" ist es John Katzenbach noch mehr als im Vorgängerwerk "Das Opfer" gelungen einen aufgrund der Einbeziehung des Web 2.0 brandaktuellen Psychothriller zu schaffen, der gleich mehrere Themen kombiniert. Im Fall von "Der Professor" hat Katzenbach Kidnapping (à la Kampusch), das Thema Snuff-Filme (wie im Film 8mm mit Nicholas Cage) mit einem demenzkranken und von Hallizunationen geplagten Professor kombiniert (ähnlich den Christopher Nolan-Film "Memento" oder "The Machinist"), der im von ihm beobachteten Verbrechen eine letzte Chance sieht, seinem Leben noch einen Sinn zu geben. Eine Spur findet Thomas aber erst als er sich mit Hilfe des verurteilten Pädophilen Mark Wolfe (thematisch eine Parallele zu Sebastian Fitzeks "Das Kind") durch die dunkelsten Tiefen der pornographischen Angebote im Web 2.0 wühlt.

Anzumerken ist noch das DER PROFESSOR eines der neuen Werke John Katzenbachs ist und keine der Wiederveröffentlichungen, die in den letzten Jahren teils auch unter neuen Titeln von Knaur wiederaufgelegt wurden. Ausgehend von DER ANSTALT und DER PATIENT kann man über DAS OPFER nun in DER PROFESSOR sehen wie sich Katzenbachs Stil in den letzten Jahren entwickelt hat. Schade ist nur dass er für die Rolle des männlichen Antagonisten wieder einmal auf einen Alleskönner und Computerexperten namens Michael gesetzt hat, was Erinnerungen an Michael O\'Connell in DAS OPFER wach werden lässt.

Wer Katzenbachs Stil schon kennt, darf auch hier wieder vertrautes erwarten, wie einen sehr auf Details und Charakterzeichnung konzentrierten Stil. Doch was Katzenbach diesmal etwas schmerzhaft vermissen lässt, sind die Handlungswendungen, welche seine letzten Werke zu einer Achterbahnfahrt der Erwartungen werden ließen. "Der Professor" ist für mich als Katzenbach-Fan fast schon zu geradlinig und die Entwicklung der Handlung überrascht einen nicht mehr wirklich, da man durch teils sehr ähnliche Filme bereits mit Szenarien vertraut ist, wie das ganze ausgehen wird. In dieser Hinsicht hätte man sich von Katzenbach ein paar innovative Überraschungen erwarten können, auch wenn das Buch nur um etwa 100 Seiten kürzer ist als seine neueren Vorgänger. Doch diese 100 Seiten scheinen es in sich zu haben. Denn spielte Katzenbach in der Vergangenheit seine Nebenhandlungen fast immer voll aus, so bleibt Terri Collins diesmal Rolle etwas blass und auch Adrian Thomas Demenzerkrankung zeigt sich (wohl aufgrund des sehr kurzen Handlungszeitraums) nur in einigen wenigen Andeutungen als fortschreitender Zerfall. Wo Katzenbach etwas Dramatik in seinen Plot hätte bringen können, indem er Thomas Ermittlungen durch dessen eigene Krankheit sabotiert, hat er lieber auf eine Hilfestellung durch dessen "Geister der Vergangenheit" gesetzt. Sprich, dort, wo Thomas scheitern und sich ermittlungstechnisch im Kreis drehen könnte, greifen stets (einer deus ex machina gleich) die Halluzinationen seiner verstorbenen Angehörigen helfend ein, motivieren ihn und weisen ihn manchmal sogar auf Ansätze hin, die er weiterverfolgen sollte. Gerade hier wäre aber der ideale Ansatz für eine Katzenbach auch aufgrund seiner psychologisch-charakterzeichnerischen Fähigkeiten liegende Orientierung an Filmen wie" Memento" oder "The Machinist" gelegen, stattdessen bleibt diese psychologische Komponente ungenutzt und das Buch erinnert trotz Titel und den Leiden des Protagonisten an Filme und Bücher wie "8mm". Schade - denn so wurde viel Potential verschenkt, das man aufgrund der Inhaltsangabe und Professor Thomas Leiden vermutet hätte.

Auch die Komponente Thomas defätistischer Einstellung gegenüber seiner Krankheit und die daraus resultierende Bereitschaft jegliches Risiko einzugehen, da er ohnehin schon bald seinen Verstand verlieren würde, bleibt etwas unterbeleuchtet, zumindest für einen John Katzenbach-Roman. Kurzum, da fehlt etwas, das man sonst mit Katzenbach in Verbindung bringen würde, nämlich die Spannung in der Frage wohin denn die Reise geht. Nimmt man die einführenden Kapitel von "Der Professor"und das Ende in die Hand weiß man ungefähr wie die Charaktere dort hin gelangen, im Vergleich dazu konnte man in Katzenbachs "Das Opfer" oder "Der Patient" kaum ein Kapitel überspringen ohne nicht irgendetwas zu verpassen.

Handwerklich ist "Der Professor" aber ansonsten durchaus gelungen, auch wenn mich der im Vergleich niedrigere Spannungslevel, die "Kürze" (100 Seiten weniger) und fehlende große Überraschungen stören. Es gelingt Katzenbach wieder einmal meisterhaft seine Charaktere stets glaubwürdig handeln zu lassen und ihre Motivation weitgehend verständlich zu gestalten. Gerade anfangs erlebt man aber auch noch ein anderes "Katzenbach-Phänomen" nämlich den katzenbachschen Realismus bzw. anders ausgedrückt, Katzenbachs Talent die Handlung zunächst so aufzubauen, dass man stets vor Augen hat, dass sie jederzeit vorbei sein könnte, wie in der Realität eben, wenn ein demenzkranker Passant glauben würde, Jennifers Entführung nur herbeihalluziniert zu haben oder wenn der etwas wirre Professor von der Ermittlerin brüsk abgewiesen würde. In dieser Hinsicht ist sich Katzenbach sehr treu geblieben, er schafft nicht nur glaubwürdige Charaktere, sondern auch eine glaubwürdige Handlung.

Ein amüsantes Detail am Rande, der Originaltitel des Buchs lautet "What comes next" und ist nicht nur Name des Webstreams, sondern auch die Frage die man sich nach Katzenbachs "Das Opfer" gestellt haben könnte, was kommt als nächstes.

Fazit:

Für einen Katzenbach-Thriller fast schon zu geradlinig. Handwerklich zwar immer noch top, doch fehlt dem ganzen hie und da die überraschende Handlungswendung. Dafür entschädigt einen die solide und stets glaubwürdige Handlung samt entsprechenden Charakteren.

geschrieben am 25.11.2010 | 980 Wörter | 6016 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen




Rezension von

Antje Jürgens

Der Professor Zum Autor Psychoanalyse und Verbrechen – beides ist für den 1950 in Jersey geborenen und Massachusetts lebenden Autor John Katzenbach nichts Unbekanntes. Seine Mutter ist Psychoanalytikerin, er selbst war in Jersey und Miami als Gerichtsreporter tätig. Die Liebe zum Schreiben entdeckte er bereits sehr früh. Katzenbachs bevorzugtes Genre sind Psychothriller. Seiner Feder entstammen neben „Der Professor“ bislang acht weitere Bücher, darunter „Der Patient“ oder auch „Die Anstalt“. Zu diesen Büchern schrieb er darüber hinaus die Drehbücher, da ihm die filmische Umsetzung vorheriger Romane nicht zufriedenstellte. Neben dem Schreiben interessiert sich Katzenbach für Baseball, Hunde und Politik. Zum Buch Eine jugendliche Ausreißerin wird von einem Pärchen entführt und festgehalten. Ihre Misshandlungen werden gefilmt und exklusiven Klubmitgliedern via Internet zur Verfügung gestellt. Sie ist nicht die Erste und wird aller Voraussicht nach auch nicht die Letzte sein. Ihre Entführer – ein junges Pärchen – bedienen eine gierige Fangemeinde, die gut zahlt, um bei www.whatcomesnext.com live oder als Zusammenfassung mitzuerleben, was mit Nummer 4 geschieht. Teilweise dürfen sie selbst mitbestimmen, was als nächstes geschieht. Der Professor. Alleinstehend, an Wahnvorstellungen leidend, dement. Eigentlich will er sich nach der niederschmetternden Diagnose das Leben nehmen. Doch zufällig wird er Zeuge der Entführung und damit zur Schlüsselfigur zur Rettung des Mädchens. Doch wie sehr kann und darf er der Erinnerung an diesen Vorfall vertrauen. Meine Meinung Wer den Klappentext oder sonstige kurze Inhaltsangaben zum Buch liest, glaubt vielleicht schon zu wissen, worauf er sich einlässt. Blutig-schockende Gewaltexzesse. Tatsächlich? Nein. Katzenbach beschreibt Jennifers Martyrium anders. Er beleuchtet weniger die schockierenden Details der körperlichen Misshandlung, sondern richtet sein Augenmerk – und damit auch das seiner Leser – auf die Isolation von Nr. 4. Als Nr. 4 kann sich die entführte Jennifer von dem Grauen über das, was ihr geschieht, distanzieren. Doch in genau dieser Distanz liegt auch die Gefahr, ihre Identität, und damit die Hoffnung auf ein Überleben, zu verlieren. Auch die Charaktere ihrer Entführer sind logisch und gut aufgebaut. Nichts von dem, was sie tun, wirkt aufgesetzt oder zu weit hergeholt. Während andere Geschichten von Schilderungen blutiger und völlig übertriebener Exzesse leben, sorgt Katzenbach genau durch das Weglassen solcher Szenen für Gänsehaut. Die Nebenfiguren, die Voyeure hinter den PCs, werden realistisch gezeichnet. Ihre Gier, ihr Verhalten lässt sich problemlos in die Verhaltensmuster derer übertragen, die völlig legale Fernsehsendungen verfolgen, um ihre voyeuristischen Tendenzen zu bedienen, die uns seit einigen Jahren geradezu heimsuchen. Nichts scheint zu eklig, nichts zu brutal, ja – auch nichts zu banal, solange sie es aus sicherer Entfernung betrachten können. Und dann ist da noch der Professor, der Jennifer zu retten versucht. Katzenbach hat letztlich drei bzw. vier Handlungsstränge miteinander vereint. Einen bildet Jennifer, einen/zwei ihre Entführer bzw. deren Fangemeinde und einen der Professor in seinem Versuch, das Mädchen zu retten. Dieser Professor ist eine Figur, die in gewisser Weise ebenfalls fasziniert, die mich jedoch andererseits nicht völlig überzeugt hat. Grundsätzlich fand ich die Idee, eine kranke – ihrer Erinnerungen nicht mehr ganz sichere – Figur in die Waagschale zu werfen, nicht schlecht. Da der Professor jedoch nicht nur dement ist, sondern auch an Wahnvorstellungen leidet, die ihn wiederum sehr konkret und stetig auf die Spur von Jennifer bringen, musste ich manchmal beim Lesen dieser Kapitel die Zähne zusammenbeißen. Dieser Handlungsstrang erschien bisweilen zu langatmig und dann auch zu bizarr. Obwohl ich sagen muss, dass ich es zusammenfassend gesehen durchaus in gewisser Weise schlüssig fand, dass ein Kranker auf recht abstrakte Weise versucht, sich zusammenzureißen, um etwas Wichtiges zu erledigen, bevor er stirbt. Im Fall des Professors bemüht er seine verstorbene Frau, seinen verstorbenen Bruder und seinen ebenfalls bereits verstorbenen Sohn in geisterähnlichen Erscheinungen. Der Professor kämpft gegen seine Krankheit an, weiß, dass er seine Aussetzer und Wahnvorstellungen hat und versucht es analytisch zu lösen, wie er es eben aus seiner Karriere als Psychologieprofessor kennt. Gleichzeitig versucht er für mein Dafürhalten, seine eigene Vergangenheit zu verarbeiten. Das Gefühl von allen verlassen worden zu sein ebenso wie das Gefühl versagt zu haben. Er kann sich nicht auf die Lebenden berufen, weil die seine Aussagen aufgrund seiner Diagnosen aller Voraussicht nach in Zweifel ziehen werden. Also sucht er Hilfe bei den Verstorbenen. Allerdings war mir dieser Strang dann in seiner zum Erfolg führenden Konsequenz zu weit hergeholt und deshalb nicht wirklich passend. Wiederum gut fand ich den Epilog, mit dem Katzenbach seinen Roman ausklingen lässt. Fazit „Der Professor“ hat mir trotz des eben erwähnten Mankos gut gefallen. Er ist nichts für schwache Nerven und Paranoiker, aber eindeutig etwas für Fans des Genres, das leise aber nachhaltig unter die Haut geht. Auf einer Skala von 1 bis 5 Punkten vergebe ich 4,5 Punkte. Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)

Zum Autor

weitere Rezensionen von Antje Jürgens

#
rezensiert seit
Buchtitel
1
08.07.2013
3
12.05.2013

Psychoanalyse und Verbrechen – beides ist für den 1950 in Jersey geborenen und Massachusetts lebenden Autor John Katzenbach nichts Unbekanntes. Seine Mutter ist Psychoanalytikerin, er selbst war in Jersey und Miami als Gerichtsreporter tätig. Die Liebe zum Schreiben entdeckte er bereits sehr früh. Katzenbachs bevorzugtes Genre sind Psychothriller. Seiner Feder entstammen neben „Der Professor“ bislang acht weitere Bücher, darunter „Der Patient“ oder auch „Die Anstalt“. Zu diesen Büchern schrieb er darüber hinaus die Drehbücher, da ihm die filmische Umsetzung vorheriger Romane nicht zufriedenstellte. Neben dem Schreiben interessiert sich Katzenbach für Baseball, Hunde und Politik.

Zum Buch

Eine jugendliche Ausreißerin wird von einem Pärchen entführt und festgehalten. Ihre Misshandlungen werden gefilmt und exklusiven Klubmitgliedern via Internet zur Verfügung gestellt. Sie ist nicht die Erste und wird aller Voraussicht nach auch nicht die Letzte sein.

Ihre Entführer – ein junges Pärchen – bedienen eine gierige Fangemeinde, die gut zahlt, um bei www.whatcomesnext.com live oder als Zusammenfassung mitzuerleben, was mit Nummer 4 geschieht. Teilweise dürfen sie selbst mitbestimmen, was als nächstes geschieht.

Der Professor. Alleinstehend, an Wahnvorstellungen leidend, dement. Eigentlich will er sich nach der niederschmetternden Diagnose das Leben nehmen. Doch zufällig wird er Zeuge der Entführung und damit zur Schlüsselfigur zur Rettung des Mädchens. Doch wie sehr kann und darf er der Erinnerung an diesen Vorfall vertrauen.

Meine Meinung

Wer den Klappentext oder sonstige kurze Inhaltsangaben zum Buch liest, glaubt vielleicht schon zu wissen, worauf er sich einlässt. Blutig-schockende Gewaltexzesse. Tatsächlich? Nein. Katzenbach beschreibt Jennifers Martyrium anders. Er beleuchtet weniger die schockierenden Details der körperlichen Misshandlung, sondern richtet sein Augenmerk – und damit auch das seiner Leser – auf die Isolation von Nr. 4. Als Nr. 4 kann sich die entführte Jennifer von dem Grauen über das, was ihr geschieht, distanzieren. Doch in genau dieser Distanz liegt auch die Gefahr, ihre Identität, und damit die Hoffnung auf ein Überleben, zu verlieren. Auch die Charaktere ihrer Entführer sind logisch und gut aufgebaut. Nichts von dem, was sie tun, wirkt aufgesetzt oder zu weit hergeholt. Während andere Geschichten von Schilderungen blutiger und völlig übertriebener Exzesse leben, sorgt Katzenbach genau durch das Weglassen solcher Szenen für Gänsehaut. Die Nebenfiguren, die Voyeure hinter den PCs, werden realistisch gezeichnet. Ihre Gier, ihr Verhalten lässt sich problemlos in die Verhaltensmuster derer übertragen, die völlig legale Fernsehsendungen verfolgen, um ihre voyeuristischen Tendenzen zu bedienen, die uns seit einigen Jahren geradezu heimsuchen. Nichts scheint zu eklig, nichts zu brutal, ja – auch nichts zu banal, solange sie es aus sicherer Entfernung betrachten können. Und dann ist da noch der Professor, der Jennifer zu retten versucht.

Katzenbach hat letztlich drei bzw. vier Handlungsstränge miteinander vereint. Einen bildet Jennifer, einen/zwei ihre Entführer bzw. deren Fangemeinde und einen der Professor in seinem Versuch, das Mädchen zu retten. Dieser Professor ist eine Figur, die in gewisser Weise ebenfalls fasziniert, die mich jedoch andererseits nicht völlig überzeugt hat. Grundsätzlich fand ich die Idee, eine kranke – ihrer Erinnerungen nicht mehr ganz sichere – Figur in die Waagschale zu werfen, nicht schlecht. Da der Professor jedoch nicht nur dement ist, sondern auch an Wahnvorstellungen leidet, die ihn wiederum sehr konkret und stetig auf die Spur von Jennifer bringen, musste ich manchmal beim Lesen dieser Kapitel die Zähne zusammenbeißen. Dieser Handlungsstrang erschien bisweilen zu langatmig und dann auch zu bizarr. Obwohl ich sagen muss, dass ich es zusammenfassend gesehen durchaus in gewisser Weise schlüssig fand, dass ein Kranker auf recht abstrakte Weise versucht, sich zusammenzureißen, um etwas Wichtiges zu erledigen, bevor er stirbt. Im Fall des Professors bemüht er seine verstorbene Frau, seinen verstorbenen Bruder und seinen ebenfalls bereits verstorbenen Sohn in geisterähnlichen Erscheinungen. Der Professor kämpft gegen seine Krankheit an, weiß, dass er seine Aussetzer und Wahnvorstellungen hat und versucht es analytisch zu lösen, wie er es eben aus seiner Karriere als Psychologieprofessor kennt. Gleichzeitig versucht er für mein Dafürhalten, seine eigene Vergangenheit zu verarbeiten. Das Gefühl von allen verlassen worden zu sein ebenso wie das Gefühl versagt zu haben. Er kann sich nicht auf die Lebenden berufen, weil die seine Aussagen aufgrund seiner Diagnosen aller Voraussicht nach in Zweifel ziehen werden. Also sucht er Hilfe bei den Verstorbenen. Allerdings war mir dieser Strang dann in seiner zum Erfolg führenden Konsequenz zu weit hergeholt und deshalb nicht wirklich passend.

Wiederum gut fand ich den Epilog, mit dem Katzenbach seinen Roman ausklingen lässt.

Fazit

„Der Professor“ hat mir trotz des eben erwähnten Mankos gut gefallen. Er ist nichts für schwache Nerven und Paranoiker, aber eindeutig etwas für Fans des Genres, das leise aber nachhaltig unter die Haut geht. Auf einer Skala von 1 bis 5 Punkten vergebe ich 4,5 Punkte.

Copyright © 2010 by Antje Jürgens (AJ)

geschrieben am 26.02.2011 | 772 Wörter | 4638 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen