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Digitale Karten zur Geschichte der Städte in Franken


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Rezension von

Hiram Kümper

Digitale Karten zur Geschichte der Städte in Franken Die Arbeit mit und an Karten nimmt langsam wieder Aufschwung in den Geschichtswissenschaften. Erstaunlich wenig liest man in diesem Zusammenhang trotz aller Bemühungen um „cartographical literacy“ freilich von der praktisch-technischen Seite, von dem Prozess also, der vor der eigentlichen Karte liegt. Ganz anders die vorliegende Würzburger Dissertation von Markus Naser. Sie zeigt am Beispiel der vormodernen fränkischen Stadtgeschichte sinnfällig den praktischen Wert von Geoinformationssystemen (GIS) für die historische Arbeit. Es handelt sich dabei also um keine Kartensammlung, keinen digitalen Atlas, sondern um ein Computersystem, das die eigenständige Herstellung von Kartenmaterial nach den spezifischen Frageanforderungen des Nutzers erlaubt. Eingangs erläutert Naser laiengerecht die Grundideen der Einrichtung und des Umgangs mit Geoinformationssystemen. Daran schließen sich die „geschichtswissenschaftlichen Betrachtungen“ an, die sich mit der Eingrenzung und Anlage des Datenmaterials befassen, das für die spätere Kartenerstellung zur Verfügung gestellt werden muss. Die „fränkische Frage“ – was nämlich eigentlich als die historische Landschaft Franken zu begreifen sei: die bayerischen Regierungsbezirke etwa, die Bistümer Würzburg, Bamberg und Eichstätt, oder aber der fränkische Reichskreis? – löst Naser dabei durch eine pragmatische „Neuinterpretation des geographischen Frankenbegriffs“ (S. 28-32), die im Wesentlichen alle drei Vorschläge miteinander vereint und damit deutlich über das Gebiet der heutigen drei bayerischen Regierungsbezirke hinausgeht. Das ist in der Sache absolut akzeptabel, gerade auf die „detaillierte Begründung der … Auswahl“ jener Gebiete, „die heute außerhalb der drei fränkischen Regierungsbezirke liegen, aber historischen gesehen zu Franken zu zählen sind“, mit einem Pauschalverweis auf den damit zu sprengenden Rahmen der Arbeit zu verzichten, ist ein wenig enttäuschend. Sodann folgen als umfangreichster Teil (S. 39-202) eine alphabetische Zusammenstellung knapper Einzelerläuterungen zu allen 152 aufgenommenen und Begründungen für die 16 nicht aufgenommenen Städte – und damit in der Hauptsache ein umfänglicher Extrakt aus dem Bayerischen Städtebuch von Keyser und Stoob (1971), der nur gelegentlich durch neuere Literatur unterfüttert wird. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht sehr eigenständig, zumal die für die Kernfragen der Datenerhebung wichtigen Antworten anschließend (S. 203-214) noch einmal tabellarisch zusammengefasst werden. Eigenständigkeit aber ist dabei auch nicht das Ziel, sondern Transparenz der Materialgrundlage. Welche Daten sind es nun, die Naser für sein Kartenwerk interessieren? Dargestellt werden soll die Herrschaftsgeschichte der fränkischen Städte zwischen 1100 und 1800. Dieses Grundanliegen wird etwas versteckt unter den „Vorbemerkungen“ (S. 39-42) ausgeführt und lässt sich auf die handliche Formel zusammenfassen: Seit wann kann der jeweilige Ort als Stadt angesehen werden und wer war von wann bis wann Stadtherr? Dass sich erstere Frage oft angesichts der Quellenlage nicht einfach beantworten lässt, ist Naser bewusst. Die Herrschaftspluralität, also die synchronen Rechte mehrerer Herren über eine Stadt, als typologisches Problem der zweiten Frage, löst er nicht durch Mehrfachzuordnung, sondern durch eine eigenständige Kategorie „mehrere Stadtherrn“. Das ist pragmatisch nachvollziehbar, aber bringt offensichtliche Probleme bei der Nutzung der mittels dieser Datengrundlage erstellten Karten mit sich. Ähnliche Einwände wird man gegen die Verwendung des Reichsstadtbegriffs erheben können. Naser ist sich all dieser Probleme wohl bewusst – mangelndes Problembewusstsein wird man ihm in keinem Fall vorwerfen können. Dass er sie mit dem wiederholten Verweis auf Pragmatik dann aber durch starke typologische Vereinfachungen umgeht, muss man sich bei den mittels dieser Datengrundlage erstellten Karten immerhin deutlich bewusst halten. Umso dankbarer wird nun auf einmal der auf den ersten Blick so unselbständige Mittelteil mit den ausführlichen Datenexzerpten zur Herrschaftsgeschichte der einzelnen Städte. Man wird diesen Kritikpunkt nicht überstrapazieren dürfen: Nasers Lösung ist wenn nicht ideal, so doch gangbar, und vor allem scheint es bislang an operablen Alternativen zu fehlen. Im Anschluss geht es zurück zu den Informationssystemen, zu den kartographischen Auswertungsmöglichkeiten also der so geschaffenen Materialgrundlage. Hier wird es für den informatischen Laien schon schwieriger, zu folgen. Naser zeigt unterschiedliche Möglichkeiten der on- und offline Nutzung auf und diskutiert eingehend die hinter den einzelnen Anwendungen stehenden Datensatzkonzeptionen. Hier schlägt besonders häufig das persönliche Engagement des Verfassers offen auf, etwa wenn darüber spekuliert wird, ob die Firma Golden Software, die „rasante Entwicklung der Internetnutzung“ möglicherweise „gänzlich verschlafen“ hat (S. 245), oder man bitter angemerkt, dass sich die Firma terrestris das Handbuch und den Support für ihre Software AmeiN! „fürstlich bezahlen“ (S. 246) ließe. Das ist ein Ton, den man von geschichtswissenschaftlichen Dissertation nicht gewohnt ist. Aber warum sollte man einem Verfasser vorwerfen, dass er sich für die Sache engagiert? Als dessen eigenen Beitrag in Sachen frei zugänglicher IT-Anwendung sollte an dieser Stelle der Hinweis auf die Webapplikation zum hier besprochenen Städtekartenwerk nicht unterbleiben, die unter der URL http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/karten abgerufen werden kann. Die beiden letzten Kapitel dokumentieren einzelne Ergebnisse des erarbeiteten GIS und diskutieren Unterschiede zu bereits erschienenen, mit anderen Mitteln erarbeiteten Karten zur fränkischen Stadtgeschichte. Auf den letzten beiden Seiten schließlich (S. 328f.) umreißt Naser zukünftige Möglichkeiten und weist bereits auf mehr oder minder konkrete Projekte, die sich in Planung befinden, hin. Diesen Projekten kann angesichts der hier geleisteten Vorarbeiten nur das Beste gewünscht werden.

Die Arbeit mit und an Karten nimmt langsam wieder Aufschwung in den Geschichtswissenschaften. Erstaunlich wenig liest man in diesem Zusammenhang trotz aller Bemühungen um „cartographical literacy“ freilich von der praktisch-technischen Seite, von dem Prozess also, der vor der eigentlichen Karte liegt. Ganz anders die vorliegende Würzburger Dissertation von Markus Naser. Sie zeigt am Beispiel der vormodernen fränkischen Stadtgeschichte sinnfällig den praktischen Wert von Geoinformationssystemen (GIS) für die historische Arbeit. Es handelt sich dabei also um keine Kartensammlung, keinen digitalen Atlas, sondern um ein Computersystem, das die eigenständige Herstellung von Kartenmaterial nach den spezifischen Frageanforderungen des Nutzers erlaubt.

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Eingangs erläutert Naser laiengerecht die Grundideen der Einrichtung und des Umgangs mit Geoinformationssystemen. Daran schließen sich die „geschichtswissenschaftlichen Betrachtungen“ an, die sich mit der Eingrenzung und Anlage des Datenmaterials befassen, das für die spätere Kartenerstellung zur Verfügung gestellt werden muss. Die „fränkische Frage“ – was nämlich eigentlich als die historische Landschaft Franken zu begreifen sei: die bayerischen Regierungsbezirke etwa, die Bistümer Würzburg, Bamberg und Eichstätt, oder aber der fränkische Reichskreis? – löst Naser dabei durch eine pragmatische „Neuinterpretation des geographischen Frankenbegriffs“ (S. 28-32), die im Wesentlichen alle drei Vorschläge miteinander vereint und damit deutlich über das Gebiet der heutigen drei bayerischen Regierungsbezirke hinausgeht. Das ist in der Sache absolut akzeptabel, gerade auf die „detaillierte Begründung der … Auswahl“ jener Gebiete, „die heute außerhalb der drei fränkischen Regierungsbezirke liegen, aber historischen gesehen zu Franken zu zählen sind“, mit einem Pauschalverweis auf den damit zu sprengenden Rahmen der Arbeit zu verzichten, ist ein wenig enttäuschend. Sodann folgen als umfangreichster Teil (S. 39-202) eine alphabetische Zusammenstellung knapper Einzelerläuterungen zu allen 152 aufgenommenen und Begründungen für die 16 nicht aufgenommenen Städte – und damit in der Hauptsache ein umfänglicher Extrakt aus dem Bayerischen Städtebuch von Keyser und Stoob (1971), der nur gelegentlich durch neuere Literatur unterfüttert wird. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht sehr eigenständig, zumal die für die Kernfragen der Datenerhebung wichtigen Antworten anschließend (S. 203-214) noch einmal tabellarisch zusammengefasst werden. Eigenständigkeit aber ist dabei auch nicht das Ziel, sondern Transparenz der Materialgrundlage.

Welche Daten sind es nun, die Naser für sein Kartenwerk interessieren? Dargestellt werden soll die Herrschaftsgeschichte der fränkischen Städte zwischen 1100 und 1800. Dieses Grundanliegen wird etwas versteckt unter den „Vorbemerkungen“ (S. 39-42) ausgeführt und lässt sich auf die handliche Formel zusammenfassen: Seit wann kann der jeweilige Ort als Stadt angesehen werden und wer war von wann bis wann Stadtherr? Dass sich erstere Frage oft angesichts der Quellenlage nicht einfach beantworten lässt, ist Naser bewusst. Die Herrschaftspluralität, also die synchronen Rechte mehrerer Herren über eine Stadt, als typologisches Problem der zweiten Frage, löst er nicht durch Mehrfachzuordnung, sondern durch eine eigenständige Kategorie „mehrere Stadtherrn“. Das ist pragmatisch nachvollziehbar, aber bringt offensichtliche Probleme bei der Nutzung der mittels dieser Datengrundlage erstellten Karten mit sich. Ähnliche Einwände wird man gegen die Verwendung des Reichsstadtbegriffs erheben können. Naser ist sich all dieser Probleme wohl bewusst – mangelndes Problembewusstsein wird man ihm in keinem Fall vorwerfen können. Dass er sie mit dem wiederholten Verweis auf Pragmatik dann aber durch starke typologische Vereinfachungen umgeht, muss man sich bei den mittels dieser Datengrundlage erstellten Karten immerhin deutlich bewusst halten. Umso dankbarer wird nun auf einmal der auf den ersten Blick so unselbständige Mittelteil mit den ausführlichen Datenexzerpten zur Herrschaftsgeschichte der einzelnen Städte. Man wird diesen Kritikpunkt nicht überstrapazieren dürfen: Nasers Lösung ist wenn nicht ideal, so doch gangbar, und vor allem scheint es bislang an operablen Alternativen zu fehlen.

Im Anschluss geht es zurück zu den Informationssystemen, zu den kartographischen Auswertungsmöglichkeiten also der so geschaffenen Materialgrundlage. Hier wird es für den informatischen Laien schon schwieriger, zu folgen. Naser zeigt unterschiedliche Möglichkeiten der on- und offline Nutzung auf und diskutiert eingehend die hinter den einzelnen Anwendungen stehenden Datensatzkonzeptionen. Hier schlägt besonders häufig das persönliche Engagement des Verfassers offen auf, etwa wenn darüber spekuliert wird, ob die Firma Golden Software, die „rasante Entwicklung der Internetnutzung“ möglicherweise „gänzlich verschlafen“ hat (S. 245), oder man bitter angemerkt, dass sich die Firma terrestris das Handbuch und den Support für ihre Software AmeiN! „fürstlich bezahlen“ (S. 246) ließe. Das ist ein Ton, den man von geschichtswissenschaftlichen Dissertation nicht gewohnt ist. Aber warum sollte man einem Verfasser vorwerfen, dass er sich für die Sache engagiert? Als dessen eigenen Beitrag in Sachen frei zugänglicher IT-Anwendung sollte an dieser Stelle der Hinweis auf die Webapplikation zum hier besprochenen Städtekartenwerk nicht unterbleiben, die unter der URL http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/karten abgerufen werden kann.

Die beiden letzten Kapitel dokumentieren einzelne Ergebnisse des erarbeiteten GIS und diskutieren Unterschiede zu bereits erschienenen, mit anderen Mitteln erarbeiteten Karten zur fränkischen Stadtgeschichte. Auf den letzten beiden Seiten schließlich (S. 328f.) umreißt Naser zukünftige Möglichkeiten und weist bereits auf mehr oder minder konkrete Projekte, die sich in Planung befinden, hin. Diesen Projekten kann angesichts der hier geleisteten Vorarbeiten nur das Beste gewünscht werden.

geschrieben am 21.11.2010 | 797 Wörter | 5380 Zeichen

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