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Die Methusalem-Lüge


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Rezension von

Christoph Kramer

Die Methusalem-Lüge Ernst Kistler ist Professor am gewerkschaftsnahen „Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie“. Er hat ein polemisches, aber nicht faktenarmes Buch geschrieben. Kistler richtet sich durchgängig und pauschal gegen „die Arbeitgeberseite“ und ihre „Handlanger in Medien und Politik“, zu denen natürlich auch Frank Schirrmacher zu rechnen ist, gegen dessen Buch „Methusalemkomplott“ ja schon im Titel polemisiert wird. Kistlers gekonnte Mischung aus Fakten und Rhetorik versammelt fast vollständig die linken Argumentationsstrategien zum Thema „Demographie“. Dabei fällt auch die eine oder andere interessante und wertvolle Erkenntnis ab. Wenn Kistler von „Mythen“ spricht, ist zu beachten, dass ein Mythos eine Erzählung ist, der verschiedene Deutungen gegeben werden können. Hier wirft sich zwar jemand in eine aufklärerische Pose, bietet aber letztlich auch nur Gegenmythen von links. Kistler behauptet, dass die alternde Babyboomer-Generation noch bis 2030 für ein ausreichendes Angebot auf dem Arbeitsmarkt sorgen wird. Den von der „Arbeitgeberseite“ behaupteten Arbeitskräftemangel könne es schon angesichts der Arbeitslosenzahlen, insbesondere bei Frauen, Migranten - und eben Älteren, kaum geben. 2030 stünden rein quantitativ nur ca. 6 Millionen Personen weniger auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung als heute, und dies sei ja ungefähr die Anzahl der heute Arbeitslosen und „nicht registrierten Arbeitslosen“ wie Hausfrauen und Mütter. Der naheliegenden Erwägung, dass es nicht nur auf die Anzahl, sondern auch auf die Qualifikation der Arbeitskräfte ankommt, entgegnet Kistler mit dem Hinweis auf notwendige Bildungsinvestitionen für die anvisierten, bisher auf dem Arbeitsmarkt wenig nachgefragten Gruppen, besonders der Älteren. Die Klagen über „Fachkräftemangel“ hätten immerhin einen „kleinen wahren Kern“, aber dies sei nicht demographisch bedingt, sondern läge an der geringen Investitionsquote in Bildung und am „Erlahmen der Bildungsexpansion“ seit den 60ern. Ein Qualifikationsprogramm für Alte also. Leistungsabbau im Alter? – Der kommt nicht automatisch - weiß Kistler in Übereinstimmung mit Gunda Maintz von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: „das Defizit-Modell des Alterns [ist] wissenschaftlich nachhaltig erschüttert ... ,Fluide Intelligenz’ steht dabei für flexible, geschwindigkeitsabhängige Leistungen, die altersabhängig abnehmen, während der Begriff ,kristalline Intelligenz’ eher die statischen Anteile und den Erfahrungsschatz beschreibt. Dieses Potenzial kann im Alter eher noch zunehmen.“ Und wenn es trotz kristalliner Intelligenz doch zum Leistungsabbau kommt? – Dann sind die Arbeitsbedingungen schuld! Angesichts der „zunehmenden Anforderungen im Beruf“, der physischen und psychischen Belastungen täten die Betriebe einfach zu wenig für ein „alterns- und altersgerechtes“ Arbeiten. Um diese „Altersdiskriminierung“ endlich zu beenden, fordert eine Kistler eine „aktive Arbeitsmarktpolitik für ältere Arbeitnehmer“. Dazu gehören – um nur ein paar Beispiele herauszugreifen – eine „Altersgleichstellung“ in den Betrieben (inklusive einer Abgabe, wenn die Altenquote nicht erfüllt ist), ein Weiterbildungsgesetz (staatlich geregelte Weiterbildungsumlage für nicht weiterbildungswillige Betriebe), natürlich auch eine Ausbildungsumlage sowie präventiver Gesundheitsschutz auf Betriebskosten („ergonomische Arbeitsplatzgestaltung“, Mitarbeiterfitness, Reduzierung von Routine, reduzierter Zeittakt, eine insgesamt veränderte Arbeitsorganisation, die u.a. „ein rechtzeitiges Verlassen physisch und psychisch belastender Tätigkeitsfelder und die Übernahme neuer Aufgaben ermöglicht“, usw.) Die (je nach Generationenzugehörigkeit erhoffte oder befürchtete) einflussreiche und finanzkräftige Methusalemverschwörung gegen die Jungen hält Kistler schon deshalb für eine Schirrmachersche Schimäre, weil es innerhalb der betreffenden Generation eine starke Ungleichheit in der Vermögensverteilung gibt. Es gäbe einige reiche Alte, während die Kaufkraft der ärmeren älteren Bevölkerung kontinuierlich abnehme. Die „Rente mit 67“ bezeichnet Kistler dann auch (zu Recht) als verkapptes Rentenkürzungsprogramm. Es drohe Altersarmut. Die Rentenreform 1992 habe schon genug angerichtet. Hier weist er insbesondere darauf hin, dass im Osten im Durchschnitt die Neurenten höher und das Rentenzugangsalter niedriger sind als in den alten Bundesländern. Eine immer wiederkehrende Argumentationsfigur lautet: nicht die Überalterung, sondern „politische Fehler“ schuld an den leeren Sozial- und Rentenkassen sind. Im Detail sind damit u.a. gemeint: die West-Ost-Transfers in der Renten- und Arbeitslosigkeitsversicherung im Gefolge der deutschen Einheit, die europapolitischen Zugeständnisse an Beitrittsstaaten zur EU („Steuerflucht“, „Sozialdumping“, „Missdeutung des Freiheitsbegriffs in den EU-Richtlinien für Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit“), die von Arbeitgeberseite gewünschte Massenzuwanderung (namentlich erwähnt wird die Gruppe der Aussiedler) , um „Lohndumping“ und billige Arbeitskraft zu erhalten. Von weiteren staatlichen Eingriffen, die das Arbeitskräfteangebot „künstlich“ erhöhten (z.B. Arbeitszeitverlängerungen), solle jetzt endlich abgesehen werden, es sei denn, andere, noch wichtigere Gründe (aufgeführt werden: Humanitätsgründe bei Zuwanderern und Stärkung der Rolle der Frau im Erwerbsleben) stünden dagegen. Verglichen mit diesen Faktoren wirke sich die Überalterung gegenwärtig noch nicht so dramatisch aus. Dem gestiegenen Altenquotienten (Menge der von den Erwerbsfähigen zu versorgenden Rentner) steht ausgleichend ein gesunkener Jugendquotient (Menge der zu versorgenden Jugendlichen) gegenüber. Dies beschert Deutschland einen historisch vergleichsweise günstigen „Gesamtquotienten“, der erst um 2030 (extrem hoher Altenquotient) wieder die Höhe der 1970er Jahre (extrem hoher Jugendquotient) erreichen wird. Zudem sei auch nach 2030 noch nicht aller Tage Abend, da es ja nicht auf die Menge der Erwerbstätigen, sondern auf die Produktivitäts- und Einkommensentwicklung ankomme, wie Kistler mit Verwies auf Albrecht Müller erläutert. Man kann ja den immer weniger werdenden Erwerbstätigen, die immer mehr Produktivität an den Tag legen müssen, immer mehr von ihrem Einkommen wegsteuern, um die wachsende Schar der Unproduktiven zu versorgen. Um den „starken Staat“ endlich wieder handlungs- und verteilungsfähig zu machen, empfiehlt Kistler „integrierte Konzepte“ und „gesamtgesellschaftliche Maßnahmenpakete“ von oben, z.B. „Spekulations- und Kapitalverkehrsbesteuerung“ sowie diverse weitere direkte und indirekte Steuer- und Abgabenerhöhungen. Generationengerechtigkeit? – „Kann nicht absolut gesetzt werden“. Kapitalgedeckte Altersvorsorge? – sei keine Voraussetzung für „intergenerationale“ Gerechtigkeit. Generationenkonflikt? – sei nur ein Ablenkungsmanöver der Politik. Arme „Generation Sandwich“. Der bayerische Seniorenlobbyist Kistler hat ihr wenig zu bieten - aber viel wegzunehmen.

Ernst Kistler ist Professor am gewerkschaftsnahen „Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie“. Er hat ein polemisches, aber nicht faktenarmes Buch geschrieben. Kistler richtet sich durchgängig und pauschal gegen „die Arbeitgeberseite“ und ihre „Handlanger in Medien und Politik“, zu denen natürlich auch Frank Schirrmacher zu rechnen ist, gegen dessen Buch „Methusalemkomplott“ ja schon im Titel polemisiert wird. Kistlers gekonnte Mischung aus Fakten und Rhetorik versammelt fast vollständig die linken Argumentationsstrategien zum Thema „Demographie“. Dabei fällt auch die eine oder andere interessante und wertvolle Erkenntnis ab. Wenn Kistler von „Mythen“ spricht, ist zu beachten, dass ein Mythos eine Erzählung ist, der verschiedene Deutungen gegeben werden können. Hier wirft sich zwar jemand in eine aufklärerische Pose, bietet aber letztlich auch nur Gegenmythen von links.

Kistler behauptet, dass die alternde Babyboomer-Generation noch bis 2030 für ein ausreichendes Angebot auf dem Arbeitsmarkt sorgen wird. Den von der „Arbeitgeberseite“ behaupteten Arbeitskräftemangel könne es schon angesichts der Arbeitslosenzahlen, insbesondere bei Frauen, Migranten - und eben Älteren, kaum geben. 2030 stünden rein quantitativ nur ca. 6 Millionen Personen weniger auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung als heute, und dies sei ja ungefähr die Anzahl der heute Arbeitslosen und „nicht registrierten Arbeitslosen“ wie Hausfrauen und Mütter.

Der naheliegenden Erwägung, dass es nicht nur auf die Anzahl, sondern auch auf die Qualifikation der Arbeitskräfte ankommt, entgegnet Kistler mit dem Hinweis auf notwendige Bildungsinvestitionen für die anvisierten, bisher auf dem Arbeitsmarkt wenig nachgefragten Gruppen, besonders der Älteren. Die Klagen über „Fachkräftemangel“ hätten immerhin einen „kleinen wahren Kern“, aber dies sei nicht demographisch bedingt, sondern läge an der geringen Investitionsquote in Bildung und am „Erlahmen der Bildungsexpansion“ seit den 60ern.

Ein Qualifikationsprogramm für Alte also. Leistungsabbau im Alter? – Der kommt nicht automatisch - weiß Kistler in Übereinstimmung mit Gunda Maintz von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: „das Defizit-Modell des Alterns [ist] wissenschaftlich nachhaltig erschüttert ... ,Fluide Intelligenz’ steht dabei für flexible, geschwindigkeitsabhängige Leistungen, die altersabhängig abnehmen, während der Begriff ,kristalline Intelligenz’ eher die statischen Anteile und den Erfahrungsschatz beschreibt. Dieses Potenzial kann im Alter eher noch zunehmen.“ Und wenn es trotz kristalliner Intelligenz doch zum Leistungsabbau kommt? – Dann sind die Arbeitsbedingungen schuld! Angesichts der „zunehmenden Anforderungen im Beruf“, der physischen und psychischen Belastungen täten die Betriebe einfach zu wenig für ein „alterns- und altersgerechtes“ Arbeiten.

Um diese „Altersdiskriminierung“ endlich zu beenden, fordert eine Kistler eine „aktive Arbeitsmarktpolitik für ältere Arbeitnehmer“. Dazu gehören – um nur ein paar Beispiele herauszugreifen – eine „Altersgleichstellung“ in den Betrieben (inklusive einer Abgabe, wenn die Altenquote nicht erfüllt ist), ein Weiterbildungsgesetz (staatlich geregelte Weiterbildungsumlage für nicht weiterbildungswillige Betriebe), natürlich auch eine Ausbildungsumlage sowie präventiver Gesundheitsschutz auf Betriebskosten („ergonomische Arbeitsplatzgestaltung“, Mitarbeiterfitness, Reduzierung von Routine, reduzierter Zeittakt, eine insgesamt veränderte Arbeitsorganisation, die u.a. „ein rechtzeitiges Verlassen physisch und psychisch belastender Tätigkeitsfelder und die Übernahme neuer Aufgaben ermöglicht“, usw.)

Die (je nach Generationenzugehörigkeit erhoffte oder befürchtete) einflussreiche und finanzkräftige Methusalemverschwörung gegen die Jungen hält Kistler schon deshalb für eine Schirrmachersche Schimäre, weil es innerhalb der betreffenden Generation eine starke Ungleichheit in der Vermögensverteilung gibt. Es gäbe einige reiche Alte, während die Kaufkraft der ärmeren älteren Bevölkerung kontinuierlich abnehme. Die „Rente mit 67“ bezeichnet Kistler dann auch (zu Recht) als verkapptes Rentenkürzungsprogramm. Es drohe Altersarmut. Die Rentenreform 1992 habe schon genug angerichtet. Hier weist er insbesondere darauf hin, dass im Osten im Durchschnitt die Neurenten höher und das Rentenzugangsalter niedriger sind als in den alten Bundesländern.

Eine immer wiederkehrende Argumentationsfigur lautet: nicht die Überalterung, sondern „politische Fehler“ schuld an den leeren Sozial- und Rentenkassen sind. Im Detail sind damit u.a. gemeint: die West-Ost-Transfers in der Renten- und Arbeitslosigkeitsversicherung im Gefolge der deutschen Einheit, die europapolitischen Zugeständnisse an Beitrittsstaaten zur EU („Steuerflucht“, „Sozialdumping“, „Missdeutung des Freiheitsbegriffs in den EU-Richtlinien für Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit“), die von Arbeitgeberseite gewünschte Massenzuwanderung (namentlich erwähnt wird die Gruppe der Aussiedler) , um „Lohndumping“ und billige Arbeitskraft zu erhalten.

Von weiteren staatlichen Eingriffen, die das Arbeitskräfteangebot „künstlich“ erhöhten (z.B. Arbeitszeitverlängerungen), solle jetzt endlich abgesehen werden, es sei denn, andere, noch wichtigere Gründe (aufgeführt werden: Humanitätsgründe bei Zuwanderern und Stärkung der Rolle der Frau im Erwerbsleben) stünden dagegen.

Verglichen mit diesen Faktoren wirke sich die Überalterung gegenwärtig noch nicht so dramatisch aus. Dem gestiegenen Altenquotienten (Menge der von den Erwerbsfähigen zu versorgenden Rentner) steht ausgleichend ein gesunkener Jugendquotient (Menge der zu versorgenden Jugendlichen) gegenüber. Dies beschert Deutschland einen historisch vergleichsweise günstigen „Gesamtquotienten“, der erst um 2030 (extrem hoher Altenquotient) wieder die Höhe der 1970er Jahre (extrem hoher Jugendquotient) erreichen wird. Zudem sei auch nach 2030 noch nicht aller Tage Abend, da es ja nicht auf die Menge der Erwerbstätigen, sondern auf die Produktivitäts- und Einkommensentwicklung ankomme, wie Kistler mit Verwies auf Albrecht Müller erläutert. Man kann ja den immer weniger werdenden Erwerbstätigen, die immer mehr Produktivität an den Tag legen müssen, immer mehr von ihrem Einkommen wegsteuern, um die wachsende Schar der Unproduktiven zu versorgen. Um den „starken Staat“ endlich wieder handlungs- und verteilungsfähig zu machen, empfiehlt Kistler „integrierte Konzepte“ und „gesamtgesellschaftliche Maßnahmenpakete“ von oben, z.B. „Spekulations- und Kapitalverkehrsbesteuerung“ sowie diverse weitere direkte und indirekte Steuer- und Abgabenerhöhungen. Generationengerechtigkeit? – „Kann nicht absolut gesetzt werden“. Kapitalgedeckte Altersvorsorge? – sei keine Voraussetzung für „intergenerationale“ Gerechtigkeit. Generationenkonflikt? – sei nur ein Ablenkungsmanöver der Politik.

Arme „Generation Sandwich“. Der bayerische Seniorenlobbyist Kistler hat ihr wenig zu bieten - aber viel wegzunehmen.

geschrieben am 22.02.2007 | 865 Wörter | 6361 Zeichen

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