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Geschichte der Sexualwissenschaft


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Rezension von

Hiram Kümper

Geschichte der Sexualwissenschaft Vermutlich kann derzeit kaum ein Wissenschaftler derart intime Kenntnisse der deutschen Sexualwissenschaft aufweisen wie der Vf. dieses Buches. Denn Volkmar Sigusch hat die Disziplin und ihr langes Ringen um akademische Anerkennung und Verankerung über Jahrzehnte hinweg begleitet. Er war es, unter dessen Leitung 1971 in Frankfurt das erste universitäre Institut für Sexualwissenschaft gegründet wurde – und mit dessen Pensionierung im Oktober 2006 die Geschichte des Instituts zugleich ein Ende nahm. Sigusch war aber nie bloß Hochschullehrer. Zugleich war und ist der Mitbegründer der so genannten „Kritischen Sexualwissenschaft“ stets bemüht, die Zunft nicht im akademischen Elfenbeinturm einzuschließen. Denn die Sexualwissenschaft hat – wie Sigusch auch in seinem neuen Werk immer wieder festzustellen weiß – ein sehr praktisches, gesellschaftspolitisches Interesse, will etwas für die Menschen bewirken. Die Geschichte dieser sehr spezifischen Wissenschaft hat Sigusch nun in einem monumentalen Werk von über siebenhundert Seiten nachzuzeichnen versucht. Dabei changiert die Darstellung je näher sie in die Zeitgeschichte vorrückt beständig zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und Zeitzeugenbericht. Sigusch weiß sehr wohl, dass er die deutsche Sexualwissenschaft der letzten Jahrzehnte nicht nur selbst miterlebt, sondern auch selbst mitgestaltet hat. Diesem Umstand, „weil ich nun einmal Partei bin, ob ich will oder nicht“ (S. 21), begegnet der Vf. mal etwas kokett, mal selbstkritisch – aber immer offensiv; auch dort, wo er als Historiker sich selbst historisiert. Das tut dem Buch gut. Behandelt werden rund einhundertfünfzig Jahre der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Sex und der Sexualität. Dass damit keine Geschichte der Sexualität gemeint ist, betont der Vf. nachdrücklich. Seine Geschichte setzt ein im ausgehenden 19. Jahrhunderts, wenn neben Freud Pioniere der Sexualwissenschaft wie Richard Krafft-Ebing oder Havelock Ellis ihr Wirken entfalten. Die Vorgeschichte, vor allem der mit viel Verve geführte Diskurs um die Onanie im Zuge der Spätaufklärung, wird als eine der Voraussetzungen für die neue Beschäftigung mit der Sexualität zumindest exkursartig eingeführt. Siguschs reich, aber nicht immer sehr aussagekräftig illustrierte Disziplinengeschichte verläuft in der Hauptsache entlang von Forscherbiographien und Institutionengeschichten; es ist nicht in erster Linie eine Ideengeschichte der Zunft. Dennoch gelingt es dem Vf., die zentralen Debatten durch die Zeit hindurch zu verfolgen. Sigusch schreibt klar und ohne den meist unnötigen Ballast disziplinären Jargons, wenn auch teils mit vielleicht entbehrlichen Längen – vor allem, wenn er aus eigener Erinnerung berichtet. Das scheint verzeihlich, zumal auch der Leser angesichts der bewegten Zeiten, von denen hier berichtet wird, hier und da nicht umhin kann, den Funken auf sich überspringen zu lassen. Trotzdem verlässt der Vf. an keiner Stelle das Trapez seriöser wissenschaftlicher Darstellung. Ganz ohne Zweifel: Ein großartiges Buch.

Vermutlich kann derzeit kaum ein Wissenschaftler derart intime Kenntnisse der deutschen Sexualwissenschaft aufweisen wie der Vf. dieses Buches. Denn Volkmar Sigusch hat die Disziplin und ihr langes Ringen um akademische Anerkennung und Verankerung über Jahrzehnte hinweg begleitet. Er war es, unter dessen Leitung 1971 in Frankfurt das erste universitäre Institut für Sexualwissenschaft gegründet wurde – und mit dessen Pensionierung im Oktober 2006 die Geschichte des Instituts zugleich ein Ende nahm.

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Sigusch war aber nie bloß Hochschullehrer. Zugleich war und ist der Mitbegründer der so genannten „Kritischen Sexualwissenschaft“ stets bemüht, die Zunft nicht im akademischen Elfenbeinturm einzuschließen. Denn die Sexualwissenschaft hat – wie Sigusch auch in seinem neuen Werk immer wieder festzustellen weiß – ein sehr praktisches, gesellschaftspolitisches Interesse, will etwas für die Menschen bewirken. Die Geschichte dieser sehr spezifischen Wissenschaft hat Sigusch nun in einem monumentalen Werk von über siebenhundert Seiten nachzuzeichnen versucht.

Dabei changiert die Darstellung je näher sie in die Zeitgeschichte vorrückt beständig zwischen wissenschaftlicher Dokumentation und Zeitzeugenbericht. Sigusch weiß sehr wohl, dass er die deutsche Sexualwissenschaft der letzten Jahrzehnte nicht nur selbst miterlebt, sondern auch selbst mitgestaltet hat. Diesem Umstand, „weil ich nun einmal Partei bin, ob ich will oder nicht“ (S. 21), begegnet der Vf. mal etwas kokett, mal selbstkritisch – aber immer offensiv; auch dort, wo er als Historiker sich selbst historisiert. Das tut dem Buch gut.

Behandelt werden rund einhundertfünfzig Jahre der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Sex und der Sexualität. Dass damit keine Geschichte der Sexualität gemeint ist, betont der Vf. nachdrücklich. Seine Geschichte setzt ein im ausgehenden 19. Jahrhunderts, wenn neben Freud Pioniere der Sexualwissenschaft wie Richard Krafft-Ebing oder Havelock Ellis ihr Wirken entfalten. Die Vorgeschichte, vor allem der mit viel Verve geführte Diskurs um die Onanie im Zuge der Spätaufklärung, wird als eine der Voraussetzungen für die neue Beschäftigung mit der Sexualität zumindest exkursartig eingeführt. Siguschs reich, aber nicht immer sehr aussagekräftig illustrierte Disziplinengeschichte verläuft in der Hauptsache entlang von Forscherbiographien und Institutionengeschichten; es ist nicht in erster Linie eine Ideengeschichte der Zunft.

Dennoch gelingt es dem Vf., die zentralen Debatten durch die Zeit hindurch zu verfolgen.

Sigusch schreibt klar und ohne den meist unnötigen Ballast disziplinären Jargons, wenn auch teils mit vielleicht entbehrlichen Längen – vor allem, wenn er aus eigener Erinnerung berichtet. Das scheint verzeihlich, zumal auch der Leser angesichts der bewegten Zeiten, von denen hier berichtet wird, hier und da nicht umhin kann, den Funken auf sich überspringen zu lassen. Trotzdem verlässt der Vf. an keiner Stelle das Trapez seriöser wissenschaftlicher Darstellung. Ganz ohne Zweifel: Ein großartiges Buch.

geschrieben am 16.08.2008 | 419 Wörter | 2677 Zeichen

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