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Der Sturz des Adlers


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Rezension von

Thierry Elsen

Der Sturz des Adlers Ein kritisches Lese(r)buch zur SPÖ Die Geschichte einer Partei ist auch die Geschichte eines Landes. Besonders dann, wenn die Geschichte besagter Partei die letzten 120 Jahre bemisst und die beschriebene Partei lange Zeit die Regierungsverantwortlichkeit trug. Tatsache ist, dass die SPÖ – die Sozialdemokratische Partei Österreichs – die älteste Partei in Österreich ist. Die ÖVP hat gute Gründe ihr Entstehen erst mit der zweiten Republik gleichzusetzen. Die FPÖ, das BZÖ und die Grünen sind Kinder der zweiten Republik respektive der jüngeren und jüngsten Zeitgeschichte. Zum Autor Der Autor von „Der Sturz des Adlers“, Norbert Leser, gilt als ausgewiesener Fachmann des Austromarxismus. Aufgrund seines Lebensalters – Leser feierte 2008 seinen 75. Geburtstag - darf man ihn auch als unmittelbaren Zeitzeugen der Erfolge, Wirrungen und Irrungen der SPÖ und der Zweiten Republik bezeichnen. Als Intimus zahlreicher SPÖ-Politiker/innen der Vergangenheit und kritischer Parteigänger, der jedoch niemals den Schritt eines Austritts vollzog, ist die Sicht Lesers sicher nicht nur die eines Außenstehenden und Unbeteiligten. Er berichtet aus dem Inneren heraus – vielleicht nicht immer aus dem innersten Kreis. Seine Position lässt sich gut als „Quälgeist der SPÖ“ (die Presse“ vom 30. 05. 2008) umschreiben. Leser ist sich dieser Rolle sehr bewusst, benutzt er doch für sich das Bild eines Hofnarren, der in die andere Richtung als sein König schaut. Leser ist fester Bestandteil des österreichischen akademischen Lebens. Er war Ordinarius für Politikwissenschaft in Salzburg und Ordinarius für Gesellschaftsphilosophie in Wien bis zu seiner Emeritierung 2001. Mit „Der Sturz des Adlers“ legt er den dritten Band einer Trilogie vor, die im Abstand von 20 Jahren erschien. 1968 publizierte er „Zwischen Reformismus und Bolschewismus“ und 1988 „Salz der Gesellschaft“. Alle drei Bände beschäftigen sich mit der Wiener Sozialdemokratie. Zum Buch: Der Titel bezieht sich auf den Adler als Wappentier der Monarchie und der Republik. Er verweist jedoch auch auf die nicht unprominenten Herren mit Namen Adler: Victor, Friedrich und Max Adler. Victor Adler gilt als Gründervater der SPÖ, sein Sohn Friedrich als eine wichtige sozialdemokratische Figur der Ersten Republik, der durch sein Attentat auf Graf Stürgkh Berühmtheit bei der Arbeiterschaft erlangte. Der nicht verwandte Max Adler wird von Norbert Leser als einer der wegweisenden Philosophen der Bewegung in Erinnerung gerufen. Inhaltlich zerfällt das Buch in zwei Teile. Der erste Teil behandelt die Sozialdemokratie in ihrer Entstehung in Hainfeld, über die Nationalitätenfrage hin zum Ersten Weltkrieg. Das „Linzer Programm“ wird ebenso behandelt, wie der Austromarxismus. Ein besonderes Gewicht kommt Otto Bauer zu, der mit seinem „Austromarxismus“ einiges dazu beigetragen hat, dass die Sozialdemokratie nach den Scharmützeln von 1934 in der Versenkung verschwand. Es ist beeindruckend wie deutlich Norbert Leser am Säulenheiligen der SPÖ kratzt. Er zeichnet die Führung der SPÖ als konzeptlos und zu keiner Zeit auf einen bewaffneten Kampf vorbereitet. Die einzige Figur, die bei Leser immer wieder Gnade findet, ist Karl Renner, der als umsichtiger und vor allem vorausdenkender Politiker gezeichnet wird. Leser benutzt den Begriff „Bluff“. Ein zweiter Teil beginnt im Wesentlichen mit den Figuren Schärf/Helmer. Die historische Analyse weicht immer mehr der Berichterstattung des Zeitzeugen, inhaltlich und stilistisch. Das Leben der Partei wird in diesem zweiten Teil vorwiegend anhand ihrer Spitzenvertreter zunehmend essayistsch dargestellt. Norbert Leser berichtet ebenfalls von seinen eigenen Problemen mit der Partei. Die Partei entfernt sich von Norbert Leser und Norbert Leser von der Partei. Es verwundert daher nicht, dass der Ton rechtfertigender und plaudernder wird. Die Abweichungen ins Anekdotenhafte mehren sich. Das Kapitel Franz Olah liefert nur einige Streiflichter. Keine Erwähnung der Kronenzeitung, keine Skizzierung der ersten Schritte zu einer Sozialpartnerschaft usw. Vranitzky wird einfach mit Gerhard Schröder verglichen, obwohl beide von der Herkunft, jedoch auch von der Kanzlerschaft verschiedene Wege und Voraussetzungen hatten. Vranitzky wurde von Sinowatz entdeckt, Schröder musste sich den Weg von Oscar Lafontaine als damaligem Parteivorsitzenden erst ebnen lassen. Das Buch ist daher nicht nur eine Bestandsaufnahme der SPÖ, sondern auch eine politische Verortung des ersten Politikwissenschaftlers (mit Lehrstuhl) in Österreich. Leser als rechten Sozialdemokraten abzutun, weil er keine Scheu vor dem Katholizismus und studentischen Verbindungen dieser Prägung hat, wäre zu einfach. Zu prononciert ist sein Ruf nach einer SPÖ-Minderheitsregierung, zu sehr lehnt er beispielsweise Franz Vranitzky als pragmatischen Managertypus ab, zu sehr sind ihm Privilegien verhasst. Ihn dem linken Flügel (sofern es einen solchen überhaupt gibt) scheint ebenso übertrieben aus anderen Gründen. Leser ist wertkonservativ im sozialdemokratischen Sinne. Er selbst beschreibt dies in einem Interview mit „Der Standard“ wie folgt: „Obwohl ich eigentlich immer dem rechten Flügel zugerechnet werde, erwachen jetzt linke Gefühle in mir, angesichts dieser Partie von Vranitzky, Scholten und Klima, die sich die Partei für ihr persönliches Wohlergehen unter den Nagel gerissen hat.“ Leser spricht sehr oft von der notwendigen Veränderung von Strukturen und dass eine Partei wie die SPÖ mehr Demokratie wagen müsse, anstatt wichtige Entscheidungen im kleinen Kreis im Wiener Rathauskeller zu entscheiden. Das ist die eine Seite. Er bezieht jedoch nicht die Veränderungen der ideologischen Landschaft ein, erläutert nicht warum, sich die SPÖ zu einer Pensionist/innenpartei entwickelt hat. Die strukturellen Veränderungen der Arbeitswelt durch den globalen Markt sind ebenfalls kein Thema. Schuldig bleib er auch die Frage: Welche Themen muss eine moderne Sozialdemokratie behandeln? Was leistet das Buch? Es gibt sicherlich „objektivere“ und ausführlichere Darstellungen der Sozialdemokratie und ihrer Proponenten (Proponent/innen kommen nur am Rande vor – so erwähnt Leser, die ihm nahe stehende Herta Firnberg; der Name Johanna Dohnal fällt z.B. mit keiner einzigen Silbe – ebenso wenig jener von Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Barbara Prammer um nur einige zu nennen). Der Historiker Oliver Rathkolb bringt es in seiner Rezension auf folgenden Punkt: „Sein jüngstes Werk (Lesers: Anm: The) ist mit Abstand das schwächste und uninteressanteste dieses verdienten Autors und kritischen Denkers. Enttäuschend vor allem deshalb, weil Lesers Habilitationsschrift „Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus in Theorie und Praxis“ von 1968 zu Recht zu den Klassikern der österreichischen Politik- und Ideologiegeschichte zählt.“ (Falter 46/2008) So krass würde ich es nicht sehen. Das Buch ist ein Lesebuch und liefert einen flott geschriebenen Einstieg in die Thematik, der man sicherlich eines nicht vorwerfen kann: Glorifizierung der eigenen Partei und Geschichte. Es ist eher das Dokument einer Besorgnis um den Zustand einer Partei, die - so der Autor – schon lange damit aufgehört hat, ihren Werten treu zu bleiben.

Ein kritisches Lese(r)buch zur SPĂ–

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Die Geschichte einer Partei ist auch die Geschichte eines Landes. Besonders dann, wenn die Geschichte besagter Partei die letzten 120 Jahre bemisst und die beschriebene Partei lange Zeit die Regierungsverantwortlichkeit trug. Tatsache ist, dass die SPÖ – die Sozialdemokratische Partei Österreichs – die älteste Partei in Österreich ist. Die ÖVP hat gute Gründe ihr Entstehen erst mit der zweiten Republik gleichzusetzen. Die FPÖ, das BZÖ und die Grünen sind Kinder der zweiten Republik respektive der jüngeren und jüngsten Zeitgeschichte.

Zum Autor

Der Autor von „Der Sturz des Adlers“, Norbert Leser, gilt als ausgewiesener Fachmann des Austromarxismus. Aufgrund seines Lebensalters – Leser feierte 2008 seinen 75. Geburtstag - darf man ihn auch als unmittelbaren Zeitzeugen der Erfolge, Wirrungen und Irrungen der SPÖ und der Zweiten Republik bezeichnen. Als Intimus zahlreicher SPÖ-Politiker/innen der Vergangenheit und kritischer Parteigänger, der jedoch niemals den Schritt eines Austritts vollzog, ist die Sicht Lesers sicher nicht nur die eines Außenstehenden und Unbeteiligten. Er berichtet aus dem Inneren heraus – vielleicht nicht immer aus dem innersten Kreis. Seine Position lässt sich gut als „Quälgeist der SPÖ“ (die Presse“ vom 30. 05. 2008) umschreiben. Leser ist sich dieser Rolle sehr bewusst, benutzt er doch für sich das Bild eines Hofnarren, der in die andere Richtung als sein König schaut. Leser ist fester Bestandteil des österreichischen akademischen Lebens. Er war Ordinarius für Politikwissenschaft in Salzburg und Ordinarius für Gesellschaftsphilosophie in Wien bis zu seiner Emeritierung 2001. Mit „Der Sturz des Adlers“ legt er den dritten Band einer Trilogie vor, die im Abstand von 20 Jahren erschien. 1968 publizierte er „Zwischen Reformismus und Bolschewismus“ und 1988 „Salz der Gesellschaft“. Alle drei Bände beschäftigen sich mit der Wiener Sozialdemokratie.

Zum Buch:

Der Titel bezieht sich auf den Adler als Wappentier der Monarchie und der Republik. Er verweist jedoch auch auf die nicht unprominenten Herren mit Namen Adler: Victor, Friedrich und Max Adler. Victor Adler gilt als GrĂĽndervater der SPĂ–, sein Sohn Friedrich als eine wichtige sozialdemokratische Figur der Ersten Republik, der durch sein Attentat auf Graf StĂĽrgkh BerĂĽhmtheit bei der Arbeiterschaft erlangte. Der nicht verwandte Max Adler wird von Norbert Leser als einer der wegweisenden Philosophen der Bewegung in Erinnerung gerufen.

Inhaltlich zerfällt das Buch in zwei Teile. Der erste Teil behandelt die Sozialdemokratie in ihrer Entstehung in Hainfeld, über die Nationalitätenfrage hin zum Ersten Weltkrieg. Das „Linzer Programm“ wird ebenso behandelt, wie der Austromarxismus. Ein besonderes Gewicht kommt Otto Bauer zu, der mit seinem „Austromarxismus“ einiges dazu beigetragen hat, dass die Sozialdemokratie nach den Scharmützeln von 1934 in der Versenkung verschwand. Es ist beeindruckend wie deutlich Norbert Leser am Säulenheiligen der SPÖ kratzt. Er zeichnet die Führung der SPÖ als konzeptlos und zu keiner Zeit auf einen bewaffneten Kampf vorbereitet. Die einzige Figur, die bei Leser immer wieder Gnade findet, ist Karl Renner, der als umsichtiger und vor allem vorausdenkender Politiker gezeichnet wird. Leser benutzt den Begriff „Bluff“.

Ein zweiter Teil beginnt im Wesentlichen mit den Figuren Schärf/Helmer. Die historische Analyse weicht immer mehr der Berichterstattung des Zeitzeugen, inhaltlich und stilistisch. Das Leben der Partei wird in diesem zweiten Teil vorwiegend anhand ihrer Spitzenvertreter zunehmend essayistsch dargestellt. Norbert Leser berichtet ebenfalls von seinen eigenen Problemen mit der Partei. Die Partei entfernt sich von Norbert Leser und Norbert Leser von der Partei. Es verwundert daher nicht, dass der Ton rechtfertigender und plaudernder wird. Die Abweichungen ins Anekdotenhafte mehren sich. Das Kapitel Franz Olah liefert nur einige Streiflichter. Keine Erwähnung der Kronenzeitung, keine Skizzierung der ersten Schritte zu einer Sozialpartnerschaft usw. Vranitzky wird einfach mit Gerhard Schröder verglichen, obwohl beide von der Herkunft, jedoch auch von der Kanzlerschaft verschiedene Wege und Voraussetzungen hatten. Vranitzky wurde von Sinowatz entdeckt, Schröder musste sich den Weg von Oscar Lafontaine als damaligem Parteivorsitzenden erst ebnen lassen.

Das Buch ist daher nicht nur eine Bestandsaufnahme der SPÖ, sondern auch eine politische Verortung des ersten Politikwissenschaftlers (mit Lehrstuhl) in Österreich. Leser als rechten Sozialdemokraten abzutun, weil er keine Scheu vor dem Katholizismus und studentischen Verbindungen dieser Prägung hat, wäre zu einfach. Zu prononciert ist sein Ruf nach einer SPÖ-Minderheitsregierung, zu sehr lehnt er beispielsweise Franz Vranitzky als pragmatischen Managertypus ab, zu sehr sind ihm Privilegien verhasst. Ihn dem linken Flügel (sofern es einen solchen überhaupt gibt) scheint ebenso übertrieben aus anderen Gründen. Leser ist wertkonservativ im sozialdemokratischen Sinne. Er selbst beschreibt dies in einem Interview mit „Der Standard“ wie folgt: „Obwohl ich eigentlich immer dem rechten Flügel zugerechnet werde, erwachen jetzt linke Gefühle in mir, angesichts dieser Partie von Vranitzky, Scholten und Klima, die sich die Partei für ihr persönliches Wohlergehen unter den Nagel gerissen hat.“ Leser spricht sehr oft von der notwendigen Veränderung von Strukturen und dass eine Partei wie die SPÖ mehr Demokratie wagen müsse, anstatt wichtige Entscheidungen im kleinen Kreis im Wiener Rathauskeller zu entscheiden. Das ist die eine Seite. Er bezieht jedoch nicht die Veränderungen der ideologischen Landschaft ein, erläutert nicht warum, sich die SPÖ zu einer Pensionist/innenpartei entwickelt hat. Die strukturellen Veränderungen der Arbeitswelt durch den globalen Markt sind ebenfalls kein Thema. Schuldig bleib er auch die Frage: Welche Themen muss eine moderne Sozialdemokratie behandeln?

Was leistet das Buch?

Es gibt sicherlich „objektivere“ und ausführlichere Darstellungen der Sozialdemokratie und ihrer Proponenten (Proponent/innen kommen nur am Rande vor – so erwähnt Leser, die ihm nahe stehende Herta Firnberg; der Name Johanna Dohnal fällt z.B. mit keiner einzigen Silbe – ebenso wenig jener von Adelheid Popp, Therese Schlesinger, Barbara Prammer um nur einige zu nennen). Der Historiker Oliver Rathkolb bringt es in seiner Rezension auf folgenden Punkt: „Sein jüngstes Werk (Lesers: Anm: The) ist mit Abstand das schwächste und uninteressanteste dieses verdienten Autors und kritischen Denkers. Enttäuschend vor allem deshalb, weil Lesers Habilitationsschrift „Zwischen Reformismus und Bolschewismus. Der Austromarxismus in Theorie und Praxis“ von 1968 zu Recht zu den Klassikern der österreichischen Politik- und Ideologiegeschichte zählt.“ (Falter 46/2008) So krass würde ich es nicht sehen. Das Buch ist ein Lesebuch und liefert einen flott geschriebenen Einstieg in die Thematik, der man sicherlich eines nicht vorwerfen kann: Glorifizierung der eigenen Partei und Geschichte. Es ist eher das Dokument einer Besorgnis um den Zustand einer Partei, die - so der Autor – schon lange damit aufgehört hat, ihren Werten treu zu bleiben.

geschrieben am 17.12.2008 | 1027 Wörter | 6323 Zeichen

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