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Der Fall Collini


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Der Fall Collini Der erste Roman von Schirach nach zwei BĂ€nden mit ErzĂ€hlungen wurde mit Spannung erwartet, wenngleich der Autor durch diverse Interviews und einen Essay im SPIEGEL einiges getan hat, um die Spannung fĂŒr den Leser zu minimieren, schade eigentlich. Denn die Idee hinter dem Roman, die Beschreibung der fatalen Auswirkungen eines möglicherweise wissentlich und willentlich auf diese Weise eingebrachten Änderungsgesetzes aus dem Jahr 1968 auf die Strafbarkeit nationalsozialistischer Verbrechen, Stichwort VerjĂ€hrung und Mord, auf einen Strafprozess heutiger Zeit ist ein pfiffiger Schachzug und der Handlungsrahmen höchst förderlich fĂŒr das Einbringen der großen StĂ€rken von Schirach: das lakonische ErzĂ€hlen aus der Sicht des Protagonisten Caspar Leinen, gepaart mit ĂŒberraschenden Knalleffekten einerseits (etwa den Tod des Schulfreundes und dessen Eltern), die prĂ€zise Abbildung von historischen und juristischen Details andererseits. Wie auch schon in den ErzĂ€hlbĂ€nden nimmt er den Leser so fĂŒrsorglich an die Hand, dass auch juristische Feinheiten unproblematisch transparent werden. Gleichzeitig aber lĂ€sst er den Leser auch teilhaben an seiner eigenen Ergriffenheit, etwa gegenĂŒber der Architektur des Berliner Gerichts als Spielort des Prozesses, aber auch gegenĂŒber der Finesse einiger Verfahrensbeteiligter, die ihr Handwerk perfekt beherrschen, ohne dem Menschen dahinter, etwa dem Angeklagten oder dem Zeugen seine WĂŒrde streitig zu machen. Auf diese Weise wird der Roman tiefgrĂŒndig, aber auch lebendig und das prĂ€zise Hinarbeiten auf die „Lösung“ des Falles nimmt den Leser zur GĂ€nze ein, sodass man diesen Roman in wenigen Stunden verschlingen kann. Kleinere Kritikpunkte fallen beim abrupten Stilwechsel in dem Kapitel auf, in dem der Verteidiger in die Zentralstelle nach Ludwigsburg reist, um ĂŒber die NS-Vergangenheit des Mordopfers zu recherchieren: denn wĂ€hrend man zuvor in Einzelheiten chronologisch schwelgen durfte, steckt der Leser nunmehr erstmals in einem InformationsrĂŒckstand; die Tatsache nĂ€mlich, dass es sich eben um die Zentralstelle fĂŒr die AufklĂ€rung von NS-Verbrechen handelt, wird erst spĂ€ter aufgedeckt. Zum anderen ist ein kleiner formaler Lapsus zu verzeichnen, wenn von „lebenslĂ€nglicher“ Freiheitsstrafe die Rede ist: ein Tisch ist lĂ€nglich, die Freiheitsstrafe fĂŒr Mord ist und bleibt lebenslang, auch wenn Journalisten und selbst Juristen diese Verwechslung allzu oft vornehmen. Mancher Leser könnte angesichts des ĂŒberraschenden Endes des Romans enttĂ€uscht sein, aber dies wĂ€re ein Fehlschluss. Durch das gewĂ€hlte Ende wird eigentlich die rechtliche und menschliche Unlösbarkeit nur noch klarer deutlich, die dem Roman bzw. der ihm als Rahmenhandlung dienenden Tötungshandlung zugrunde liegt. Durch das gleichsam offene Ende ist es Schirach aber auch möglich, viele große Themen anzureißen und die Konsequenzen der Vorstellung des Lesers anheim zu stellen. Dies betrifft profane Probleme wie den Verlust vertrauter Strukturen und Menschen, aber eben auch den persönlichen Umgang mit einer möglicherweise „gerechten“ SĂŒhnehandlung. Hinzu kommt das Thema des moralisches Dilemmas der hinsichtlich der NS-Vergangenheit ihrer Eltern oder Verwandten unaufgeklĂ€rten Nachkommen. Auf diese Weise kommt Schirach am Ende auch zurĂŒck auf eines seiner Lieblingsthemen: die Frage nach der Schuld, der juristischen und noch viel mehr der moralischen, und der Verantwortung fĂŒr sich selbst. Dieser Roman ist spannend, unterhaltsam, macht nachdenklich und bietet Anreize zur Selbstreflexion. Kurzum: lesenswert, empfehlenswert, gut.

Der erste Roman von Schirach nach zwei BĂ€nden mit ErzĂ€hlungen wurde mit Spannung erwartet, wenngleich der Autor durch diverse Interviews und einen Essay im SPIEGEL einiges getan hat, um die Spannung fĂŒr den Leser zu minimieren, schade eigentlich. Denn die Idee hinter dem Roman, die Beschreibung der fatalen Auswirkungen eines möglicherweise wissentlich und willentlich auf diese Weise eingebrachten Änderungsgesetzes aus dem Jahr 1968 auf die Strafbarkeit nationalsozialistischer Verbrechen, Stichwort VerjĂ€hrung und Mord, auf einen Strafprozess heutiger Zeit ist ein pfiffiger Schachzug und der Handlungsrahmen höchst förderlich fĂŒr das Einbringen der großen StĂ€rken von Schirach: das lakonische ErzĂ€hlen aus der Sicht des Protagonisten Caspar Leinen, gepaart mit ĂŒberraschenden Knalleffekten einerseits (etwa den Tod des Schulfreundes und dessen Eltern), die prĂ€zise Abbildung von historischen und juristischen Details andererseits. Wie auch schon in den ErzĂ€hlbĂ€nden nimmt er den Leser so fĂŒrsorglich an die Hand, dass auch juristische Feinheiten unproblematisch transparent werden. Gleichzeitig aber lĂ€sst er den Leser auch teilhaben an seiner eigenen Ergriffenheit, etwa gegenĂŒber der Architektur des Berliner Gerichts als Spielort des Prozesses, aber auch gegenĂŒber der Finesse einiger Verfahrensbeteiligter, die ihr Handwerk perfekt beherrschen, ohne dem Menschen dahinter, etwa dem Angeklagten oder dem Zeugen seine WĂŒrde streitig zu machen. Auf diese Weise wird der Roman tiefgrĂŒndig, aber auch lebendig und das prĂ€zise Hinarbeiten auf die „Lösung“ des Falles nimmt den Leser zur GĂ€nze ein, sodass man diesen Roman in wenigen Stunden verschlingen kann. Kleinere Kritikpunkte fallen beim abrupten Stilwechsel in dem Kapitel auf, in dem der Verteidiger in die Zentralstelle nach Ludwigsburg reist, um ĂŒber die NS-Vergangenheit des Mordopfers zu recherchieren: denn wĂ€hrend man zuvor in Einzelheiten chronologisch schwelgen durfte, steckt der Leser nunmehr erstmals in einem InformationsrĂŒckstand; die Tatsache nĂ€mlich, dass es sich eben um die Zentralstelle fĂŒr die AufklĂ€rung von NS-Verbrechen handelt, wird erst spĂ€ter aufgedeckt. Zum anderen ist ein kleiner formaler Lapsus zu verzeichnen, wenn von „lebenslĂ€nglicher“ Freiheitsstrafe die Rede ist: ein Tisch ist lĂ€nglich, die Freiheitsstrafe fĂŒr Mord ist und bleibt lebenslang, auch wenn Journalisten und selbst Juristen diese Verwechslung allzu oft vornehmen.

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Mancher Leser könnte angesichts des ĂŒberraschenden Endes des Romans enttĂ€uscht sein, aber dies wĂ€re ein Fehlschluss. Durch das gewĂ€hlte Ende wird eigentlich die rechtliche und menschliche Unlösbarkeit nur noch klarer deutlich, die dem Roman bzw. der ihm als Rahmenhandlung dienenden Tötungshandlung zugrunde liegt. Durch das gleichsam offene Ende ist es Schirach aber auch möglich, viele große Themen anzureißen und die Konsequenzen der Vorstellung des Lesers anheim zu stellen. Dies betrifft profane Probleme wie den Verlust vertrauter Strukturen und Menschen, aber eben auch den persönlichen Umgang mit einer möglicherweise „gerechten“ SĂŒhnehandlung. Hinzu kommt das Thema des moralisches Dilemmas der hinsichtlich der NS-Vergangenheit ihrer Eltern oder Verwandten unaufgeklĂ€rten Nachkommen. Auf diese Weise kommt Schirach am Ende auch zurĂŒck auf eines seiner Lieblingsthemen: die Frage nach der Schuld, der juristischen und noch viel mehr der moralischen, und der Verantwortung fĂŒr sich selbst.

Dieser Roman ist spannend, unterhaltsam, macht nachdenklich und bietet Anreize zur Selbstreflexion. Kurzum: lesenswert, empfehlenswert, gut.

geschrieben am 17.09.2011 | 491 Wörter | 3133 Zeichen

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