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Kommt ein Pferd in die Bar


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Informationen zum Buch
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  Extras

Rezension von

Thomas Stumpf

Kommt ein Pferd in die Bar David Grossman ist einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller, TrĂ€ger des Geschwister-Scholl-Preises und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In seinem neuen Roman lĂ€sst er den Leser in der ersten Reihe Platz nehmen und einer Comedy Show in der israelischen Kleinstadt Netanja beiwohnen. Auftritt des Stand-Up-Comedians Dovele Grinstein, ein Mann, wie er unwahrscheinlicher nicht sein könnte. Dovele ist ein kleinwĂŒchsiger, beinahe koboldhafter Mann, der seinem Publikum eine ganz besondere Nummer bieten möchte: er erzĂ€hlt ihnen von der ersten Beerdigung, die er als kleiner Junge besuchen musste. Es wird ein ungemĂŒtlicher Abend werden. Eingeladen hat er Avischai Lasar, einen alten Freund, den er seit Kindheitstagen nicht mehr gesehen hat. Lasar ist pensionierten Richter, und von ihm möchte Dovele am Ende des Abends ein ganz persönliches Urteil hören. Außerdem befindet sich im Publikum eine kleine Frau, die als Kind in Doveles Nachbarschaft gewohnt hat. So viel zum Setting, der Rest ist schnell erzĂ€hlt. Der Roman beginnt ohne jegliche EinfĂŒhrung, Dovele betritt die BĂŒhne und beginnt unmittelbar mit seiner Darbietung. Der Leser hat keine Zeit sich zu aklimatisieren oder sich „einzulesen“, es geht gleich los mit der Ă€ußerst gewöhnungsbedĂŒrftigen Show. Dovele gibt seine Witze zum Besten, wobei eine geordnete Struktur nicht zu erkennen ist. Seine Witze sind schlecht, ich jedenfalls konnte ĂŒber keinen lachen. Dem Publikum im Buch geht es ebenso. Ab und zu ein Schmunzeln, ein seltenes lautes GelĂ€chter. Die Witze sind nicht selten zotig, sexistisch, in der Regel aber derb und Dovele versĂ€umt es nicht, sein Publikum wiederholt mehr oder minder offen zu beleidigen. Er macht auch einige politische Witze, die bei seinen Zuschauern noch schlechter ankommen. Je lĂ€nger sein Auftritt dauert, desto makaberer werden seine SprĂŒche, der Tod hĂ€lt verstĂ€rkt Einzug in seine Kalauer. Der titelgebende Witz „Kommt ein Pferd in die Bar“ wird im Buch angefangen, aber nicht zu Ende erzĂ€hlt. WĂ€hrend seines Auftritts erzĂ€hlt Dovele, so ganz nebenbei, die Geschichte seines Lebens, seiner traurigen Kindheit als Außenseiter, der immerzu auf den HĂ€nden lief und Witze riss, um möglichst keine AngriffsflĂ€che zu bieten und um seine Mutter aufzumuntern. Das ganze Buch steuert auf die UmstĂ€nde seiner ersten Beerdigung zu und als Leser weiß man sehr frĂŒh, was es mit dieser auf sich hat, man fragt sich nur, ob es ein einfaches BegrĂ€bnis oder eine Doppelbeerdigung wird. Das Publikum wird im Laufe des Abends immer unruhiger. Irgendwann beschweren sich einige Leute lautstark, es wird beinahe handgreiflich. Sie haben Eintritt bezahlt fĂŒr Comedy und leichte Unterhaltung, um sich eine Auszeit von ihrem Alltag zu nehmen, nicht fĂŒr einen todtraurigen Seelenstriptease. Immer mehr Zuschauer verlassen die Vorstellung vorzeitig, am Ende sind nur noch Lasar und die kleine Frau ĂŒbrig. Sie sitzen es aus bis zum erschöpfenden Ende. Das hier ist ein anstrengendes Buch. Das liegt sowohl im Inhalt als auch in formalen Aspekten begrĂŒndet. Der Inhalt ist schwermĂŒtig und traurig. Dovele ist nicht gerade ein Sympath und er macht es dem Leser nicht leicht, ihn zu mögen. Man erhĂ€lt nicht nur Einblick in sein eigenes Leben, sondern auch in das der israelischen Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg. Dovele macht auch derbe Witze ĂŒber Antisemitismus, die seinem Publikum gar nicht schmecken. Wenn es zu persönliche wird, hat er richtige Ausraster und mehrmals schlĂ€gt er sich selbst mit aller Gewalt ins Gesicht, was sehr verstörend wirkt. Er rĂŒhrt zu TrĂ€nen, gleichzeitig hat man das BedĂŒrfnis aufzustehen und zu gehen, was letztlich auch beinahe alle Zuschauer machen. Auch als Leser muss man sich ein wenig durchquĂ€len. Auch formal kĂ€mpft das Buch mit harten Bandagen. Es handelt sich im Grunde um einen einzigen endlosen Monolog, der an keiner Stelle aufgelockert oder gar gebrochen wĂŒrde. Es gibt auch keine Pause, kein Ausstieg. Man sitzt als Leser quasi mit am Tisch des ehemaligen Richters Lasar in der ersten Reihe des Geschehens und nimmt bis zum bitteren Ende am tragischen Treiben auf der BĂŒhne teil. Dem Buch fehlt eine erkennbare Ă€ußere Struktur. Es ist nicht in Kapitel aufgegliedert, die einzelnen Abschnitte sind meist sehr lang. Ab und zu beginnt ein neuer Abschnitt, der lediglich mit einer großen Initiale abgesetzt ist. AnfĂŒhrungszeichen gibt es nicht. Doveles ErzĂ€hlung ist sprunghaft, einzig linear ist die beklemmende Geschichte der Beerdigung. Man sitzt dabei, ob man will oder nicht, es gibt keine Unterbrechung des Auftritts, auch nicht formal im Buch. Eine Handlung im klassischen Sinne gibt es auch nicht. Als Gelegenheitsleser wird man eher nicht zu diesem Buch greifen. Sprachlich und handwerklich toll geschrieben, aber keine leichte LektĂŒre. Das Buch fordert Aufmerksamkeit und Ausdauer.

David Grossman ist einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller, TrĂ€ger des Geschwister-Scholl-Preises und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In seinem neuen Roman lĂ€sst er den Leser in der ersten Reihe Platz nehmen und einer Comedy Show in der israelischen Kleinstadt Netanja beiwohnen. Auftritt des Stand-Up-Comedians Dovele Grinstein, ein Mann, wie er unwahrscheinlicher nicht sein könnte. Dovele ist ein kleinwĂŒchsiger, beinahe koboldhafter Mann, der seinem Publikum eine ganz besondere Nummer bieten möchte: er erzĂ€hlt ihnen von der ersten Beerdigung, die er als kleiner Junge besuchen musste. Es wird ein ungemĂŒtlicher Abend werden. Eingeladen hat er Avischai Lasar, einen alten Freund, den er seit Kindheitstagen nicht mehr gesehen hat. Lasar ist pensionierten Richter, und von ihm möchte Dovele am Ende des Abends ein ganz persönliches Urteil hören. Außerdem befindet sich im Publikum eine kleine Frau, die als Kind in Doveles Nachbarschaft gewohnt hat.

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WĂ€hrend seines Auftritts erzĂ€hlt Dovele, so ganz nebenbei, die Geschichte seines Lebens, seiner traurigen Kindheit als Außenseiter, der immerzu auf den HĂ€nden lief und Witze riss, um möglichst keine AngriffsflĂ€che zu bieten und um seine Mutter aufzumuntern. Das ganze Buch steuert auf die UmstĂ€nde seiner ersten Beerdigung zu und als Leser weiß man sehr frĂŒh, was es mit dieser auf sich hat, man fragt sich nur, ob es ein einfaches BegrĂ€bnis oder eine Doppelbeerdigung wird. Das Publikum wird im Laufe des Abends immer unruhiger. Irgendwann beschweren sich einige Leute lautstark, es wird beinahe handgreiflich. Sie haben Eintritt bezahlt fĂŒr Comedy und leichte Unterhaltung, um sich eine Auszeit von ihrem Alltag zu nehmen, nicht fĂŒr einen todtraurigen Seelenstriptease. Immer mehr Zuschauer verlassen die Vorstellung vorzeitig, am Ende sind nur noch Lasar und die kleine Frau ĂŒbrig. Sie sitzen es aus bis zum erschöpfenden Ende.

Das hier ist ein anstrengendes Buch. Das liegt sowohl im Inhalt als auch in formalen Aspekten begrĂŒndet. Der Inhalt ist schwermĂŒtig und traurig. Dovele ist nicht gerade ein Sympath und er macht es dem Leser nicht leicht, ihn zu mögen. Man erhĂ€lt nicht nur Einblick in sein eigenes Leben, sondern auch in das der israelischen Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg. Dovele macht auch derbe Witze ĂŒber Antisemitismus, die seinem Publikum gar nicht schmecken. Wenn es zu persönliche wird, hat er richtige Ausraster und mehrmals schlĂ€gt er sich selbst mit aller Gewalt ins Gesicht, was sehr verstörend wirkt. Er rĂŒhrt zu TrĂ€nen, gleichzeitig hat man das BedĂŒrfnis aufzustehen und zu gehen, was letztlich auch beinahe alle Zuschauer machen. Auch als Leser muss man sich ein wenig durchquĂ€len.

Auch formal kĂ€mpft das Buch mit harten Bandagen. Es handelt sich im Grunde um einen einzigen endlosen Monolog, der an keiner Stelle aufgelockert oder gar gebrochen wĂŒrde. Es gibt auch keine Pause, kein Ausstieg. Man sitzt als Leser quasi mit am Tisch des ehemaligen Richters Lasar in der ersten Reihe des Geschehens und nimmt bis zum bitteren Ende am tragischen Treiben auf der BĂŒhne teil. Dem Buch fehlt eine erkennbare Ă€ußere Struktur. Es ist nicht in Kapitel aufgegliedert, die einzelnen Abschnitte sind meist sehr lang. Ab und zu beginnt ein neuer Abschnitt, der lediglich mit einer großen Initiale abgesetzt ist. AnfĂŒhrungszeichen gibt es nicht. Doveles ErzĂ€hlung ist sprunghaft, einzig linear ist die beklemmende Geschichte der Beerdigung. Man sitzt dabei, ob man will oder nicht, es gibt keine Unterbrechung des Auftritts, auch nicht formal im Buch. Eine Handlung im klassischen Sinne gibt es auch nicht. Als Gelegenheitsleser wird man eher nicht zu diesem Buch greifen. Sprachlich und handwerklich toll geschrieben, aber keine leichte LektĂŒre. Das Buch fordert Aufmerksamkeit und Ausdauer.

geschrieben am 11.04.2016 | 738 Wörter | 4160 Zeichen

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