
| ISBN | 3462047426 | |
| Autor | Vera Kaiser | |
| Verlag | Kiepenheuer & Witsch | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 464 | |
| Erscheinungsjahr | 2015 | |
| Extras | - |

Wer möchte nicht dort sein, auf einer Insel der Seligen? Selbst wenn sie fiktiv ist? Aber der Weg dorthin ist weit und steinig, von Umwegen und Abwegen geprĂ€gt und bis endlich alle angekommen sind, sind einige PrĂŒfungen zu bestehen. Das muss eine weitverzweigte griechische Familie erfahren, deren Geschichte ĂŒber mehrere Generationen in diesem Roman erzĂ€hlt wird. Ausgangspunkt ist ein Bergdorf an der griechisch-albanischen Grenze mitsamt der ersten Protagonistin Maria Kouzis, die als GroĂmutter, Yiayia genannt, den Laden bzw. die Familie zusammenhĂ€lt. Ihre Zwillingstöchter bekommen ihrerseits Kinder und zwei davon Lefti und Eleni, sind von Maria dazu auserkoren worden, die Familie fortzufĂŒhren. Lefti könnte sich durchaus mit diesem Schicksal abfinden, aber Eleni schieĂt quer: sie interessiert sich fĂŒr Politik, betreibt, ohne es als solchen zu proklamieren einen realen Feminismus in den engen Grenzen des griechischen Hinterlandes und erst als sie in den Wirren der militĂ€rischen Machtergreifung Aufsehen erregt und ins GefĂ€ngnis wandert, stimmt sie der Heirat mit Lefti samt Ausreise mit ihm nach Deutschland zu. Dort angelangt, in Hildesheim, entfremden sich die beiden immer mehr voneinander und finden ihrerseits neue Partner, Lefti seine Sprachlehrerin Trudi und Eleni den Musiker und SĂ€nger Otto. Eleni wird schwanger, entscheidet sich gegen eine Abtreibung und kehrt nach Griechenland zurĂŒck, was ihren neuen Partner in jahrzehntelange psychische KalamitĂ€ten stĂŒrzt. Eleni lĂ€sst ihr Kind in Griechenland und emigriert selbst in die USA, um dort einen immerhin bezahlten Job bei einer entfernten Verwandten anzunehmen. So lernt sie immerhin auf ein paar Umwegen ihren echten Ehemann, Milton Aniston, kennen, der von ebender Insel der Seligen, Makarionissi, stammt. Elenis Tochter akzeptiert die beiden trotz der jahrelang dauernden Trennung und bei der Hochzeitsreise zu Miltons Heimatinsel wird kurzerhand beschlossen, dass die kleine Familie dort bleiben und ein Hotel eröffnen wird. Elenis Tochter Aspasia bekommt viel zu jung ebenfalls Zwillinge, die ihrerseits Stolpersteine im Leben und in der Liebe zu ĂŒberwinden haben, wovon einer ausgerechnet Eleni in ihrer eigenen Rolle als Yiayia ist. Gegen Ende des Buches liegt der Fokus dann auf einem dieser Zwillingskinder, Iannis, der erst zu Lefti nach Ăsterreich und dann nach ZĂŒrich flĂŒchtet, wo er endlich sein GlĂŒck gefunden zu haben scheint. Dann aber kommt es zum familiĂ€ren Showdown und zur thematisch passenden Katharsis.

Das ist viel Zeit zu ĂŒberbrĂŒcken, viel Stoff zu erzĂ€hlen, sodass bestimmte Details, die man gerne nĂ€her erlĂ€utert bekommen hĂ€tte, etwas nach hinten abfallen. Bemerkenswert ist aber, dass die Grundspannung des Romans nie nachlĂ€sst, was auch an der runden Sprache der Autorin liegt. Wie nebenbei lĂ€sst sie aber an einigen Stellen aufblitzen, wie gern sie mit der Sprache spielt und kreiert so sehr schöne, bemerkenswerte SĂ€tze. Z.B.: âManolis beachtete Otto nicht weiter, lehnte sich im Liegestuhl zurĂŒck, starrte auf das Meer, und das Meer starrte zurĂŒck.â Eine schöne Metapher (S. 362). Oder diese Erkenntnis des verlassenen Otto: âFĂŒr Otto war die Zeit stehen geblieben. Und er dachte nicht daran, dass sie fĂŒr Eleni weitergegangen war.â (S. 332). Besser kann man es nicht ausdrĂŒcken, wie der Verlassene mit seinen GefĂŒhlen zu kĂ€mpfen hat.
Das ist aber gleichzeitig eine Ăberleitung auf die vielen ĂŒbergeordneten Themen, die in diesem Roman verankert sind: die Kraft von Liebe und Familie, das Befolgen von (vermeintlichen) ZwĂ€ngen, der Kampf zwischen Tradition und Moderne, zwischen Gelassenheit und Aufregung, aber auch die Schwierigkeiten moderner Migranten und das Kratzen wirtschaftlicher Krisen an zivilisatorischen Errungenschaften. Dabei mĂŒssen all diese Sujets gar nicht plakativ hochgehalten werden: es genĂŒgt schon, dass sich die Protagonisten damit auseinander setzen mĂŒssen, sodass der Leser unweigerlich ins GrĂŒbeln gerĂ€t.
Zugegeben, man könnte bei sehr kritischer Betrachtung, diesem Roman bzw. der Autorin ein paar Dinge ankreiden. Da sind zum einen Schreibfehler (sogar in einer Ăberschrift) und Sprachfehler, da sind unaufgelöste ErzĂ€hlstrĂ€nge (u.a. wie verlor Lefti eigentlich seine Genitalerkrankung?), da ist die Ăberhöhung dieses Familienromans in ein altgriechisches Epos mit GesĂ€ngen und Helden und man findet sicher noch mehr, wenn man nur stochern möchte. Ich finde aber, das ist es nicht wert. Denn der Roman ist in sich schlĂŒssig, trotz der LĂ€nge kurzweilig, bietet wie gesehen Grund- und Metathemen und noch dazu ein nachvollziehbares und auch gelungenes Ende. Es ist, mit anderen Worten, wirklich gute Unterhaltung. Was will man als Leser denn mehr? Insofern vergebe ich gerne die âBestnoteâ und kann das Buch mit Nachdruck zur LektĂŒre empfehlen.
geschrieben am 21.07.2015 | 705 Wörter | 4148 Zeichen
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