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Plan D


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Plan D Der Rahmen der Geschichte gibt dem Leser vor, die DDR würde noch bestehen und ebendort agiert der Protagonist, der Kommissar der Volkspolizei Wegener. Dieser ist ein eher klassischer Ermittlertypus, also ein alleinstehender und einzelgängerischer, misstrauischer Mann in seinen 50ern, mit unglücklichem Privat- und Sexualleben und in fast schon anrührender Weise hin- und hergerissen zwischen Widerstreben gegen das DDR-System und dem resignierten Abfinden mit demselben. Diese innere Spannung ist aber nötig, um ihn mit Scharfsinn hinter die zahlreichen und komplexen Kulissen und Kulissen der Kulissen der DDR und ihrer Institutionen blicken zu lassen, um auch den Leser den ganzen Wahnsinn der Verschleierung, der Bespitzelung und des radikalen Vertrauensverlustes spüren zu lassen, der den Alltag der DDR-Bürger prägt. Wegener muss mit diesen Umständen einerseits leben, kann aber bisweilen auch gerade mit ihnen jonglieren, um zu seinen, bisweilen durchaus überraschenden Ermittlungsergebnissen zu gelangen. Gegenstand seiner Untersuchung ist ein Mord an einem ehemaligen Heidelberger Professor, der in die DDR übergesiedelt war, um seine Vorstellung eines modernen und umweltbewussten Sozialismus zu verwirklichen, dies mittels des so genannten Plan D. Der erste Versuch der Umsetzung scheiterte in den frühen 90ern, denn in diesem Buch gab es nie eine Wiedervereinigung, sondern die DDR wollte nach der so genannten „Wiederbelebung“ sozialistisch und runderneuert durchstarten - mit erwartbar makabrem Ergebnis: die Stasi beherrscht das Land nach wie vor, die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Westen bzw. von Russland ist nicht zu verbergen und der Mangel grassiert nach wie vor beim eigenen Volk, nur nicht bei den „Bonzen“. Der Mord hat nun den Anschein einer Stasi-Racheaktion und droht, bevorstehende Konsultationen über neue Gas-Transit-Verträge zum Scheitern zu bringen, denn gegenüber dem Westen wird die Stasi als nicht mehr bedrohlicher und rechtsstaatlichen Grundsätzen unterworfener Inlandsgeheimdienst ausgegeben. Dies wird im Laufe des Buches durch den Blick in die Stasi-Strukturen, das Aufdecken von Mitwissern, Geheimoperationen und Geheimgefängnissen konterkariert, und Agenten und Doppelagenten beider Lager, also aus DDR und BRD, die die Verhältnisse kennen und doch weiter verwirren, sorgen immer wieder für neue Wendungen und Spannung. Sukzessive werden Hintermänner und Motive des Mordes aufgedeckt und es gibt zum Glück kein offenes, aber ein erfreulich unerwartetes Ende, der Leser wird also bis zum Schluss unter Strom gehalten. Viele Ahnungen des ermittelnden Wegener werden auf dem Weg zur Erkenntnis von ihm mal gekonnt, mal glücklich aber auch listig aufgeklärt, wobei allerdings der Typus des einsam gegen das System ermittelnden Wolfes manchmal an die gedanklichen Grenzen des Lesers stößt, wenn der Gegner doch scheinbar so übermächtig ist, personell, technisch, manipulativ. Aber dafür ist es ja Fiktion. Manchmal hätte man Wegner aber ein bisschen positive Erfahrungen, gerade im persönlichen Bereich gegönnt, anstelle von so viel Schmerz, Vertrauensbruch und Verlust. Die Rolle der Ex-Partnerin Karolina und ihre von Wegener vermuteten und dann tatsächlich entdeckten Affären und sexuellen Ausschweifungen wird - für meinen Geschmack - etwas übertrieben ausgearbeitet, verstärkt aber das Bild und auch Klischee des getriebenen, verzweifelten und einsamen „Helden“ Wegener. Viele der dabei betroffenen Szenen werden sprachlich drastisch und explizit ausgeschmückt und stehen im - vielleicht so gewollten - Kontrast zur feinsinnigen, ironischen und spielerischen geistigen Herausforderung, die den Leser ansonsten bei der Lektüre geradezu anspringt. Denn der Autor bedient sich wunderbarer Sprachbilder, setzt Witz ein, fordert vom Leser eine gewisse historische und politische Grundausbildung, um all die Anspielungen und Doppeldeutigkeiten aufgreifen und verständig würdigen zu können. Ein wenig bedauerlich ist hingegen der Umstand, dass der Hintergrund des verschwundenen Vorgesetzten Früchtl nicht detaillierter ausgeleuchtet wird, denn dieser erscheint Wegener immer wieder als Dialogpartner im Geiste, bis eine bittere Erkenntnis auch das beendet. Sehr positiv für den Leser ist jedenfalls, dass er sich mit der DDR bei weitem nicht so intensiv auseinander gesetzt haben muss, wie dies der Autor getan hat und dies auch in der Vermarktung des Buches fortsetzt, u.a. mit Reminiszenzen, Quizfragen oder der Präsentation von im Buch genannten Liedern und Künstlern. Die gelungenen Namensgebungen erlauben auch dem geschichtlich nicht so kundigen Leser, sich die Absurdität des Staates und seiner Bewohner und Produkte vor Augen zu führen, ohne dass dabei die erzählte Geschichte Abstriche machen müsste. Schlussendlich kann auf das vorweggenommene Fazit rekurriert werden. Das Buch bietet sehr gute Unterhaltung, Spannung, unerwartete Wendungen und bietet für manchen Leser en passant sicher noch eine schöne Erkenntnis: dass es wohl nicht ganz so schlecht ist, dass es 1990 doch die Wiedervereinigung gab und damit vielen Menschen das System DDR erspart bleiben konnte.

Der Rahmen der Geschichte gibt dem Leser vor, die DDR würde noch bestehen und ebendort agiert der Protagonist, der Kommissar der Volkspolizei Wegener. Dieser ist ein eher klassischer Ermittlertypus, also ein alleinstehender und einzelgängerischer, misstrauischer Mann in seinen 50ern, mit unglücklichem Privat- und Sexualleben und in fast schon anrührender Weise hin- und hergerissen zwischen Widerstreben gegen das DDR-System und dem resignierten Abfinden mit demselben. Diese innere Spannung ist aber nötig, um ihn mit Scharfsinn hinter die zahlreichen und komplexen Kulissen und Kulissen der Kulissen der DDR und ihrer Institutionen blicken zu lassen, um auch den Leser den ganzen Wahnsinn der Verschleierung, der Bespitzelung und des radikalen Vertrauensverlustes spüren zu lassen, der den Alltag der DDR-Bürger prägt. Wegener muss mit diesen Umständen einerseits leben, kann aber bisweilen auch gerade mit ihnen jonglieren, um zu seinen, bisweilen durchaus überraschenden Ermittlungsergebnissen zu gelangen.

weitere Rezensionen von Dr. Benjamin Krenberger


Gegenstand seiner Untersuchung ist ein Mord an einem ehemaligen Heidelberger Professor, der in die DDR übergesiedelt war, um seine Vorstellung eines modernen und umweltbewussten Sozialismus zu verwirklichen, dies mittels des so genannten Plan D. Der erste Versuch der Umsetzung scheiterte in den frühen 90ern, denn in diesem Buch gab es nie eine Wiedervereinigung, sondern die DDR wollte nach der so genannten „Wiederbelebung“ sozialistisch und runderneuert durchstarten - mit erwartbar makabrem Ergebnis: die Stasi beherrscht das Land nach wie vor, die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Westen bzw. von Russland ist nicht zu verbergen und der Mangel grassiert nach wie vor beim eigenen Volk, nur nicht bei den „Bonzen“. Der Mord hat nun den Anschein einer Stasi-Racheaktion und droht, bevorstehende Konsultationen über neue Gas-Transit-Verträge zum Scheitern zu bringen, denn gegenüber dem Westen wird die Stasi als nicht mehr bedrohlicher und rechtsstaatlichen Grundsätzen unterworfener Inlandsgeheimdienst ausgegeben. Dies wird im Laufe des Buches durch den Blick in die Stasi-Strukturen, das Aufdecken von Mitwissern, Geheimoperationen und Geheimgefängnissen konterkariert, und Agenten und Doppelagenten beider Lager, also aus DDR und BRD, die die Verhältnisse kennen und doch weiter verwirren, sorgen immer wieder für neue Wendungen und Spannung. Sukzessive werden Hintermänner und Motive des Mordes aufgedeckt und es gibt zum Glück kein offenes, aber ein erfreulich unerwartetes Ende, der Leser wird also bis zum Schluss unter Strom gehalten. Viele Ahnungen des ermittelnden Wegener werden auf dem Weg zur Erkenntnis von ihm mal gekonnt, mal glücklich aber auch listig aufgeklärt, wobei allerdings der Typus des einsam gegen das System ermittelnden Wolfes manchmal an die gedanklichen Grenzen des Lesers stößt, wenn der Gegner doch scheinbar so übermächtig ist, personell, technisch, manipulativ. Aber dafür ist es ja Fiktion. Manchmal hätte man Wegner aber ein bisschen positive Erfahrungen, gerade im persönlichen Bereich gegönnt, anstelle von so viel Schmerz, Vertrauensbruch und Verlust.

Die Rolle der Ex-Partnerin Karolina und ihre von Wegener vermuteten und dann tatsächlich entdeckten Affären und sexuellen Ausschweifungen wird - für meinen Geschmack - etwas übertrieben ausgearbeitet, verstärkt aber das Bild und auch Klischee des getriebenen, verzweifelten und einsamen „Helden“ Wegener. Viele der dabei betroffenen Szenen werden sprachlich drastisch und explizit ausgeschmückt und stehen im - vielleicht so gewollten - Kontrast zur feinsinnigen, ironischen und spielerischen geistigen Herausforderung, die den Leser ansonsten bei der Lektüre geradezu anspringt. Denn der Autor bedient sich wunderbarer Sprachbilder, setzt Witz ein, fordert vom Leser eine gewisse historische und politische Grundausbildung, um all die Anspielungen und Doppeldeutigkeiten aufgreifen und verständig würdigen zu können. Ein wenig bedauerlich ist hingegen der Umstand, dass der Hintergrund des verschwundenen Vorgesetzten Früchtl nicht detaillierter ausgeleuchtet wird, denn dieser erscheint Wegener immer wieder als Dialogpartner im Geiste, bis eine bittere Erkenntnis auch das beendet.

Sehr positiv für den Leser ist jedenfalls, dass er sich mit der DDR bei weitem nicht so intensiv auseinander gesetzt haben muss, wie dies der Autor getan hat und dies auch in der Vermarktung des Buches fortsetzt, u.a. mit Reminiszenzen, Quizfragen oder der Präsentation von im Buch genannten Liedern und Künstlern. Die gelungenen Namensgebungen erlauben auch dem geschichtlich nicht so kundigen Leser, sich die Absurdität des Staates und seiner Bewohner und Produkte vor Augen zu führen, ohne dass dabei die erzählte Geschichte Abstriche machen müsste.

Schlussendlich kann auf das vorweggenommene Fazit rekurriert werden. Das Buch bietet sehr gute Unterhaltung, Spannung, unerwartete Wendungen und bietet für manchen Leser en passant sicher noch eine schöne Erkenntnis: dass es wohl nicht ganz so schlecht ist, dass es 1990 doch die Wiedervereinigung gab und damit vielen Menschen das System DDR erspart bleiben konnte.

geschrieben am 19.11.2011 | 715 Wörter | 4459 Zeichen

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