
| ISBN | 342313724X | |
| Autor | Wilhelm Genazino | |
| Verlag | dtv | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 192 | |
| Erscheinungsjahr | 2008 | |
| Extras | - |

Ohr weg – Na und?

Wenn ein Ohrverlust nur noch mittelmäßig ist, dann ist nicht der Ohrverlust, sondern das eigene Leben und die Gesellschaft das Problem!
Bei einem Kneipenbesuch verliert Dieter Rotmund ein Ohr. Nicht etwa gewaltsam, es fällt ihm einfach ab, ohne eine Wunde zu hinterlassen. Nach dem ersten Schock ist Rotmund davon aber nur mittelmäßig bewegt. Er kauft sich eine Ohrenklappe, um den Verlust fürs Erste zu verbergen. In seinem Leben stellt der Ohrverlust nur eines unter vielen Erlebnissen dar. Seine Frau Edith will sich von ihm trennen. Im Büro hingegen wird er befördert. Und dann taucht auch noch Sonja Schweitzer, seine Vormieterin, auf, mit der er sich auf ein Verhältnis einlässt.
Einerseits ein typischer Roman des u.a. mit dem Georg-Büchner- und Kleist-Preis ausgezeichneten Autors Wilhelm Genazino. Fans werden viele Genazino-Motive wie bedeutungsvolle Versprecher und Verleser oder das Flanieren und die Tristheit des Büroalltags wiederfinden. Getragen wird der Roman ganz genazino-typisch von den Gedanken und Beobachtungen des Protagonisten beim Flanieren durch die Stadt. Eine Technik die Genazino wie kein anderer beherrscht! Zugleich sticht dieser Roman aber von den anderen dadurch hervor, dass er als einziger ein Fantasieelement – nämlich den Verlust von Körperteilen – aufweist.
Der Ohrverlust Dieter Rotmunds mag viele Bedeutungen haben: Verweigerung von Lärm, aber auch der Kommunikation. Auch zeigt sich daran das mittelmäßige Interesse der Menschen an anderen und an sich selbst. Rotmund reagiert auf den Ohrverlust, indem er sich heimlich aus der Kneipe davonstiehlt, ohne sein herumliegendes Ohr weiter zu beachten, anschließend kauft er sich eine Ohrenklappe. Nach dem „Warum“ fragt er nie. Stattdessen erkundigt er sich, ob er wegen einer solchen Krankheit gefeuert werden könnte. Man könnte meinen, so etwas sei etwas ganz Alltägliches. Und genauso reagiert auch sein Umfeld. Der Ohrverlust wird kommentarlos hingenommen. Was man nicht kennt, ignoriert man besser, bevor man am Ende noch Schwierigkeiten deswegen bekommt.
Will man so leben? Doch wie lebt man richtig?
Rotmund leidet nicht nur unter mittelmäßigem Heimweh, er leidet vor allem unter einem mittelmäßigen Leben. Nur was braucht man, damit das Leben aufhört mittelmäßig zu sein? Wenn auch die Sehnsucht nach der Liebe nur noch mittelmäßig ist? Bietet die Beförderung den Ausweg? Die neue Geliebte? Das Flanieren in der Stadt? Der Anblick verschiedener Gegenstände? Gibt es überhaupt einen Ausweg?
Fragen mit denen sich nicht nur Genazino-Fans beschäftigen sollten!
geschrieben am 09.04.2010 | 384 Wörter | 2232 Zeichen
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