Navigation

Seiten der Rubrik "Bücher"


Google Anzeigen

Anzeigen

Bücher

Ein Regenschirm für diesen Tag


Statistiken
  • 2330 Aufrufe

Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
  Sprache
  Seiten
  Erscheinungsjahr
  Extras

Rezension von

Johanna Paik

Ein Regenschirm für diesen Tag Wilhelm Genazino nimmt uns in seinem, mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten, Werk „Ein Regenschirm für diesen Tag“ abermals mit in eine Welt, die um soviel detailreicher ist, als man vermuten würde. Wieder geht es um einen Flaneur, den wir bei seinen Beobachtungen begleiten. 46 Jahre ist der Protagonist dieses Romans alt, ledig und von Beruf Schuhtester. Doch dieser Mann, der sich in seiner Personenbeschreibung anhört wie jeder x-beliebige Bürger – ja vielleicht sogar noch eine Spur unauffälliger als der Rest der Frankfurter Bevölkerung – ist einmalig in der Wahrnehmung seiner Umwelt. Tagtäglich läuft er durch die Frankfurter Innenstadt: Begutachtet Läden mit ihren individuellen Einzelheiten und Menschen, geht sogar zum Frisör; jedoch staunt der Leser nicht schlecht, welche besondere Behandlung neben dem Haare schneiden dort noch auf dem Programm steht. Mit der Zeit, erfährt man wie es zu dem außergewöhnlichen Verhalten des Protagonisten kommt. Denn der Protagonist möchte nicht ständig nachdenken, was automatisch geschieht, wenn er arbeitet. Viel lieber möchte er einfach schweigen. Das Spazieren gehen und das Meiden von Arbeit ist für ihn der einzige Weg nicht zu denken. Auch wenn er sich bewusst ist, dass er so dem Leben in gewisser Weise seine Erlaubnis verweigert. Seine Freundin Lisa, eine frühpensionierte Grundschullehrerin, die an der Realität in der Schule scheiterte hat ihn verlassen, da er sich nicht nach ihren Wünschen ändern konnte. Seine „Genügsamkeit sei unfreiwillig“ und ihm fehle „finanzielle Verwurzelung in der Welt“. So kommt es, dass er die Leere, die sie hinterlassen hat nun krampfhaft füllen möchte und zu Blättern greift, die er in ihrem Bereich der ehemals gemeinsamen Wohnung ausbreitet. Ein Leben geht, ein anderes kommt. So ähnlich mag sein Gedanke gewesen sein, der ihn veranlasste, Blätter zu sammeln. Leider ist die Beziehung zu Lisa nicht sein einziges Problem. Konnte er mit Lisas Unterstützung von seinem Job als Schuhtester noch gut leben, wird seine Existenz nun auf eine harte Probe gestellt, als sein Gehalt unerwartet auf ein Viertel gekürzt wird. Diese Figur nutzt jedoch ihr permanentes, ja fast schon versessenes Beobachten ihrer Mitmenschen – ohne das sie niemals aus Genazinos Feder stammen könnte – um Geld zu verdienen. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden, ist es dann soweit. Hier sollen zwei Bitten geäußert werden, die sein Leben verändern. Aus Scham über seinen eigenen Beruf nennt er ein Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst sein Eigen. Was eigentlich nur durch seine innere Überzeugung von ihm gewünscht war, wird an diesem Abend zwangsweise zur Wirklichkeit, da einer der weiblichen Gäste ihr Interesse so sehr bekundet, dass dem Protagonisten nichts anderes übrig bleibt, als einen „Scheintermin in der Scheinfirma“ auszumachen. Wider Erwarten läuft dieses Treffen gut. Die Patientin ist mit der „Therapie“ mehr als zufrieden und bezahlt bereitwillig den von ihm geforderten Preis. So zögert der Protagonist nicht lange, als auch eine zweite Dame eine Sitzung wünscht. Der zweite Zufall will es, dass ein alter Bekannter Himmelreich, den er je nach Laune als Rivale oder Abschreckung betrachtet, ihn bittet, bei der Zeitung, für die der Protagonist als Student geschrieben hat, für ihn um eine Stelle als Fotograf zu betteln. Obwohl in Sachen Himmelreichs Anliegen erfolglos, bekommt der Protagonist nun selbst, aus alter Freundschaft zum Redakteur Messerschmidt, eine Stelle angeboten. Da aller guten Dinge drei sind, versucht sich der Protagonist aus Geldnot auch als Flohmarkthändler und verkauft die Schuhe, die ihm als Gehaltszugabe nach dem Probetragen überlassen werden. Neben dem Kampf um die Zukunft dreht sich die Welt des Protagonisten hauptsächlich um seine eigene Vergangenheit. Das Thema Kindheit ist hier tabu. Schon das pure Erwähnen von Kindheit ihm schon zu viel, er sich wünscht sich Schilder mit der Aufschrift „VERMEIDEN SIE BITTE DAS THEMA KINDHEIT.“ Frauen kommen und gehen in seinem Leben. Manche hinterlassen Spuren, andere weniger. Auch hier wird deutlich, wie genau der Protagonist beobachtet. Sein Blick gilt dem Detail, so dass er die Beziehung zu Dagmar einst wegen ihres Tragens der Taucherbrille beendete, weil dadurch ihre schönen Wimpern nicht mehr ausreichend zur Geltung kamen. Immer wieder stolpert der Held über sein eigenes Versagen und registriert seine somit „nicht genehmigte Existenz“ auf Erden nur umso deutlicher. Wer ihm letztlich die Genehmigung erteilen kann und ob er sie je bekommen wird, bleibt bis zum Schluss offen. Auch wenn das Ende hoffen lässt. Über die „Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens“, was in Gestrüpp, Geraschel und Geröll deutlich werden soll, über die sich der Flaneur beim Gehen seine Gedanken macht, findet man bis zum Schluss des Romans keine eindeutige Erklärung. Vielleicht sollte man sich als Leser daher ein Beispiel nehmen und selbst beobachtend flanieren, oder doch eher flanierend beobachten. Denn Wilhelm Genazino macht uns in diesem Roman deutlich wie man beobachten sollte. Man erfasst die Welt erst in ihrer vollen Größe, wenn man den eigenen Blick auf die Kleinigkeiten lenkt, die im gewöhnlichen Alltag vollständig untergehen. Somit ist dieser Roman selbst ein Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst. Hier lernt man nicht – wie in unserer Zeit erwünscht – einem bestimmten, festgeschriebenem Lebensziel hinterherzulaufen, sondern wieder getreu dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ mit offenen Augen durchs Leben zu spazieren.

Wilhelm Genazino nimmt uns in seinem, mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten, Werk „Ein Regenschirm für diesen Tag“ abermals mit in eine Welt, die um soviel detailreicher ist, als man vermuten würde. Wieder geht es um einen Flaneur, den wir bei seinen Beobachtungen begleiten.

weitere Rezensionen von Johanna Paik

#
rezensiert seit
Buchtitel
1
26.06.2010
3
18.06.2010
4
18.06.2010
5
07.06.2010

46 Jahre ist der Protagonist dieses Romans alt, ledig und von Beruf Schuhtester. Doch dieser Mann, der sich in seiner Personenbeschreibung anhört wie jeder x-beliebige Bürger – ja vielleicht sogar noch eine Spur unauffälliger als der Rest der Frankfurter Bevölkerung – ist einmalig in der Wahrnehmung seiner Umwelt. Tagtäglich läuft er durch die Frankfurter Innenstadt: Begutachtet Läden mit ihren individuellen Einzelheiten und Menschen, geht sogar zum Frisör; jedoch staunt der Leser nicht schlecht, welche besondere Behandlung neben dem Haare schneiden dort noch auf dem Programm steht.

Mit der Zeit, erfährt man wie es zu dem außergewöhnlichen Verhalten des Protagonisten kommt. Denn der Protagonist möchte nicht ständig nachdenken, was automatisch geschieht, wenn er arbeitet. Viel lieber möchte er einfach schweigen. Das Spazieren gehen und das Meiden von Arbeit ist für ihn der einzige Weg nicht zu denken. Auch wenn er sich bewusst ist, dass er so dem Leben in gewisser Weise seine Erlaubnis verweigert.

Seine Freundin Lisa, eine frühpensionierte Grundschullehrerin, die an der Realität in der Schule scheiterte hat ihn verlassen, da er sich nicht nach ihren Wünschen ändern konnte. Seine „Genügsamkeit sei unfreiwillig“ und ihm fehle „finanzielle Verwurzelung in der Welt“. So kommt es, dass er die Leere, die sie hinterlassen hat nun krampfhaft füllen möchte und zu Blättern greift, die er in ihrem Bereich der ehemals gemeinsamen Wohnung ausbreitet. Ein Leben geht, ein anderes kommt. So ähnlich mag sein Gedanke gewesen sein, der ihn veranlasste, Blätter zu sammeln.

Leider ist die Beziehung zu Lisa nicht sein einziges Problem. Konnte er mit Lisas Unterstützung von seinem Job als Schuhtester noch gut leben, wird seine Existenz nun auf eine harte Probe gestellt, als sein Gehalt unerwartet auf ein Viertel gekürzt wird. Diese Figur nutzt jedoch ihr permanentes, ja fast schon versessenes Beobachten ihrer Mitmenschen – ohne das sie niemals aus Genazinos Feder stammen könnte – um Geld zu verdienen.

Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden, ist es dann soweit. Hier sollen zwei Bitten geäußert werden, die sein Leben verändern. Aus Scham über seinen eigenen Beruf nennt er ein Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst sein Eigen. Was eigentlich nur durch seine innere Überzeugung von ihm gewünscht war, wird an diesem Abend zwangsweise zur Wirklichkeit, da einer der weiblichen Gäste ihr Interesse so sehr bekundet, dass dem Protagonisten nichts anderes übrig bleibt, als einen „Scheintermin in der Scheinfirma“ auszumachen. Wider Erwarten läuft dieses Treffen gut. Die Patientin ist mit der „Therapie“ mehr als zufrieden und bezahlt bereitwillig den von ihm geforderten Preis. So zögert der Protagonist nicht lange, als auch eine zweite Dame eine Sitzung wünscht.

Der zweite Zufall will es, dass ein alter Bekannter Himmelreich, den er je nach Laune als Rivale oder Abschreckung betrachtet, ihn bittet, bei der Zeitung, fĂĽr die der Protagonist als Student geschrieben hat, fĂĽr ihn um eine Stelle als Fotograf zu betteln. Obwohl in Sachen Himmelreichs Anliegen erfolglos, bekommt der Protagonist nun selbst, aus alter Freundschaft zum Redakteur Messerschmidt, eine Stelle angeboten.

Da aller guten Dinge drei sind, versucht sich der Protagonist aus Geldnot auch als Flohmarkthändler und verkauft die Schuhe, die ihm als Gehaltszugabe nach dem Probetragen überlassen werden.

Neben dem Kampf um die Zukunft dreht sich die Welt des Protagonisten hauptsächlich um seine eigene Vergangenheit. Das Thema Kindheit ist hier tabu. Schon das pure Erwähnen von Kindheit ihm schon zu viel, er sich wünscht sich Schilder mit der Aufschrift „VERMEIDEN SIE BITTE DAS THEMA KINDHEIT.“

Frauen kommen und gehen in seinem Leben. Manche hinterlassen Spuren, andere weniger. Auch hier wird deutlich, wie genau der Protagonist beobachtet. Sein Blick gilt dem Detail, so dass er die Beziehung zu Dagmar einst wegen ihres Tragens der Taucherbrille beendete, weil dadurch ihre schönen Wimpern nicht mehr ausreichend zur Geltung kamen.

Immer wieder stolpert der Held über sein eigenes Versagen und registriert seine somit „nicht genehmigte Existenz“ auf Erden nur umso deutlicher. Wer ihm letztlich die Genehmigung erteilen kann und ob er sie je bekommen wird, bleibt bis zum Schluss offen. Auch wenn das Ende hoffen lässt. Über die „Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens“, was in Gestrüpp, Geraschel und Geröll deutlich werden soll, über die sich der Flaneur beim Gehen seine Gedanken macht, findet man bis zum Schluss des Romans keine eindeutige Erklärung.

Vielleicht sollte man sich als Leser daher ein Beispiel nehmen und selbst beobachtend flanieren, oder doch eher flanierend beobachten. Denn Wilhelm Genazino macht uns in diesem Roman deutlich wie man beobachten sollte. Man erfasst die Welt erst in ihrer vollen Größe, wenn man den eigenen Blick auf die Kleinigkeiten lenkt, die im gewöhnlichen Alltag vollständig untergehen. Somit ist dieser Roman selbst ein Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst. Hier lernt man nicht – wie in unserer Zeit erwünscht – einem bestimmten, festgeschriebenem Lebensziel hinterherzulaufen, sondern wieder getreu dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ mit offenen Augen durchs Leben zu spazieren.

geschrieben am 06.06.2009 | 833 Wörter | 4780 Zeichen

Kommentare lesen Kommentar schreiben

Kommentare zur Rezension (0)

Platz für Anregungen und Ergänzungen