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Ostergewitter


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Rezension von

Dr. Benjamin Krenberger

Ostergewitter „Ostergewitter“ ist der Debütroman der Autorin Saskia Fischer. Die Protagonistin des Werks, Aleit, erleidet bei einer Familienzusammenkunft an Ostern einen epileptischen Anfall, wobei bis zuletzt offen bleibt, ob dieser und noch folgende Anfälle eine psychosomatische Reaktion ihres Körpers auf erlittenen sexuellen Missbrauch als Kind durch den Stiefvater sind, oder ob die Anfälle und die danach folgende innerliche Auseinandersetzung mit dem Missbrauch unabhängig voneinander geschehen. Die Familie bestehend aus der Protagonistin als Tochter aus erster Ehe der Mutter in der DDR und der zweiten Tochter, Rikje, hervorgegangen aus der der neuen Beziehung mit dem Stiefvater Feindtling, stellt noch vor dem Mauerfall einen Ausreiseantrag aus der DDR und landet nach einiger Wartezeit und etlichen Schikanen in Nordrhein-Westfalen. Die dort verbrachte weitere Kindheit wird in Rückblenden immer wieder angerissen, ebenso aber auch die Kindheitserlebnisse zu DDR-Zeiten, immer jedoch der frustrierende und lieblose Umgang der Mutter mit Aleit. Den Werdegang bis zum Abitur und während des Studiums erfährt man jedoch nur in geringem Umfang, dafür aber, dass Aleit nun - mittlerweile sogar therapiebedürftig unglücklich - verheiratet ist und eine fünfjährige Tochter Amina hat. Als sie nach dem ersten Anfall beim Osterfest wieder bei Kräften ist und entdeckt, dass sich der Stiefvater ihre Tochter mit ins Zimmer genommen hat, wo sie mit ihm auf dem Sofa mit einem Spielecomputer beschäftigt ist, brennen bei Aleit sämtliche Alarmglocken, sie packt das Kind und fährt trotz der Anfallgefahr los, um ihren Mann abzuholen, der noch bei der kleinen Schwester im Hause weilt. Im Weiteren werden die nächsten Tage beschrieben, die mit vielerlei Rückblenden, Grübeleien, vergangenen und aktuellen Auseinandersetzungen gefüllt sind. In ihrem Zorn über den erlittenen Missbrauch, der von ihrer hartherzigen und selbstbezogenen Mutter entweder ignoriert oder toleriert wurde, um selbst nicht mehr mit dem Stiefvater verkehren zu müssen, entschließt sich Aleit zuletzt, bei der Schulbehörde sowohl den Missbrauch durch den Stiefvater als auch dessen unerlaubten Waffenbesitz anzuzeigen, damit er seine Anstellung als Hausmeister verliert. Danach wird Aleit nach einem erneuten Anfall ins Krankenhaus eingeliefert, muss dort Untersuchungen über sich ergehen lassen und wird nach einem unauffälligen EEG auf eigenen Wunsch wieder entlassen. Im Krankenhaus stellt sie sich telefonisch den Konsequenzen ihres Handelns, indem sie einen Anruf von Rikje entgegennimmt, die ihr vorwirft, die Familie zerstört zu haben, zu der sie ja sowieso nie gehört habe. Auch den Missbrauch negiert Rikje, gegenüber der Feindtling als leiblicher Vater offenbar keine Affinitäten hatte, ebenso wie in den Jahren früher schon die eigene Mutter ein Vorgehen Feindtlings gegen Aleit abgestritten hatte. Nebenbei erfährt der Leser zudem, dass die Ehe von Aleit wohl unwiderruflich am Ende ist, sie für ihren Mann nur noch freundschaftliche Gefühle hat, und in der Schlussszene bleibt sogar offen, ob man damit rechnen muss, dass sie auch Amina verliert, die sich bei ihrem Vater bestens aufgehoben fühlt. Das Buch bietet eine konsequent und teilweise kraftvoll erzählte Aufarbeitung eines Missbrauchs der Protagonistin, beschreibt das zähe Ringen um die Wahrheit, die körperlichen und psychischen Konsequenzen für das Opfer bis in die erwachsene Gegenwart hinein und die nie endende Furcht vor der Wiederholung der Tat zum Nachteil des eigenen Kindes. Sprachlich kann die Autorin gerade zu Beginn Ausrufezeichen setzen. In der Schilderung der Wertschätzung ihrer Mutter für die Verwaltungsangestellte Rikje mit „Hauskauf, Neumann, Nagelneuauto“ gegenüber der Verachtung für Aleit als „Hausfrau ohne Haus“ (S.10) kommt herrlicher Sarkasmus zum Tragen. Auch die Schilderung der Mutter als Medizinermutter gegen den Stiefvater als nicht anschlagendes Medikament (S.11) zieht den Leser sofort auf die Seite von Aleit. Der wütende Ausbruch gegen die Mutter, die stets ihr eigenes Schicksal in den Vordergrund stellt und das Leiden des Kindes negiert (insofern eine durchaus interessante Parallele zum noch drastischeren Buch „Rücken an Rücken“ von Julia Franck) „du hast kein Trauma Mutter, du hast Schuld!“ (S.21) reißt den Leser am Ende der Diskussion zwischen Mutter und Tochter regelrecht in den Emotionsstrom hinein. Der erfrischende Zynismus setzt sich auch später fort, als Aleit konstatiert (S.24): „Meine Familie hat kein Museum und kein Gedächtnis, bei uns hat von jeher Einbildung Tradition“. Auch die vergeblichen Versuche, sich wieder an die Recherche für die Doktorarbeit zu setzen, werden trocken kommentiert (S.68): „Ich ging in die Uni-Bibliothek, wo ein Stapel ferngeliehener Bücher auf mich wartete; ich setzte mich und war die Stille in Person, ich blätterte noch nicht einmal um, so leise war ich“. Das komplexbeladene und zerrissene Selbstbild Aleits wird in einem schönen Selbstmonolog über Tätowierungen und Körperschmuck zugespitzt (S.148): „und was täte ich dann mit meinen Körperbildern, die sich in den Mittelpunkt drängen in ihrer farbigen Nacktheit […]? Wahrscheinlich Rollkragenpullover tragen“. Leider setzen sich die eindrucksvollen Sprachsalven im Verlauf des Textes nicht fort und man ist am Ende ein bisschen enttäuscht davon, dass zum einen der Sprachduktus eher ins beschreibende Plaudern übergeht und der Furor des Anfangs verflogen ist, zum anderen dass inhaltlich kein wirklich anregendes Ende geboten wird. Vermittelt wird zwar das Gefühl, zusammen mit Aleit diesen inneren Kampf überstanden zu haben und dass diese sich nunmehr mit den wirklich aktuellen Problemen auseinandersetzen muss. Die Protagonistin ist aber während der Kapitel zuvor als so schwache Persönlichkeit abgebildet worden, dass man am Ende eher Sorge um das fortbestehende Wohlergehen von Aleit hat, die Frage durchaus im Raum steht, warum sie eigentlich auf ihren Mann so schlecht zu sprechen ist, und das Hochgefühl des Triumphes gegen Feindtling mag sich nicht nur nicht mehr einstellen, sondern man ist von der plötzlichen kraftlosen Perspektivlosigkeit der Protagonistin, die auch noch ihre Promotionspläne innerlich beerdigt hat, negativ überrascht. Während der Lektüre kommen nie Zweifel auf, dass diese sich im Ganzen durchaus lohnt, es gibt also keinen idealen Ausstiegspunkt zwischendrin, sondern die Autorin leitet den Leser stimmig bis zum Schlusssatz. Dennoch bleiben die geschilderten Aspekte des schwachen Endes und der abnehmenden Sprachintensität als fader Nachgeschmack haften.

„Ostergewitter“ ist der Debütroman der Autorin Saskia Fischer. Die Protagonistin des Werks, Aleit, erleidet bei einer Familienzusammenkunft an Ostern einen epileptischen Anfall, wobei bis zuletzt offen bleibt, ob dieser und noch folgende Anfälle eine psychosomatische Reaktion ihres Körpers auf erlittenen sexuellen Missbrauch als Kind durch den Stiefvater sind, oder ob die Anfälle und die danach folgende innerliche Auseinandersetzung mit dem Missbrauch unabhängig voneinander geschehen.

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Die Familie bestehend aus der Protagonistin als Tochter aus erster Ehe der Mutter in der DDR und der zweiten Tochter, Rikje, hervorgegangen aus der der neuen Beziehung mit dem Stiefvater Feindtling, stellt noch vor dem Mauerfall einen Ausreiseantrag aus der DDR und landet nach einiger Wartezeit und etlichen Schikanen in Nordrhein-Westfalen. Die dort verbrachte weitere Kindheit wird in Rückblenden immer wieder angerissen, ebenso aber auch die Kindheitserlebnisse zu DDR-Zeiten, immer jedoch der frustrierende und lieblose Umgang der Mutter mit Aleit. Den Werdegang bis zum Abitur und während des Studiums erfährt man jedoch nur in geringem Umfang, dafür aber, dass Aleit nun - mittlerweile sogar therapiebedürftig unglücklich - verheiratet ist und eine fünfjährige Tochter Amina hat. Als sie nach dem ersten Anfall beim Osterfest wieder bei Kräften ist und entdeckt, dass sich der Stiefvater ihre Tochter mit ins Zimmer genommen hat, wo sie mit ihm auf dem Sofa mit einem Spielecomputer beschäftigt ist, brennen bei Aleit sämtliche Alarmglocken, sie packt das Kind und fährt trotz der Anfallgefahr los, um ihren Mann abzuholen, der noch bei der kleinen Schwester im Hause weilt. Im Weiteren werden die nächsten Tage beschrieben, die mit vielerlei Rückblenden, Grübeleien, vergangenen und aktuellen Auseinandersetzungen gefüllt sind. In ihrem Zorn über den erlittenen Missbrauch, der von ihrer hartherzigen und selbstbezogenen Mutter entweder ignoriert oder toleriert wurde, um selbst nicht mehr mit dem Stiefvater verkehren zu müssen, entschließt sich Aleit zuletzt, bei der Schulbehörde sowohl den Missbrauch durch den Stiefvater als auch dessen unerlaubten Waffenbesitz anzuzeigen, damit er seine Anstellung als Hausmeister verliert. Danach wird Aleit nach einem erneuten Anfall ins Krankenhaus eingeliefert, muss dort Untersuchungen über sich ergehen lassen und wird nach einem unauffälligen EEG auf eigenen Wunsch wieder entlassen. Im Krankenhaus stellt sie sich telefonisch den Konsequenzen ihres Handelns, indem sie einen Anruf von Rikje entgegennimmt, die ihr vorwirft, die Familie zerstört zu haben, zu der sie ja sowieso nie gehört habe. Auch den Missbrauch negiert Rikje, gegenüber der Feindtling als leiblicher Vater offenbar keine Affinitäten hatte, ebenso wie in den Jahren früher schon die eigene Mutter ein Vorgehen Feindtlings gegen Aleit abgestritten hatte. Nebenbei erfährt der Leser zudem, dass die Ehe von Aleit wohl unwiderruflich am Ende ist, sie für ihren Mann nur noch freundschaftliche Gefühle hat, und in der Schlussszene bleibt sogar offen, ob man damit rechnen muss, dass sie auch Amina verliert, die sich bei ihrem Vater bestens aufgehoben fühlt.

Das Buch bietet eine konsequent und teilweise kraftvoll erzählte Aufarbeitung eines Missbrauchs der Protagonistin, beschreibt das zähe Ringen um die Wahrheit, die körperlichen und psychischen Konsequenzen für das Opfer bis in die erwachsene Gegenwart hinein und die nie endende Furcht vor der Wiederholung der Tat zum Nachteil des eigenen Kindes. Sprachlich kann die Autorin gerade zu Beginn Ausrufezeichen setzen. In der Schilderung der Wertschätzung ihrer Mutter für die Verwaltungsangestellte Rikje mit „Hauskauf, Neumann, Nagelneuauto“ gegenüber der Verachtung für Aleit als „Hausfrau ohne Haus“ (S.10) kommt herrlicher Sarkasmus zum Tragen. Auch die Schilderung der Mutter als Medizinermutter gegen den Stiefvater als nicht anschlagendes Medikament (S.11) zieht den Leser sofort auf die Seite von Aleit. Der wütende Ausbruch gegen die Mutter, die stets ihr eigenes Schicksal in den Vordergrund stellt und das Leiden des Kindes negiert (insofern eine durchaus interessante Parallele zum noch drastischeren Buch „Rücken an Rücken“ von Julia Franck) „du hast kein Trauma Mutter, du hast Schuld!“ (S.21) reißt den Leser am Ende der Diskussion zwischen Mutter und Tochter regelrecht in den Emotionsstrom hinein. Der erfrischende Zynismus setzt sich auch später fort, als Aleit konstatiert (S.24): „Meine Familie hat kein Museum und kein Gedächtnis, bei uns hat von jeher Einbildung Tradition“. Auch die vergeblichen Versuche, sich wieder an die Recherche für die Doktorarbeit zu setzen, werden trocken kommentiert (S.68): „Ich ging in die Uni-Bibliothek, wo ein Stapel ferngeliehener Bücher auf mich wartete; ich setzte mich und war die Stille in Person, ich blätterte noch nicht einmal um, so leise war ich“. Das komplexbeladene und zerrissene Selbstbild Aleits wird in einem schönen Selbstmonolog über Tätowierungen und Körperschmuck zugespitzt (S.148): „und was täte ich dann mit meinen Körperbildern, die sich in den Mittelpunkt drängen in ihrer farbigen Nacktheit […]? Wahrscheinlich Rollkragenpullover tragen“.

Leider setzen sich die eindrucksvollen Sprachsalven im Verlauf des Textes nicht fort und man ist am Ende ein bisschen enttäuscht davon, dass zum einen der Sprachduktus eher ins beschreibende Plaudern übergeht und der Furor des Anfangs verflogen ist, zum anderen dass inhaltlich kein wirklich anregendes Ende geboten wird. Vermittelt wird zwar das Gefühl, zusammen mit Aleit diesen inneren Kampf überstanden zu haben und dass diese sich nunmehr mit den wirklich aktuellen Problemen auseinandersetzen muss. Die Protagonistin ist aber während der Kapitel zuvor als so schwache Persönlichkeit abgebildet worden, dass man am Ende eher Sorge um das fortbestehende Wohlergehen von Aleit hat, die Frage durchaus im Raum steht, warum sie eigentlich auf ihren Mann so schlecht zu sprechen ist, und das Hochgefühl des Triumphes gegen Feindtling mag sich nicht nur nicht mehr einstellen, sondern man ist von der plötzlichen kraftlosen Perspektivlosigkeit der Protagonistin, die auch noch ihre Promotionspläne innerlich beerdigt hat, negativ überrascht.

Während der Lektüre kommen nie Zweifel auf, dass diese sich im Ganzen durchaus lohnt, es gibt also keinen idealen Ausstiegspunkt zwischendrin, sondern die Autorin leitet den Leser stimmig bis zum Schlusssatz. Dennoch bleiben die geschilderten Aspekte des schwachen Endes und der abnehmenden Sprachintensität als fader Nachgeschmack haften.

geschrieben am 19.08.2012 | 946 Wörter | 5726 Zeichen

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