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Die Verwandlung der Lust – Eine Geschichte der abendländischen Sexualität


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Rezension von

Nicolai Hannig

Die Verwandlung der Lust – Eine Geschichte der abendländischen Sexualität Mit der italienischen Renaissance begann nicht nur ein neuer kultureller Prozess, der das Wissen der arabischen und griechischen Antike wieder belebte. Auch die Sexualität und das Sprechen über sie scheinen im Kernzeitraum des 15. und 16. Jahrhunderts neue charakteristische Wesensmerkmale herausgebildet zu haben. Medizinische Modelle und gesellschaftliche Praktiken fielen weitgehend zusammen und definierten beispielsweise den Orgasmus bei Mann und Frau als Notwendigkeit. Sowohl Gelehrte als auch Theologen stimmten in der Ansicht überein, der Sinn der Sexualität liege allein in der Zeugung. Gleichzeitig sicherte sich jedoch eine spezifisch weiblich-erotische Kultur ihre Existenz. Masturbation war ebenso gängige Praxis wie heimliche Abtreibungen, auch erotische weibliche Initiativhandlungen, die nicht zwangsläufig den Geschlechtsverkehr und den schnellen gemeinsamen Höhepunkt zum Ziel hatten, blieben keine Seltenheit. Auf der Folie dieser Vorbedingungen setzt Robert Muchembled mit seiner „Geschichte der abendländischen Sexualität“ im Frankreich und England des 16. Jahrhunderts ein. Als Kulturhistoriker ist es vor allem der Beitrag der Literatur, der Kunst und Soziologie, der den 1944 geborenen Ordinarius für Moderne Geschichte an der Univeristé Paris interessiert, und der ihm zugleich zwei strukturierende Bedingungen für seine Überlegungen zur Frühen Neuzeit vorgibt. So versteht sich der Körper in zeitgenössischer Lesart zunächst als Hindernis auf dem Weg zum christlichen Heil, was die Schwierigkeiten – besonders der Frauen – erklärt, eine harmonische Beziehung zu ihrem Körper und damit auch zu ihrer eigenen Person aufzubauen. Daneben gilt es, die häufigen sexuellen Grenzüberschreitungen in Beziehung zur Heftigkeit der Repressionen zu setzen, die all jene trafen, die allzu sehr der sexuellen, nicht zeugungsorientierten Lust verfielen. Bei einem ersten Blick auf das scheinbar freizügige, oftmals frivole Frankreich des 18. Jahrhunderts scheint die Ausgangssituation für Muchembleds Kapitel für die Zeit seit 1700 zunächst eindeutiger konturiert, vor allem als Kontrastfolie zur vorangehenden Epoche einer großen moralischen Strenge. Im Zuge einer ersten Urbanisierungswelle entfaltete sich zwar die Sexualität in den Städten mit weniger moralischen Zwängen. Doch Unsicherheit und Schuldgefühle blieben oftmals existent, da die Repression in der Theorie fröhliche Urständ feierte. Eine „Zeit der beherrschten Lust“ brach an. Im beginnenden 19. Jahrhundert intensivierte sich die diskursive Unterdrückung körperlicher Vergnügungen, die Sexualität bisweilen zu einer beschämenden Krankheit umcodierte. Aufgebrochen wurden diese Semantiken erst durch den Narzissmus und Hedonismus im ausgehenden 20. Jh. Muchembled bereitet seine kulturgeschichtlichen Überlegungen zur abendländischen Sexualität in überzeugender Manier auf und belegt die Korrelationen zwischen sexuellen Praktiken und dem Sprechen über Sexualität durch viele soziographische Fundierungen. Mitunter geraten ihm seine Analysen vieler bekannter aber auch einiger bisher kaum wahrgenommener Texte der europäischen Neuzeit zwar allzu suggestiv. Die These einer unerwartet positiven Wirkung der Überwachung von Körper und Seele, die Kreativität und Innovation nicht nur in sexueller Hinsicht, sondern auch im künstlerischen, politischen und ökonomischen Feld beförderte, verliert dadurch allerdings kaum an Reiz.

Mit der italienischen Renaissance begann nicht nur ein neuer kultureller Prozess, der das Wissen der arabischen und griechischen Antike wieder belebte. Auch die Sexualität und das Sprechen über sie scheinen im Kernzeitraum des 15. und 16. Jahrhunderts neue charakteristische Wesensmerkmale herausgebildet zu haben. Medizinische Modelle und gesellschaftliche Praktiken fielen weitgehend zusammen und definierten beispielsweise den Orgasmus bei Mann und Frau als Notwendigkeit. Sowohl Gelehrte als auch Theologen stimmten in der Ansicht überein, der Sinn der Sexualität liege allein in der Zeugung. Gleichzeitig sicherte sich jedoch eine spezifisch weiblich-erotische Kultur ihre Existenz. Masturbation war ebenso gängige Praxis wie heimliche Abtreibungen, auch erotische weibliche Initiativhandlungen, die nicht zwangsläufig den Geschlechtsverkehr und den schnellen gemeinsamen Höhepunkt zum Ziel hatten, blieben keine Seltenheit.

Auf der Folie dieser Vorbedingungen setzt Robert Muchembled mit seiner „Geschichte der abendländischen Sexualität“ im Frankreich und England des 16. Jahrhunderts ein. Als Kulturhistoriker ist es vor allem der Beitrag der Literatur, der Kunst und Soziologie, der den 1944 geborenen Ordinarius für Moderne Geschichte an der Univeristé Paris interessiert, und der ihm zugleich zwei strukturierende Bedingungen für seine Überlegungen zur Frühen Neuzeit vorgibt. So versteht sich der Körper in zeitgenössischer Lesart zunächst als Hindernis auf dem Weg zum christlichen Heil, was die Schwierigkeiten – besonders der Frauen – erklärt, eine harmonische Beziehung zu ihrem Körper und damit auch zu ihrer eigenen Person aufzubauen. Daneben gilt es, die häufigen sexuellen Grenzüberschreitungen in Beziehung zur Heftigkeit der Repressionen zu setzen, die all jene trafen, die allzu sehr der sexuellen, nicht zeugungsorientierten Lust verfielen.

Bei einem ersten Blick auf das scheinbar freizügige, oftmals frivole Frankreich des 18. Jahrhunderts scheint die Ausgangssituation für Muchembleds Kapitel für die Zeit seit 1700 zunächst eindeutiger konturiert, vor allem als Kontrastfolie zur vorangehenden Epoche einer großen moralischen Strenge. Im Zuge einer ersten Urbanisierungswelle entfaltete sich zwar die Sexualität in den Städten mit weniger moralischen Zwängen. Doch Unsicherheit und Schuldgefühle blieben oftmals existent, da die Repression in der Theorie fröhliche Urständ feierte. Eine „Zeit der beherrschten Lust“ brach an. Im beginnenden 19. Jahrhundert intensivierte sich die diskursive Unterdrückung körperlicher Vergnügungen, die Sexualität bisweilen zu einer beschämenden Krankheit umcodierte. Aufgebrochen wurden diese Semantiken erst durch den Narzissmus und Hedonismus im ausgehenden 20. Jh.

Muchembled bereitet seine kulturgeschichtlichen Überlegungen zur abendländischen Sexualität in überzeugender Manier auf und belegt die Korrelationen zwischen sexuellen Praktiken und dem Sprechen über Sexualität durch viele soziographische Fundierungen. Mitunter geraten ihm seine Analysen vieler bekannter aber auch einiger bisher kaum wahrgenommener Texte der europäischen Neuzeit zwar allzu suggestiv. Die These einer unerwartet positiven Wirkung der Überwachung von Körper und Seele, die Kreativität und Innovation nicht nur in sexueller Hinsicht, sondern auch im künstlerischen, politischen und ökonomischen Feld beförderte, verliert dadurch allerdings kaum an Reiz.

geschrieben am 19.05.2008 | 446 Wörter | 2955 Zeichen

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