
| ISBN | 3811448617 | |
| Autor | Gabriele Jansen | |
| Verlag | Müller (C.F.jur) Heidelberg | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 410 | |
| Erscheinungsjahr | 2012 | |
| Extras | - |

Die Zweitauflage des Lehrbuchs von Jansen behält seinen Charakter als Mischung zwischen Praxishandbuch und Nachschlagewerk bei und wurde nebenbei um diverse Themen ergänzt. So findet man nunmehr Ausführungen zur Problematik, wie Zeugenaussage und Opferschutz in Wechselwirkung stehen oder auch welche Rolle es spielt, wie sich ein Zeuge selbst präsentiert. Die Zeugenvernehmung gehört zum Grundhandwerkszeug vor Gericht und alle Verfahrensbeteiligten tun gut daran, sich nicht nur auf ihr Bauchgefühl zu verlassen, sondern sich professionell an die Aufgabe der Wahrheitsfindung heranzuwagen. Dabei hilft dieses Werk nicht nur bei der Frage der Herangehensweise an die und Durchführung der Vernehmung, sondern auch bei der nachfolgenden Aussageanalyse. Über 400 Seiten erwarten den Leser und fordern ihm, soviel darf vorweggenommen werden, eine durchaus konzentrierte Lektüre ab.

Die Gestaltung des Werks ist sehr gut gelungen. Der klug gegliederte Fließtext wird durch viele Beispiele, teilweise grau hervorgehoben, graphisch abgesetzte Hinweise, Merksätze, Auszüge aus der Rechtsprechung des BGH und Übersichten ergänzt, sodass die Rezeption des Stoffes und die Aufmerksamkeit des Lesers stetig gefördert werden. Die Verzeichnisse sind umfangreich, der Fußnotenapparat ist es ebenso.
Das Buch ist in drei große Teile aufgegliedert und wird durch einen vierten Teil zur prozessualen Geschichte der Aussagepsychologie mit passenden Anhängen trefflich abgerundet. Zunächst wird die Zeugenaussage an sich in den Fokus gestellt. Hier wird erst eine Einführung in die Aussagepsychologie samt Darstellung der BGH-Rechtsprechung zu Gutachten und der Beurteilung von Zeugenaussagen, zur Fehlerquellenanalyse und zum Aussageverhalten geboten. Hinzu kommen kleinere Unterkapitel zum Umfang der Gutachtenseinholung, zur Person des Sachverständigen und zu besonderen Zeugen, etwa dem vom Hörensagen. Im zweiten Teil wird die eigentliche Zeugenvernehmung erläutert, was sowohl die verschiedenen Bedingungen einer solchen Vernehmung, aber auch die Durchführung an sich umfasst. Die Autorin präsentiert nicht nur den Ablauf der Vernehmung, sondern weist auch auf Details wie das Geschlecht des Vernehmenden oder die fehlerhafte Einschätzung des Erkennens von Täuschungen hin. Sehr empfehlenswert ist dabei das Unterkapitel zur Vernehmung von Kindern, nicht nur was die Belehrung angeht, sondern auch was die Umstände der Vernehmung betrifft, etwa die Anwesenheit einer Vertrauensperson oder die altersadäquate Befragung. Weitere Kapitel befassen den Leser mit der Dokumentation der Vernehmung, aber auch der möglichen Entwicklung einer Aussage im Laufe der Vernehmung.
Der größte Teil des Buches ist dann der aussagepsychologischen Begutachtung gewidmet. Beginnend mit den Formalia einer solchen Begutachtung, also der Bestimmung von Anknüpfungstatsachen, dem Setting der Begutachtung oder der eigentlichen Exploration des Zeugen, wendet sich die Autorin rasch den Spezifizierungen der Nullhypothese zu und stellt diese in sieben Unterkapitel vor. Ein weiteres großes Unterkapitel thematisiert die Aussagekompetenz, etwa die Wahrnehmung des Zeugen, seine Erinnerungsfähigkeit oder die Wiedergabe der Aussage. Dabei kommen in Einzelbetrachtungen auch Problemfelder wie Traumata, eine mglw. vorhandene Intelligenzminderung, aber auch die Beeinträchtigung der Wahrnehmung nach Suchtmittelkonsum zur Sprache. Im Rahmen der Fehlerquellenanalyse werden dann die Entstehungsgeschichte der Aussage, aber auch die Motivationsanalyse erläutert. Ebenso erörtert wird die oftmals überbewertete Realkennzeichenanalyse, die hinsichtlich der einzelnen Merkmale aufbereitet wird, etwa der logischen Konsistenz der Aussage, der Verknüpfungen innerhalb der Aussage, der Schilderung besonderer Einzelheiten oder des Eingeständnisses von Erinnerungslücken. Ergänzend findet man Ausführungen zur eigentlichen Dokumentation der Begutachtung, zur Überprüfung der gutachterlichen Stellungnahme sowie zu einigen Besonderheiten, etwa bei rein mündlichen Gutachten oder zur Frage der Kostenerstattung.
Insgesamt halte ich dieses Buch für ein ungemein wichtiges, aber leider immer noch unterschätztes Werk. Denn was im Strafprozess mit vermeintlicher Menschenkenntnis bei Zeugenvernehmungen verpfuscht wird, mag man, schon was die Dunkelziffer angeht, kaum zu quantifizieren versuchen. Dabei eignet sich gerade dieses Werk wegen der leicht verständlichen, wenngleich anspruchsvollen Darstellung sowohl für die fortgeschrittene Ausbildung, aber auch für die strafrechtliche Praxis ganz hervorragend. Die Lektüre von disziplinübergreifenden Titeln wie dem vorliegenden sollte deshalb für jeden Praktiker zum Pflichtprogramm gehören. Ich kann die Lektüre der Neuauflage von Jansen nur mit Nachdruck empfehlen, sei es zum Einstieg in die Materie oder zur immer wieder nötigen Selbstreflexion.
geschrieben am 20.11.2012 | 630 Wörter | 4274 Zeichen
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