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The New English Dandy


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Informationen zum Buch
  ISBN
  Autor
  Verlag
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  Seiten
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  Extras

Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

The New English Dandy Fast wäre ich an dem Buch vorbeigelaufen. Dabei ist es großformatig und auffällig. Ist man jedoch als Deutscher in London und vor allem damit beschäftigt, Schuhe zu kaufen und durch Geschäftsstraßen zu flanieren, so muss man der vielen Eindrücke erst einmal Herr werden. Der wahre Grund des Fast-Übersehens war jedoch das Cover: Franςois Nordmann steht in Wild-West-Manier, die Hände super lässig am silbernen Hosengürtel, den Kopf arrogant nach hinten geworfen. Diese Bücher kennt man eben zur Genüge: Es wird vom Dandy gesprochen und über den Snob – wenn überhaupt – palavert. Dies Buch ist anders! Es widerspricht vollkommen dem ersten Eindruck und vermag wahrhaft zu überraschen. Bereits die Einleitung von Autorin Alice Cicolini stellt die geistige Preislage des Bandes klar. Die Autorin fragt sich, was den Dandy im 21. Jahrhundert ausmacht. »Perhaps the rise of the twenty-first-century dandy has more to do with self-actualized consumerism, with a society newly at ease with industrial modernity, than it does with any effeminization of traditional masculinity. As art finds its way into luxury goods and luxury goods find their way into art, there are signs that commodity culture is going in search of the elegance, spirituality and aestheticism typical as Regency dandyism.« Alice Cicolini leitet zur Zeit die Kunst und Kultur Abteilung des British Council im indischen Delhi. Sie hat mehr von der Substanz des Dandytums durchschaut, als so mancher deutsche Doktorand. Wir kennen die Promotionen zu Hauf: Da werden im Schlusskapitel »Wer ist heute ein Dandy?« eine Menge Namen in die Runde geworfen: Letztenendes ist jeder irgendwie ein Dandy, so wie Andy Warhol sagte, in der Zukunft werde jeder ein Künstler sein – für fünfzehn Minuten. Frau Cicolini hat dagegen verstanden, dass der Ur-Dandy George »Beau« Brummell eben kein Stutzer im heutigen Wortsinne war. Der Unterschied zum Snob, zum Lebemann oder auch Angeber liegt darin, dass Brummell die Mode tatsächlich revolutioniert, in revolutionärer Manier modernisiert hat. Und das konnte er nur, weil es ihm gar nicht um die Mode ging. Er trug Röcke in zurückhaltenden Farben, schwarz oder dunkelblau. Und er führte als Beinkleid für den Gentleman die lange Hose ein. Das war in der Stadt tagsüber durchaus auch eine braune Lederhose. Alice Cicolini stellt in ihrem englischsprachigen Buch, das mit vielen teils großformatigen Photos gespickt ist, eine Reihe englischer Männer vor. Sie alle haben die Gemeinsamkeit, von sich ein Bild in die Öffentlichkeit zu transportieren; sich als Figur zu transformieren, so wie es die moderne digitale Medienzeit verlangt. Ob man alle hier Gezeigten wirklich als Dandys bezeichnen sollte, darüber ließe sich trefflich streiten. Darauf kommt es aber gar nicht an. Denn den gezeigten Gentlemen ist gemein, dass sie von sich ein sehr detailliertes Bild gezeichnet haben. Alles ist durchgestylt, ist komponiert und bis in die letzte Haarsträne stimmig. Da stört es weniger, den Designer Walé Adayemi zu sehen, mit hochgekrempeltem Swetshirt und dicker Kette. Zugegeben: Stephen Jones, als »miliner« betitelt, empfinden wir da schon more dandylike. Wie er da steht in Soho Square mit knallroten Lederschuhen, einen karmesinroten Pelzmantel über die eine Seite geworfen, erinnert er nonchalant an Oscar Wilde. Der Journalist und Autor Robin Dutt, einer der bekanntesten Dandys Londons, hat sich eingehend mit seinem Vorbild Brummell beschäftigt und sagt im Interview: »Brummell represented the new in so many ways. His eighteens-century late Georgian and early Regency companions dressed in silk fondue fancies in anything from strawberry to teal and were becoming more and more like the memory of the corsages of Madame de Pompadour. Brummell’s view was revolutionary. He scented the birth of the new century, helped propel it along through his own edict, appearance, advice and public bon mots.« »The New English Dandy« ist ungemein anregend. Auch weil es ein kombinierter Bild- und Textband ist. Die Unterteilung in sechs Kapitel ist very british: The Gentleman, Neo-Modernist, East End Flaneur, Celebrity Tailor sind eben typisch London und spiegeln die Urbanität des heutigen englischen dadyism wieder. Eine weitere Stärke des Buches ist die häufig gewählte Textform des Interviews. So berichtet die Autorin nicht theoretisch über den dandyism, sondern lässt dessen veritable Repräsentanten selbst zu Wort kommen. Für Nachwuchsdandys unverzichtbar ist das Directory: Eine nützliche Seite mit den wichtigsten Fachgeschäften für den anspruchsvollen Gentleman.

Fast wäre ich an dem Buch vorbeigelaufen. Dabei ist es großformatig und auffällig. Ist man jedoch als Deutscher in London und vor allem damit beschäftigt, Schuhe zu kaufen und durch Geschäftsstraßen zu flanieren, so muss man der vielen Eindrücke erst einmal Herr werden. Der wahre Grund des Fast-Übersehens war jedoch das Cover: Franςois Nordmann steht in Wild-West-Manier, die Hände super lässig am silbernen Hosengürtel, den Kopf arrogant nach hinten geworfen.

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Diese Bücher kennt man eben zur Genüge: Es wird vom Dandy gesprochen und über den Snob – wenn überhaupt – palavert. Dies Buch ist anders! Es widerspricht vollkommen dem ersten Eindruck und vermag wahrhaft zu überraschen. Bereits die Einleitung von Autorin Alice Cicolini stellt die geistige Preislage des Bandes klar. Die Autorin fragt sich, was den Dandy im 21. Jahrhundert ausmacht. »Perhaps the rise of the twenty-first-century dandy has more to do with self-actualized consumerism, with a society newly at ease with industrial modernity, than it does with any effeminization of traditional masculinity. As art finds its way into luxury goods and luxury goods find their way into art, there are signs that commodity culture is going in search of the elegance, spirituality and aestheticism typical as Regency dandyism.«

Alice Cicolini leitet zur Zeit die Kunst und Kultur Abteilung des British Council im indischen Delhi. Sie hat mehr von der Substanz des Dandytums durchschaut, als so mancher deutsche Doktorand. Wir kennen die Promotionen zu Hauf: Da werden im Schlusskapitel »Wer ist heute ein Dandy?« eine Menge Namen in die Runde geworfen: Letztenendes ist jeder irgendwie ein Dandy, so wie Andy Warhol sagte, in der Zukunft werde jeder ein Künstler sein – für fünfzehn Minuten. Frau Cicolini hat dagegen verstanden, dass der Ur-Dandy George »Beau« Brummell eben kein Stutzer im heutigen Wortsinne war. Der Unterschied zum Snob, zum Lebemann oder auch Angeber liegt darin, dass Brummell die Mode tatsächlich revolutioniert, in revolutionärer Manier modernisiert hat. Und das konnte er nur, weil es ihm gar nicht um die Mode ging. Er trug Röcke in zurückhaltenden Farben, schwarz oder dunkelblau. Und er führte als Beinkleid für den Gentleman die lange Hose ein. Das war in der Stadt tagsüber durchaus auch eine braune Lederhose. Alice Cicolini stellt in ihrem englischsprachigen Buch, das mit vielen teils großformatigen Photos gespickt ist, eine Reihe englischer Männer vor. Sie alle haben die Gemeinsamkeit, von sich ein Bild in die Öffentlichkeit zu transportieren; sich als Figur zu transformieren, so wie es die moderne digitale Medienzeit verlangt.

Ob man alle hier Gezeigten wirklich als Dandys bezeichnen sollte, darüber ließe sich trefflich streiten. Darauf kommt es aber gar nicht an. Denn den gezeigten Gentlemen ist gemein, dass sie von sich ein sehr detailliertes Bild gezeichnet haben. Alles ist durchgestylt, ist komponiert und bis in die letzte Haarsträne stimmig. Da stört es weniger, den Designer Walé Adayemi zu sehen, mit hochgekrempeltem Swetshirt und dicker Kette. Zugegeben: Stephen Jones, als »miliner« betitelt, empfinden wir da schon more dandylike. Wie er da steht in Soho Square mit knallroten Lederschuhen, einen karmesinroten Pelzmantel über die eine Seite geworfen, erinnert er nonchalant an Oscar Wilde.

Der Journalist und Autor Robin Dutt, einer der bekanntesten Dandys Londons, hat sich eingehend mit seinem Vorbild Brummell beschäftigt und sagt im Interview: »Brummell represented the new in so many ways. His eighteens-century late Georgian and early Regency companions dressed in silk fondue fancies in anything from strawberry to teal and were becoming more and more like the memory of the corsages of Madame de Pompadour. Brummell’s view was revolutionary. He scented the birth of the new century, helped propel it along through his own edict, appearance, advice and public bon mots.«

»The New English Dandy« ist ungemein anregend. Auch weil es ein kombinierter Bild- und Textband ist. Die Unterteilung in sechs Kapitel ist very british: The Gentleman, Neo-Modernist, East End Flaneur, Celebrity Tailor sind eben typisch London und spiegeln die Urbanität des heutigen englischen dadyism wieder. Eine weitere Stärke des Buches ist die häufig gewählte Textform des Interviews. So berichtet die Autorin nicht theoretisch über den dandyism, sondern lässt dessen veritable Repräsentanten selbst zu Wort kommen. Für Nachwuchsdandys unverzichtbar ist das Directory: Eine nützliche Seite mit den wichtigsten Fachgeschäften für den anspruchsvollen Gentleman.

geschrieben am 06.02.2009 | 693 Wörter | 3939 Zeichen

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