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Heiland


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Heiland Sven Marquardt stellt seinem neuen Photoband mit dem Titel »Heiland« einen Satz von Oscar Wilde voran: »Es gibt ein unbekanntes Land voll seltsamer Blumen, ein Land, in dem alle Dinge perfekt und giftig sind.« Der irische Schriftsteller kannte beide Seiten des Lebens, die helle und die dunkle. Seine Seele war zwiegespalten zwischen Anspruch und Resignation. Hineingeboren in eine Zeit der Umwälzungen, der sozialen Ungerechtigkeiten, fühlte er sich seiner mediokren Umwelt und seiner ganzen Zeit überlegen. Oscar Wilde wurde zum größten Dandy des 19. Jahrhunderts, weil er als Anwalt ästhetischer und ethischer Prinzipien fungierte. Als Anwalt einer im viktorianischen England seiner Zeit für überholt gehaltenen Formsprache. Heiland ist der deutsche Ehrentitel für Jesus Christus - den Erlöser. So versammelt der Berliner Photokünstler Sven Marquardt eine Reihe von Erzengeln in seinem Band. Doch entsprechen sie wohl kaum landläufiger Vorstellungkraft: Sie sind häufig tätowiert, tragen ein Beil in der Hand oder, sind blutverschmiert an Werkbänken oder im Schlachthof. Apokalypse und Dandytum, Rausch und fatalistische Revolte, all das ist enthalten in den manischen Photographien des Berliners. Die Boulevardzeitungen bezeichnen Marquardt als berühmtesten und härtesten Türsteher Berlins, ist er doch seit Jahren in dieser Funktion für den Techno-Club Berghain tätig. Immerhin hat er es selbst hierin zum Prominenten gebracht. Sogar von der Zeit erreichen ihn nun Interviewanfragen. Und dann die Mischung: Photograph und Türsteher, da müssen die Medien natürlich anbeißen. Bereits in der DDR arbeitete er als Photograph; er war bei der Defa und gehörte der sogenannten Prenzlauer Berg-Bohème an, die es heute nicht mehr gibt. Heute wird in diesem Berliner Bezirk vorwiegend Schwäbisch gesprochen und mit den Eltern Sonntags gebruncht. Der Band versammelt Bilder aus drei verschiedenen Serien, die Marquard jeweils im Auftrag für den Laden der US-amerikanischen Jeansmarke Levis in Berlin-Mitte produzierte. Die erste Serie mit dem Titel »Erzengel« präsentiert Levis-Kleidung, die sich an alte Handwerksberufe anlehnte. Die zweite Serie zeigt Replica-Bekleidung der US-Marke (»Gefallen«), und die dritte aus dem Jahr 2009 trägt den Namen »Shame on you«. Hauptmotiv hier sind Replikate von Sträflingsbekleidung der 1930er-Jahre. Verwirrend ist, dass weder im Titel des Bandes noch in einer Vorbemerkung ein Hinweis darauf gegeben wird, dass es sich bei den Photos um Auftragsarbeiten für Levis handelt. Dies schmälert jedoch nicht ihren künstlerischen Rang. Die Werbephotos haben einen ästhetischen Wert, der weit über ihren ursprünglichen Auftragszweck hinausweist. So spricht es für das künstlerische Niveau des Bandes, dass dem Betrachter der Photographien das Vorherrschen von Jeans zunächst gar nicht auffällt.

Sven Marquardt stellt seinem neuen Photoband mit dem Titel »Heiland« einen Satz von Oscar Wilde voran:

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»Es gibt ein unbekanntes Land voll seltsamer Blumen, ein Land, in dem alle Dinge perfekt und giftig sind.«

Der irische Schriftsteller kannte beide Seiten des Lebens, die helle und die dunkle. Seine Seele war zwiegespalten zwischen Anspruch und Resignation. Hineingeboren in eine Zeit der Umwälzungen, der sozialen Ungerechtigkeiten, fühlte er sich seiner mediokren Umwelt und seiner ganzen Zeit überlegen. Oscar Wilde wurde zum größten Dandy des 19. Jahrhunderts, weil er als Anwalt ästhetischer und ethischer Prinzipien fungierte. Als Anwalt einer im viktorianischen England seiner Zeit für überholt gehaltenen Formsprache.

Heiland ist der deutsche Ehrentitel für Jesus Christus - den Erlöser. So versammelt der Berliner Photokünstler Sven Marquardt eine Reihe von Erzengeln in seinem Band. Doch entsprechen sie wohl kaum landläufiger Vorstellungkraft: Sie sind häufig tätowiert, tragen ein Beil in der Hand oder, sind blutverschmiert an Werkbänken oder im Schlachthof. Apokalypse und Dandytum, Rausch und fatalistische Revolte, all das ist enthalten in den manischen Photographien des Berliners.

Die Boulevardzeitungen bezeichnen Marquardt als berühmtesten und härtesten Türsteher Berlins, ist er doch seit Jahren in dieser Funktion für den Techno-Club Berghain tätig. Immerhin hat er es selbst hierin zum Prominenten gebracht. Sogar von der Zeit erreichen ihn nun Interviewanfragen. Und dann die Mischung: Photograph und Türsteher, da müssen die Medien natürlich anbeißen. Bereits in der DDR arbeitete er als Photograph; er war bei der Defa und gehörte der sogenannten Prenzlauer Berg-Bohème an, die es heute nicht mehr gibt. Heute wird in diesem Berliner Bezirk vorwiegend Schwäbisch gesprochen und mit den Eltern Sonntags gebruncht.

Der Band versammelt Bilder aus drei verschiedenen Serien, die Marquard jeweils im Auftrag für den Laden der US-amerikanischen Jeansmarke Levis in Berlin-Mitte produzierte. Die erste Serie mit dem Titel »Erzengel« präsentiert Levis-Kleidung, die sich an alte Handwerksberufe anlehnte. Die zweite Serie zeigt Replica-Bekleidung der US-Marke (»Gefallen«), und die dritte aus dem Jahr 2009 trägt den Namen »Shame on you«. Hauptmotiv hier sind Replikate von Sträflingsbekleidung der 1930er-Jahre.

Verwirrend ist, dass weder im Titel des Bandes noch in einer Vorbemerkung ein Hinweis darauf gegeben wird, dass es sich bei den Photos um Auftragsarbeiten für Levis handelt. Dies schmälert jedoch nicht ihren künstlerischen Rang. Die Werbephotos haben einen ästhetischen Wert, der weit über ihren ursprünglichen Auftragszweck hinausweist. So spricht es für das künstlerische Niveau des Bandes, dass dem Betrachter der Photographien das Vorherrschen von Jeans zunächst gar nicht auffällt.

geschrieben am 07.04.2011 | 402 Wörter | 2468 Zeichen

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