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Hitlers erster Feind: Der Kampf des Konrad Heiden


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Rezension von

Dr. Sebastian Felz

Hitlers erster Feind: Der Kampf des Konrad Heiden Stefan Aust bietet in seiner Biographie von Konrad Heiden nicht nur die Wiederentdeckung dieses Journalisten, des ersten Hitler-Biographen und jüdischen Exilanten, sondern er erzählt zweitens auch einen Teil der Geschichte des deutschen Journalismus der 1920er- und 1930-er Jahre. Schließlich erfährt drittens die Leserin und der Leser, gespiegelt in den Büchern und Reportages des porträtieren Heiden, viel über die Frühzeit des Nationalsozialismus. Heiden wurde 1901 als Sohn des sozialistischen Rechtsanwaltsassistenten Johannes Heiden und der jüdischen Frauenrechtlerin Lina Deutschmann geboren. Nach Kriegsende studierte er in München zunächst Jura und Wirtschaftswissenschaften. 1923 wurde Heiden Hilfsredakteur beim bayerischen Korrespondenten der Frankfurter Zeitung (FZ). Zwei Jahre später gab er sein Jura-Studium kurz vor dem Examen auf und arbeitete als fester Journalist bei der FZ. 1929 wurde er Redaktionsmitglied der FZ in Frankfurt am Main. Mit der damals einsetzenden ökonomischen Krise verschwand auch der politische Liberalismus in Deutschland. Die FZ, die zur linksliberalen DDP tendierte, kämpfte mit einer Absatzkrise. Die Auflage halbierte sich in den Jahren der Weimarer Republik. Industrielle aus dem Umkreis der IG Farben gaben Finanzspritzen. Konrad Heiden verantwortete kaum noch politische Beiträge, sondern leitete die Beilage „Das Illustrierte Blatt“ und die Frauenbeilage. Stefan Aust vermutet, dass der politische Journalist Heiden aus der Berichterstattung verdrängt werden sollte. Konrad Heiden veröffentlichte u. a. wegen dieser Schwierigkeiten in der FZ 1929 einen Bericht über einen Beleidigungsprozess Hitlers vor dem Münchner Amtsgericht in der Zeitschrift Das Tage-Buch. Nachdem Heiden über seinen Wechsel mit dem sozialdemokratischen Hamburger Echo verhandelt hatte, verbesserte sich seine Bezahlung bei der FZ. Er wurde als Allroundreporter in ganz Deutschland eingesetzt, sollte aber weiterhin möglichst nicht über Politik berichten, sondern Reportagen verfassen. Nach Hitlers Machtübernahme schrieb Heiden im saarländischen Exil in der „Deutschen Freiheit“ über die Verhältnisse im Deutschen Reich und gegen die drohende Angliederung nach der Saar-Abstimmung an das Hitlerreich. Damit beginnt Heidens Leben als Exilant außerhalb des deutschen Sprachraums. Über das Saarland geht es nach Frankreich, Portugal und schließlich in die USA. Dort findet Heiden eine neue Heimat. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart und produzierte von 1952 bis 1961 einmal wöchentlich einen Beitrag für die 15-minütige Sendung „Streiflichter aus Amerika“. Ähnliche Formate erstellte er für Radio Bremen. Ab 1954 verfasste Heiden für den Süddeutschen Rundfunk monatliche Hörberichte unter dem Titel „Vier Wochen Amerika“. Außerdem arbeitete er für US-Zeitschriften wie das Life Magazine. 1966 stirbt Heiden nach langem Leiden an Parkinson. Die Krankheit machte es dem Autor und Schriftsteller in den letzten Jahren fast unmöglich, darüber zu schreiben, was sein Lebensthema war, nämlich Hitler und der Nationalsozialismus. Am 20. Dezember 1932 veröffentlichte Heiden sein erstes Buch unter dem Titel „Geschichte des Nationalsozialismus – Die Karriere einer Idee“, das die Vossische Zeitung bereits in Teilen abgedruckt hatte. 1934 beschrieb Heiden die „Bluttragödie des 30. Juni 1934“ in seinem Werk „Hitler rast“. In den Jahren 1936 und 1937 kam im Zürcher Europa Verlag Heidens zweibändige Hitler-Biographie heraus. Gleichzeitig erschien die englische, amerikanische und französische Ausgabe. Der erste Band „Adolf Hitler – Das Leben eines Diktators – Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“, der zweite Band, „Adolf Hitler – Eine Biographie – Ein Mann gegen Europa“. Egal, ob Hannah Arendt, Alan Bullock oder Joachim Fest. Viele Historiker und Gesellschaftswissenschaftler, die sich mit Hitler und dem Nationalsozialismus beschäftigt haben, schöpften aus den Büchern Heidens. 1937 erschien sein Buch „Europäisches Schicksal“ im Amsterdamer Exilverlag Querido. 1939 veröffentlichte er bei Starling Press, New York, sein Buch „The New Inquisition“ über die Novemberpogrome 1938, das 2013 als deutsche Ausgabe erschien. In den USA wurde 1944 Heidens am meisten beachtetes und am weitesten verbreitetes Werk „Der Führer – Hitler’s Rise to Power“ publiziert, das noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Es handelt sich dabei um eine Überarbeitung und Aktualisierung seiner Hitlerbiographie. Thomas Mann lobte das Buch als „ein Dokument ersten Ranges“. Heiden hat seit Anfang der 1920er-Jahre den Aufstieg der Hitler-Bewegung in München erlebt und analysiert. Er beobachtete Hitler bei frühen Parteiveranstaltungen. Er verfolgte ihn im Bierzelt ebenso wie bei Hitlers Auftritten im Gerichtssaal oder in Privatwohnungen. Zugute kam Heiden außerdem, dass er offenbar Informanten (wahrscheinlich die Strasser-Brüder) aus dem unmittelbaren Umfeld des „Führers“ hatte. Später schrieb Heiden über jene Zeit: "Ich habe Hitler in den Jahren seines Aufstiegs viele Dutzend Male aus nächster Nähe zugehört, ihn auch gelegentlich im privaten Zirkel aus geringer Entfernung beobachten können. Aber wenn dabei für mein damaliges Gefühl etwas Faszinierendes war, so war es das Publikum. Über die Reden selbst stand mein frühreifes Urteil fest, noch bevor ich sie gehört hatte: alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, und überhaupt alles so lächerlich, daß jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse. Stattdessen saßen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede schon gar nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte. Mein jugendliches Urteil über Hitler hat das nicht erschüttert; wohl aber begann ich, bestürzt, etwas über Menschen zu lernen." Stefan Aust ist eine spannend geschriebene Wiederentdeckung Konrad Heidens gelungen, auf dessen Grabstein schlicht und passend steht: KONRAD HEIDEN / WRITER / FOE OF NAZIS / 1901–1966.

Stefan Aust bietet in seiner Biographie von Konrad Heiden nicht nur die Wiederentdeckung dieses Journalisten, des ersten Hitler-Biographen und jüdischen Exilanten, sondern er erzählt zweitens auch einen Teil der Geschichte des deutschen Journalismus der 1920er- und 1930-er Jahre. Schließlich erfährt drittens die Leserin und der Leser, gespiegelt in den Büchern und Reportages des porträtieren Heiden, viel über die Frühzeit des Nationalsozialismus.

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Heiden wurde 1901 als Sohn des sozialistischen Rechtsanwaltsassistenten Johannes Heiden und der jüdischen Frauenrechtlerin Lina Deutschmann geboren. Nach Kriegsende studierte er in München zunächst Jura und Wirtschaftswissenschaften.

1923 wurde Heiden Hilfsredakteur beim bayerischen Korrespondenten der Frankfurter Zeitung (FZ). Zwei Jahre später gab er sein Jura-Studium kurz vor dem Examen auf und arbeitete als fester Journalist bei der FZ. 1929 wurde er Redaktionsmitglied der FZ in Frankfurt am Main. Mit der damals einsetzenden ökonomischen Krise verschwand auch der politische Liberalismus in Deutschland. Die FZ, die zur linksliberalen DDP tendierte, kämpfte mit einer Absatzkrise. Die Auflage halbierte sich in den Jahren der Weimarer Republik. Industrielle aus dem Umkreis der IG Farben gaben Finanzspritzen. Konrad Heiden verantwortete kaum noch politische Beiträge, sondern leitete die Beilage „Das Illustrierte Blatt“ und die Frauenbeilage. Stefan Aust vermutet, dass der politische Journalist Heiden aus der Berichterstattung verdrängt werden sollte. Konrad Heiden veröffentlichte u. a. wegen dieser Schwierigkeiten in der FZ 1929 einen Bericht über einen Beleidigungsprozess Hitlers vor dem Münchner Amtsgericht in der Zeitschrift Das Tage-Buch. Nachdem Heiden über seinen Wechsel mit dem sozialdemokratischen Hamburger Echo verhandelt hatte, verbesserte sich seine Bezahlung bei der FZ. Er wurde als Allroundreporter in ganz Deutschland eingesetzt, sollte aber weiterhin möglichst nicht über Politik berichten, sondern Reportagen verfassen.

Nach Hitlers Machtübernahme schrieb Heiden im saarländischen Exil in der „Deutschen Freiheit“ über die Verhältnisse im Deutschen Reich und gegen die drohende Angliederung nach der Saar-Abstimmung an das Hitlerreich.

Damit beginnt Heidens Leben als Exilant außerhalb des deutschen Sprachraums. Über das Saarland geht es nach Frankreich, Portugal und schließlich in die USA. Dort findet Heiden eine neue Heimat. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er für den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart und produzierte von 1952 bis 1961 einmal wöchentlich einen Beitrag für die 15-minütige Sendung „Streiflichter aus Amerika“. Ähnliche Formate erstellte er für Radio Bremen. Ab 1954 verfasste Heiden für den Süddeutschen Rundfunk monatliche Hörberichte unter dem Titel „Vier Wochen Amerika“. Außerdem arbeitete er für US-Zeitschriften wie das Life Magazine.

1966 stirbt Heiden nach langem Leiden an Parkinson. Die Krankheit machte es dem Autor und Schriftsteller in den letzten Jahren fast unmöglich, darüber zu schreiben, was sein Lebensthema war, nämlich Hitler und der Nationalsozialismus.

Am 20. Dezember 1932 veröffentlichte Heiden sein erstes Buch unter dem Titel „Geschichte des Nationalsozialismus – Die Karriere einer Idee“, das die Vossische Zeitung bereits in Teilen abgedruckt hatte. 1934 beschrieb Heiden die „Bluttragödie des 30. Juni 1934“ in seinem Werk „Hitler rast“. In den Jahren 1936 und 1937 kam im Zürcher Europa Verlag Heidens zweibändige Hitler-Biographie heraus. Gleichzeitig erschien die englische, amerikanische und französische Ausgabe. Der erste Band „Adolf Hitler – Das Leben eines Diktators – Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“, der zweite Band, „Adolf Hitler – Eine Biographie – Ein Mann gegen Europa“. Egal, ob Hannah Arendt, Alan Bullock oder Joachim Fest. Viele Historiker und Gesellschaftswissenschaftler, die sich mit Hitler und dem Nationalsozialismus beschäftigt haben, schöpften aus den Büchern Heidens. 1937 erschien sein Buch „Europäisches Schicksal“ im Amsterdamer Exilverlag Querido. 1939 veröffentlichte er bei Starling Press, New York, sein Buch „The New Inquisition“ über die Novemberpogrome 1938, das 2013 als deutsche Ausgabe erschien. In den USA wurde 1944 Heidens am meisten beachtetes und am weitesten verbreitetes Werk „Der Führer – Hitler’s Rise to Power“ publiziert, das noch nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Es handelt sich dabei um eine Überarbeitung und Aktualisierung seiner Hitlerbiographie. Thomas Mann lobte das Buch als „ein Dokument ersten Ranges“.

Heiden hat seit Anfang der 1920er-Jahre den Aufstieg der Hitler-Bewegung in München erlebt und analysiert. Er beobachtete Hitler bei frühen Parteiveranstaltungen. Er verfolgte ihn im Bierzelt ebenso wie bei Hitlers Auftritten im Gerichtssaal oder in Privatwohnungen. Zugute kam Heiden außerdem, dass er offenbar Informanten (wahrscheinlich die Strasser-Brüder) aus dem unmittelbaren Umfeld des „Führers“ hatte.

Später schrieb Heiden über jene Zeit: "Ich habe Hitler in den Jahren seines Aufstiegs viele Dutzend Male aus nächster Nähe zugehört, ihn auch gelegentlich im privaten Zirkel aus geringer Entfernung beobachten können. Aber wenn dabei für mein damaliges Gefühl etwas Faszinierendes war, so war es das Publikum. Über die Reden selbst stand mein frühreifes Urteil fest, noch bevor ich sie gehört hatte: alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, und überhaupt alles so lächerlich, daß jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse. Stattdessen saßen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede schon gar nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte. Mein jugendliches Urteil über Hitler hat das nicht erschüttert; wohl aber begann ich, bestürzt, etwas über Menschen zu lernen."

Stefan Aust ist eine spannend geschriebene Wiederentdeckung Konrad Heidens gelungen, auf dessen Grabstein schlicht und passend steht: KONRAD HEIDEN / WRITER / FOE OF NAZIS / 1901–1966.

geschrieben am 29.03.2017 | 849 Wörter | 5217 Zeichen

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