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Geschichte ohne Epochen?: Ein Essay


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Rezension von

Hiram Kümper

Geschichte ohne Epochen?: Ein Essay Epochen sind nicht einfach da, sondern entstehen, das lernen Studierende im Fach Geschichte gleich im ersten Proseminar (und mit etwas Glück auch der eine oder die andere Schüler/-in), in den Köpfen der Rückblickenden durch die Betonung von Kontinuitäten und Brüchen. Wo sich Brüche bündeln, da kann man Epochenwenden wittern. Dann also doch so einfach? Natürlich nicht – und deshalb ist der Streit um die Epochengrenzen auch einer, der in den Geschichtswissenschaften wohl niemals recht aufhören wird. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Das Mittelalter jedenfalls spielt im konventionellen europäischen Dreiklang der drei Großepochen Antike – Mittelalter – Neuzeit eine ganz besondere Rolle: es ist nämlich nicht aus sich selbst heraus, sondern wesentlich in der Abgrenzung vom Davor und Danach konstruiert – eine Zeit in der Mitte eben. Gegen dieses spätestens seit dem 18. Jahrhundert fest etablierte Epochenschema schreibt nun der Altvordere der französischen Mediävistik Jacque Le Goff (1924-2014) an. Das kurz vor seinem Tod im französischen Original und nun also auch in deutscher Übersetzung erschienene Bändchen kann als eine Synthese seiner Bemühungen in dieser Richtung gelesen werden. Denn ganz neu ist sein Vorschlag nicht mehr: schon in den 1980er Jahren hat er immer wieder für ein „très long Moyen Âge“ plädiert. Insofern erfährt der Fachwissenschaftler in diesem Bändchen auch auf den ersten Blick nicht viel Neues. Auf den zweiten Blick aber weben die immer neuen Argumente, die Le Goff seiner Grundthese beibringt, ein immer dichteres Netz und weist seine stupende Belesenheit immer wieder auf teils schon wieder halbvergessene Beobachtungen der älteren Forschung, die er nun elegant neu wendet und zu einer faszinierenden Zeitdiagnostik verdichtet. Im Mittelpunkt steht dabei eine Verschiebung: Während man traditionell von der „Erfindung“ oder „Geburt“ des Mittelalters in den humanistischen Kreisen der Renaissance sprach, die die vorhergehenden Jahrhunderte als Negativfolie für ihre schöne, neue Bildungswelt benötigten, betont Le Goff die „Geburt“ der Renaissance in den Inkubationsphase der modernen Geschichtswissenschaft von Michelet bis Burckhardt. Auch das Mittelalter, so will er immer wieder festgestellt wissen, kannte seine Renaissancen, seine Wiedergeburten. Im Einzelnen kann man dabei über seine Wertungen – etwa seine geradezu emphatische Wertschätzung von mittelalterlicher Wissenschaft und Bildung – sicher trefflich streiten. Aber gerade das macht das Buch so anregend. LeGoffs Essay ist beileibe keiner, der sich nur an Fachwissenschaftler richtet. Wer ganz ohne disziplinäre Interessen nach dem Buch greift, wird ebenfalls nicht enttäuscht: Denn Le Goff verstand wie kaum ein zweiter, anspruchsvolle Geschichtsschreibung auf hohem Reflexionsniveau fesselnd und jargonfrei für ein gebildetes Publikum auszubreiten. Ohne belehrend zu wirken zeigt er, dass wissenschaftliche betriebene Geschichtsschreibung ein Prozess des Deutens, Streitens und Neu-Deutens ist – und stets ein Kind der eigenen Zeit. Und er regt an, diese Dynamik selbst nachzuvollziehen und eigene Standpunkte für unsere Zeit zu entwickeln.

Epochen sind nicht einfach da, sondern entstehen, das lernen Studierende im Fach Geschichte gleich im ersten Proseminar (und mit etwas Glück auch der eine oder die andere Schüler/-in), in den Köpfen der Rückblickenden durch die Betonung von Kontinuitäten und Brüchen. Wo sich Brüche bündeln, da kann man Epochenwenden wittern. Dann also doch so einfach?

Natürlich nicht – und deshalb ist der Streit um die Epochengrenzen auch einer, der in den Geschichtswissenschaften wohl niemals recht aufhören wird. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Das Mittelalter jedenfalls spielt im konventionellen europäischen Dreiklang der drei Großepochen Antike – Mittelalter – Neuzeit eine ganz besondere Rolle: es ist nämlich nicht aus sich selbst heraus, sondern wesentlich in der Abgrenzung vom Davor und Danach konstruiert – eine Zeit in der Mitte eben.

Gegen dieses spätestens seit dem 18. Jahrhundert fest etablierte Epochenschema schreibt nun der Altvordere der französischen Mediävistik Jacque Le Goff (1924-2014) an. Das kurz vor seinem Tod im französischen Original und nun also auch in deutscher Übersetzung erschienene Bändchen kann als eine Synthese seiner Bemühungen in dieser Richtung gelesen werden. Denn ganz neu ist sein Vorschlag nicht mehr: schon in den 1980er Jahren hat er immer wieder für ein „très long Moyen Âge“ plädiert. Insofern erfährt der Fachwissenschaftler in diesem Bändchen auch auf den ersten Blick nicht viel Neues. Auf den zweiten Blick aber weben die immer neuen Argumente, die Le Goff seiner Grundthese beibringt, ein immer dichteres Netz und weist seine stupende Belesenheit immer wieder auf teils schon wieder halbvergessene Beobachtungen der älteren Forschung, die er nun elegant neu wendet und zu einer faszinierenden Zeitdiagnostik verdichtet.

Im Mittelpunkt steht dabei eine Verschiebung: Während man traditionell von der „Erfindung“ oder „Geburt“ des Mittelalters in den humanistischen Kreisen der Renaissance sprach, die die vorhergehenden Jahrhunderte als Negativfolie für ihre schöne, neue Bildungswelt benötigten, betont Le Goff die „Geburt“ der Renaissance in den Inkubationsphase der modernen Geschichtswissenschaft von Michelet bis Burckhardt. Auch das Mittelalter, so will er immer wieder festgestellt wissen, kannte seine Renaissancen, seine Wiedergeburten. Im Einzelnen kann man dabei über seine Wertungen – etwa seine geradezu emphatische Wertschätzung von mittelalterlicher Wissenschaft und Bildung – sicher trefflich streiten. Aber gerade das macht das Buch so anregend.

LeGoffs Essay ist beileibe keiner, der sich nur an Fachwissenschaftler richtet. Wer ganz ohne disziplinäre Interessen nach dem Buch greift, wird ebenfalls nicht enttäuscht: Denn Le Goff verstand wie kaum ein zweiter, anspruchsvolle Geschichtsschreibung auf hohem Reflexionsniveau fesselnd und jargonfrei für ein gebildetes Publikum auszubreiten. Ohne belehrend zu wirken zeigt er, dass wissenschaftliche betriebene Geschichtsschreibung ein Prozess des Deutens, Streitens und Neu-Deutens ist – und stets ein Kind der eigenen Zeit. Und er regt an, diese Dynamik selbst nachzuvollziehen und eigene Standpunkte für unsere Zeit zu entwickeln.

geschrieben am 03.08.2017 | 450 Wörter | 2701 Zeichen

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