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Die Kunst des Begehrens. Dekadenz, Sinnlichkeit und Askese


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Die Kunst des Begehrens. Dekadenz, Sinnlichkeit und Askese Die Geburt der Sinnlichkeit aus dem Geist der Askese Dekadenz und Askese figurieren üblicherweise als Gegensätze. Genauer: Eigentlich als diametral Entgegengesetztes. Askese meint den Verzicht auf alles Unnötige, auf alles, was von der wahren Bestimmung ablenkt. Kontemplation, Einkehr, Meditation lauten die Begriffe, die Wegweiser von Bewusstwerdung sind. Der Begriff der Dekadenz hat im Gegensatz zu dem der Askese eine Problematik per definitionem in sich: Er ist negativ konnotiert. Dekadenz meint die sinnlose, ja gar nihilistische Verschwendung. Genuss ohne Reflektion. Der US-amerikanische Germanist Niklaus Largier zeigt nun in einer furiosen Untersuchung, dass Dekadenz und Askese nicht nur keine Gegensätze sind. Seine These: Das was üblicherweise als dekadent bezeichnet wird, ist nichts anderes als eine Art der Askese. Gegenstand des essayistischen Buches ist der Kult des exquisiten Genusses, der in der Regel als dekadent bezeichnet wird. Der auch in der Schweiz ausgebildete Hochschullehrer nennt es eine »Geschichte der Geburt der Sinnlichkeit aus dem Geist der Askese«. Und in der Tat: Largier verdeutlicht in seiner atemberaubenden Studie, warum Dekadenz und Askese Kinder derselben Eltern sind. In beiden Fällen geht es darum, das normale, das von der Umwelt geführte Leben zu ignorieren, um andere Erfahrungen für sich selbst zu ermöglichen. Anhand vieler Beispiele aus Joris-Karl Huysmans’ Bibel der Dekadenz (Paul Valéry) À rebours (Gegen den Strich) versinnbildlicht Largier die Substanz dekadenter Verhaltensweisen. Diese werden häufig von der Gesellschaft als ‚dekadent’ bezeichnet, weil sie diese ablehnen muss. Würde doch der Utilitarismus der bürgerlichen Welt in sich zusammenbrechen, bestünden viele Menschen auf ein derart ausgerichtetes, manche nennen es ein selbstbestimmtes, Leben. Der in Berkeley lehrende Autor arbeitet durch seine tiefgreifende Quellenanalyse heraus, dass die dekadenten Szenarien von Huysmans’ Protagonisten Jean Floressas Duc Des Esseintes eben in Wahrheit nichts anderes sind als der Rückzug des Mönchs in die Zelle. Auch wenn es von außen betrachtet ganz anders aussieht. Der junge Adlige in Huysmans’ Roman zieht aus dem pulsierenden Paris der Mitte des 19. Jahrhunderts in ein von ihm bis ins kleinste Detail durchgestyltes Refugium. Seine Diener müssen Filzpantoffeln tragen, um ihn nicht zu stören. Er schafft sich ein künstliches Paradies, in dem es für ihn unnötig werden soll, das Haus zu verlassen, um die Welt kennenzulernen. Er besitzt eine bilbliophile Bibliothek, in der er Tage und Nächte lesend und träumend verbringt. Er braut sich eigene Gerüche, schafft künstliche Pflanzen und experimentiert mit allerlei verschiedenen Drogen. Von mediokren Geistern ist das Buch heftig kritisiert worden ob seiner Lebensverneinung. Largier stellt auf substantielle Weise klar: Das Gegenteil ist der fall. Huysmans kannte die mittelalterliche Literatur, in der die Innen-Außen-Unterscheidung thematisiert worden ist. Und der ironische französische Schriftsteller mit dem holländischen Namen macht aus seinen Anregern keinen Hehl, stellt er sie doch alle in die Bibliothek seines degenerierten Dandyhelden. Des Esseintes ging es eben nicht um ein Zurschaustellen von Besitz und Reichtum. Er umgibt sich mit dem Schönsten und Erlesensten, weil nur so ihm das Leben erträglich wird. Nur mit dem Mantel dieser Dinge ist es ihm möglich, seine Seele die Erfahrungen machen zu lassen, die in diesem Leben anstehen. »Der Rückzug des Mönchs in die Zelle, der Umzug des Gelehrten ins studiolo, die Isolation des dekadenten Genießers in der luxuriösen Villa – all dies produziert das Dämonische und die Ästhetisierung, indem es die Natur herausfordert und die Einheitlichkeit ihrer Artikulation in Frage stellt. « Die Neue Züricher Zeitung hat in einer wunderbaren Annonce des Buches - ironisch - dessen Verbot gefordert: »Denn«, schreibt die NZZ, »laut ihren Promotoren zielt die Bologna-Reform auf die ‚Verwirklichung eines wettbewerbsfähigen und dynamischen Hochschul- und Forschungsraums in Europa’. Da das anzuzeigende Werk aber zum Denken und Nachdenken anregt, sollte es von allen, deren intellektuelles Lebensziel Dynamik und Wettbewerb ist, mit Nichtbeachtung gestraft werden.«

Die Geburt der Sinnlichkeit aus dem Geist der Askese

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Dekadenz und Askese figurieren üblicherweise als Gegensätze. Genauer: Eigentlich als diametral Entgegengesetztes. Askese meint den Verzicht auf alles Unnötige, auf alles, was von der wahren Bestimmung ablenkt. Kontemplation, Einkehr, Meditation lauten die Begriffe, die Wegweiser von Bewusstwerdung sind.

Der Begriff der Dekadenz hat im Gegensatz zu dem der Askese eine Problematik per definitionem in sich: Er ist negativ konnotiert. Dekadenz meint die sinnlose, ja gar nihilistische Verschwendung. Genuss ohne Reflektion.

Der US-amerikanische Germanist Niklaus Largier zeigt nun in einer furiosen Untersuchung, dass Dekadenz und Askese nicht nur keine Gegensätze sind. Seine These: Das was üblicherweise als dekadent bezeichnet wird, ist nichts anderes als eine Art der Askese. Gegenstand des essayistischen Buches ist der Kult des exquisiten Genusses, der in der Regel als dekadent bezeichnet wird. Der auch in der Schweiz ausgebildete Hochschullehrer nennt es eine »Geschichte der Geburt der Sinnlichkeit aus dem Geist der Askese«. Und in der Tat: Largier verdeutlicht in seiner atemberaubenden Studie, warum Dekadenz und Askese Kinder derselben Eltern sind.

In beiden Fällen geht es darum, das normale, das von der Umwelt geführte Leben zu ignorieren, um andere Erfahrungen für sich selbst zu ermöglichen. Anhand vieler Beispiele aus Joris-Karl Huysmans’ Bibel der Dekadenz (Paul Valéry) À rebours (Gegen den Strich) versinnbildlicht Largier die Substanz dekadenter Verhaltensweisen. Diese werden häufig von der Gesellschaft als ‚dekadent’ bezeichnet, weil sie diese ablehnen muss. Würde doch der Utilitarismus der bürgerlichen Welt in sich zusammenbrechen, bestünden viele Menschen auf ein derart ausgerichtetes, manche nennen es ein selbstbestimmtes, Leben.

Der in Berkeley lehrende Autor arbeitet durch seine tiefgreifende Quellenanalyse heraus, dass die dekadenten Szenarien von Huysmans’ Protagonisten Jean Floressas Duc Des Esseintes eben in Wahrheit nichts anderes sind als der Rückzug des Mönchs in die Zelle. Auch wenn es von außen betrachtet ganz anders aussieht. Der junge Adlige in Huysmans’ Roman zieht aus dem pulsierenden Paris der Mitte des 19. Jahrhunderts in ein von ihm bis ins kleinste Detail durchgestyltes Refugium. Seine Diener müssen Filzpantoffeln tragen, um ihn nicht zu stören. Er schafft sich ein künstliches Paradies, in dem es für ihn unnötig werden soll, das Haus zu verlassen, um die Welt kennenzulernen. Er besitzt eine bilbliophile Bibliothek, in der er Tage und Nächte lesend und träumend verbringt. Er braut sich eigene Gerüche, schafft künstliche Pflanzen und experimentiert mit allerlei verschiedenen Drogen.

Von mediokren Geistern ist das Buch heftig kritisiert worden ob seiner Lebensverneinung. Largier stellt auf substantielle Weise klar: Das Gegenteil ist der fall. Huysmans kannte die mittelalterliche Literatur, in der die Innen-Außen-Unterscheidung thematisiert worden ist. Und der ironische französische Schriftsteller mit dem holländischen Namen macht aus seinen Anregern keinen Hehl, stellt er sie doch alle in die Bibliothek seines degenerierten Dandyhelden. Des Esseintes ging es eben nicht um ein Zurschaustellen von Besitz und Reichtum. Er umgibt sich mit dem Schönsten und Erlesensten, weil nur so ihm das Leben erträglich wird. Nur mit dem Mantel dieser Dinge ist es ihm möglich, seine Seele die Erfahrungen machen zu lassen, die in diesem Leben anstehen. »Der Rückzug des Mönchs in die Zelle, der Umzug des Gelehrten ins studiolo, die Isolation des dekadenten Genießers in der luxuriösen Villa – all dies produziert das Dämonische und die Ästhetisierung, indem es die Natur herausfordert und die Einheitlichkeit ihrer Artikulation in Frage stellt. «

Die Neue Züricher Zeitung hat in einer wunderbaren Annonce des Buches - ironisch - dessen Verbot gefordert: »Denn«, schreibt die NZZ, »laut ihren Promotoren zielt die Bologna-Reform auf die ‚Verwirklichung eines wettbewerbsfähigen und dynamischen Hochschul- und Forschungsraums in Europa’. Da das anzuzeigende Werk aber zum Denken und Nachdenken anregt, sollte es von allen, deren intellektuelles Lebensziel Dynamik und Wettbewerb ist, mit Nichtbeachtung gestraft werden.«

geschrieben am 01.07.2008 | 607 Wörter | 3693 Zeichen

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