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Die Zweite Avantgarde: Das Fotoforum Kassel 1972-1982


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Die Zweite Avantgarde: Das Fotoforum Kassel 1972-1982 Die Erfindung der Photographie sorgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine Revolutionierung der Kunst. Um ein Gemälde einem weiteren Publikum zugänglich zu machen, musste dieses nun nicht mehr Pinselstrich für Pinselstrich kopiert werden, um seinen Eindruck auch an einem anderen Ort vermitteln zu können als dort, wo das Original war. Man lichtete es nun einfach ab. Das Photo ließ sich alsbald vielfach reproduzieren. Doch jede Revolutionierung des Lebens schleift sich ab und wird wirkungslos. So kam es in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Avantgarde auch in der Photographie. Ihre Protagonisten bemühten sich um eine neue Perspektive. Das Neue Sehen versuchte sich darin, die Technik an die Stelle der Kunst zu setzen und die neu gewonnene Ordnung, Reinheit der Formen und Objektivität des Technischen Zeitalters als Schönheit der Zeit anzusehen. Die damals bahnbrechende Photokunst wurde für das gesamte Jahrhundert stilgebend. Doch auch sie musste sich abnutzen. Dieser Zeitpunkt war zwei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges gekommen. Eine neue Generation von Bilderstürmern war aufgewachsen. Das Jahr 1968 markiert einen tiefen kulturellen Wendepunkt. Floris M. Neusüss, Professor für experimentelle Fotografie an der Kunsthochschule Kassel und Mitherausgeber des Bandes, formuliert dies in seiner Einleitung so: „Es galt, daß der geistige Gehalt eines Kunstwerks den Primat über seine visuelle Erscheinung haben sollte, und die wesentlichen Eigenschaften und Wirkungen der Photographie sollten entsprechend – auch im Zusammenspiel mit anderen bildnerischen Elementen oder mit Text – erkannt und einbezogen werden.“ Neusüss gründete das Fotoforum Kassel und leitete es zehn Jahre lang. Kassel wurde dadurch zu einer auch international beachteten Adresse einer zweiten Photographie-Avantgarde. Jetzt befindet sich die Entwicklung der Photokunst in einer weiteren Entwicklungsstufe: Durch ihre Digitalisierung ergeben sich wiederum völlig neue Möglichkeiten der Bearbeitung und Manipulation. Aber auch der Vervielfältigung sind nun keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Die Dokumentation des Bestehenden verflüchtigt sich immer weiter. Exemplarisch dafür stehen kann die Haltbarkeit der Tonträger: Eine Schellackplatte hielt länger als eine aus Vinyl. Diese wiederum überlebt die CD deutlich. Heute sind die neuesten Tonträger bei Markteinführung längst technisch überholt. Neusüss hielt diesen Zeitpunkt 2006 für geeignet, seine Sammlung zusammen mit seinem eigenen Archiv der Moritzburg zu schenken. So konnte die Ausstellung der Stiftung Moritzburg, die das Buch begleitet, auf das Archiv von Neusüss zurückgreifen. Dieses Archiv dokumentiert und repräsentiert eine entscheidende Wendung in der Entwicklung der Photographie als Kunst. Neusüss selbst hat diese Veränderungen mit initiiert und maßgeblich vorangetrieben - gemeinsam mit Studenten, Künstlerkollegen und Wissenschaftlern. Alle einte das Bestreben, die Beziehung von Photographie und Kunst einerseits zu untersuchen. Doch dabei allein sollte es nicht bleiben. Andererseits wollten sie radikale Veränderungen, weil sie zu dem reflektorischen Ergebnis gelangt waren, die Kunstform der Photographie biete mehr Möglichkeiten als die Dokumentation dessen, was ist und damit des Status quo. So entsprach auch die Aufhebung der Trennung von beobachtendem Wissenschaftler und selbst agierendem Künstler dem damaligen Zeitgeist der Studentenrevolte. Die Sammlung Photographie der Stiftung Moritzburg gehört heute wohl zu den bedeutendsten Beständen Deutschlands. Sie umfasst nach Angaben des Museums etwa 75.000 Photographien. Außerdem wurde eine Bibliothek aufgebaut mit 8.000 Büchern zum Themenfeld Photographie. Bereits zu Zeiten der Blocktrennung während der 1970er Jahre konnte das Museum Ausstellungen internationaler künstlerischer Photographie präsentieren. 1986 erhielt der Bestand einen erheblichen Zuwachs durch die Schenkung des Schweizer Hans Finsler (1891–1972), der dem Museum in Halle seinen Nachlass vermachte. Finsler hatte von 1927 bis 1932 die Photoklasse an der halleschen Kunstschule auf Burg Giebichenstein geleitet und gehört zu den wichtigsten Protagonisten des Neuen Sehens, der Avantgardephotographie der 20er Jahre. Weiterer Schwerpunkt der Stiftung Moritzburg ist die ostdeutsche Photographie seit 1945. Das Museum betont stolz, kein anderes Kunstmuseum verfüge über eine annähernd vergleichbare Sammlung. Der Begleitband enthält auf über 200 großformatigen Seiten neben vielen Photos in Farbe und Schwarz-Weiß Beiträge von damals Beteiligten, ein Gespräch zwischen Herbert Molderings, Renate Heyne, T. O. Immisch und Floris M. Neusüss, wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen einen 140seitigen Bildessay. Das Buch ist Siegertitel in der Kategorie Fotobildbände des Deutschen Fotobuchpreises 2008. Bewertet werden hierfür hauptsächlich die photographische Qualität, der ästhetische Gesamteindruck und die phototechnische und die photogeschichtliche Leistung. Der Band hat sich aufgrund seiner – nicht zuletzt drucktechnischen - Qualität den Ruf eines Geheimtipps erarbeitet: Zum Verständnis des Mediums Photographie, zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Kunstverständnis und zugleich zur Wahrnehmung der scheinbar stetig zunehmenden Oberflächlichkeit und Verflüchtigung im öffentlichen Raum. So ist das Buch ein kunsthistorisches Dokument ersten Ranges. Und dies zu einem erstaunlich günstigen Preis.

Die Erfindung der Photographie sorgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine Revolutionierung der Kunst. Um ein Gemälde einem weiteren Publikum zugänglich zu machen, musste dieses nun nicht mehr Pinselstrich für Pinselstrich kopiert werden, um seinen Eindruck auch an einem anderen Ort vermitteln zu können als dort, wo das Original war. Man lichtete es nun einfach ab. Das Photo ließ sich alsbald vielfach reproduzieren.

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Doch jede Revolutionierung des Lebens schleift sich ab und wird wirkungslos. So kam es in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Avantgarde auch in der Photographie. Ihre Protagonisten bemühten sich um eine neue Perspektive. Das Neue Sehen versuchte sich darin, die Technik an die Stelle der Kunst zu setzen und die neu gewonnene Ordnung, Reinheit der Formen und Objektivität des Technischen Zeitalters als Schönheit der Zeit anzusehen.

Die damals bahnbrechende Photokunst wurde für das gesamte Jahrhundert stilgebend. Doch auch sie musste sich abnutzen. Dieser Zeitpunkt war zwei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges gekommen. Eine neue Generation von Bilderstürmern war aufgewachsen. Das Jahr 1968 markiert einen tiefen kulturellen Wendepunkt. Floris M. Neusüss, Professor für experimentelle Fotografie an der Kunsthochschule Kassel und Mitherausgeber des Bandes, formuliert dies in seiner Einleitung so: „Es galt, daß der geistige Gehalt eines Kunstwerks den Primat über seine visuelle Erscheinung haben sollte, und die wesentlichen Eigenschaften und Wirkungen der Photographie sollten entsprechend – auch im Zusammenspiel mit anderen bildnerischen Elementen oder mit Text – erkannt und einbezogen werden.“ Neusüss gründete das Fotoforum Kassel und leitete es zehn Jahre lang. Kassel wurde dadurch zu einer auch international beachteten Adresse einer zweiten Photographie-Avantgarde.

Jetzt befindet sich die Entwicklung der Photokunst in einer weiteren Entwicklungsstufe: Durch ihre Digitalisierung ergeben sich wiederum völlig neue Möglichkeiten der Bearbeitung und Manipulation. Aber auch der Vervielfältigung sind nun keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Die Dokumentation des Bestehenden verflüchtigt sich immer weiter. Exemplarisch dafür stehen kann die Haltbarkeit der Tonträger: Eine Schellackplatte hielt länger als eine aus Vinyl. Diese wiederum überlebt die CD deutlich. Heute sind die neuesten Tonträger bei Markteinführung längst technisch überholt. Neusüss hielt diesen Zeitpunkt 2006 für geeignet, seine Sammlung zusammen mit seinem eigenen Archiv der Moritzburg zu schenken. So konnte die Ausstellung der Stiftung Moritzburg, die das Buch begleitet, auf das Archiv von Neusüss zurückgreifen. Dieses Archiv dokumentiert und repräsentiert eine entscheidende Wendung in der Entwicklung der Photographie als Kunst.

Neusüss selbst hat diese Veränderungen mit initiiert und maßgeblich vorangetrieben - gemeinsam mit Studenten, Künstlerkollegen und Wissenschaftlern. Alle einte das Bestreben, die Beziehung von Photographie und Kunst einerseits zu untersuchen. Doch dabei allein sollte es nicht bleiben. Andererseits wollten sie radikale Veränderungen, weil sie zu dem reflektorischen Ergebnis gelangt waren, die Kunstform der Photographie biete mehr Möglichkeiten als die Dokumentation dessen, was ist und damit des Status quo. So entsprach auch die Aufhebung der Trennung von beobachtendem Wissenschaftler und selbst agierendem Künstler dem damaligen Zeitgeist der Studentenrevolte.

Die Sammlung Photographie der Stiftung Moritzburg gehört heute wohl zu den bedeutendsten Beständen Deutschlands. Sie umfasst nach Angaben des Museums etwa 75.000 Photographien. Außerdem wurde eine Bibliothek aufgebaut mit 8.000 Büchern zum Themenfeld Photographie. Bereits zu Zeiten der Blocktrennung während der 1970er Jahre konnte das Museum Ausstellungen internationaler künstlerischer Photographie präsentieren. 1986 erhielt der Bestand einen erheblichen Zuwachs durch die Schenkung des Schweizer Hans Finsler (1891–1972), der dem Museum in Halle seinen Nachlass vermachte. Finsler hatte von 1927 bis 1932 die Photoklasse an der halleschen Kunstschule auf Burg Giebichenstein geleitet und gehört zu den wichtigsten Protagonisten des Neuen Sehens, der Avantgardephotographie der 20er Jahre. Weiterer Schwerpunkt der Stiftung Moritzburg ist die ostdeutsche Photographie seit 1945. Das Museum betont stolz, kein anderes Kunstmuseum verfüge über eine annähernd vergleichbare Sammlung.

Der Begleitband enthält auf über 200 großformatigen Seiten neben vielen Photos in Farbe und Schwarz-Weiß Beiträge von damals Beteiligten, ein Gespräch zwischen Herbert Molderings, Renate Heyne, T. O. Immisch und Floris M. Neusüss, wissenschaftlichen Bestandsaufnahmen einen 140seitigen Bildessay.

Das Buch ist Siegertitel in der Kategorie Fotobildbände des Deutschen Fotobuchpreises 2008. Bewertet werden hierfür hauptsächlich die photographische Qualität, der ästhetische Gesamteindruck und die phototechnische und die photogeschichtliche Leistung.

Der Band hat sich aufgrund seiner – nicht zuletzt drucktechnischen - Qualität den Ruf eines Geheimtipps erarbeitet: Zum Verständnis des Mediums Photographie, zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Kunstverständnis und zugleich zur Wahrnehmung der scheinbar stetig zunehmenden Oberflächlichkeit und Verflüchtigung im öffentlichen Raum. So ist das Buch ein kunsthistorisches Dokument ersten Ranges. Und dies zu einem erstaunlich günstigen Preis.

geschrieben am 05.03.2008 | 727 Wörter | 4798 Zeichen

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