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Auschwitz drängt uns auf einen Fleck


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Rezension von

Daniel Bigalke

Auschwitz drängt uns auf einen Fleck Die Debatte um Martin Walser habe den nationalen Stolz in Deutschland noch problematischer gemacht. So könnte man die Meinung vieler Verfechter aus der alten Bundesrepublik, die entgegen neuen Notwendigkeiten zur Schaffung vitaler und freier Demokratien dennoch eine inferiore deutsche Staatsräson proklamieren, zusammenfassen. Zunächst meint der Leser, im vorliegenden Buch eine Lösung zu bekommen - Fehlanzeige. Der wichtigen Walser-Debatte widmete Matthias N. Lorenz diese vorliegende Dissertation. Seine Leistung ist keine geringe: Lorenz nahm sich Walsers Gesamtwerk vor, um dort durchaus sorgfältig „subtextuell“ Antisemitismus nachzuweisen. Schnell wird klar, daß hier geistige Voreingenommenheit als Wissenschaft auftritt. Neben einer langen Rekonstruktion des literarischen Antisemitismus mit seinen Stilmitteln (der „feige“ oder „gefährliche“ Jude), die Lorenz hier absolviert (Wozu?), schreitet er voran zum Nachweis solcher Chiffren für „Andersheit“ bei Walser - als ob Andersheit nicht das Leben ausmacht und dem universalistischen Grau in Denken und Handeln die Buntheit denkfleißigerer und tiefer motivierter Menschen entgegenzusetzen in der Lage wäre! Lorenz schreitet nunmehr müßigen Schrittes durch Walseres Gesamtwerk. Der Roman "Tod eines Kritikers" (2002) hebe den jüdischen Opferstatus auf, der Essay "Halbzeit" (1960) mache jüdische Opfer zu Tätern. Der Leser weiß mit diesen Ergebnissen nichts richtiges anzufangen und fragt sich: Und nun? Dennoch: Lorenz' Belege sind überzeugend. Doch unter der Oberfläche gärt bei der Lektüre aller über 500 Seiten des Buches ein zentraler Aspekt, der das Unbehagen am Lesen aufklärt und nach Artikulation schreit: Die Arbeit steht und fällt ausschließlich hinsichtlich ihrer Gesamtmethode - und diese muß kritisch beleuchtet werden: Kann ein literarisches Werk als Phänomen anhand ihm definitiv nicht wesenseigener Kategorien und Begriffe, die immer auch motivational verwendet werden, überhaupt sinnvoll bewertet werden? Hier stehen sich also ohne Versöhnung, welche Wissenschaftlichkeit eigentlich bieten sollte, Phänomenologie, normativ motivierte Semantik und subjektives Ressentiment gegenüber. Eine gefährliche Gemengelage, die Lorenz aufzulösen überhaupt keine Ambitionen zeigt. Dies ist auch verständlich, würde doch damit sein ganzer Ansatz der Dissertation entlarvt werden. Lorenz möchte von Walsers Textabsicht, die grundlegend als literarisch frei akzeptiert werden muß, um sie überhaupt zu verstehen und selbst dem deutschen Grundgesetz (Art. 5) zu entsprechen, auf den wirklichen Charakter des Autors schließen. Er agiert quasi als selbsternannte aber nicht gerufene Antisemitismusbehörde, die gesinnungsethisch bewertet und sucht. Eine Einseitigkeit herrscht vor, weil Lorenz' Ergebnis gemäß der „Sumpfblütenmethode“ - wer finden möchte, der sucht so, daß er findet - bereits mit dem Vorwort klar ist. Wer also Antisemitismus sucht, der findet ihn auch, und dies ist ein wenig überzeugendes und sogar im Endeffekt völlig unsinniges Vorgehen. Ebenso könnte man „kommunistische“ oder „homoerotische“ Stereotype in Ernst Jüngers Werk entschlüsseln und dadurch auf die sexuellen und ideologischen Neigungen des Autors schließen. Man könnte die Vorliebe Heinrich Bölls für die Schriften des Vertreters des "Renouveau Catholique" Leon Bloy dahingehend auslegen und schubladisieren, das Heinrich Böll im Herzen Fundamentalkatholik, Armutsverherrlicher, Antibürgerlicher oder Nationalist war und damit "rechtsextrem" und feind der Budnesrepublik war. Doch wozu derartiges Vorgehen, anstelle die Literatur an sich selbst mit ihren eigenen immanenten Maßstäben zu messen und damit zu genießen? Wer also begriffen hat, daß Lorenz mit dem Terminus „antisemitisch“ inflationär um sich wirft, kann seiner Arbeit nur noch wenig Gewicht zumessen. Tatsächlich spielen derlei Begriffe, derlei selbst auferlegte semantische Fesseln bei der Beurteilung der politisch-historischen oder auch literarischen Realität eine völlig untergeordnete Rolle. Sein Vorwurf der „Konstruktion einer deutschen Opferrolle“ bei Walser steht zudem massiv hinter unleugbaren Teilwahrheiten (Vertreibung, Bombenterror) zurück. Lorenz muß sie notwendigerweise zwecks seiner eigentlichen Absicht diskreditieren. Könnte er sonst die in der deutschen Leidenswahrnehmung wurzelnden Texte Walsers im Sinne der alten – wissenschaftlich wenig reflektierten – Bewältigungsdoktrin negativ einordnen? Er beschränkt sich auf Begriffe („antisemitisch“), die sich bei rationaler und freier Betrachtung von selbst erledigen würden: Denn leicht durchschaubar ist ihre auf diskriminierende Wirkung zielende strategische Plazierung. Den Ansätzen kontroversen Denkens im Bereich der Vergangenheitspolitik wirft Lorenz „Erinnerungsabwehr“ vor. Er stilisiert sich selbst zum Verfechter einer Zeitgeistdogmatik mit ihrer Entweder-Oder-Logik. Dergleichen vorgehen ist von geringem ontologischen Wert. Damit lassen sich „Dissidenten“ willkürlich konstruieren, etwa wenn er die Haltung der "Jungen Freiheit" zur Walser-Debatte im Verlauf der Untersuchung in sich sogar noch konträr kategorisiert („extremistisch“, „gemäßigt rechtsextrem“). Man bedauert, daß das von Lorenz gesammelte Material vor dem Hintergrund seiner Motivation kaum sinnvoll verwendet wurde. Die Arbeit – verstärkt durch den unbefriedigenden Gesamteindruck – ignoriert komplexere Erkenntnisräume, womit sein Fazit krampfhaft beabsichtigt wirkt. Es ist Opfer subjektiver Gesinnung und selbstauferlegter Denkverbote, die ihn tendenziell in seiner Gesamtmethode - in seiner eigenen Terminologie - selbst als dogmatischen Extremisten aufscheinen lassen. Das Buch zeigt einmal mehr an, daß veraltete oder verordnete Glaubenswerte und ihre ausschließlich „antideutschen“ Absichten dem freien Denken kaum noch gewachsen sind. Auch deshalb treten sie umso aggressiver und voluminöser auf und verlieren ihren Anspruch auf Sorgfältigkeit. Die wirkliche Wissenschaft sollte einen Wahrheitskontakt anstreben, der auf die strategische Definition „extremer“ Haltungen verzichtet und damit nicht ideologischen Modeströmungen sondern geistiger Substanz folgt. Damit würde sie lediglich ein nachkriegsdemokratisches Paradox mit seiner inhaltlich stagnierenden Denkpraxis aus der Vernunft heraus korrigieren.

Die Debatte um Martin Walser habe den nationalen Stolz in Deutschland noch problematischer gemacht. So könnte man die Meinung vieler Verfechter aus der alten Bundesrepublik, die entgegen neuen Notwendigkeiten zur Schaffung vitaler und freier Demokratien dennoch eine inferiore deutsche Staatsräson proklamieren, zusammenfassen. Zunächst meint der Leser, im vorliegenden Buch eine Lösung zu bekommen - Fehlanzeige.

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Der wichtigen Walser-Debatte widmete Matthias N. Lorenz diese vorliegende Dissertation. Seine Leistung ist keine geringe: Lorenz nahm sich Walsers Gesamtwerk vor, um dort durchaus sorgfältig „subtextuell“ Antisemitismus nachzuweisen. Schnell wird klar, daß hier geistige Voreingenommenheit als Wissenschaft auftritt. Neben einer langen Rekonstruktion des literarischen Antisemitismus mit seinen Stilmitteln (der „feige“ oder „gefährliche“ Jude), die Lorenz hier absolviert (Wozu?), schreitet er voran zum Nachweis solcher Chiffren für „Andersheit“ bei Walser - als ob Andersheit nicht das Leben ausmacht und dem universalistischen Grau in Denken und Handeln die Buntheit denkfleißigerer und tiefer motivierter Menschen entgegenzusetzen in der Lage wäre! Lorenz schreitet nunmehr müßigen Schrittes durch Walseres Gesamtwerk. Der Roman "Tod eines Kritikers" (2002) hebe den jüdischen Opferstatus auf, der Essay "Halbzeit" (1960) mache jüdische Opfer zu Tätern. Der Leser weiß mit diesen Ergebnissen nichts richtiges anzufangen und fragt sich: Und nun? Dennoch: Lorenz' Belege sind überzeugend. Doch unter der Oberfläche gärt bei der Lektüre aller über 500 Seiten des Buches ein zentraler Aspekt, der das Unbehagen am Lesen aufklärt und nach Artikulation schreit: Die Arbeit steht und fällt ausschließlich hinsichtlich ihrer Gesamtmethode - und diese muß kritisch beleuchtet werden: Kann ein literarisches Werk als Phänomen anhand ihm definitiv nicht wesenseigener Kategorien und Begriffe, die immer auch motivational verwendet werden, überhaupt sinnvoll bewertet werden? Hier stehen sich also ohne Versöhnung, welche Wissenschaftlichkeit eigentlich bieten sollte, Phänomenologie, normativ motivierte Semantik und subjektives Ressentiment gegenüber. Eine gefährliche Gemengelage, die Lorenz aufzulösen überhaupt keine Ambitionen zeigt. Dies ist auch verständlich, würde doch damit sein ganzer Ansatz der Dissertation entlarvt werden.

Lorenz möchte von Walsers Textabsicht, die grundlegend als literarisch frei akzeptiert werden muß, um sie überhaupt zu verstehen und selbst dem deutschen Grundgesetz (Art. 5) zu entsprechen, auf den wirklichen Charakter des Autors schließen. Er agiert quasi als selbsternannte aber nicht gerufene Antisemitismusbehörde, die gesinnungsethisch bewertet und sucht. Eine Einseitigkeit herrscht vor, weil Lorenz' Ergebnis gemäß der „Sumpfblütenmethode“ - wer finden möchte, der sucht so, daß er findet - bereits mit dem Vorwort klar ist. Wer also Antisemitismus sucht, der findet ihn auch, und dies ist ein wenig überzeugendes und sogar im Endeffekt völlig unsinniges Vorgehen. Ebenso könnte man „kommunistische“ oder „homoerotische“ Stereotype in Ernst Jüngers Werk entschlüsseln und dadurch auf die sexuellen und ideologischen Neigungen des Autors schließen. Man könnte die Vorliebe Heinrich Bölls für die Schriften des Vertreters des "Renouveau Catholique" Leon Bloy dahingehend auslegen und schubladisieren, das Heinrich Böll im Herzen Fundamentalkatholik, Armutsverherrlicher, Antibürgerlicher oder Nationalist war und damit "rechtsextrem" und feind der Budnesrepublik war. Doch wozu derartiges Vorgehen, anstelle die Literatur an sich selbst mit ihren eigenen immanenten Maßstäben zu messen und damit zu genießen?

Wer also begriffen hat, daß Lorenz mit dem Terminus „antisemitisch“ inflationär um sich wirft, kann seiner Arbeit nur noch wenig Gewicht zumessen. Tatsächlich spielen derlei Begriffe, derlei selbst auferlegte semantische Fesseln bei der Beurteilung der politisch-historischen oder auch literarischen Realität eine völlig untergeordnete Rolle. Sein Vorwurf der „Konstruktion einer deutschen Opferrolle“ bei Walser steht zudem massiv hinter unleugbaren Teilwahrheiten (Vertreibung, Bombenterror) zurück. Lorenz muß sie notwendigerweise zwecks seiner eigentlichen Absicht diskreditieren. Könnte er sonst die in der deutschen Leidenswahrnehmung wurzelnden Texte Walsers im Sinne der alten – wissenschaftlich wenig reflektierten – Bewältigungsdoktrin negativ einordnen? Er beschränkt sich auf Begriffe („antisemitisch“), die sich bei rationaler und freier Betrachtung von selbst erledigen würden: Denn leicht durchschaubar ist ihre auf diskriminierende Wirkung zielende strategische Plazierung. Den Ansätzen kontroversen Denkens im Bereich der Vergangenheitspolitik wirft Lorenz „Erinnerungsabwehr“ vor. Er stilisiert sich selbst zum Verfechter einer Zeitgeistdogmatik mit ihrer Entweder-Oder-Logik. Dergleichen vorgehen ist von geringem ontologischen Wert. Damit lassen sich „Dissidenten“ willkürlich konstruieren, etwa wenn er die Haltung der "Jungen Freiheit" zur Walser-Debatte im Verlauf der Untersuchung in sich sogar noch konträr kategorisiert („extremistisch“, „gemäßigt rechtsextrem“).

Man bedauert, daß das von Lorenz gesammelte Material vor dem Hintergrund seiner Motivation kaum sinnvoll verwendet wurde. Die Arbeit – verstärkt durch den unbefriedigenden Gesamteindruck – ignoriert komplexere Erkenntnisräume, womit sein Fazit krampfhaft beabsichtigt wirkt. Es ist Opfer subjektiver Gesinnung und selbstauferlegter Denkverbote, die ihn tendenziell in seiner Gesamtmethode - in seiner eigenen Terminologie - selbst als dogmatischen Extremisten aufscheinen lassen.

Das Buch zeigt einmal mehr an, daß veraltete oder verordnete Glaubenswerte und ihre ausschließlich „antideutschen“ Absichten dem freien Denken kaum noch gewachsen sind.

Auch deshalb treten sie umso aggressiver und voluminöser auf und verlieren ihren Anspruch auf Sorgfältigkeit. Die wirkliche Wissenschaft sollte einen Wahrheitskontakt anstreben, der auf die strategische Definition „extremer“ Haltungen verzichtet und damit nicht ideologischen Modeströmungen sondern geistiger Substanz folgt. Damit würde sie lediglich ein nachkriegsdemokratisches Paradox mit seiner inhaltlich stagnierenden Denkpraxis aus der Vernunft heraus korrigieren.

geschrieben am 28.11.2006 | 802 Wörter | 5462 Zeichen

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