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Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage


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Rezension von

Ragan Tanger

Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage Das Telefon, diese herrlich kommunikative, weltbewegende Medienform, geht auf den nicht wirklich bekannten Physiker Phillip Reis zurück, der 1861 die technischen Voraussetzungen zusammenfügte und das neu erfundene Gerät schlicht und ergreifend Telephon taufte – auf das die Welt enger zusammenrücke. Was das mit dem neuen Hörbuch Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (kurz und literarisch prägnant: Grimmelshausen) aus dem Eichborn-Verlag zu tun hat, wollen Sie wissen? Nun, es soll als Versuch gelten, die beiden Ehrenbürger der Stadt Gelnhausen (ihrer beider Geburtsort) zusammenzubringen und den nicht abwegigen Sprung zu wagen, dass der eine im 19., der andere im 17. Jahrhundert eine nicht ganz unwesentliche Kommunikationsplattform erschaffen hat. Zugegeben, das Buch und die Literatur hat Grimmelshausen nicht erfunden, dafür aber einen Roman im Zeitalter des Barock produziert, der in Vielschichtigkeit, Geschwätzigkeit (siehe Telefon!) und historischer Wirkung kaum zu unterschätzen ist. Sein Opus gilt als DIE wichtigste Lektüre der frühen Neuzeit aus deutschen Landen und portraitiert den Grauen und die Ambivalenz des dreißigjährigen Krieges (den der Autor selbst, auch mit Waffengewalt, miterlebte) in satirischer Art und Weise. Nicht nur in der Retroperspektive, nein schon damals, war der Roman ein voller Erfolg, so dass Grimmelshausen im Rahmen eines Simplicianischen Zyklus weitere Werke nachlegte. Eines davon war das hier vorliegende Hörbuch, dessen schriftliche Vorlage jüngst von Reinhard Kaiser ins moderne Deutsch übersetzt wurde. Denn den Klassiker, so wie seine Ableger, kann man zwar als Meisterwerk titulieren, lesen kann man es aber, es sei denn man hat philologische Sprachgeschichte studiert, nicht mehr wirklich gut. Barbara Nüsse, ehrwürdige deutsche Theater- und Filmschauspielerin hat just einen renommierten Hörbuchpreis gewonnen und ist somit die beste Vorrausetzung für die auditive Transkription. Ein zu erwartender Glücksgriff, zu dem man dennoch recht herzlich gratulieren darf, verkörpert sie doch die Courage gewissenhaft und äußerst authentisch. Was den Inhalt dieses Werkes ausmacht ist zum einen natürlich die biographisch nachvollziehbare Geschichte des 17. Jahrhunderts, die aus erster und nicht aus dritter Hand erzählt wird, zum anderen die wohl großartige Pionierleistung Grimmelshausens, die Mutter Courage (und zwar die echte) aus der Ich-Perspektive erzählen zu lassen. Ein Mann lässt eine Frau für sich reden, ein einmaliger und völlig ungewöhnlicher Kunstgriff für die damalige Zeit. Als Zigeunerin ist sie selbst Teil der schonungslosen Verfolgung menschlicher Willkür und Grausamkeit, und besticht doch mit ihrem Heldenmut und ihrer sprichwörtlichen Courage. Bertolt Brecht übernahm den Plot nicht eins zu eins, fand aber genau hier seinen wichtigsten literarischen Einfluss für eines seiner erfolgreichsten Stücke überhaupt. Wie Brechts Courage ist auch Grimmelshausens Hauptdarstellerin unbeirrbar, zielstrebig, trickreich und im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Stichwort Geschlechterverhältnisse anno dazumal) äußerst selbstbewusst. Eine Vorreiterin in Sachen pragmatischer und nüchterner Selbstverwirklichung, ein Naturrecht exemplifizierend, das Hugo Grotius zur gleichen Zeit nicht besser hätte theoretisieren können. Fazit: Ein in jeder Hinsicht verlockendes Angebot. Erstklassige Sprecherin, liebevolle Aufmachung, ein historischer Klassiker in zeitgemäßem Deutsch und eine packende, tiefgründige, niemals aber pathetische Geschichte. Zuhören!

Das Telefon, diese herrlich kommunikative, weltbewegende Medienform, geht auf den nicht wirklich bekannten Physiker Phillip Reis zurück, der 1861 die technischen Voraussetzungen zusammenfügte und das neu erfundene Gerät schlicht und ergreifend Telephon taufte – auf das die Welt enger zusammenrücke. Was das mit dem neuen Hörbuch Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (kurz und literarisch prägnant: Grimmelshausen) aus dem Eichborn-Verlag zu tun hat, wollen Sie wissen? Nun, es soll als Versuch gelten, die beiden Ehrenbürger der Stadt Gelnhausen (ihrer beider Geburtsort) zusammenzubringen und den nicht abwegigen Sprung zu wagen, dass der eine im 19., der andere im 17. Jahrhundert eine nicht ganz unwesentliche Kommunikationsplattform erschaffen hat.

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Zugegeben, das Buch und die Literatur hat Grimmelshausen nicht erfunden, dafür aber einen Roman im Zeitalter des Barock produziert, der in Vielschichtigkeit, Geschwätzigkeit (siehe Telefon!) und historischer Wirkung kaum zu unterschätzen ist. Sein Opus gilt als DIE wichtigste Lektüre der frühen Neuzeit aus deutschen Landen und portraitiert den Grauen und die Ambivalenz des dreißigjährigen Krieges (den der Autor selbst, auch mit Waffengewalt, miterlebte) in satirischer Art und Weise. Nicht nur in der Retroperspektive, nein schon damals, war der Roman ein voller Erfolg, so dass Grimmelshausen im Rahmen eines Simplicianischen Zyklus weitere Werke nachlegte.

Eines davon war das hier vorliegende Hörbuch, dessen schriftliche Vorlage jüngst von Reinhard Kaiser ins moderne Deutsch übersetzt wurde. Denn den Klassiker, so wie seine Ableger, kann man zwar als Meisterwerk titulieren, lesen kann man es aber, es sei denn man hat philologische Sprachgeschichte studiert, nicht mehr wirklich gut. Barbara Nüsse, ehrwürdige deutsche Theater- und Filmschauspielerin hat just einen renommierten Hörbuchpreis gewonnen und ist somit die beste Vorrausetzung für die auditive Transkription. Ein zu erwartender Glücksgriff, zu dem man dennoch recht herzlich gratulieren darf, verkörpert sie doch die Courage gewissenhaft und äußerst authentisch.

Was den Inhalt dieses Werkes ausmacht ist zum einen natürlich die biographisch nachvollziehbare Geschichte des 17. Jahrhunderts, die aus erster und nicht aus dritter Hand erzählt wird, zum anderen die wohl großartige Pionierleistung Grimmelshausens, die Mutter Courage (und zwar die echte) aus der Ich-Perspektive erzählen zu lassen. Ein Mann lässt eine Frau für sich reden, ein einmaliger und völlig ungewöhnlicher Kunstgriff für die damalige Zeit. Als Zigeunerin ist sie selbst Teil der schonungslosen Verfolgung menschlicher Willkür und Grausamkeit, und besticht doch mit ihrem Heldenmut und ihrer sprichwörtlichen Courage.

Bertolt Brecht übernahm den Plot nicht eins zu eins, fand aber genau hier seinen wichtigsten literarischen Einfluss für eines seiner erfolgreichsten Stücke überhaupt. Wie Brechts Courage ist auch Grimmelshausens Hauptdarstellerin unbeirrbar, zielstrebig, trickreich und im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Stichwort Geschlechterverhältnisse anno dazumal) äußerst selbstbewusst. Eine Vorreiterin in Sachen pragmatischer und nüchterner Selbstverwirklichung, ein Naturrecht exemplifizierend, das Hugo Grotius zur gleichen Zeit nicht besser hätte theoretisieren können.

Fazit: Ein in jeder Hinsicht verlockendes Angebot. Erstklassige Sprecherin, liebevolle Aufmachung, ein historischer Klassiker in zeitgemäßem Deutsch und eine packende, tiefgründige, niemals aber pathetische Geschichte. Zuhören!

geschrieben am 20.01.2011 | 478 Wörter | 3155 Zeichen

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