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Preußenpark - Berliner Skizzen


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Preußenpark - Berliner Skizzen »Berlin hat mich von meinem Körper getrennt«, schreibt der slowenische Poet Ales Steger nach seinem zweijährigen Berlinaufenthalt. »Ich suchte nach ihm wie nach einem abgerissenen Kalenderblatt. Währenddessen sind die Szenen, Straßen, Gesichter langsam in mich eingezogen. Die Zeit existiert nicht außerhalb dieser Straßen, Szenen und Gesichter. Erst im Raum, in ihrer verschwenderischen Selbstverzehrung, erhalten die Stunden eine Bedeutung.« Der 1973 Geborene gilt als der bedeutendste slowenische Schriftsteller seiner Generation. 2006 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag Gedichte von ihm. Nun erscheint ein kleiner Band mit Miniaturstücken des Flanierens durch Berlin. Der Band Preußenpark versammelt Eindrücke von Orten in Berlin. Von Stellen, Wunden, offenen und vielleicht niemals heilenden. Steger schildert Bäckereien und Apotheken, die U-Bahn, das KaDeWe und den Dahlemer Waldfriedhof. Seine Sichtweise ist speziell. Genau, empfindsam, - ein wenig osteuropäisch. Aber niemals berechenbar. Lebt man in dieser Stadt, diesem Moloch, hat man sich an manches gewöhnt, sieht vieles Schräge gar nicht mehr. Ales Steger fällt auf, dass in beinahe jeder Straße ein Bäckerladen ist. Und daneben eine Apotheke. »Als brauche eine Stadt, die sich überfressen hat, auf Schritt und Tritt ein Klestier.« Die kurzen Texte hauchen die Geschwindigkeit dieser einzigen deutschen Metropole zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Leser hört die Presslufthämmer, spürt den Staub und riecht die Abgase körperlich. Er ist unweigerlich erinnert an Franz Hessel, diesen frühen Flaneur durch Berlin. Und natürlich an Walter Benjamin. Der Autor beobachtet und beschreibt. Und er wertet. Ales Steger wohnt genau über dem Keno, einem Restaurant in der Lietzenburger Straße. »Von innen das Grab des Tutenchamun, ein Jupitertempel, ein Pantheon, eine Charlottenburger Simulation und ein beliebter Treffpunkt von Leuten, die man Halsabschneider nennt.« Monatelang weigert er sich, den kitschigen Showroom zu betreten, bis ihn irgendwann die Neugier packt. Ales Steger rennt durch die Stadt des Hundekots, die Stadt der Sozialhilfeempfänger. Die Stadt, in der man schon mittags eine Bierflasche in Händen hält und in der Neureiche immer ungenierter ihr Geld zeigen und ihre Hohlheit zur Schau tragen. »Die Ränder der zerbrochenen Zeit sind überall sichtbar. Sie zu verbergen, zu flicken – das gelang nicht mal der von Aufbau und Erneuerung besessenen deutschen Hand.« Die kleinen Essays sind emphatische Miniaturstücke, denen es gelingt, Atmosphäre in Sprache zu fügen. Sie können uns erhellen, was wir längst für normal halten.

»Berlin hat mich von meinem Körper getrennt«, schreibt der slowenische Poet Ales Steger nach seinem zweijährigen Berlinaufenthalt. »Ich suchte nach ihm wie nach einem abgerissenen Kalenderblatt. Währenddessen sind die Szenen, Straßen, Gesichter langsam in mich eingezogen. Die Zeit existiert nicht außerhalb dieser Straßen, Szenen und Gesichter. Erst im Raum, in ihrer verschwenderischen Selbstverzehrung, erhalten die Stunden eine Bedeutung.«

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Der 1973 Geborene gilt als der bedeutendste slowenische Schriftsteller seiner Generation. 2006 veröffentlichte der Suhrkamp Verlag Gedichte von ihm. Nun erscheint ein kleiner Band mit Miniaturstücken des Flanierens durch Berlin. Der Band Preußenpark versammelt Eindrücke von Orten in Berlin. Von Stellen, Wunden, offenen und vielleicht niemals heilenden. Steger schildert Bäckereien und Apotheken, die U-Bahn, das KaDeWe und den Dahlemer Waldfriedhof. Seine Sichtweise ist speziell. Genau, empfindsam, - ein wenig osteuropäisch. Aber niemals berechenbar.

Lebt man in dieser Stadt, diesem Moloch, hat man sich an manches gewöhnt, sieht vieles Schräge gar nicht mehr. Ales Steger fällt auf, dass in beinahe jeder Straße ein Bäckerladen ist. Und daneben eine Apotheke. »Als brauche eine Stadt, die sich überfressen hat, auf Schritt und Tritt ein Klestier.«

Die kurzen Texte hauchen die Geschwindigkeit dieser einzigen deutschen Metropole zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Leser hört die Presslufthämmer, spürt den Staub und riecht die Abgase körperlich. Er ist unweigerlich erinnert an Franz Hessel, diesen frühen Flaneur durch Berlin. Und natürlich an Walter Benjamin. Der Autor beobachtet und beschreibt. Und er wertet. Ales Steger wohnt genau über dem Keno, einem Restaurant in der Lietzenburger Straße. »Von innen das Grab des Tutenchamun, ein Jupitertempel, ein Pantheon, eine Charlottenburger Simulation und ein beliebter Treffpunkt von Leuten, die man Halsabschneider nennt.« Monatelang weigert er sich, den kitschigen Showroom zu betreten, bis ihn irgendwann die Neugier packt.

Ales Steger rennt durch die Stadt des Hundekots, die Stadt der Sozialhilfeempfänger. Die Stadt, in der man schon mittags eine Bierflasche in Händen hält und in der Neureiche immer ungenierter ihr Geld zeigen und ihre Hohlheit zur Schau tragen. »Die Ränder der zerbrochenen Zeit sind überall sichtbar. Sie zu verbergen, zu flicken – das gelang nicht mal der von Aufbau und Erneuerung besessenen deutschen Hand.«

Die kleinen Essays sind emphatische Miniaturstücke, denen es gelingt, Atmosphäre in Sprache zu fügen. Sie können uns erhellen, was wir längst für normal halten.

geschrieben am 30.09.2010 | 372 Wörter | 2277 Zeichen

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