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Maßgeschneidert modern


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Maßgeschneidert modern Wer war Adolf Loos (1870 – 1933)? Er gilt heute als einer der berühmtesten österreichischen Architekten. Obwohl er das Architekturstudium niemals abgeschlossen hat. Er schrieb brillante Kolumnen, die seinen Landsleuten Stil beibringen sollten. Er richtete über 50 Wohnungen ein. Er verglich die Kulturen der Welt aus einer ironisch-gebildeten Sicht, obwohl er weder ein Examen in Kunstgeschichte oder einer vergleichbaren Fachrichtung besaß. All das war der Dandy Adolf Loos, dem sich in lockerer Manier nun ein Bändchen aus dem Wiener Metroverlag nähern möchte. Der Verlag publizierte in den vergangenen Jahren bereits in gleicher Aufmachung drei Bände, die jeweils Artikel von Loos über die Bereiche Kleidung, Wohnungseinrichtung und Architektur zusammenfassen. Insoweit ist dieser vierte Band eine gelungene, ästhetisch eingepasste Ergänzung. Loos war ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Mann. Er vermochte jede Fachgrenze, in der er sich bewegte, zu sprengen. Loos akzeptierte die erwarteten Ausbildungswege nicht. Er argumentierte, um gute Häuser zu bauen, müsse man kein Architekt sein. Sein Kulturbegriff orientierte sich an Friedrich Nietzsche, was an sich schon einen gewissen Tiefgang seines Denkens erahnen lässt. Eine Kostprobe Loos’scher Ironie auf den Spuren Nietzsches: »Bedenken wir doch recht: Eigentlich brauchen wir gar keine Kunst. Wir haben ja noch nicht einmal eine Kultur. Hier könnte der Staat rettend eingreifen (…) Neben Akademien baue man auch Badeanstalten und nebst Professoren stelle man auch Bademeister ein.« Der Provokateur wendet sich gegen den gängigen Kulturbegriff. Seiner Auffassung nach konnte eine lebendige, eine gelebte Kultur nur dann entstehen, wenn endlich die starren Ansichten und Verhaltensweisen von vorgestern über Bord geworfen werden. Auch wenn der Wiener Kultur-Dandy aufgrund seiner Zeitungs-Kolumnen viele Schmähungen erfahren hat, war er sehr erfolgreich. Die Großbürger, Adligen und Geschäftsleute, die sich von ihm ihre Wohnräume gestalten ließen, waren wohl durchwegs sehr zufrieden bis begeistert. Überliefert ist, dass kaum einer das Ergebnis Loos’scher Innenarchitektur nach nur wenigen Jahren umgestalten ließ. Die meisten lebten darin gar Jahrzehnte ohne jedwede Veränderung. In dem Buch von Peter Stuiber, »Maßgeschneidert modern – Adolf Loos«, erfahren wir, dass der Lebensmittelfabrikant Paul Khuner sogar 20 Jahre nach Gestaltung seiner Wohnung Loos ein zweites Honorar überwies, weil er so zufrieden war. Khuner schrieb ‚seinem‘ Innenarchitekten euphorisch: »Alle meine Fremde, die sich zu gleicher Zeit wie ich einrichten ließen, haben jetzt schon die dritte oder vierte Einrichtung, während ich mit meiner Wohnung (…) so zufrieden und glücklich bin, dass ich hoffe, weitere fünfzig Jahre darin zu verbringen. Eigentlich haben Sie mir eine Menge Geld erspart (…) Ich bitte Sie daher sehr, den Betrag von 25.000 Kronen, anzunehmen, da ich mich so sehr in Ihrer Schuld fühle.« Diese und andere süffisante Anekdoten spürt Autor Stuiber auf, um uns seinen Landsmann näher zu bringen. Das kann insgesamt als gelungen gelten. Zuweilen schleichen sich dabei allerdings zu starke Vereinfachungen ein. So, wenn Stuiber schreibt, Loos sei ein »Amerikaner« gewesen, was heißen soll, dass er nach seiner Rückkehr aus den USA alles bewunderte, was er dort sah. Wir kennen auch andere Texte, in denen sich der Heimkehrer lustig macht über die unzähligen Autos, die auf endlosen Highways langsam dahinrollen und ihren Insassen nichts anders sehen lassen als die immer gleichen weißen Bungalows in toten Vorstädten. Süffisant auch die Freundschaft zwischen Loos und Oskar Kokoschka. Für Loos war Kokoschka die Künstlernatur schlechthin, quasi der Heilige Geist als Künstler. Er unterstützte den Maler, wo er nur konnte. Loos brachte seinem Freund Dutzende von Bekannten zum Portrait. Als das immer noch nicht reichte, gab er jeweils eine Garantie ab: Gefalle das Bild nicht, würde Loos es kaufen.

Wer war Adolf Loos (1870 – 1933)? Er gilt heute als einer der berühmtesten österreichischen Architekten. Obwohl er das Architekturstudium niemals abgeschlossen hat. Er schrieb brillante Kolumnen, die seinen Landsleuten Stil beibringen sollten. Er richtete über 50 Wohnungen ein. Er verglich die Kulturen der Welt aus einer ironisch-gebildeten Sicht, obwohl er weder ein Examen in Kunstgeschichte oder einer vergleichbaren Fachrichtung besaß.

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All das war der Dandy Adolf Loos, dem sich in lockerer Manier nun ein Bändchen aus dem Wiener Metroverlag nähern möchte. Der Verlag publizierte in den vergangenen Jahren bereits in gleicher Aufmachung drei Bände, die jeweils Artikel von Loos über die Bereiche Kleidung, Wohnungseinrichtung und Architektur zusammenfassen. Insoweit ist dieser vierte Band eine gelungene, ästhetisch eingepasste Ergänzung.

Loos war ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Mann. Er vermochte jede Fachgrenze, in der er sich bewegte, zu sprengen. Loos akzeptierte die erwarteten Ausbildungswege nicht. Er argumentierte, um gute Häuser zu bauen, müsse man kein Architekt sein. Sein Kulturbegriff orientierte sich an Friedrich Nietzsche, was an sich schon einen gewissen Tiefgang seines Denkens erahnen lässt. Eine Kostprobe Loos’scher Ironie auf den Spuren Nietzsches: »Bedenken wir doch recht: Eigentlich brauchen wir gar keine Kunst. Wir haben ja noch nicht einmal eine Kultur. Hier könnte der Staat rettend eingreifen (…) Neben Akademien baue man auch Badeanstalten und nebst Professoren stelle man auch Bademeister ein.« Der Provokateur wendet sich gegen den gängigen Kulturbegriff. Seiner Auffassung nach konnte eine lebendige, eine gelebte Kultur nur dann entstehen, wenn endlich die starren Ansichten und Verhaltensweisen von vorgestern über Bord geworfen werden.

Auch wenn der Wiener Kultur-Dandy aufgrund seiner Zeitungs-Kolumnen viele Schmähungen erfahren hat, war er sehr erfolgreich. Die Großbürger, Adligen und Geschäftsleute, die sich von ihm ihre Wohnräume gestalten ließen, waren wohl durchwegs sehr zufrieden bis begeistert. Überliefert ist, dass kaum einer das Ergebnis Loos’scher Innenarchitektur nach nur wenigen Jahren umgestalten ließ. Die meisten lebten darin gar Jahrzehnte ohne jedwede Veränderung. In dem Buch von Peter Stuiber, »Maßgeschneidert modern – Adolf Loos«, erfahren wir, dass der Lebensmittelfabrikant Paul Khuner sogar 20 Jahre nach Gestaltung seiner Wohnung Loos ein zweites Honorar überwies, weil er so zufrieden war. Khuner schrieb ‚seinem‘ Innenarchitekten euphorisch: »Alle meine Fremde, die sich zu gleicher Zeit wie ich einrichten ließen, haben jetzt schon die dritte oder vierte Einrichtung, während ich mit meiner Wohnung (…) so zufrieden und glücklich bin, dass ich hoffe, weitere fünfzig Jahre darin zu verbringen. Eigentlich haben Sie mir eine Menge Geld erspart (…) Ich bitte Sie daher sehr, den Betrag von 25.000 Kronen, anzunehmen, da ich mich so sehr in Ihrer Schuld fühle.«

Diese und andere süffisante Anekdoten spürt Autor Stuiber auf, um uns seinen Landsmann näher zu bringen. Das kann insgesamt als gelungen gelten. Zuweilen schleichen sich dabei allerdings zu starke Vereinfachungen ein. So, wenn Stuiber schreibt, Loos sei ein »Amerikaner« gewesen, was heißen soll, dass er nach seiner Rückkehr aus den USA alles bewunderte, was er dort sah. Wir kennen auch andere Texte, in denen sich der Heimkehrer lustig macht über die unzähligen Autos, die auf endlosen Highways langsam dahinrollen und ihren Insassen nichts anders sehen lassen als die immer gleichen weißen Bungalows in toten Vorstädten.

Süffisant auch die Freundschaft zwischen Loos und Oskar Kokoschka. Für Loos war Kokoschka die Künstlernatur schlechthin, quasi der Heilige Geist als Künstler. Er unterstützte den Maler, wo er nur konnte. Loos brachte seinem Freund Dutzende von Bekannten zum Portrait. Als das immer noch nicht reichte, gab er jeweils eine Garantie ab: Gefalle das Bild nicht, würde Loos es kaufen.

geschrieben am 31.05.2010 | 576 Wörter | 3376 Zeichen

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