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Gustave Caillebotte. Neue Perspektiven des Impressionismus


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Gustave Caillebotte. Neue Perspektiven des Impressionismus Der perfekte Bildband. Eine herausragende, kongeniale monographische Annäherung an einen genialischen Künstler. Wie könnte sie aussehen? Der Versuch einer Annäherung. 1. DAS BEHANDELTE OBJEKT. Gustave Caillebotte war nie wirklich berühmt, war aber andererseits nie völlig vergessen. Nach seinem Tod wurde er vor allem als Mäzen, Sammler und Vorkämpfer des Impressionismus wahrgenommen. Dabei setzte er der Moderne - vielleicht zum letzten Male in dieser Wahrnehmung und Darstellung - das Ölgemälde entgegen. Es mögen hauptsächlich zwei Ereignisse gewesen sein, die seine künstlerische Konterrevolution motiviert haben. Das erste ist das Aufkommen der Photographie. Die ersten Photographien wurden um 1840 veröffentlicht. Sie wurden von einigen Malern und Graphikern vehement bekämpft, sahen sie sie doch als direkte Konkurrenz ihres Schaffens an. »Dennoch nutzten viele impressionistische Maler wie Degas, Toulouse-Lautrec, Cézanne, Renoir, Monet und Courbet die Technik, bei der auf einer polierten Silberplatte ein ‚mechanisches Plagiat der Natur’ belichtet wurde, als Vorlage«, schreibt Karin Sagner in ihrem Bildband »Gustave Caillebotte – Neue Perspektiven des Impressionismus«.Ein zweites bedeutendes Ereignis war die revolutionäre Umgestaltung von Paris durch Georges-Eugène Haussmann im Auftrage des französischen Kaisers Napoléon III. Ihr Ergebnis war ein vollständig verändertes Erscheinungsbild der französischen Hauptstadt. In der Innenstadt wurden weiträumig heruntergekommene Wohnviertel aus dem Mittelalter abgerissen. »Das alte Paris gibt es nicht mehr«, schrieb Charles Baudelaire bereits 1857. Caillebotte hat in seinen Bildern das alte Paris festgehalten - und dennoch auch das neue portraitiert. Lässt man sich auf seine Stadtansichten und Darstellungen der Menschen in der Metropole ein, so bekommt man den Eindruck, hier wolle jemand etwas dokumentieren, was vorübergeht. Das heißt nicht, dass Caillebotte in irgendeiner Weise konservativ ist. Im Gegenteil. Gerade in der Zeichnung der Menschen in ihren alltäglichen Situationen im neuen Paris gelingt dem Maler eine Zustandsbeschreibung. Sie hat nichts gemein mit falschem Pathos, eines Festhaltenwollens an Vergangenem. Dem geradezu verschwenderischen Bildband gelingen Erläuterungen durch die Gegenüberstellung von Bildern Caillebottes mit Photographien desselben Gegenstandes künstlerischer Betrachtung. Emblematisch genannt seien nur das Bild »Boulevard von oben gesehen« von 1880 und die bekannte Photographie von André Kertész »Avenue de l’Opera« von 1929. Versinnbildlicht wird, wie stark Caillebotte in der Lage war, die aufkommende Photographie mit ihrer statischen und momentgebundenen Subjektivität zu antizipieren. 2. DIE AUTORSCHAFT. Sich in Buchform mit einem besonderen Objekt zu befassen, ist eine besondere Aufgabe. Verlangt ist letztlich nichts Geringeres als Augenhöhe. Karin Sagner schreibt einen Text, der auf Caillebotte neugierig macht, der einen das schwere Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. In sprachlicher Brillanz erläutert sie Bilder, deren Betrachten dann anschließend zu schierem Genuss wird. Eine Kostprobe zum Bild »Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann«: Außergewöhnlich sei der Blick auf die runde Verkehrsinsel in der Mitte der Straßenkreuzung. »Hinweise auf den konkreten Standort des Malers, der von weit oben auf das Geschehen blickt, gibt es nicht, doch vermutlich handelt es sich um den Balkon seiner Wohnung. Charakteristisch ist ein ungewöhnlich weit nach hinten rechts verlagerter Fluchtpunkt, der das Rund der Verkehrsinsel verzerrt (…) Der nahsichtige Bildausschnitt eliminiert den Himmel und verzichtet weitgehend auf Details der umliegenden Bebauung. Betont wird dadurch der nüchterne und unpersönliche Verkehrsraum, in dem sich nur wenige Menschen abzeichnen. Kutschen, Gaslaternen und Fußgänger wirken im Beigegrau des steinernen Stadtraums wie rhythmisierende Zeichen urbanen Lebens.« Dadurch, dass eine Person angeschnitten ist und gleichzeitig präzise dargestellt, scheine sie der Szene zu entschwinden. 3. DIE GESAMTGESTALTUNG. Das großformatige Buch ist nicht nur eine Augenweide wegen seiner Druckqualität, wegen seines schweren Papiers oder der Bindung. Seite für Seite wird der Leser aufs Neue überrascht durch das ästhetische Gespür der Gestalter: Text und Bilddarstellung korrespondieren in stimmigem Verhältnis. Gelungen auch das Hinzunehmen von Bildern anderer Künstler zu Vertiefung und Verständnis. Ohne die »Rolla« von Henri Gervex (1878) würde es den »Akt auf dem Sofa« von Caillebotte mutmaßlich nicht geben. Caillebotte: Einer der bedeutendsten Maler seiner Zeit. Präsentiert in einem Bild- und Textband der sich vor seinem Œuvre adäquat verneigt.

Der perfekte Bildband. Eine herausragende, kongeniale monographische Annäherung an einen genialischen Künstler. Wie könnte sie aussehen? Der Versuch einer Annäherung.

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1. DAS BEHANDELTE OBJEKT. Gustave Caillebotte war nie wirklich berühmt, war aber andererseits nie völlig vergessen. Nach seinem Tod wurde er vor allem als Mäzen, Sammler und Vorkämpfer des Impressionismus wahrgenommen. Dabei setzte er der Moderne - vielleicht zum letzten Male in dieser Wahrnehmung und Darstellung - das Ölgemälde entgegen. Es mögen hauptsächlich zwei Ereignisse gewesen sein, die seine künstlerische Konterrevolution motiviert haben. Das erste ist das Aufkommen der Photographie. Die ersten Photographien wurden um 1840 veröffentlicht. Sie wurden von einigen Malern und Graphikern vehement bekämpft, sahen sie sie doch als direkte Konkurrenz ihres Schaffens an. »Dennoch nutzten viele impressionistische Maler wie Degas, Toulouse-Lautrec, Cézanne, Renoir, Monet und Courbet die Technik, bei der auf einer polierten Silberplatte ein ‚mechanisches Plagiat der Natur’ belichtet wurde, als Vorlage«, schreibt Karin Sagner in ihrem Bildband »Gustave Caillebotte – Neue Perspektiven des Impressionismus«.Ein zweites bedeutendes Ereignis war die revolutionäre Umgestaltung von Paris durch Georges-Eugène Haussmann im Auftrage des französischen Kaisers Napoléon III. Ihr Ergebnis war ein vollständig verändertes Erscheinungsbild der französischen Hauptstadt. In der Innenstadt wurden weiträumig heruntergekommene Wohnviertel aus dem Mittelalter abgerissen. »Das alte Paris gibt es nicht mehr«, schrieb Charles Baudelaire bereits 1857. Caillebotte hat in seinen Bildern das alte Paris festgehalten - und dennoch auch das neue portraitiert. Lässt man sich auf seine Stadtansichten und Darstellungen der Menschen in der Metropole ein, so bekommt man den Eindruck, hier wolle jemand etwas dokumentieren, was vorübergeht. Das heißt nicht, dass Caillebotte in irgendeiner Weise konservativ ist. Im Gegenteil. Gerade in der Zeichnung der Menschen in ihren alltäglichen Situationen im neuen Paris gelingt dem Maler eine Zustandsbeschreibung. Sie hat nichts gemein mit falschem Pathos, eines Festhaltenwollens an Vergangenem. Dem geradezu verschwenderischen Bildband gelingen Erläuterungen durch die Gegenüberstellung von Bildern Caillebottes mit Photographien desselben Gegenstandes künstlerischer Betrachtung. Emblematisch genannt seien nur das Bild »Boulevard von oben gesehen« von 1880 und die bekannte Photographie von André Kertész »Avenue de l’Opera« von 1929. Versinnbildlicht wird, wie stark Caillebotte in der Lage war, die aufkommende Photographie mit ihrer statischen und momentgebundenen Subjektivität zu antizipieren.

2. DIE AUTORSCHAFT. Sich in Buchform mit einem besonderen Objekt zu befassen, ist eine besondere Aufgabe. Verlangt ist letztlich nichts Geringeres als Augenhöhe. Karin Sagner schreibt einen Text, der auf Caillebotte neugierig macht, der einen das schwere Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. In sprachlicher Brillanz erläutert sie Bilder, deren Betrachten dann anschließend zu schierem Genuss wird. Eine Kostprobe zum Bild »Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann«: Außergewöhnlich sei der Blick auf die runde Verkehrsinsel in der Mitte der Straßenkreuzung. »Hinweise auf den konkreten Standort des Malers, der von weit oben auf das Geschehen blickt, gibt es nicht, doch vermutlich handelt es sich um den Balkon seiner Wohnung. Charakteristisch ist ein ungewöhnlich weit nach hinten rechts verlagerter Fluchtpunkt, der das Rund der Verkehrsinsel verzerrt (…) Der nahsichtige Bildausschnitt eliminiert den Himmel und verzichtet weitgehend auf Details der umliegenden Bebauung. Betont wird dadurch der nüchterne und unpersönliche Verkehrsraum, in dem sich nur wenige Menschen abzeichnen. Kutschen, Gaslaternen und Fußgänger wirken im Beigegrau des steinernen Stadtraums wie rhythmisierende Zeichen urbanen Lebens.« Dadurch, dass eine Person angeschnitten ist und gleichzeitig präzise dargestellt, scheine sie der Szene zu entschwinden.

3. DIE GESAMTGESTALTUNG. Das großformatige Buch ist nicht nur eine Augenweide wegen seiner Druckqualität, wegen seines schweren Papiers oder der Bindung. Seite für Seite wird der Leser aufs Neue überrascht durch das ästhetische Gespür der Gestalter: Text und Bilddarstellung korrespondieren in stimmigem Verhältnis. Gelungen auch das Hinzunehmen von Bildern anderer Künstler zu Vertiefung und Verständnis. Ohne die »Rolla« von Henri Gervex (1878) würde es den »Akt auf dem Sofa« von Caillebotte mutmaßlich nicht geben.

Caillebotte: Einer der bedeutendsten Maler seiner Zeit. Präsentiert in einem Bild- und Textband der sich vor seinem Œuvre adäquat verneigt.

geschrieben am 22.09.2009 | 631 Wörter | 4059 Zeichen

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