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Das Interieur in der Malerei


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Das Interieur in der Malerei Die eigenen Räume, die als Wohnung bezeichnete Behausung, Aufenthaltsort, Intim- und Privatsphäre, Sammlungsstätte zur geistigen Findung – oder für viele heutzutage einfach nur der einzige Ort, wo sie abschalten können. »Abhängen« oder »abchillen» nennen das die jungen Leute. Und das geht letztlich nur zu Hause. Die Bedeutung und Funktion des individuellen Refugiums hat sich über die Jahrhunderte in ihrer Essenz nicht verändert. Die Wohnung ist der Spiegel des Menschen. Zeige mir Deine Bibliothek - und ich sage Dir, wer Du bist. Und tatsächlich lässt sich an dem, womit sich ein Mensch umgibt, viel über ihn erkennen. Umso sensibler und feingeistiger er ist, desto individueller wird das sein, was er um sich herum mag, duldet, zulässt. Es sind die ganz bestimmten, einzelnen Erinnerungsstücke von Reisen oder von wichtigen Personen. Ein profundes Exempel für die Steigerung der eigenen Behausung ins Artistisch-Artifizielle gibt Joris-Karl Huysmans in seiner Bibel des Dandytums »Gegen den Strich«. Der Spätdandy, in idiosynkratischem Lebensschmerz verfangen, baut sich sein hoch-artifizielles und zugleich künstliches Paradies: »Er teilte seinen Salon in eine Reihe von Nischen, die alle verschieden ausgeschmückt waren und die miteinander vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle Übereinstimmung von freundlichen und düsteren, von zarten und krassen Farben. Dann ließ er sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit dem Charakter des Werkes, das er gerade las, zu harmonieren schien.« Huysmans gibt uns in diesem einflussreichen Buch auch Beispiele für die Steigerung über das Gewöhnliche hinaus. Bei seinem Dandy-Protagonisten gehört zum Wohlfühlen das Bullauge an der Wand dazu. Jean ist geradezu manisch besessen in der Liebe zum Detail seines Interieurs: »Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war, zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantinischen Stils, die der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar schöne Messtafel mit drei getrennten Fächern von außerordentlicher Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in entzückender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit dem Titel ‚Der Tod der Verliebten’, ‚Der Feind’ – und in der Mitte in Prosa: ‚Irgendwo außerhalb der Welt.’« Seit dem 15. Jahrhundert dokumentieren Maler den Lebensraum, die individuellste Sphäre des Menschen. Die Maler erzählen von privaten Gewohnheiten, Vorlieben und damit indirekt auch von der persönlichen Bedeutung und Gewichtigkeit der Person im sozialen Gefüge. Das Buch »Das Interieur in der Malerei« widmet sich in liebevoller Ausgiebigkeit der Geschichte der Interieurmalerei. Die Bilder, die in dem opulenten Bildband versammelt sind, sind nicht neu. Der Betrachter kennt sie, hat die meisten bereits in anderem Zusammenhang gesehen. Dürer, Rembrandt, Vermeer, Longhi, Picasso und Hopper haben mit ihrer Interieurmalerei intime und zugleich intensive, einfallsreiche und dennoch Rätselhaftes behaltende Gemälde geschaffen. Die Bilder sind nicht neu – und dennoch führt die hier präsentierte Zusammenschau zu etwas Erstaunlichem: Der Betrachter sieht sie – allein durch die Klammer namens Interieur - mit anderen Augen. So überrascht manches bekannt geglaubte Gemälde aufs Neue. Dies gilt auch für vielleicht die Krone der Interieurmalerei, die holländische Genremalerei – und hier wiederum speziell die des Jan Vermeer. Seine Raum-Bilder haben in der Geschichte der Malerei ihren vordersten Platz auch durch die Komposition von Licht und Schatten. Die Lichtstrahlen zeigen dem Betrachter des Gemäldes den Raum. Sie dokumentieren plastisch das, was das menschliche Auge festhält. Leuchten ihn aus. Das Licht als Medium des Raumes wird präsent. Jeder Faltenwurf erzeugt Plastizität und Mehrdimensionalität. Vermeer arbeitete mit einer Eigenkonstruktion, einem Lichtkasten, durch den er den Lichteinfall in den Raum abstrakter beobachten konnte. So haben die holländischen Genremaler des 17. Jahrhunderts nicht zufällig die Photographie zwei Jahrhunderte vor ihrer Erfindung antizipiert. Der großformatige Bildband, der in einem Halbleinen-Schuber geliefert wird, ist optisch eine Augenweide. Das Gewicht des Bandes zeugt von der Qualität von Papier und Bindung. Die herausragende Druckqualität vermag es, die Räumlichkeit und Plastizität der Gemälde annähernd wiederzugeben. Verstärkt wird der überaus positive Gesamteindruck durch den Text. Der Wiener Kunsthistoriker Karl Schütz beleuchtet die Stellung der Interieurmalerei in der jeweiligen Epoche der Malerei. Selbst Fachkundige erfahren neue Details, erhalten vielerlei ungeahnte Sichtweisen auf das, was der Künstler darstellen wollte, was er verschwiegen hat und welche Intimität er dem Betrachter gewährt. Da der Bildband die erste umfassende, wissenschaftlichem Anspruch genügende Publikation zur Interieurmalerei ist, ist er eine Bereicherung für jede Bibliothek – ob privat oder institutionell. PS. Begleitet wird das Buch von einer Ausstellung mit dem Titel »Raum im Bild. Interieurmalerei 1500 - 1900« noch bis zum 16. Juli 2009 im Kunsthistorischen Museum Wien.

Die eigenen Räume, die als Wohnung bezeichnete Behausung, Aufenthaltsort, Intim- und Privatsphäre, Sammlungsstätte zur geistigen Findung – oder für viele heutzutage einfach nur der einzige Ort, wo sie abschalten können. »Abhängen« oder »abchillen» nennen das die jungen Leute. Und das geht letztlich nur zu Hause.

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Die Bedeutung und Funktion des individuellen Refugiums hat sich über die Jahrhunderte in ihrer Essenz nicht verändert. Die Wohnung ist der Spiegel des Menschen. Zeige mir Deine Bibliothek - und ich sage Dir, wer Du bist. Und tatsächlich lässt sich an dem, womit sich ein Mensch umgibt, viel über ihn erkennen. Umso sensibler und feingeistiger er ist, desto individueller wird das sein, was er um sich herum mag, duldet, zulässt. Es sind die ganz bestimmten, einzelnen Erinnerungsstücke von Reisen oder von wichtigen Personen.

Ein profundes Exempel für die Steigerung der eigenen Behausung ins Artistisch-Artifizielle gibt Joris-Karl Huysmans in seiner Bibel des Dandytums »Gegen den Strich«. Der Spätdandy, in idiosynkratischem Lebensschmerz verfangen, baut sich sein hoch-artifizielles und zugleich künstliches Paradies: »Er teilte seinen Salon in eine Reihe von Nischen, die alle verschieden ausgeschmückt waren und die miteinander vereinigt werden konnten. Es waltete hier eine tolle Übereinstimmung von freundlichen und düsteren, von zarten und krassen Farben. Dann ließ er sich in einer dieser Nischen nieder, deren Dekoration ihm am besten mit dem Charakter des Werkes, das er gerade las, zu harmonieren schien.«

Huysmans gibt uns in diesem einflussreichen Buch auch Beispiele für die Steigerung über das Gewöhnliche hinaus. Bei seinem Dandy-Protagonisten gehört zum Wohlfühlen das Bullauge an der Wand dazu. Jean ist geradezu manisch besessen in der Liebe zum Detail seines Interieurs: »Und endlich noch befand sich auf dem Kamine, dessen Bekleidung ebenfalls aus einem prachtvollen florentinischen Messgewand hergestellt war, zwischen zwei Monstranzen aus vergoldetem Kupfer byzantinischen Stils, die der alten Abtei Bois-de-Bievre entnommen waren, eine wunderbar schöne Messtafel mit drei getrennten Fächern von außerordentlicher Zartheit; unter dem Glas ihres Rahmens sah man ferner auf Pergament in entzückender Messbuchschrift kopiert und mit kostbarer Ausmalung versehen drei Werke von Baudelaire: zur Rechten und Linken Sonette mit dem Titel ‚Der Tod der Verliebten’, ‚Der Feind’ – und in der Mitte in Prosa: ‚Irgendwo außerhalb der Welt.’«

Seit dem 15. Jahrhundert dokumentieren Maler den Lebensraum, die individuellste Sphäre des Menschen. Die Maler erzählen von privaten Gewohnheiten, Vorlieben und damit indirekt auch von der persönlichen Bedeutung und Gewichtigkeit der Person im sozialen Gefüge. Das Buch »Das Interieur in der Malerei« widmet sich in liebevoller Ausgiebigkeit der Geschichte der Interieurmalerei. Die Bilder, die in dem opulenten Bildband versammelt sind, sind nicht neu. Der Betrachter kennt sie, hat die meisten bereits in anderem Zusammenhang gesehen. Dürer, Rembrandt, Vermeer, Longhi, Picasso und Hopper haben mit ihrer Interieurmalerei intime und zugleich intensive, einfallsreiche und dennoch Rätselhaftes behaltende Gemälde geschaffen. Die Bilder sind nicht neu – und dennoch führt die hier präsentierte Zusammenschau zu etwas Erstaunlichem: Der Betrachter sieht sie – allein durch die Klammer namens Interieur - mit anderen Augen. So überrascht manches bekannt geglaubte Gemälde aufs Neue.

Dies gilt auch für vielleicht die Krone der Interieurmalerei, die holländische Genremalerei – und hier wiederum speziell die des Jan Vermeer. Seine Raum-Bilder haben in der Geschichte der Malerei ihren vordersten Platz auch durch die Komposition von Licht und Schatten. Die Lichtstrahlen zeigen dem Betrachter des Gemäldes den Raum. Sie dokumentieren plastisch das, was das menschliche Auge festhält. Leuchten ihn aus. Das Licht als Medium des Raumes wird präsent. Jeder Faltenwurf erzeugt Plastizität und Mehrdimensionalität. Vermeer arbeitete mit einer Eigenkonstruktion, einem Lichtkasten, durch den er den Lichteinfall in den Raum abstrakter beobachten konnte. So haben die holländischen Genremaler des 17. Jahrhunderts nicht zufällig die Photographie zwei Jahrhunderte vor ihrer Erfindung antizipiert.

Der großformatige Bildband, der in einem Halbleinen-Schuber geliefert wird, ist optisch eine Augenweide. Das Gewicht des Bandes zeugt von der Qualität von Papier und Bindung. Die herausragende Druckqualität vermag es, die Räumlichkeit und Plastizität der Gemälde annähernd wiederzugeben. Verstärkt wird der überaus positive Gesamteindruck durch den Text. Der Wiener Kunsthistoriker Karl Schütz beleuchtet die Stellung der Interieurmalerei in der jeweiligen Epoche der Malerei. Selbst Fachkundige erfahren neue Details, erhalten vielerlei ungeahnte Sichtweisen auf das, was der Künstler darstellen wollte, was er verschwiegen hat und welche Intimität er dem Betrachter gewährt. Da der Bildband die erste umfassende, wissenschaftlichem Anspruch genügende Publikation zur Interieurmalerei ist, ist er eine Bereicherung für jede Bibliothek – ob privat oder institutionell.

PS. Begleitet wird das Buch von einer Ausstellung mit dem Titel »Raum im Bild. Interieurmalerei 1500 - 1900« noch bis zum 16. Juli 2009 im Kunsthistorischen Museum Wien.

geschrieben am 09.04.2009 | 744 Wörter | 4549 Zeichen

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