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Warum ein Mann gut angezogen sein soll


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Warum ein Mann gut angezogen sein soll Adolf Loos (1870 - 1933) war nicht nur ein herausragender Architekt, der die Moderne substanziell nach Österreich holte. Er las seinen Landsleuten auch die Leviten. In unzähligen Aufsätzen, unter anderen in der von ihm selbst gegründeten Zeitschrift »Das Andere«, erteilte er den Wienern Nachhilfe in Sachen Stil. Er schrieb über Herrenmode im allgemeinen, Unterwäsche, Hüte, Schuhe oder auch die richtige Frisur. Der kleine Wiener Metroverlag macht eine Reihe dieser kuriosen, spritzig-witzigen Aufsätze wieder zugänglich. »Warum ein Mann gut angezogen sein soll« nennt sich das so intelligente wie amüsante Bändchen. Passend sein Untertitel: »Enthüllendes über offenbar Verhüllendes«. Sie alle sind zwischen 1898 und 1933 zum ersten Mal erschienen. Loos war ein großartiger Dandy. Ironisch-spielerisch provoziert er die Gesellschaft mit seinen Hinweisen und Vorschlägen. Loos war ein Dandy, weil er mit all dem sein Vexierspiel trieb. Was meint er wirklich ernst?, werden sich die Wiener seiner Zeit gefragt haben. Und nicht jeder möchte gern permanent über alles Mögliche belehrt werden. Danach fragte Loos nicht. Er fühlte sich berufen. Er gehörte zur besseren Gesellschaft und distanzierte sich dennoch von ihr. Er brauchte das barocke Wien als Bühne und Spiegel. Er selbst, ein untadeliger Gentleman von nonchalanter Erscheinung, hatte unendliche Freude daran, seinen Mitmenschen ihren Mangel an Stil vorzuhalten und dann auch noch in der Fragerubrik seiner Zeitschrift nachzusetzen. Kostprobe. »Frage. Meine Vorträge. […] [I]ch rate nur demjenigen hineinzugehen, der das alles schon kann. Pädagogen und Mediziner sind als Zuhörer erwünscht. Kriegsgewinnern ohne Vorbildung für diese Gegenstände ist das Zuhören abzuraten. Aber ihre Kinder mögen sie zu mir schicken. Allerdings ist dann ihre elterliche Autorität für immer abgetan.« Über die Aufsätze von Adolf Loos besteht ein großes Missverständnis. Der Kultursoziologe Manfred Russo behauptet in dem Band »Leben mit Loos«, Loos’ Strategie des Dandys sei paradox. Denn Loos wolle, dass sich alle »wie die Aristokraten oder wie die Engländer kleiden«. Russo argumentiert, dass, wenn dies tatsächlich alle täten, gäbe es niemanden mehr, der herausstechen könnte. »Wenn alle zu Dandys werden, wenn alle die Peripherie zum Zentrum machen, so kann keiner mehr Dandy sein.« Die Motivation von Loos in seinem Spiel um Differenzierung bestünde in der Rolle des Propheten - »allerdings eines Propheten, der mit einer gewissen Schmerzlust zur Kenntnis nehmen muss, dass er im eigenen Lande nicht zählt, wie die resignativen Titel seiner Bücher« bewiesen. Loos war sich darüber bewusst, dass vielen die verfeinerte Wahrnehmung erspart bleibt. Der Dandyismus per se kann niemals zum Massenphänomen werden. Loos’ dandyistisches Spiel ist auch daran zu erkennen, dass ihm an der Provokation zuweilen mehr gelegen war als daran, die endgültige Wahrheit über Mode und Ästhetik zu verbreiten. So hat er sich manches Mal widersprochen. Einmal schreibt er, die Tracht sei »in einer bestimmten Form erstarrte Kleidung« (»Wäsche«, 1898). Wenn sie sich nicht mehr weiterentwickle, sei Kleidung ein Beleg dafür, dass ihr Träger es aufgegeben habe, sich zu verändern. In »Von der Sparsamkeit« (1924) schreibt er dagegen: »Ich verwerfe alle Neuerungssucht. Nur der konservative Mensch ist sparsam, und jeder Novateur ist ein Verschwender.« Wer hat wie Loos die Sitten der Völker so spielerisch auf den Arm genommen. Anhand des Schlipskaufs macht der Dandy-Architekt den Mentalitäts-Unterschied in wenigen Zeilen fest: »Der Engländer kauft eine Krawatte. Packen Sie mir eine um den und den Preis für diese und diese Gelegenheit ein. Der Deutsche kauft eine Krawatte. Das heißt, soweit sind wir noch nicht. Jeden Bekannten fragt er, wo er seine Krawatte gekauft hat. Tagelang treibt er sich auf der Gasse herum, von Schaufenster zu Schaufenster. Schließlich nimmt er noch einen Bekannten mit, der bei der Auswahl behilflich sein muß. Und hat dann glücklich für zwei Mark am Nationalgeldumsatz beigetragen.« Ein wunderbares kleines Büchlein; voller Humor, Ironie und spleeniger Unterhaltsamkeit. Einzig kritisch anzumerken ist, dass Quellenhinweise über die Erstveröffentlichungen der Aufsätze und eine Zeittafel zum Leben des Autoren hilfreich wären. Die Tiefgründigkeit des Kulturellen hebt die Loos’schen Ausführungen in all ihrer Launigkeit so wohltuend von der Spaßgesellschaft ab. Spaß für Dandys!

Adolf Loos (1870 - 1933) war nicht nur ein herausragender Architekt, der die Moderne substanziell nach Österreich holte. Er las seinen Landsleuten auch die Leviten. In unzähligen Aufsätzen, unter anderen in der von ihm selbst gegründeten Zeitschrift »Das Andere«, erteilte er den Wienern Nachhilfe in Sachen Stil. Er schrieb über Herrenmode im allgemeinen, Unterwäsche, Hüte, Schuhe oder auch die richtige Frisur. Der kleine Wiener Metroverlag macht eine Reihe dieser kuriosen, spritzig-witzigen Aufsätze wieder zugänglich. »Warum ein Mann gut angezogen sein soll« nennt sich das so intelligente wie amüsante Bändchen. Passend sein Untertitel: »Enthüllendes über offenbar Verhüllendes«. Sie alle sind zwischen 1898 und 1933 zum ersten Mal erschienen.

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Loos war ein großartiger Dandy. Ironisch-spielerisch provoziert er die Gesellschaft mit seinen Hinweisen und Vorschlägen. Loos war ein Dandy, weil er mit all dem sein Vexierspiel trieb. Was meint er wirklich ernst?, werden sich die Wiener seiner Zeit gefragt haben. Und nicht jeder möchte gern permanent über alles Mögliche belehrt werden. Danach fragte Loos nicht. Er fühlte sich berufen. Er gehörte zur besseren Gesellschaft und distanzierte sich dennoch von ihr. Er brauchte das barocke Wien als Bühne und Spiegel. Er selbst, ein untadeliger Gentleman von nonchalanter Erscheinung, hatte unendliche Freude daran, seinen Mitmenschen ihren Mangel an Stil vorzuhalten und dann auch noch in der Fragerubrik seiner Zeitschrift nachzusetzen. Kostprobe. »Frage. Meine Vorträge. […] [I]ch rate nur demjenigen hineinzugehen, der das alles schon kann. Pädagogen und Mediziner sind als Zuhörer erwünscht. Kriegsgewinnern ohne Vorbildung für diese Gegenstände ist das Zuhören abzuraten. Aber ihre Kinder mögen sie zu mir schicken. Allerdings ist dann ihre elterliche Autorität für immer abgetan.«

Über die Aufsätze von Adolf Loos besteht ein großes Missverständnis. Der Kultursoziologe Manfred Russo behauptet in dem Band »Leben mit Loos«, Loos’ Strategie des Dandys sei paradox. Denn Loos wolle, dass sich alle »wie die Aristokraten oder wie die Engländer kleiden«. Russo argumentiert, dass, wenn dies tatsächlich alle täten, gäbe es niemanden mehr, der herausstechen könnte. »Wenn alle zu Dandys werden, wenn alle die Peripherie zum Zentrum machen, so kann keiner mehr Dandy sein.« Die Motivation von Loos in seinem Spiel um Differenzierung bestünde in der Rolle des Propheten - »allerdings eines Propheten, der mit einer gewissen Schmerzlust zur Kenntnis nehmen muss, dass er im eigenen Lande nicht zählt, wie die resignativen Titel seiner Bücher« bewiesen. Loos war sich darüber bewusst, dass vielen die verfeinerte Wahrnehmung erspart bleibt. Der Dandyismus per se kann niemals zum Massenphänomen werden.

Loos’ dandyistisches Spiel ist auch daran zu erkennen, dass ihm an der Provokation zuweilen mehr gelegen war als daran, die endgültige Wahrheit über Mode und Ästhetik zu verbreiten. So hat er sich manches Mal widersprochen. Einmal schreibt er, die Tracht sei »in einer bestimmten Form erstarrte Kleidung« (»Wäsche«, 1898). Wenn sie sich nicht mehr weiterentwickle, sei Kleidung ein Beleg dafür, dass ihr Träger es aufgegeben habe, sich zu verändern. In »Von der Sparsamkeit« (1924) schreibt er dagegen: »Ich verwerfe alle Neuerungssucht. Nur der konservative Mensch ist sparsam, und jeder Novateur ist ein Verschwender.«

Wer hat wie Loos die Sitten der Völker so spielerisch auf den Arm genommen. Anhand des Schlipskaufs macht der Dandy-Architekt den Mentalitäts-Unterschied in wenigen Zeilen fest: »Der Engländer kauft eine Krawatte. Packen Sie mir eine um den und den Preis für diese und diese Gelegenheit ein.

Der Deutsche kauft eine Krawatte. Das heißt, soweit sind wir noch nicht. Jeden Bekannten fragt er, wo er seine Krawatte gekauft hat. Tagelang treibt er sich auf der Gasse herum, von Schaufenster zu Schaufenster. Schließlich nimmt er noch einen Bekannten mit, der bei der Auswahl behilflich sein muß. Und hat dann glücklich für zwei Mark am Nationalgeldumsatz beigetragen.«

Ein wunderbares kleines Büchlein; voller Humor, Ironie und spleeniger Unterhaltsamkeit. Einzig kritisch anzumerken ist, dass Quellenhinweise über die Erstveröffentlichungen der Aufsätze und eine Zeittafel zum Leben des Autoren hilfreich wären. Die Tiefgründigkeit des Kulturellen hebt die Loos’schen Ausführungen in all ihrer Launigkeit so wohltuend von der Spaßgesellschaft ab. Spaß für Dandys!

geschrieben am 24.12.2008 | 647 Wörter | 3785 Zeichen

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