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Eugène Delacroix: Spiegelungen - Tasso im Irrenhaus.


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Eugène Delacroix: Spiegelungen - Tasso im Irrenhaus. CHARLES BAUDELAIRE war ein Fan des Malers Eugène Delacroix. »Delacroix’ Einbildungskraft!«, jubelte der Pariser Bohèmien in seiner Kunstkritik und schrieb weiter: »Niemals hat Furcht diese angewandelt, die steile Höhe der Religion zu erklimmen; der Himmel gehört ihr, wie die Hölle, wie der Krieg, wie der Olymp, wie die Wollust. Er ist wahrhaft das Muster des Dichter-Malers! Er ist einer der seltenen Auserwählten, und die Weite seines Geistes umfasst die Religion als einen ihm zugehörigen Bereich. Seine glühende Phantasie gleicht einer Totenkapelle, lodernde Flammen, purpurne Inbrunst überall.« Man ahnt, Baudelaire sah in dem arbeitswütigen Delacroix (1798-1863), der der staunenden Nachwelt 850 Gemälde und über 8.000 Aquarelle und Handzeichnungen hinterließ, einen geistigen Weggefährten. Ein Jahr nach dem Tode von Delacroix schrieb Théophile Silvestre über den Verstorbenen, er sei ein »großer Arbeiter« gewesen. »Er stand gegen sieben Uhr früh auf und begab sich sogleich an die Arbeit bis gegen drei Uhr nachmittags, ohne die geringste Nahrung zu sich zu nehmen, um seinen Geist elastisch und leicht zu erhalten. Bisweilen, wenn ihn der Hunger trieb, kehrte er zu seiner ursprünglichen Gewohnheit zurück, hastig eine Kante Brot und zwei Schluck Wein zu sich zu nehmen. […] Man traf den Meister von Müdigkeit wie zerschlagen, das Gesicht von fahler Blässe überzogen, die Augen von angestrengter Aufmerksamkeit entzündet, die Nerven schmerzend, als ob er außer Atem der entfliehenden Zeit herstrebe. Das schwindende Tageslicht machte ihn traurig, und nur voller Resignation legte er die Palette aus der Hand.« Die schweizerische Sammlung Oskar Reinhart ‚Am Römerholz’ in Winterthur, eine Institution des Schweizer Bundesamtes für Kultur, veranstaltete bis Mitte Dezember 2008 eine wahrlich außergewöhnliche Ausstellung. Außergewöhnlich in Niveau und Zusammenstellung, außergewöhnlich in bezug auf den Blick auf das Besondere. Zeitlose. Initiiert wurde die Ausstellung zu Eugène Delacroix mit dem Titel »Spiegelungen – Tasso im Irrenhaus« durch die Sammlung, die der Winterthurer Kaufherr Oskar Reinhart (1885-1965) zusammentrug. Zu Beginn erwarb der junge Erbe Delacroix’ Gemälde »Tasso im Irrenhaus«. Um dieses Bild herum gruppierte er dann für ihn passende, ergänzende weitere Werke. ALLEN WAR EINES GEMEIN. Baudelaire war nicht zufällig von Delacroix begeistert. Der feinsinnige Reinhart teilte diese Begeisterung. Delacroix gilt heute als einer der modernsten Maler des 19. Jahrhunderts. Baudelaires Faszination ist ein weiterer Beleg dafür, dass der Autor der Fleurs du mal nicht reaktionär, sondern fortschrittsskeptisch im Sinne einer romantischen Trauer, einer tiefen seelischen Melancholie über das Vergangene war. Delacroix’ Genie lag in der Darstellung von seelischer Stille, vom kontemplativen Moment. So ist es sein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, das ihn mit seinem späteren Sammler Reinhart und dem dandyistischen Bewunderer Baudelaire verband. TASSO – DELACROIX – BAUDELAIRE – REINHART. Lässt sich diese Reihung aufmachen? Wer war Torquato Tasso? Der italienische Dichter wurde 1544 in Sorrent bei Neapel geboren und starb 1595 in Rom. Er nahm eine Stelle am Hofe von Urbino an, wo ästhetische und literarische Studien gepflegt wurden. Torquato Tasso wuchs auf in einer Atmosphäre von Bildung und Luxus, verbunden mit Kritizismus. Die Rolle als bewundertes und verwöhntes Genie sollte ihn ein Leben lang begleiten. 1565 begannen die wohl glücklichsten Jahre seines Lebens. Obwohl er noch jung war, war er bereits berühmt durch seine veröffentlichten Werke. Zudem sah er gut aus, war kultiviert und den Umgang am Hofe geübt. So wurde er am ersten Hofe Italiens zum umgarnten arbiter elegantiarum. Die Prinzessinnen Lucrezia und Leonora d’Este, beide unverheiratet und über zehn Jahre älter als Tasso, förderten ihn in jeder Hinsicht. 1570 reiste Tasso mit dem Kardinal nach Paris. Seine sehr offene Art zu sprechen und sein gewohnheitsmäßiger Mangel an Takt führten zu einer Streitigkeit mit dem Kardinal. Er wurde entlassen und kam später für über sieben Jahre in die Gefangenschaft eines Irrenhauses. Man schrieb ihm eine schwere Geisteskrankheit zu; auf jeden Fall ist er regelmäßig in einer Weise ausfallend geworden, dass Fürsten und Untertanen nicht wussten, wie sie mit ihm umgehen sollten. Liest man Tassos Aufzeichnungen aus dieser sehr produktiven zeit, so hat er sich als verkanntes Genie gesehen. Dies ist es vor allem, was Delacroix an Tasso fasziniert haben mag. Nach der ersten Zeit im Kerker stellte ihm der Herzog geräumige Zimmer zur Verfügung, ließ Besuch zu und ihn Briefe schreiben. Tasso selbst schien sich über seine jeweils plötzlich ausbrechende Geisteskrankheit bewusst gewesen zu sein. 1580 wurden Teile seines »Gerusalemme« ohne seine Erlaubnis und ohne seine Korrekturen veröffentlicht. 1585 überschütteten zwei Florentiner Kritiker den Text mit übelsten Beleidigungen. Tasso antwortete in nonchalanter Kultiviertheit, was die Bewunderung ihm gegenüber noch verstärkte. Tasso starb im Alter von 51 Jahren. Seine Geisteskrankheit hatte sich zusehends verschlimmert. Er war Zeit seines Lebens ein Getriebener, der häufig seinen Wohnort wechselte. Sein langsamer Niedergang währte 25 Jahre. BRUDER IM GEISTE. Delacroix war genauso getrieben, war von ähnlicher Genialität. Der Maler schrieb in seinem Tagebuch. »Ich fühle etwas in mir, was stärker ist als mein Körper, etwas was mir Kraft gibt. Es gibt Leute, die kaum von ihrem Inneren beeinflusst sind. Meine innere Energie ist stärker als die äußere. Ohne jene hätte ich keinen Lebensmut; doch sie wird mich verzehren«. Die Ausstellung wie das diese bewahrende Katalogbuch des Münchner Hirmer Verlages gruppieren sich um das genannte Gemälde »Tasso im Irrenhaus«. Hierin ging es Delacroix weniger um die Darstellung einer dramatischen Situation, als vielmehr um den Seelenzustand. Die dunklen, zurückgenommenen Farben schaffen einen fahlen, einen körperlosen Gesamtton. Die Perspektive lässt den Betrachter des Bildes vor seinem eigenen Voyeurismus erschaudern. Dennoch kann er von dem Bild nicht lassen, will er doch erfahren, was mit in dem Inhaftierten vorgeht. Nicht zuletzt die bedeutenden Beiträge des Komparatisten Norbert Miller und des Romanisten Karlheinz Stierle zeugen vom ungewöhnlich hohen Niveau dieses äußerst ansprechenden Bandes, der auch nach Ende der Ausstellung als künstlerisch-ästhetischer Geheimtipp gelten darf.

CHARLES BAUDELAIRE war ein Fan des Malers Eugène Delacroix. »Delacroix’ Einbildungskraft!«, jubelte der Pariser Bohèmien in seiner Kunstkritik und schrieb weiter: »Niemals hat Furcht diese angewandelt, die steile Höhe der Religion zu erklimmen; der Himmel gehört ihr, wie die Hölle, wie der Krieg, wie der Olymp, wie die Wollust. Er ist wahrhaft das Muster des Dichter-Malers! Er ist einer der seltenen Auserwählten, und die Weite seines Geistes umfasst die Religion als einen ihm zugehörigen Bereich. Seine glühende Phantasie gleicht einer Totenkapelle, lodernde Flammen, purpurne Inbrunst überall.« Man ahnt, Baudelaire sah in dem arbeitswütigen Delacroix (1798-1863), der der staunenden Nachwelt 850 Gemälde und über 8.000 Aquarelle und Handzeichnungen hinterließ, einen geistigen Weggefährten.

weitere Rezensionen von Matthias Pierre Lubinsky


Ein Jahr nach dem Tode von Delacroix schrieb Théophile Silvestre über den Verstorbenen, er sei ein »großer Arbeiter« gewesen. »Er stand gegen sieben Uhr früh auf und begab sich sogleich an die Arbeit bis gegen drei Uhr nachmittags, ohne die geringste Nahrung zu sich zu nehmen, um seinen Geist elastisch und leicht zu erhalten. Bisweilen, wenn ihn der Hunger trieb, kehrte er zu seiner ursprünglichen Gewohnheit zurück, hastig eine Kante Brot und zwei Schluck Wein zu sich zu nehmen. […] Man traf den Meister von Müdigkeit wie zerschlagen, das Gesicht von fahler Blässe überzogen, die Augen von angestrengter Aufmerksamkeit entzündet, die Nerven schmerzend, als ob er außer Atem der entfliehenden Zeit herstrebe. Das schwindende Tageslicht machte ihn traurig, und nur voller Resignation legte er die Palette aus der Hand.«

Die schweizerische Sammlung Oskar Reinhart ‚Am Römerholz’ in Winterthur, eine Institution des Schweizer Bundesamtes für Kultur, veranstaltete bis Mitte Dezember 2008 eine wahrlich außergewöhnliche Ausstellung. Außergewöhnlich in Niveau und Zusammenstellung, außergewöhnlich in bezug auf den Blick auf das Besondere. Zeitlose. Initiiert wurde die Ausstellung zu Eugène Delacroix mit dem Titel »Spiegelungen – Tasso im Irrenhaus« durch die Sammlung, die der Winterthurer Kaufherr Oskar Reinhart (1885-1965) zusammentrug. Zu Beginn erwarb der junge Erbe Delacroix’ Gemälde »Tasso im Irrenhaus«. Um dieses Bild herum gruppierte er dann für ihn passende, ergänzende weitere Werke.

ALLEN WAR EINES GEMEIN. Baudelaire war nicht zufällig von Delacroix begeistert. Der feinsinnige Reinhart teilte diese Begeisterung. Delacroix gilt heute als einer der modernsten Maler des 19. Jahrhunderts. Baudelaires Faszination ist ein weiterer Beleg dafür, dass der Autor der Fleurs du mal nicht reaktionär, sondern fortschrittsskeptisch im Sinne einer romantischen Trauer, einer tiefen seelischen Melancholie über das Vergangene war. Delacroix’ Genie lag in der Darstellung von seelischer Stille, vom kontemplativen Moment. So ist es sein außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, das ihn mit seinem späteren Sammler Reinhart und dem dandyistischen Bewunderer Baudelaire verband.

TASSO – DELACROIX – BAUDELAIRE – REINHART. Lässt sich diese Reihung aufmachen? Wer war Torquato Tasso? Der italienische Dichter wurde 1544 in Sorrent bei Neapel geboren und starb 1595 in Rom. Er nahm eine Stelle am Hofe von Urbino an, wo ästhetische und literarische Studien gepflegt wurden. Torquato Tasso wuchs auf in einer Atmosphäre von Bildung und Luxus, verbunden mit Kritizismus. Die Rolle als bewundertes und verwöhntes Genie sollte ihn ein Leben lang begleiten. 1565 begannen die wohl glücklichsten Jahre seines Lebens. Obwohl er noch jung war, war er bereits berühmt durch seine veröffentlichten Werke. Zudem sah er gut aus, war kultiviert und den Umgang am Hofe geübt. So wurde er am ersten Hofe Italiens zum umgarnten arbiter elegantiarum. Die Prinzessinnen Lucrezia und Leonora d’Este, beide unverheiratet und über zehn Jahre älter als Tasso, förderten ihn in jeder Hinsicht. 1570 reiste Tasso mit dem Kardinal nach Paris. Seine sehr offene Art zu sprechen und sein gewohnheitsmäßiger Mangel an Takt führten zu einer Streitigkeit mit dem Kardinal. Er wurde entlassen und kam später für über sieben Jahre in die Gefangenschaft eines Irrenhauses. Man schrieb ihm eine schwere Geisteskrankheit zu; auf jeden Fall ist er regelmäßig in einer Weise ausfallend geworden, dass Fürsten und Untertanen nicht wussten, wie sie mit ihm umgehen sollten. Liest man Tassos Aufzeichnungen aus dieser sehr produktiven zeit, so hat er sich als verkanntes Genie gesehen. Dies ist es vor allem, was Delacroix an Tasso fasziniert haben mag. Nach der ersten Zeit im Kerker stellte ihm der Herzog geräumige Zimmer zur Verfügung, ließ Besuch zu und ihn Briefe schreiben. Tasso selbst schien sich über seine jeweils plötzlich ausbrechende Geisteskrankheit bewusst gewesen zu sein. 1580 wurden Teile seines »Gerusalemme« ohne seine Erlaubnis und ohne seine Korrekturen veröffentlicht. 1585 überschütteten zwei Florentiner Kritiker den Text mit übelsten Beleidigungen. Tasso antwortete in nonchalanter Kultiviertheit, was die Bewunderung ihm gegenüber noch verstärkte. Tasso starb im Alter von 51 Jahren. Seine Geisteskrankheit hatte sich zusehends verschlimmert. Er war Zeit seines Lebens ein Getriebener, der häufig seinen Wohnort wechselte. Sein langsamer Niedergang währte 25 Jahre.

BRUDER IM GEISTE. Delacroix war genauso getrieben, war von ähnlicher Genialität. Der Maler schrieb in seinem Tagebuch. »Ich fühle etwas in mir, was stärker ist als mein Körper, etwas was mir Kraft gibt. Es gibt Leute, die kaum von ihrem Inneren beeinflusst sind. Meine innere Energie ist stärker als die äußere. Ohne jene hätte ich keinen Lebensmut; doch sie wird mich verzehren«.

Die Ausstellung wie das diese bewahrende Katalogbuch des Münchner Hirmer Verlages gruppieren sich um das genannte Gemälde »Tasso im Irrenhaus«. Hierin ging es Delacroix weniger um die Darstellung einer dramatischen Situation, als vielmehr um den Seelenzustand. Die dunklen, zurückgenommenen Farben schaffen einen fahlen, einen körperlosen Gesamtton. Die Perspektive lässt den Betrachter des Bildes vor seinem eigenen Voyeurismus erschaudern. Dennoch kann er von dem Bild nicht lassen, will er doch erfahren, was mit in dem Inhaftierten vorgeht.

Nicht zuletzt die bedeutenden Beiträge des Komparatisten Norbert Miller und des Romanisten Karlheinz Stierle zeugen vom ungewöhnlich hohen Niveau dieses äußerst ansprechenden Bandes, der auch nach Ende der Ausstellung als künstlerisch-ästhetischer Geheimtipp gelten darf.

geschrieben am 16.12.2008 | 933 Wörter | 5515 Zeichen

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