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Das Gesicht des Krieges


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Das Gesicht des Krieges Der Echterdinger (Württemberg) Kaufmann Armin Stäbler zieht 1914 mit seinem erst im August zusammengetrommelten 26. Reserve-Feldartillerieregiment in den Ersten Weltkrieg. Sein Hobby nimmt er mit an die Front, von der er am Anfang nicht wissen kann, wie sie aussieht, wie lange sie dauern wird. Auch kann er – wie alle anderen seiner kriegseuphorischen Generation – nicht im Entferntesten ahnen, wie grausam, massenmörderisch und sinnlos dieser Weltbrand sich entwickeln würde. Stäbler photographierte in schwäbischer Gründlichkeit quasi alles, was ihm vor das Objektiv kam. Anders gesehen: er photographierte all das, was mit zum Krieg gehörte und was späteren Generationen als bedeutsames, weil authentisches Zeugnis dieser Wahnsinnsepoche dient. So sieht man in dem berührenden Photoband »Das Gesicht des Krieges« die Einrichtung seines Zimmers in Nordfrankreich, in dem er gleich mehrere Jahre zu leben hatte. Vielleicht hat es sich gar nicht so sehr von seiner Wohnung zu Hause unterschieden. Auf dem kleinen Tisch liegt eine Decke, auf dem Kaminsims stehen schmale Bücher und allzuviel liegt nicht herum. Zeigen die früheren Aufnahmen noch eine geordnet vorrückende Truppe, so dokumentieren die späteren Photos Ausmaß und Gewalt der Vernichtung. Beide Seiten hatten die Wirkung der modernen Waffen völlig unterschätzt. Soweit man aus heutigem Wissen überhaupt von Kriegsplanung sprechen kann, so planten die Feinde ihre Kriegstaktik innerhalb der Maßstäbe des vorigen großen Krieges von 1871. Nun aber gab es Maschinengewehre, Granatwerfer und leistungsfähige Geschütze, die nie zuvor in tatsächlichen großflächigen Kampfhandlungen ausprobiert worden waren. Besonders erschütternd sind die Aufnahmen Stäblers von den Folgen der Somme-Schlacht. Die Schlacht an der Somme begann am 1. Juli 1916 im Rahmen einer britisch-französischen Großoffensive gegen die deutschen Stellungen. Nach viereinhalb Monaten wurde sie abgebrochen. Der Vorstoß hatte zwar militärisch praktisch nichts bewirkt; dafür wurden über eine 1 Million Soldaten getötet oder verwundet. Die Verantwortungslosigkeit der politischen und militärischen Führer ging in die Geschichte ein. Besonders erschütternd auch die Photos Stäblers nach der Operation Alberich. Um das Gebiet zwischen dem alten Frontverlauf und der zurückliegenden neuen sogenannten Siegfriedstellung für den Feind unbrauchbar zu machen, zerstörten deutsche Pioniere systematisch die gesamte Infrastruktur. Ernst Jünger beschrieb dies in den Stahlgewittern objektiv: »Die Dörfer, die wir auf dem Anmarsch durchschritten, hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompanien stießen und rissen Mauern um oder saßen auf den Dächern und zertrümmerten die Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen; rings stiegen von gewaltigen Schutthaufen Rauch- und Staubwolken auf. Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, umherrasen. Sie fanden mit zerstörerischem Scharfsinn die Hauptbalken der Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit taktmäßigem Geschrei so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg kam, vom Blumentopf vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion eines Wintergartens.« So brauchten sich die Deutschen über den tief verwurzelten Hass mancher Franzosen nicht zu wundern. Die Publikation der beeindruckenden historischen Photodokumente ist Frieder Riedel zu verdanken, der bei einem privaten Besuch auf das Photoalbum seines Großonkels stieß. Der Photoband ist wertvoll, weil der Fundus an Photos von den Fronten des ersten Weltkrieges äußerst begrenzt ist. Bei den meisten der vorhandenen, geschweige denn der bekannten Aufnahmen handelt es sich – verständlicherweise – um Propagandaphotos. Hier also der brutale, die Seele verändernde Krieg, das Unvorhergesehene in der eigenen Biographie aus der persönlichen Sicht eines Beteiligten. Der Wert der Photos liegt gerade darin, dass sie niemals veröffentlicht werden sollten.

Der Echterdinger (Württemberg) Kaufmann Armin Stäbler zieht 1914 mit seinem erst im August zusammengetrommelten 26. Reserve-Feldartillerieregiment in den Ersten Weltkrieg. Sein Hobby nimmt er mit an die Front, von der er am Anfang nicht wissen kann, wie sie aussieht, wie lange sie dauern wird. Auch kann er – wie alle anderen seiner kriegseuphorischen Generation – nicht im Entferntesten ahnen, wie grausam, massenmörderisch und sinnlos dieser Weltbrand sich entwickeln würde.

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Stäbler photographierte in schwäbischer Gründlichkeit quasi alles, was ihm vor das Objektiv kam. Anders gesehen: er photographierte all das, was mit zum Krieg gehörte und was späteren Generationen als bedeutsames, weil authentisches Zeugnis dieser Wahnsinnsepoche dient. So sieht man in dem berührenden Photoband »Das Gesicht des Krieges« die Einrichtung seines Zimmers in Nordfrankreich, in dem er gleich mehrere Jahre zu leben hatte. Vielleicht hat es sich gar nicht so sehr von seiner Wohnung zu Hause unterschieden. Auf dem kleinen Tisch liegt eine Decke, auf dem Kaminsims stehen schmale Bücher und allzuviel liegt nicht herum.

Zeigen die früheren Aufnahmen noch eine geordnet vorrückende Truppe, so dokumentieren die späteren Photos Ausmaß und Gewalt der Vernichtung. Beide Seiten hatten die Wirkung der modernen Waffen völlig unterschätzt. Soweit man aus heutigem Wissen überhaupt von Kriegsplanung sprechen kann, so planten die Feinde ihre Kriegstaktik innerhalb der Maßstäbe des vorigen großen Krieges von 1871. Nun aber gab es Maschinengewehre, Granatwerfer und leistungsfähige Geschütze, die nie zuvor in tatsächlichen großflächigen Kampfhandlungen ausprobiert worden waren.

Besonders erschütternd sind die Aufnahmen Stäblers von den Folgen der Somme-Schlacht. Die Schlacht an der Somme begann am 1. Juli 1916 im Rahmen einer britisch-französischen Großoffensive gegen die deutschen Stellungen. Nach viereinhalb Monaten wurde sie abgebrochen. Der Vorstoß hatte zwar militärisch praktisch nichts bewirkt; dafür wurden über eine 1 Million Soldaten getötet oder verwundet. Die Verantwortungslosigkeit der politischen und militärischen Führer ging in die Geschichte ein.

Besonders erschütternd auch die Photos Stäblers nach der Operation Alberich. Um das Gebiet zwischen dem alten Frontverlauf und der zurückliegenden neuen sogenannten Siegfriedstellung für den Feind unbrauchbar zu machen, zerstörten deutsche Pioniere systematisch die gesamte Infrastruktur. Ernst Jünger beschrieb dies in den Stahlgewittern objektiv: »Die Dörfer, die wir auf dem Anmarsch durchschritten, hatten das Aussehen großer Tollhäuser angenommen. Ganze Kompanien stießen und rissen Mauern um oder saßen auf den Dächern und zertrümmerten die Ziegel. Bäume wurden gefällt, Scheiben zerschlagen; rings stiegen von gewaltigen Schutthaufen Rauch- und Staubwolken auf. Man sah Leute in den von den Einwohnern zurückgelassenen Anzügen und Frauenkleidern, Zylinderhüte auf den Köpfen, umherrasen. Sie fanden mit zerstörerischem Scharfsinn die Hauptbalken der Häuser heraus, befestigten Seile daran und zogen mit taktmäßigem Geschrei so lange, bis alles zusammenprasselte. Andere schwangen gewaltige Hämmer und zerschmetterten damit, was ihnen in den Weg kam, vom Blumentopf vorm Fensterbrett bis zur kunstvollen Glaskonstruktion eines Wintergartens.« So brauchten sich die Deutschen über den tief verwurzelten Hass mancher Franzosen nicht zu wundern.

Die Publikation der beeindruckenden historischen Photodokumente ist Frieder Riedel zu verdanken, der bei einem privaten Besuch auf das Photoalbum seines Großonkels stieß. Der Photoband ist wertvoll, weil der Fundus an Photos von den Fronten des ersten Weltkrieges äußerst begrenzt ist. Bei den meisten der vorhandenen, geschweige denn der bekannten Aufnahmen handelt es sich – verständlicherweise – um Propagandaphotos. Hier also der brutale, die Seele verändernde Krieg, das Unvorhergesehene in der eigenen Biographie aus der persönlichen Sicht eines Beteiligten. Der Wert der Photos liegt gerade darin, dass sie niemals veröffentlicht werden sollten.

geschrieben am 15.04.2009 | 559 Wörter | 3581 Zeichen

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