
| ISBN | 3770542061 | |
| Autor | Martin Schulz | |
| Verlag | Fink | |
| Sprache | deutsch | |
| Seiten | 222 | |
| Erscheinungsjahr | 2009 | |
| Extras | - |

Eine Einführung – aber für wen eigentlich? Gleich vorweg: frisch gebackenen Erstsemestern sollte man diesen Band vermutlich besser nicht in die Hand drücken. Aber: so manchem Examinierten.

Dieses lesenswerte kleine Bändchen versucht sich auf wenig mehr als 200 Seiten an einer hoch komplexen, in den vergangenen zehn Jahren geradezu boomenden Querschnittsdisziplin: der Bildwissenschaft. Damit sind nicht nur Fächer angesprochen, die sich traditionell mit bewegten oder unbewegten Bildern befassen, wie etwa die Kunstgeschichte oder die Medienwissenschaften, sondern rundweg alle Disziplinen, die mit Bildern zu tun haben – oder, wie bei Schulz: zumindest die im weitesten Sinne kulturwissenschaftlichen. Die Naturwissenschaften, in denen selbstverständlich ebenfalls spezifische Zugänge zu Bildern zu diskutieren wären, werden hier kaum berührt – was nicht heißen soll, dass nicht auch der bildwissenschaftlich interessierte Mathematiker oder Mediziner dieses Buch nicht mit Gewinn lesen könnte. Im Gegenteil: deutlich ist die Schwerpunktsetzung in der Kunstgeschichte. Aber das scheint angesichts der bereits innerhalb dieser Brennlinse komprimierten Komplexität beileibe auch gut so.
Zu Anfang bietet der Verfasser einen breiten Überblick über kulturwissenschaftliche Ansätze des Umgangs mit Bildern, von Panofskys Ikonologie über Medienphilosophie a la McLuhan und Kulturanthropologen wie Clifford Geertz hin zu den jüngsten Protagonisten des pictorial turn. Das ist sehr gedrängt, scheint aber nur an ganz wenigen Stellen (etwa bei der Diskussion von Luhmanns Medientheorie) ungerechtfertigt verknappt. Man muss sicher eine gewisse Grundorientierung mitbringen, um die vielen angerissenen Konzepte in sinnhaftes Bild zu bringen – dann aber ist dies ein Kapitel, das mit viel Klarheit die unterschiedlichen bildtheoretischen Perspektiven aufzeigt und in Beziehung zueinander setzt.
Schulz’ Syntheseangebot der unterschiedlichen disziplinären Zugänge zum Phänomen „Bild“ schließt sich an die um die Jahrtausendwende von Hans Belting ausgearbeitete Bild-Anthropologie an, der mit dem überschaubaren Kategorienmodell von „Bild“, „Körper“ und „Medium“ sowie deren Beziehungen zueinander operiert. Aus diesem Karlsruher Umfeld stammt der Verfasser auch selbst. Diesen bildanthropologischen Ansatz arbeitet der Verfasser gründlich und gut verständlich anhand von Bildern ganz unterschiedlicher historischer, materieller und kontextueller Provenienz aus.
Zur Besprechung lag die 2009 erschienene zweite Auflage vor, die vor allem durch eine Reihe von (schwarz-weißen) Bildern ergänzt worden ist. Manche, wie etwa das Still aus der großartigen Stadtneurotiker-Szene mit Marshall McLuhan (S. 144) sind rein illustrativ und damit streng genommen überflüssig, die meisten aber werden im Text auch diskutiert und ergänzen damit sinnvoll die Darstellung. Neuere Literatur ist zwar zurückhaltend, aber offenbar durchgehend nachgepflegt worden. Die Bildwissenschaften sind eine junge Disziplin, die noch sehr im Fluss ist. Eine weitere Neubearbeitung wird also vermutlich in wenigen Jahren schon fällig werden. Und hoffentlich auch kommen. Das wäre diesem lesenswerten Buch sehr zu wünschen.
geschrieben am 08.01.2011 | 422 Wörter | 2821 Zeichen
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