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Il Duce: Das Leben nach dem Tod


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Il Duce: Das Leben nach dem Tod Der entstellte tote Körper Mussolinis hängt kopfüber vom Gitterdach einer Tankstelle am Piazzale Loreto in Mailand. Ein Bild, für das die Worte grausam oder bestialisch nicht weit genug gehen. Seine Augen sind leer; die Augenflüssigkeit ist längst herausgelaufen. Sein Gesicht ist gezeichnet von unzähligen Deformationen. Schädelbrüche, Kieferbrüche. Könnte ein menschlicher Körper mehr geschunden werden? Durch die bereits eingetretene Leichenstarre sind seine Hände nach innen gewölbt, was der Haltung der Leiche ein noch unterwürfigeres Antlitz verleiht. Die Geschichte schreibt den 29. April 1945. Die italienischen Partisanen, das italienische Volk rächt sich grausam an dem Mann, der es über 20 Jahre lang führte. Zum Teil mit ebendiesen Mitteln. In diesen Tagen, Wochen überstürzten sich die Ereignisse. Ein Blutrausch folgte dem nächsten. Erst zwei Tage zuvor hatten die Nazis die Leichen liquidierter Partisanen auf genau diesen Platz geworfen und wollten damit beweisen, ihr Spuk sei noch lange nicht vorbei. An jenem Tage versuchte Mussolini, in die Schweiz zu flüchten. Er wurde jedoch von kommunistischen Partisanen erkannt, und zusammen mit seiner Gefährtin Clara Petacci am 28. April 1945 nach einer sogenannten Gerichtsverhandlung standrechtlich erschossen. Der Eichborn Verlag hat nun dem sagenhaften Buch des Turiner Historikers Sergio Luzzatto über den Körper Mussolinis in der »Anderen Bibliothek« einen gebührenden Platz im Deutschen gegeben. Die Übersetzung von Michael von Killisch-Horn ist kongenial. Es ist ein unglaubliches Werk, ein Geschichtsbuch bei dessen Lektüre so manches Mal der Atem stockt. Es ist ein Buch über die Massaker des Faschismus über die es keine Bilder gibt. Und über die Massaker der Antifaschisten, die Sprache und Symbolik der Bilder zu inszenieren und zu nutzen wussten. Bevor die Partisanen wirkungsmächtig den Duce wie ein geschlachtetes Schwein ans Gitter hängten, hatten sie den Leichnam auf den Platz geworfen. Die letzte Tat der deutschen Besatzer sollte nicht ungesühnt bleiben. Auch in diesem historischen Moment spielten sich ungeheuerliche Szenen ab. Die Umstehenden misshandelten die toten Körper mit Fußtritten. Als konnten sie sich an der Leiche rächen. Einer ruft höhnisch: »Lass uns jetzt deine Rede hören, lass uns deine Rede hören!« Eine Frau schießt auf den Leichnam; durchsiebt ihn mit Kugeln. Es war nicht allzu lange her, da hatten die Italiener dem Diktator noch frenetisch zugejubelt. Vielleicht waren es dieselben. Luzzattos Schilderung ist quasi die der italienischen Geschichte von Mussolinis Machtantritt bis heute – aus der Perspektive des Körpers Mussolinis. Wie unendlich der Hass einiger gewesen sein muss, wird an einem Photo deutlich: Nach der Abnahme der Leiche vom Dach stehen drei uniformierte und bewaffnete Partisanen direkt am Sarg Mussolinis und lachen voller Verachtung und Genugtuung in das völlig entstellte Gesicht. Doch mit den Szenen unmittelbar nach der Tötung ist der Leidensweg der Leiche noch längst nicht beendet. »Selbst auf dem Seziertisch wird Mussolinis Körper noch von den Blicken von Personen verschlungen, die nichts mit dem Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Mailand zu tun haben«, schreibt Luzzatto. Der mit der Autopsie beauftragte Leichenbeschauer berichtete darüber, dass sich die Untersuchung schwierig gestaltete, weil ständig »Journalisten, Partisanen und Leute aus dem Volk in den Autopsiesaal stürmten.« Nachdem die Politik unter Zustimmung der Kirche den Leichnam anonym beisetzte, um eine Pilgerstätte für die noch zahlreichen Faschisten zu verhindern, kam ein junger ehemaliger Faschist auf die Idee, die Leiche Mussolinis zu entführen. In der Nacht vom 22. zum 23. April 1946 buddelte Domenico Leccisi mit zwei Mitstreitern den Leichnam wieder aus, packte ihn in eine Plane und nahm ihn mit. Seine Begründung: Er wollte den Italienern klar machen, sie sollten mit der Vergangenheit abschließen. Dazu muss man wissen, dass die Grabstelle alles andere als geheim war und häufig von Antifaschisten geschändet wurde. So kam es, dass Mussolinis Tod nicht daran hinderte, dass der tote Diktator noch einmal auf der Flucht war. Ganze 100 Tage dauerte es, bis die Polizei durch einen Hinweis die sterblichen Überreste in einem Franziskanerkloster fand. Daraus hatte die Regierung dann gelernt. Zwischen 1946 und 1957 blieb der Leichnam aus Gründen der Staatsräson versteckt. Auf Anordnung des Premierministers und in Absprache mit dem Mailänder Erzbischof brachte man die sterblichen Überreste in eine Kapelle des Kapuzinerklosters Cerro Maggiore in der Nähe von Mailand. Mussolini wurde 1957 in der Gruft seiner Familie in Predappio beigesetzt. In den letzten Kapiteln zeigt Luzzatto, dass der Leichnam Mussolinis auch in den folgenden Jahrzehnten ideologischer Kristallisationspunkt blieb. Und die Überführung zur Familiengruft war beileibe nicht die letzte Debatte, bei der es um Elementares ging und der Körper Mussolinis vorgeschoben wurde. Luzzattos feine und feinsinnige Zeitgeschichtsschreibung ist nicht zuletzt so lesenswert, weil er genügenden Abstand zu den italienischen Verhältnissen hat, in denen er lebt.

Der entstellte tote Körper Mussolinis hängt kopfüber vom Gitterdach einer Tankstelle am Piazzale Loreto in Mailand. Ein Bild, für das die Worte grausam oder bestialisch nicht weit genug gehen. Seine Augen sind leer; die Augenflüssigkeit ist längst herausgelaufen. Sein Gesicht ist gezeichnet von unzähligen Deformationen. Schädelbrüche, Kieferbrüche. Könnte ein menschlicher Körper mehr geschunden werden? Durch die bereits eingetretene Leichenstarre sind seine Hände nach innen gewölbt, was der Haltung der Leiche ein noch unterwürfigeres Antlitz verleiht.

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Die Geschichte schreibt den 29. April 1945. Die italienischen Partisanen, das italienische Volk rächt sich grausam an dem Mann, der es über 20 Jahre lang führte. Zum Teil mit ebendiesen Mitteln. In diesen Tagen, Wochen überstürzten sich die Ereignisse. Ein Blutrausch folgte dem nächsten. Erst zwei Tage zuvor hatten die Nazis die Leichen liquidierter Partisanen auf genau diesen Platz geworfen und wollten damit beweisen, ihr Spuk sei noch lange nicht vorbei. An jenem Tage versuchte Mussolini, in die Schweiz zu flüchten. Er wurde jedoch von kommunistischen Partisanen erkannt, und zusammen mit seiner Gefährtin Clara Petacci am 28. April 1945 nach einer sogenannten Gerichtsverhandlung standrechtlich erschossen.

Der Eichborn Verlag hat nun dem sagenhaften Buch des Turiner Historikers Sergio Luzzatto über den Körper Mussolinis in der »Anderen Bibliothek« einen gebührenden Platz im Deutschen gegeben. Die Übersetzung von Michael von Killisch-Horn ist kongenial. Es ist ein unglaubliches Werk, ein Geschichtsbuch bei dessen Lektüre so manches Mal der Atem stockt. Es ist ein Buch über die Massaker des Faschismus über die es keine Bilder gibt. Und über die Massaker der Antifaschisten, die Sprache und Symbolik der Bilder zu inszenieren und zu nutzen wussten.

Bevor die Partisanen wirkungsmächtig den Duce wie ein geschlachtetes Schwein ans Gitter hängten, hatten sie den Leichnam auf den Platz geworfen. Die letzte Tat der deutschen Besatzer sollte nicht ungesühnt bleiben. Auch in diesem historischen Moment spielten sich ungeheuerliche Szenen ab. Die Umstehenden misshandelten die toten Körper mit Fußtritten. Als konnten sie sich an der Leiche rächen. Einer ruft höhnisch: »Lass uns jetzt deine Rede hören, lass uns deine Rede hören!« Eine Frau schießt auf den Leichnam; durchsiebt ihn mit Kugeln. Es war nicht allzu lange her, da hatten die Italiener dem Diktator noch frenetisch zugejubelt. Vielleicht waren es dieselben.

Luzzattos Schilderung ist quasi die der italienischen Geschichte von Mussolinis Machtantritt bis heute – aus der Perspektive des Körpers Mussolinis. Wie unendlich der Hass einiger gewesen sein muss, wird an einem Photo deutlich: Nach der Abnahme der Leiche vom Dach stehen drei uniformierte und bewaffnete Partisanen direkt am Sarg Mussolinis und lachen voller Verachtung und Genugtuung in das völlig entstellte Gesicht. Doch mit den Szenen unmittelbar nach der Tötung ist der Leidensweg der Leiche noch längst nicht beendet. »Selbst auf dem Seziertisch wird Mussolinis Körper noch von den Blicken von Personen verschlungen, die nichts mit dem Gerichtsmedizinischen Institut der Universität Mailand zu tun haben«, schreibt Luzzatto. Der mit der Autopsie beauftragte Leichenbeschauer berichtete darüber, dass sich die Untersuchung schwierig gestaltete, weil ständig »Journalisten, Partisanen und Leute aus dem Volk in den Autopsiesaal stürmten.«

Nachdem die Politik unter Zustimmung der Kirche den Leichnam anonym beisetzte, um eine Pilgerstätte für die noch zahlreichen Faschisten zu verhindern, kam ein junger ehemaliger Faschist auf die Idee, die Leiche Mussolinis zu entführen. In der Nacht vom 22. zum 23. April 1946 buddelte Domenico Leccisi mit zwei Mitstreitern den Leichnam wieder aus, packte ihn in eine Plane und nahm ihn mit. Seine Begründung: Er wollte den Italienern klar machen, sie sollten mit der Vergangenheit abschließen. Dazu muss man wissen, dass die Grabstelle alles andere als geheim war und häufig von Antifaschisten geschändet wurde. So kam es, dass Mussolinis Tod nicht daran hinderte, dass der tote Diktator noch einmal auf der Flucht war. Ganze 100 Tage dauerte es, bis die Polizei durch einen Hinweis die sterblichen Überreste in einem Franziskanerkloster fand.

Daraus hatte die Regierung dann gelernt. Zwischen 1946 und 1957 blieb der Leichnam aus Gründen der Staatsräson versteckt. Auf Anordnung des Premierministers und in Absprache mit dem Mailänder Erzbischof brachte man die sterblichen Überreste in eine Kapelle des Kapuzinerklosters Cerro Maggiore in der Nähe von Mailand.

Mussolini wurde 1957 in der Gruft seiner Familie in Predappio beigesetzt. In den letzten Kapiteln zeigt Luzzatto, dass der Leichnam Mussolinis auch in den folgenden Jahrzehnten ideologischer Kristallisationspunkt blieb. Und die Überführung zur Familiengruft war beileibe nicht die letzte Debatte, bei der es um Elementares ging und der Körper Mussolinis vorgeschoben wurde.

Luzzattos feine und feinsinnige Zeitgeschichtsschreibung ist nicht zuletzt so lesenswert, weil er genügenden Abstand zu den italienischen Verhältnissen hat, in denen er lebt.

geschrieben am 23.10.2008 | 749 Wörter | 4477 Zeichen

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