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Rothko/ Giotto


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Rezension von

Matthias Pierre Lubinsky

Rothko/ Giotto Mark Rothko und Giotto in einer Ausstellung? Das soll funktionieren, dachten interessierte Kunstlaien bei der Ankündigung. Nun ist die Schau zuende, und wir können feststellen: Es hat funktioniert. Aber der Reihe nach. Mark Rothko stand hauptsächlich in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts an forderster Linie der Moderne. Seine großformatigen Farbflächen irritierten, provozierten, bildeten Fronten. Doch damit hatten sie selbst gar nichts zu tun. Die Bilder beanspruchen Raum. Mehr Raum, als es das Format umschreibt. Sie schließen den Betrachter ein, umschlingen ihn geradezu, öffnen sich ihm. Dabei sind die Gemälde selbst von ungeheurer Sensibilität. Eigentlich nackt. Ihr Ursprungsort, die Geburtsstätte ist das Atelier des Künstlers. Ihr Übergang, der Transport an einen anderen Ort eine Passage, die notwendig zur Veränderung führt. Der essentiell wichtige Ort für die Begegnung des Publikums ist das Museum. Rothkos Bilder entblößen sich nun in exhibitionistischer Manier. Zugleich fordern sie den Betrachter auf zu intimer, stiller, ja geradezu pietätvoller Anwesenheit. Giottos Tafel- und Wandmalerei ist 600 Jahre älter. Ausstellung und Katalog erläutern, wie Giotto die Malerei revolutionierte. Die heutigen Sehgewohnheiten sind in einem Ausmaß unterschieden von denen damaliger Menschen, dass wir uns kaum vorstellen können, was dies bedeutet. Den Malern in der Renaissance war eine räumliche Darstellung auf der Leinwand nicht bekannt. Giottos Bilder sind geradezu programmatisch in der Revolutionierung von Bilderzählung. Er stellt Plastizität und Räumlichkeit her. Durch Details wie Faltenwürfe erzeugt er Volumen. Gerhard Wolf schreibt in seinem äußerst aufschlussreichen Beitrag im Katalog: »’Giottos’ Fresken exponieren die Täuschung des Tastsinns für die Augen der Sehenden, in dem die Camouflage Isaaks durch die Streifung des Fells an Hand und Hals betont wird, gesteigert noch durch die Verhüllung der Hand Rebaccas darüber. In einer Zone höchster dramatischer Verdichtung hat die Hand des Künstlers malerische ‚tractility’ an Händen erprobt, zeigt sie nackt in ihrer Haut, in tierischem Fell und in Stoff gehüllt.« Rothko reiste mehrmals für längere Aufenthalte nach Italien. Hier studierte er seine alten Meister. Er hat dann direkt danach entstandene Bilder bewusst in Relation zu den Werken gesetzt, die er im Vatikan, in Rom und in Florenz gesehen hatte. Dennoch, argumentiert Stefan Weppelmann, seien seine Gemälde nicht unter unmittelbarem Einfluss des Gesehenen entstanden: »Die Italienreisen setzten Rothko aber in den Stand, die Legitimität des eigenen Verhaltens zu unterstreichen.« Mark Rothko selbst sagte: »It is Giotto’s color, however, that produced the great effect of tractility.« Aus dieser Wissensperspektive wird die Bedeutung von vergangener Ausstellung und dem diese dokumentierenden, bibliophilen Katalog deutlich: Die mutige, vielleicht sogar gewagte, Zusammenschau dieser beiden revolutionären Künstler veranschaulicht, wie jedes der beiden Werke seine Epoche radikal modernisierte. Zugleich werden die Bezüge Rothkos auf den Renaissance-Maler verständlich, ohne in Plakatives abzurutschen.

Mark Rothko und Giotto in einer Ausstellung? Das soll funktionieren, dachten interessierte Kunstlaien bei der Ankündigung. Nun ist die Schau zuende, und wir können feststellen: Es hat funktioniert. Aber der Reihe nach.

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Mark Rothko stand hauptsächlich in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts an forderster Linie der Moderne. Seine großformatigen Farbflächen irritierten, provozierten, bildeten Fronten. Doch damit hatten sie selbst gar nichts zu tun. Die Bilder beanspruchen Raum. Mehr Raum, als es das Format umschreibt. Sie schließen den Betrachter ein, umschlingen ihn geradezu, öffnen sich ihm. Dabei sind die Gemälde selbst von ungeheurer Sensibilität. Eigentlich nackt. Ihr Ursprungsort, die Geburtsstätte ist das Atelier des Künstlers. Ihr Übergang, der Transport an einen anderen Ort eine Passage, die notwendig zur Veränderung führt. Der essentiell wichtige Ort für die Begegnung des Publikums ist das Museum. Rothkos Bilder entblößen sich nun in exhibitionistischer Manier. Zugleich fordern sie den Betrachter auf zu intimer, stiller, ja geradezu pietätvoller Anwesenheit.

Giottos Tafel- und Wandmalerei ist 600 Jahre älter. Ausstellung und Katalog erläutern, wie Giotto die Malerei revolutionierte. Die heutigen Sehgewohnheiten sind in einem Ausmaß unterschieden von denen damaliger Menschen, dass wir uns kaum vorstellen können, was dies bedeutet. Den Malern in der Renaissance war eine räumliche Darstellung auf der Leinwand nicht bekannt. Giottos Bilder sind geradezu programmatisch in der Revolutionierung von Bilderzählung. Er stellt Plastizität und Räumlichkeit her. Durch Details wie Faltenwürfe erzeugt er Volumen. Gerhard Wolf schreibt in seinem äußerst aufschlussreichen Beitrag im Katalog: »’Giottos’ Fresken exponieren die Täuschung des Tastsinns für die Augen der Sehenden, in dem die Camouflage Isaaks durch die Streifung des Fells an Hand und Hals betont wird, gesteigert noch durch die Verhüllung der Hand Rebaccas darüber. In einer Zone höchster dramatischer Verdichtung hat die Hand des Künstlers malerische ‚tractility’ an Händen erprobt, zeigt sie nackt in ihrer Haut, in tierischem Fell und in Stoff gehüllt.«

Rothko reiste mehrmals für längere Aufenthalte nach Italien. Hier studierte er seine alten Meister. Er hat dann direkt danach entstandene Bilder bewusst in Relation zu den Werken gesetzt, die er im Vatikan, in Rom und in Florenz gesehen hatte. Dennoch, argumentiert Stefan Weppelmann, seien seine Gemälde nicht unter unmittelbarem Einfluss des Gesehenen entstanden: »Die Italienreisen setzten Rothko aber in den Stand, die Legitimität des eigenen Verhaltens zu unterstreichen.« Mark Rothko selbst sagte: »It is Giotto’s color, however, that produced the great effect of tractility.«

Aus dieser Wissensperspektive wird die Bedeutung von vergangener Ausstellung und dem diese dokumentierenden, bibliophilen Katalog deutlich: Die mutige, vielleicht sogar gewagte, Zusammenschau dieser beiden revolutionären Künstler veranschaulicht, wie jedes der beiden Werke seine Epoche radikal modernisierte. Zugleich werden die Bezüge Rothkos auf den Renaissance-Maler verständlich, ohne in Plakatives abzurutschen.

geschrieben am 22.05.2009 | 439 Wörter | 2712 Zeichen

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